Ich muss arbeiten

Kino „Der Boden unter den Füßen“ erzählt von einer Unternehmensberaterin, die allmählich die Kontrolle über ihre Existenz verliert

Wenn du mich nicht mitnimmst, bin ich tot!“ Conny (Pia Hierzegger) klammert sich von hinten an ihrer Schwester fest. Doch Lola (Valerie Pachner) macht dicht. Und obwohl man sie verstehen kann in dieser Situation, in der sie sich von ihrer schizophrenen und beileibe nicht einfachen älteren Schwester loseisen will, stößt einem die Kälte ihrer Reaktion dennoch auf: „Conny, ich muss arbeiten.“ Danach verlässt Lola die Psychiatrie, in die Conny nach einem Cocktail aus 120 Tabletten eingeliefert wurde, um genau das zu tun: zu arbeiten. Die Endzwanzigerin ist Unternehmensberaterin und pendelt zwischen ihrer Heimat Wien und Rostock. Sie ist eine Getriebene, die für ihre Arbeit und die Karriere auch 48-Stunden-Schichten abstottert, im Jargon stolz „48er“ genannt. Zwischen den Schichten nimmt der Leistungswahn kein Ende, da strampelt sich Lola auf dem Stepper im Fitnessraum des Hotels die Seele aus dem Leib.

Das Drama Der Boden unter den Füßen von Marie Kreutzer klingt erst einmal nach schnöder Zeitgeist-Kritik mit einer Klischeehauptfigur, die zudem an Maren Ades herrlich verschrobenes Meisterwerk Toni Erdmann denken lässt. Beide Filme erzählen von einer karrierefixierten Protagonistin und sind Kommentare zu den Folgen des Turbokapitalismus. Damit hat es sich dann aber auch schon mit den Parallelen, Kreutzers Film ist allenfalls im Geiste so etwas wie die düstere Schwester von Ades fluffig-komplexer Komödie. Die österreichische Regisseurin, die auch das Drehbuch geschrieben hat, entwirft vor der Fassade der kapitalistischen Leistungsgesellschaft das kühle Psychogramm einer Frau, die, wie der Titel schon andeutet, langsam den Halt verliert.

Die Welt, wie Kreutzer sie zeichnet, lässt an Steve McQueens verstörende Charakterstudie Shame (2011) denken: Hier wie dort ist sie ein Ort, in dem glatte, sterile Oberflächen zum Sinnbild werden für die Entfremdung. War es bei McQueen ein emotionsimpotenter Sexsüchtiger, ist es in Kreutzers Film eine ebenfalls süchtig wirkende Karrieristin. Mit langsamen Schwenks bewegt sich Leena Koppes Kamera durch die Büroräume von Lolas Agentur und fängt immer wieder glatte Glasoberflächen oder Fenster ein. Sie sind die Spiegel der professionellen kalten Schnauzen, mit denen Lola und ihre Kollegen sich bei der Umstrukturierung von Unternehmen austoben und dabei eigentlich nur die eigenen Vorteile im Sinn haben.

Es ist eine Stärke des Films, wie Kreutzer den fast schon zum Stereotyp gewordenen kapitalistischen Kosmos absteckt, ohne selbst in stereotype Muster zu verfallen. Die Figuren werden gerade so weit angerissen, dass sie geheimnisvoll bleiben, außerdem setzt die Regisseurin erzählerisch auf den Kontrapunkt: Anstatt den hektischen Alltag der Unternehmensberaterin mit Tempo und einer reißerischen Inszenierung darzustellen, erzählt sie mit einer Ruhe und Beiläufigkeit, was ihrem Film eine innere, hermetische Spannung verleiht.

Kranke Schwester

Wir werden Zeuge einer schleichenden Selbstzerstörung. Lola lebt im Temporären zwischen den spärlich eingerichteten eigenen vier Wänden in Wien, Flughäfen und den sterilen Hotelzimmern und Restaurants in Rostock. Körperliche Nähe findet sie nur bei Teamleiterin Elise (Mavie Hörbiger), zu der sie eine geheime Beziehung pflegt. Sie hetzt zwischen Teammeetings, Telefonkonferenzen und ihrer postsuizidalen Schwester hin und her und versucht, das Beste für Conny zu tun. Lola besucht sie in der Psychiatrie, besorgt ihr eine neue Wohnung und neues privates Pflegepersonal. Und doch steht der Job immer im Mittelpunkt, scheinen die beiden Schwestern sich nicht wirklich nahe.

Im Verlauf der Ereignisse baut Kreutzer schließlich noch stärker auf Irritationen: Lola erhält Anrufe ihrer Schwester aus der Psychiatrie, die diese, wie ihr die Stationsschwestern garantieren, nicht abgesetzt haben kann. Passiert das alles wirklich? Wird Lola etwa selbst verrückt? Kreutzer wird keine Antwort auf diese Frage geben, die sich schließlich auch auf Lolas Job auswirkt. Denn als Elise von der kranken Schwester erfährt, scheinen auch ihr Zweifel an der geistigen Gesundheit ihrer Geliebten und Untergebenen zu kommen.

Man kann Kreutzer vorwerfen, und das wurde an anderer Stelle auch getan, dass sie Versatzstücke des Psychothrillers nur der Suspense willen einsetzt und nicht weiter ausführt. Und sicher auch, dass die kranke Schwester in der Peripherie der Geschehnisse als Spiegel für Lola selbst herhalten muss. Andererseits passen gerade das Undefinierte und Unausgesprochene zum Thema. Denn sind nicht die Symptome und Krankheiten von Menschen im Hamsterrad der Leistungsgesellschaft auf ihre Art oft diffus? Also vorhanden in zerstörerischer Konsequenz, aber schwer greifbar?

Als zugespitztes Psychogramm jedenfalls ist Der Boden unter den Füßen eindrücklich. Mit Valerie Pachner hat Kreutzer überdies eine Hauptdarstellerin gefunden, die den voranschreitenden Kontrollverlust großartig spielt. Pachner changiert zwischen Teflon-Modus, Selbstzerstörung und Zerbrechlichkeit und lässt uns mit der nicht unsympathischen, aber in ihrer Obsession kaputten Frau mitfiebern. „Nur weil du Kreditkarten hast und mehr fliegst, bist du nicht mehr wert“, meckert Conny einmal ihre Schwester an. Ohne viel Tamtam macht Kreutzer ihre Lola zur personifizierten Entfremdung. „Ich bin Vollwaise, alleinstehend und kinderlos“, zieht sie am Ende angeschlagen Resümee, jedoch ohne sichtliche Konsequenzen für sich gezogen zu haben.

Info

Der Boden unter den Füßen Marie Kreutzer Österreich 2019, 108 Minuten

06:00 26.05.2019
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