Ich? Niemals!

Karriere Immer noch kommen zu wenige Frauen in Leitungspositionen – manchmal fehlt nur der Mut
Ich? Niemals!
An den Bankschaltern sitzen meist Frauen. Aber das Bild der Branche ist männlich konnotiert

Foto: Jemal Countess/Getty Images

Manchmal passiert es, dass ein Kunde, meist männlich, meist älter, die Quirin Privatbank in der Kölner Innenstadt betritt und Martina Patzek nach ihrem Chef fragt. Er habe einen Termin mit der Filialleitung, erklärt der Herr dann. Das bin ich, antwortet Patzek. Und es folgt ein kurzer Moment der Irritation. Eine Frau?

Seit zwei Jahren leitet Patzek, Ende 30, den Kölner Standort des Geldhauses. 13 Niederlassungen gibt es, aber nur zweien steht eine Chefin vor. Regelmäßig trifft sich Patzek mit den Leitern anderer Privatbanken in Köln, auch in dieser Runde ist sie die einzige Frau. Sie habe schon früh gewusst, dass sie Verantwortung tragen will, sagt sie. Mit 25 wurde sie Filialleiterin bei einer großen Bank in Düsseldorf, anschließend Direktorin fürs Privatkundengeschäft mit 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unter ihrer Führung. Man müsse selbstbewusst auftreten, dafür sorgen, dass die eigenen Leistungen bei der nächsthöheren Stelle auch wahrgenommen werden, meint sie. Gerade als Frau, gerade in dieser Branche. „Ich glaube, dass Frauen oft härter dafür kämpfen müssen, wenn sie etwas erreichen wollen.“

Das bestätigen die neuesten Zahlen: Frauen sind in Top-Positionen der deutschen Wirtschaft nach wie vor extrem rar, geht aus dem aktuellen Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor. Nur acht Prozent der Vorstände und Geschäftsführungen der 200 größten Unternehmen des Landes waren 2017 weiblich. An den wichtigsten Schaltstellen der deutschen Wirtschaft geht es kaum voran, der Frauenanteil stagniert. Die Studie zeigt aber auch: Eine Quote könnte helfen.

Im Fahrstuhl hoch: Männer

Für die Aufsichtsräte großer Firmen nämlich gilt – anders als für Vorstände – seit 2016 ein Gesetz, wonach frei werdende Posten nach und nach mit Frauen besetzt werden müssen, sodass ein Anteil von 30 Prozent erreicht wird. Halten Firmen sich nicht an die Vorgabe, hat der Stuhl im Aufsichtsrat leer zu bleiben. Der Druck scheint zu wirken: In den Kontrollgremien der unter die Quote fallenden Unternehmen steigt der Frauenanteil seither. 2017 lag er im Schnitt bei 30 Prozent, drei Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Auch in anderen europäischen Ländern führte die Quote dazu, dass mehr Frauen nach oben kommen.

Besonders ungünstig sind Perspektiven in der Branche, in der auch Martina Patzek tätig ist: dem Finanzsektor. Eine frühere DIW-Studie hat ergeben, dass in kaum einem Bereich die Aufstiegschancen für Frauen schlechter sind als bei Banken und Versicherungen. Aktuell sind laut Managerinnen-Barometer in den Vorständen der 100 größten Banken nur neun Prozent aller Posten mit Frauen besetzt, bei den 60 größten Versicherungen ging der Anteil sogar zurück. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil sich die Finanzbranche in den vergangenen Jahren zu einem Frauenmetier gewandelt hat. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten sind inzwischen weiblich. Mit mehr Frauen an der Spitze geht das offenbar nicht einher, im Gegenteil. Warum?

Eine erste Erklärung lautet: Weil die gesetzliche Quote nur für wenige Unternehmen der Finanzbranche gilt, fehlt der Druck, Frauen in hohe Posten nachrücken zu lassen. Tatsächlich ist der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der großen Banken mit 23 Prozent niedriger als in den anderen Konzernen. Eine wesentliche Hoffnung des Gesetzes hat sich bislang nicht in jedem Fall erfüllt: Für das eine Führungsgremium eine Quote vorzuschreiben, führt keineswegs dazu, dass Unternehmen auch in die übrigen Entscheidungszirkel mehr Frauen hineinholen. Die Ursachen für die wenigen Frauen in allen Führungsebenen der Finanzbranche müssen also tiefer gehen.

Dass ein hoher Frauenanteil in einem Job nicht zwangsläufig bedeutet, dass Frauen auch häufiger das Sagen haben – diese Beobachtung ist nicht neu. In den 90er Jahren stieß die US-Soziologin Christine L. Williams auf ein merkwürdiges Phänomen, als sie die Karriereläufe in typischen Frauenberufen analysierte. Sie stellte fest, dass die wenigen Männer in den Frauendomänen sich keineswegs als Exoten mit Karrierehemmnis erwiesen – wie es mitunter Frauen in Männerjobs ergeht. Im Gegenteil: Die Männer stiegen wie in einem „gläsernen Fahrstuhl“ schneller und selbstverständlicher in der Betriebshierarchie auf als ihre Kolleginnen. Frauen unterrichten in Grundschulen, der Rektor ist ein Mann. Frauen kümmern sich um Kranke, die Stationsleitung übernimmt der Pfleger. Frauen schneiden Haare, den Salon führt ein Herr.

Williams stellte in ihren Interviews fest, dass Männer in Frauenjobs oft das Gefühl hatten, von ihrem Umfeld schief angesehen zu werden – der rasche Aufstieg diente insofern auch der Korrektur des Selbstbildes. Man macht Karriere, um sich gegen die Umstände als Mann zu beweisen, umso energischer mitunter, je mehr man in seiner Arbeit von Frauen umgeben ist.

Auch wenn die Berater am Schalter oft Frauen sind – das Bild der Branche ist immer noch männlich konnotiert und begünstigt den Aufstieg von Männern. In Hollywood-Filmen wie The Wolf of Wall Street zelebrieren Herrenrunden ihren Erfolg und ihre Gier. Einer Befragung der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman aus dem Jahr 2016 zufolge verbinden viele Menschen mit einer Führungskraft der Finanzbranche Attribute wie Aggressivität, Ehrgeiz oder Dominanz. Eigenschaften, die selbstverständlich nicht zwangsläufig männlich sind, aber doch für männlich gehalten werden. Die Führungskultur der Branche ist weiterhin: ausgesprochen maskulin.

„Wollen Sie Kinder?“

Auch Martina Patzek hat solche Erfahrungen gemacht, als sie bei ihrem früheren Arbeitgeber als eine der wenigen weiblichen Direktorinnen mit den übrigen Leitern zusammensaß. Wenn eine Assistentin den Kaffee im Meeting serviert hatte, rissen die Herren in der Runde anschließend gern einen Witz darüber, dass die Kollegin sich mit ihrer Attraktivität doch bestens für den Job qualifiziere. Leute, es sind auch Frauen anwesend – mit solchen Sätzen hat Patzek versucht, die Machokultur im Führungszirkel zu durchbrechen.

Als ein Headhunter sie abwerben wollte, erkundigte er sich zunächst nach ihrer Familienplanung. Ist diese Frage überhaupt zulässig?, entgegnete Patzek forsch. Und gestand dann doch, dass sie erst einmal keine Kinder wolle. „Die Branche ist vielleicht konservativer als andere“, vermutet sie. „Es ist vieles in Bewegung, aber bestimmte Rollenbilder halten sich bei uns womöglich etwas länger als anderswo.“

Die vielen Frauen in den Banken und Versicherungen schrecken denn auch besonders oft vor einem Leitungsposten zurück, in Deutschland stärker als anderswo. Der Untersuchung der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman zufolge strebt hierzulande in der Finanzbranche nur rund ein Drittel der Frauen eine Führungsposition an. Im internationalen Vergleich sind es dagegen zwei Drittel.

Als Patzek zur Abteilungsleiterin befördert wurde, hat sie gezielt nach einer Frau als Stellvertreterin gesucht. Die Kollegin, die sie ansprach, war überrascht. Ich? Niemals. „Ich musste ihr lange gut zureden“, sagt Patzek. Am Ende erfolgreich: Patzek selbst wechselte die Bank, und ihre damalige Stellvertreterin steht inzwischen selbst vor dem nächsten Führungsjob. Sie soll Chefin fürs Wealth Management werden.

06:00 06.02.2018

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