Ich nehme mein Haus nicht mit

Werner Schroeter Der große Regisseur Werner Schroeter ist tot. Der "Freitag" brachte vergangenen Mai das folgende Gespräch über seine Art zu leben

Der Freitag: Herr Schroeter, wie stehen Sie zur Sesshaftigkeit?

Werner Schroeter:

Um es witzig auszudrücken: Ich fühle mich wie Richard Kimble auf der Flucht und schleppe immer diverse Taschen und Tüten mit mir herum. Diese Fluchttendenz weg von umschlossenen Orten hatte ich schon in jungen Jahren. Da ich es nicht ertrage, eingemauert zu sein, treffe ich Menschen lieber in öffentlichen Lokalen als in deren Wohnungen. Wenn man Unterwegssein nur noch als Flucht begreift, bekommt es etwas Düster-Melodramatisches, wenn nicht sogar Tragisches. Aber dieses Gehen, wohin man möchte, das ist weniger Flucht denn Suc­­he. Abgesehen davon fühle ich mich draußen einfach wohler.

Stimmt Sie Aufbruch immer positiv?

Auch in schwierigen Lebenssituationen, und davon gab es viele, ging es mir gut, sobald ich im Zug oder Flugzeug saß wegen der Bewegung, in der ich dann war. Dieses Im-Aufbruch-Leben hat etwas Angenehmes, weil es Distanz schafft.

Ihr Leben ist geprägt durch den Beruf, der Sie so, wie Sie ihn ausüben, unterwegs sein lässt. Außer in Düsseldorf, wo Sie Hausregisseur waren, sind Sie nie lange an einem Ort geblieben.

Dass ich in Düsseldorf neun Jahre geblieben bin, wo ich mehr Zeit im Theater als zuhause zubrachte, hing damit zusammen, dass mein junger Freund Marcelo Uriono aus Argentinien so etwas wie Heimat finden wollte. Darum haben wir uns dort niedergelassen. Nach seinem Tod wusste ich schon nicht mehr, warum. Lästig an der ständigen Wanderschaft ist, dass ich das, was ich als Arbeitsmaterialien brauche, eben Bücher, Partituren, Schallplatten, entweder neu kaufen oder mir in Bibliotheken beschaffen muss. Im Grunde muss ich meine private Bibliothek im Kopf haben, was nicht einfach ist. Aber mir fehlt nichts, wenn ich keinen festen Wohnsitz habe.

Unter welchen Umständen fanden Ihre ersten Reisen statt?

Da wurde ich dahin transportiert, wo ich hin sollte – wie es in Fami­lien üblich ist. Erste Reiseziele ­waren die Ostsee, Oberbayern und die Schweiz. Als ich das Ziel selber bestimmen durfte, reiste ich mit meinem zwei Jahre älteren Bruder im Alter von 18 Jahren – wohin wohl – natürlich nach Italien. Dort fühlte ich meine Freiheit.

Warum Italien?

Weil dieses Land für mich aufgrund der Musik und durch alles, was ich erlebt hatte, die größte Wärme ausstrahlte und das größte menschliche Spektrum bot. Ab- gesehen davon war ich stolz darauf, italienisch zu sprechen. Es ist schön, in einer anderen Sprache glaubhaft kommunizieren zu können. Hinzu kommt die unbestreitbare Attraktion. Wer wie ich in Bielefeld gelebt hat und in Heidelberg, was zugestanden eine schöne Stadt, aber von provinziellem Klima ist, der freut sich, plötzlich in Italien zu sein. Prompt verliebte ich mich.

Gibt es Autoren, die Ihre Vorstellungen vom Unterwegssein bedienen?

Eins der ersten Bücher, in denen ich mich gespiegelt fand, war

Für Sie ist diese ständige Fortbe­we­gung etwas ganz Natürliches. Ein Lebensweg, keine Flucht. ­Fliehen?

Gut, in unserer Gesellschaft muss man mitunter fliehen, um nicht zu ersticken. Damals sah es im Libanon noch anders aus als heute, die archaische Struktur im Hochland war noch vom Glauben an Ewigkeit geprägt. Wie es das Schicksal wollte, zogen dort gerade Beduinen vorbei, die ich sogleich engagierte. Ich schaute den großgewachsenen Männern dabei zu, wie sie sich verhielten. Ehe sie in ein Lokal einkehrten, ließen sie einer Frau den Vortritt. Sich wie eine Königin bewegend, griff sie zu einer der ledernen Wasserflaschen auf dem Tisch, um sich das Wasser daraus in Form eines Strahls in den Mund laufen zu lassen. Erst nach ihrer Vorkostung tranken auch die Männer.

Was bedeutet Abschied für Sie?

Ich musste mich mehrfach von Menschen verabschieden, die in einen anderen Raum entschwanden, nämlich in den Tod. Das sind manifeste Abschiede. Man nimmt unbewusst Abschied von dem anderen, den man nicht mehr wiedersehen will. Zudem gibt es noch den Abschied von Freunden, mit denen man eine wunderbare Zeit verbracht hat, aus Sachzwängen. Millionäre sind wir ja alle nicht, um vieles über den Haufen werfen zu können. Abschied ist aber generell ein schreckliches Gefühl. Trotzdem wäre es für mich verhängnisvoll, bliebe ich an einen Ort hängen.

Was meint Vergegenwärtigung und was Erinnerung?

Ich habe ein gutes Gedächtnis. Das heißt, ich kann vieles abrufen. Ich könnte jetzt aus Partituren Noten aufschreiben. Dieses positive Gedächtnis ist wie eine große Bibliothek in meinem Kopf und etwas anderes als Erinnerung. Es hat mit Präsentbleiben dessen zu tun, was ich irgendwann gehört oder gelesen habe. Die Erinnerung, die mit sentimentalischen, melodramatischen Ereignissen, also sinnlichen Situationen verknüpft ist, sitzt in mir drinnen wie ein Pfahl im Fleische. Das Aufgehen im Hier und Jetzt hilft mir aber über Belastendes hinweg.

Erleben Sie die Erinnerung an Unangenehmes als Verletzung?

Ich erlebe es als eine seelische Impotenz in mir. Mit anderen Worten: Da ich dazu tendiere, mir das Düstere am Schicksal anderer anzuziehen, als sei ich als Einziger dafür verantwortlich, ziehen in mir dunkle Wolken von Schuldgefühlen auf. Mit denen lässt es sich kaum leben, es sei denn mittels Klärung oder durch ein fast magisch mechanisches Abstoßen der Schuldgefühle, die die Gegenwart vergiften. Von jemandem zu hören, wie er existiert, das ermutigt einen auch. Wenn Sie jemandem etwas erzählen, der in einer Krise steckt, können Sie sich ihm so ausliefern, dass er Ihre eigene Verzweiflung spürt, die nicht dieselbe ist. So fühlt man sich vielleicht weniger alleine. In meiner Arbeit interessiert mich der Mensch, der da steht, viel mehr als seine Rolle. Ob Theater oder Film, das Ganze lebt von dem dazu gegebenen Leben.

Wie reisten Sie?

Das hatte sicher nichts mit LTU zu tun. Nach wie vor reise ich gerne im Zug, trotz aller Verspätungen. Das vermittelt eine Vorstellung von Raum, durch den man fährt, und von Zeit, die verstreicht. Zeit und Raum sind für mich identisch. Davon auszugehen, dass alle Zeiten gleichzeitig da sind, hat etwas Gemütliches. Deshalb liebe ich auch die Idee, man könne durch die Zeit via Zeitmaschine reisen. Da fühlt man sich von der Geschichte nicht ausgeschlossen, sondern ist Bestandteil eines Zeitraums.

Wie kann man sich den vorstellen?

Vergangenheit ist eine ununterbrochene Anhäufung von eingestandener oder uneingestandener Schuld. Die Gegenwart ist für viele Menschen ein hedonistisches Prinzip des Hier- und Daseins, des Wahrnehmens und des vitalen Lebens. Je älter man wird, desto mehr entpuppt sich die Zukunft als ein Wandel zum Tod hin. Je ungewisser der Weg in die Zukunft aber, umso kreativer der Mensch.

Nimmt die Selbstreflexion in Bewegung ab?

Unbedingt. Aber ich möchte anfügen, dass Bewegung für mich Arbeit ist. Dort versuche ich, Bewegung darzustellen und bin dann selbst Bewegung. Konkret gesagt, den intellektuellen Prozess werfe ich in der Arbeit ab. Ich erzwinge bei dieser Form des Reisens keinen Überbau. Ich nehme mein Haus nicht mit, um es anderswo aufzubauen. Mich völlig zu entleeren, ganz frei zu sein und alles in mir aufzunehmen, um es wieder geben zu können – das war seit je mein Aggregat.

Suchen Sie das Glück?

Nein, habe ich nie gemacht. Entweder kommt es von selbst oder gar nicht. Goldsucher sind in einem parodistischen Sinn Glückssucher. Mit Glück meine ich das heitere Gefühl, sich wohl zu fühlen. Auf einmal existiert man in einer anderen Aura und freut sich. Diese Freude manifestiert sich durch nichts Sachliches. Es ist, als wenn ein Strahl ins Herz trifft. Wenn ich nach etwas suche, dann nach Heiterkeit oder Fröhlichkeit, aber nie nach Glück. Das passt auch nicht zu meinen Arbeiten. Aber ich strebe eine Leichtigkeit an, und das nicht nur, wenn ich Tragödien inszeniere. Manchmal, wenn einen die Wirklichkeit überholt, fällt es schwer, kein Jammerlappen zu sein.

Kennen Sie trotz allem so etwas wie Zugehörigkeit zu einem Ort?

Da, wo ich am liebsten bin, und das ist erst einmal Mexiko-City und dann der Golf von Neapel. Mit Mexiko verbinde ich Großzügigkeit, Sinnlichkeit, Erotik, vor allem Menschen, die trotz der Zersplitterung ihrer Kultur zu etwas positiv Neuem zusammen geschmolzen sind. Als ich 1973 erstmals dorthin geflogen bin, um den Film

Die Gesellschaft, in der wir leben, ist von Sesshaftigkeit geprägt.

Wir leben in einer städtischen Kulturgesellschaft, wo die Behausung seit Jahrtausenden der wesentliche Punkt des Staates ist.

Solche Gesellschaften haben oft Probleme mit den Nicht-Domestizierbaren.

Wer auch immer sich anders manifestiert, ob Schwule oder Roma, muss mit seiner Diffamierung rechnen. Es zeigt sich interessanterweise, dass Künstler, kaum dass sie in einem Haus sitzen, dieses schnell wieder verlassen. Sie brechen auf zu neuen Ufern. „My home is my castle” ist ein widerlicher Ausspruch. Das klingt nach Festung, in der man drinnen hockt, damit keiner reinkommt. Für mich ist das Fremde, das dabei ausgesperrt wird, das eigentlich Schöne. Doch das Bestreben der meisten Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft zielt auf die Gestaltung eines kapitalen Lebens mit Haus und Hof, Frau und Kind. Im Grunde beinhaltet das eine Verdinglichung von Sehnsüchten sowie das Ende von Bewegung. Alles wird auf einen Endpunkt gebracht. Wichtig für mich ist aber seit je die Suche nach dem Unbekannten. Zum Glück lief es darauf hinaus, dass ich die Liebe suchte und nicht den Tod.

Apropos Ufer: Sie lieben das Meer mehr als das Gebirge.

Es gibt die Gebirgler und die Meeresmenschen, das hat nicht nur etwas mit den Elementen Luft und Wasser zu tun, sondern auch mit der ständigen Wellenbewegung und dem Licht, das sich ändert. Die Berge bleiben hingegen immer, wie sie sind.

Apropos Meer: Für Ernst Bloch ist es Metapher in seiner Utopie.

Daran erinnere ich mich nicht, weil ich von dem, was er am Ende seines Prinzip


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18:00 13.05.2009

Ausgabe 39/2020

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