Ich mache jetzt was mit Medien!

Lokaljournalismus Bei einer Journalistentagung feiern sich Medienmacher für ihre kritische Berichterstattung. Kompakter kann man ein Kernproblem des Lokaljournalismus nicht formulieren

Wer als Chefredakteur einer deutschen Lokalzeitung etwas Verrücktes ausprobieren möchte, der lässt seine Mitarbeiter kritisch über den Bürgermeister schreiben. Oder er schickt die Redakteurin mal nicht zur Eröffnung der Fotoausstellung im Altenheim, damit sie mehr Zeit in die Recherche über die ominös hohen Gehälter bei den Stadtwerken stecken kann.

Zu den Chefs, die so etwas wagen, gehören Sabine Schicketanz von den Potsdamer Neuesten Nachrichten und Benjamin Piel vom Mindener Tageblatt. Am vergangenen Wochenende waren beide Gäste der Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche. Einmal im Jahr lädt diese für zwei Tage auf das Gelände des NDR nach Hamburg ein, damit Journalisten mit ihresgleichen über ihre Branche ins Gespräch kommen. Schicketanz und Piel präsentierten in der Runde Generationswechsel — Junge ChefredakteurInnen im Lokaljournalismus ihre Ansätze.

Den Moderator gab Daniel Gräper, Stadtreporter der Frankfurter Neuen Presse. Nun könnte man meinen, dieser gestandene Lokalredakteur hätte den zwei jungen Wilden entgegengehalten, dass ein kritischer Umgang mit der Obrigkeit ebenso zu den Kernaufgaben des Journalismus gehört wie das Fokussieren auf das Wesentliche und damit Weglassen von Unwichtigem. In anderen Worten: Es ist der gottverdammte Job von Journalisten, genau das zu tun, und der erste Absatz dieses Textes wurde Ihnen von einer kleinen Portion Sarkasmus präsentiert. Wie kommt man darauf, Derartiges als bahnbrechende Neuigkeit zu verkünden? Das ist, als ginge Beyoncé an die Presse mit der News: Ich mache jetzt was mit Musik!

Aber nein. Gräper trieb vielmehr die Sorge um, was denn geschehe, wenn besagter Bürgermeister daraufhin nicht mehr mit der Zeitung redete? Dann mache man das zum Thema, lautete Piels Antwort. Bewunderndes Gemurmel im Saal.

Ganz recht: Hier saßen Journalisten zusammen, die es für außergewöhnlich hielten, Politiker nicht nur kritisch zu hinterfragen, sondern Missstände auch öffentlich zu machen. Kompakter kann man ein Kernproblem des Lokaljournalismus nicht formulieren.

Was Angela Merkel mit Viktor Orbán und Emmanuel Macron in Brüssel bespricht, ist für viele weit weg und sehr abstrakt. Im Lokalen kann man hingegen gut vermitteln, wie Politik und Demokratie, wie das Ringen um Kompromisse, wie Solidarität und Gemeinschaft funktionieren. Was die Aufgabe der Medien dabei ist – und was nicht.

Ein Beispiel dafür lieferte vor zwei Wochen die Braunschweiger Zeitung, die mit einer Sonderbeilage Volkswagen als größten Arbeitgeber der Region feierte. Wegen der Manipulationen an den Abgaswerten seiner Diesel-Autos steht der Konzern weltweit in der Kritik. Doch statt nachzubohren, verfassten die Redakteure 16 Seiten lobhudelndes Unternehmens-Porträt. Das Geld für die Beilage kam von VW.

Die BZ war auf ihr Produkt so stolz, dass sie es per Pressemitteilung als „Statement gegen Pauschalurteile im Abgas-Skandal“ bewarb. Hundertmal „Ich soll die örtliche Wirtschaft kritisch begleiten“ zu schreiben, wäre die bessere Reaktion gewesen.

Schließlich gibt es schon Leute, deren Aufgabe es ist, Unternehmen und Verwaltungen möglichst gut aussehen zu lassen: Sie heißen Pressestellen und machen PR. Journalismus ist hingegen das mit der Distanz, die der Demokratie gut tut. Eine alte Weisheit, dem Lokalen aber neu.

06:00 07.07.2018

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