Ich sage nur: 1,95583

Essen gehen Nirgends kriegst du´s billiger als hier - im Kundenrestaurant von Ikea

Neun Uhr: Der gläserne Türzylinder im Foyer von Ikea öffnet sich. Eine Menschenmenge drängt hindurch. Ihr Ziel ist weder die Möbelausstellung noch der Supermarkt, sondern das Kundenrestaurant. Sie hasten die Treppe hinauf, greifen nach den dreistöckigen Servierwagen, den Plastik-Tabletts und dem Besteck, so routiniert, als täten sie das jeden Morgen. Sie fädeln sich zielsicher in den Selbstbedienungsgang und schieben sich an den Vitrinen vorbei, greifen Lachs und Ei und Kuchen, schnell muss das gehen, denn die Schlange an der Kasse wächst und mit Warten wollen sie den Samstagmorgen nicht verbringen. Schon bilden sich Trauben um die Kaffeeautomaten. Kaffee - all you can drink.

"Lohnt sich nicht, zu Hause zu frühstücken", sagt Jürgen. Um seinen Körper schlabbert ein weißes T-Shirt. Blonder Bartflaum sprießt aus dem Kinn. "Lohnt sich nicht, einzukaufen. Vergammelt eh alles im Kühlschrank. So billig wie bei Ikea kriegst du es nirgends." Jürgen frühstückt jeden Samstag hier. Meist allein. Nach dem Frühstück liest er Stellenangebote und trinkt nebenher weiter Kaffee.

Heute begleitet ihn sein Freund Tom. Sie sitzen sich an einem schmalen Tisch gegenüber. "Wenn du den Strom für Geschirrspüler und Kaffeemaschine und das Wasser dazu rechnest, kommst du zu Hause auf jeden Fall teurer", sagt Tom. Jürgen nickt. "Da wäre auch noch die Klospülung", ergänzt Tom. Sie trinken den Kaffee tiefschwarz aus Henkeltassen. Dunkle Tröpfchenspuren kleben auf dem Porzellan. "Arbeitslosengeld II, seit sechs Wochen", sagt Jürgen. "Habe noch keinen Cent gesehen." Er lächelt und blickt, als wäre das seine Schuld. "Die kriegen das nicht auf die Reihe." Er zuckt mit den Schultern. "Weiß auch nicht."

Bis vor zwei Jahren hat er als Reisekaufmann in einem Call-Center gearbeitet. "Früher zahlten die Veranstalter Provisionen an die Reisebüros", sagt er. "Heute müssen die sehen, wo sie bleiben. Das reicht eben nicht für alle. Tja..." Er blickt, als müsste er sich diesmal für seine Kündigung entschuldigen. Auf dem linken Glas seiner randlosen Brille klebt ein Fingerabdruck. "Mit den Billigfliegern, das ist schon ok. Da kannste mal schnell irgendwohin. Kannst dir ja sonst kaum noch was leisten."

"So billig ist das gar nicht." Tom linst über den Brillenrand. "Ich sage nur: 1,95583." Er wartet, ob Jürgen mit der Zahl etwas anfangen kann. Jürgen grinst, denn Tom, der hat doch sicher einen Knaller auf Lager. Wie immer. "Der Umrechnungsfaktor Euro - DM. Die Leute rechnen immer 1:2. Das heißt, sie schlagen 2,25 Prozent drauf. Das ist mehr als die Inflationsrate. Hallo? Was heißt: gut rechnen können? Das ist ganz simpel", sagt Tom. "Kann jeder drauf kommen. Muss man nicht Tom heißen und IT studieren."

Tom schlägt ein Ei auf. "Dieses Land lebt nur noch von der Substanz. Und die wird nach und nach aufgezehrt. Aber wenn das Geld von Oma und Opa alle ist, dann ziehen die los und werfen Steine. Also für mich ist dieses Land schon untergegangen." Er wühlt in dem Ei. "Jetzt kommen auch noch die 90 Millionen Türken hier rein. Oder wie viele das sind. Ist ja egal. Wir sind mit den 17 Millionen Ossis schon nicht klar gekommen. Soli-Zuschlag. Aufbau-Hilfe Ost. Und jetzt auch noch die Türken. - Na, geht noch ein Kaffee?" "Klar." Jürgen nickt.

Es ist ein trister Tag. Regen sprüht gegen die Scheiben. Auf der Autobahn links des Kaufparks schleichen Laster aus dem Tal der trüb verhangenen Stadt. Hin und wieder drängelt ein kleines Auto von der Mittelspur durch die träge Reihe hinüber zur Abfahrt, auf den Kundenparkplatz. Fensterlose Einkaufsgiganten türmen sich im Viereck. Leuchtschriften und Werbebanner ziehen über die Fassaden. Es sind die immer gleichen Namen und Sprüche an der ersten Autobahnabfahrt hinter jeder x-beliebigen Stadt.

Am Fenster sitzt eine junge Frau. Sie zwirbelt das gelockte, rötliche Haar im Nacken zu einem Zopf. Sie schaut hinaus in den Regen. "Wie kommst du voran?" Die Mutter sitzt der Tochter zugewandt, die langen Beine unter den Tisch gestreckt. "Arbeitslos sein ist teuer. Die meisten Kosten verursacht das Auto", sagt die Tochter, ohne ihrer Mutter den Blick zuzuwenden. "Die Bewerbungen hier und dort. Letzten Dienstag die Tour nach München." Die Mutter nickt. Sie möchte nichts Unpassendes sagen.

Gedämpfte Geräusche. Kein Tellerwäscher, der mit einem Lappen in die Unterhaltung wedelt. Das Interieur verspricht diskrete Linderung. Das beleuchtete Foto eines schwedischen Wildbaches. Das Grün der künstlichen Pflanzen. Schillernde Zitrusfrüchte auf der Tapete.

Die alte Dame sitzt aufrecht am Tisch wie einst als Oberschülerin. Sie kommt immer samstags. "Wegen der Kinder", sagt sie. Sie blickt hinüber in die Spielecke. Sie amüsiert sich über ein Mädchen, das vor einem Zerrspiegel sein Kleidchen hebt. "Sehen sie die Dame dort drüben", flüstert sie. "Die frühstückt teuer. Dieser Kuchen kostet drei Euro." Sie wiederholt: "Drei Euro." "Sehen Sie, das alles bekomme ich für die Hälfte." Sie breitet die Hände vor ihrem Teller aus. Da liegen eine Lachs-, eine Käse- und eine Wurstscheibe, ein Salatblatt, ein Butterflöckchen und zwei Brötchen. "So schnell passiert es, dass man zuviel Geld ausgibt. Man muss immer auch das Kleingedruckte lesen." Sie lacht. Die Fältchen springen.

Dann holt sie aus der Handtasche das gesprenkelte Viertel einer Banane, wickelt es aus der Folie und legt es zu ihrem Frühstück. Nachher wird sie drüben im Kaufpark ihre Einkäufe erledigen und wieder nach Hause fahren. "Mir gefällt es hier. Ich treffe immer dieselben Leute. Jeden Samstag. Sehen Sie da drüben die Familie an dem langen Tisch. Die sind jedes Wochenende hier. Heute sind sie zu acht. Aber eigentlich sind es zehn."

Acht Personen, deren Leibesfülle sich an der Tafel verdichtet. Die schweren Rundrücken bilden einen geschlossenen Wall gegen alles, was von draußen gegen sie vorrückt. Unter einer Reihe milchweißer Lampen haben sie Vollkornbrote mit Rührei und Krabben, Marmeladenbrötchen und Kuchen gestapelt.

"Wo ist denn Krause", fragt der Mann am oberen Tischende und meint das fehlende Ehepaar. "Hatte Schicht", antwortet eine Frau zwei Plätze weiter und meint einen Teil des fehlenden Ehepaares. "Hat mich angerufen gestern. Gesagt, dass sie heute nicht kommen." "Schon wieder?" "Der nimmt jetzt jede Nachtschicht mit. Naja, der dicke Volvo muss bezahlt werden." Die Frau hebt kurz den Kopf und grinst. "Der spinnt doch, ´n Passat hätte es auch gemacht", meint ihr Gegenüber. Dann kehrt wieder Ruhe an der Tafel ein. Das pausbäckige Mädchen hebt den Sahneklecks von einer fluoreszierenden Götterspeise.

Essen hilft. Reden nicht. Essen tröstet. Es leitet das Unbehagen am Leben auf die Zunge ab. Süß. Die Kinderteller mit dem Froschgesicht. Pyramiden aus Keksrollen neben der Kasse. Körtebullar, Knäckebrot und schwedische Apfeltorte. Aus den Getränke-Düsen quellen unaufhörlich dicke, süße Flüssigkeiten. Cola und Kaffee - all you can drink.


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00:00 10.03.2006

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