Ich sehe keinen Anfang und kein Ende

IM GESPRÄCH Der Berliner Schriftsteller Ralf Rothmann über das Ruhrgebiet, die Schönheit und die Berliner Republik

FREITAG: Sie haben mit Ihrem Buch »Milch und Kohle« gerade den dritten Roman über eine Jugend im Ruhrgebiet veröffentlicht. Das Etikett »Für den Kohlenpott verantwortlicher Schriftsteller« werden Sie so schnell nicht los.

ROTHMANN: Ja, das scheint mein Dilemma zu sein. Die Sachen die ich schreibe, sind natürlich autobiographisch getönt. Letztlich glaube ich nicht, dass das Ruhrgebiet ein Ort ist, über den ich wirklich viel zu sagen hätte. Wenn mein Vater Weinbauer im Breisgau gewesen wäre, dann hätte mein neuestes Buch wahrscheinlich in Freiburg gespielt. Nach drei Romanen übers Ruhrgebiet müssen offenbar noch zwei andere über Berlin folgen, um den Makel loszuwerden.

Was macht die drei Romane »Stier«, »Wäldernacht« und »Milch und Kohle« zur Trilogie?

Zunächst natürlich der Ort und die Zeit. Thematisiert werden in diesen drei Romanen die späten sechziger, die frühen siebziger Jahre. Und immer kehrt eine erwachsene Person in den Raum der Kindheit, das Ruhrgebiet, zurück. Als Anfang der neunziger Jahre der Roman Stier herauskam, da war mir schon klar, dass das zumindest eine Trilogie werden würde. Denn Stier ist ja ein Entwicklungsroman, in dem die Geschichte eines Jugendlichen, eines Achtzehn-, Neunzehnjährigen, erzählt wird. Der versucht, in den siebziger Jahren, also zur Hippie-Zeit, aus den kleinbürgerlichen, engen Verhältnissen auszubrechen und das Weite zu suchen. Als ich anfing zu schreiben, wusste ich schon: das geht weiter. Alle Protagonisten - ob sie nun Kai Carlsen heißen, Jan Marré oder Simon Wess - sind im Grunde genommen ein und dieselbe Person für mich.

Alle drei erzählen aus einer Beobachterposition. Sie überleben ihre Freunde, die sich in keiner Normalität einrichten wollen und »lieber mit Karacho vor´n Baum fahren«.

Das entspricht ganz einfach meinem Naturell. Das Beiseitestehen und Beobachten ist meine Haltung schon seit der Kindheit.

Wenn Sie heute in die Gegend zwischen Oberhausen und Essen zurückkommen, erkennen Sie da diese Schrebergarten-Welt mit Sportplatz, Zeche und Pommes-Bude wieder?

Eigentlich kaum. Aber die ganze Struktur der Gegend ändert sich im Moment ja rapide. Aus einem proletarischen Gebiet wird jetzt ein riesiger Dienstleistungspark, wenn ich das richtig sehe. Das Ruhrgebiet, wie ich es beschreibe, ist sicherlich weg. Aber die Erfahrungen, die ich seinerzeit gemacht habe, werden andere Leute auf eine ganz bestimmte Art und Weise anders machen. Sicher, gerade die Arbeitswelt der sechziger und siebziger Jahre war ja arm an Tröstungen durch Konsum oder durch irgendwelchen Medienflitter. Es war eine Zeit, da gab es wenig Ablenkung von den Nöten, Ängsten, Sorgen. Man musste Konflikte aushalten. Deshalb waren die Erfahrungen, die ich innerhalb dieser Konflikte gemacht habe, vielleicht auch so verletzend. Ich konnte nicht weg-zappen in irgendwelche anderen Befindlichkeiten. Das musste ausgehalten werden und entsprechend tief hat es sich eingegraben.

Sie sind erst 1976 weggezappt.

Ja, es war natürlich wie Tag und Nacht, als ich 1976 nach Berlin kam. Da war West-Berlin, die buntscheckige schillernde Narreninsel ohne Polizeistunde. Eine geeignetere Plattform für so etwas wie einen Aufbruch im Leben eines Menschen konnte es wahrscheinlich nicht geben.

Seitdem leben Sie in Kreuzberg. Das betuliche Dasein im Schatten der Mauer ist vorbei. War früher alles besser?

Nein, gewiss nicht. Ich finde das auch jetzt faszinierend. Aber ich bin ein Mensch, der aus seinem Kreuzberg kaum rauskommt. Ich lebe hier mehr oder weniger wie auf dem Dorf, habe so meine Trampelpfade. Und wenn ich »draußen im Lande« bin, fragen mich Leute: Na das muss doch jetzt ganz toll sein in Berlin! Wie ist es denn da so? Da kann ich immer nur antworten, ja so genau weiß ich das gar nicht. Es ist schon so, dass ich hier gern leben will. Aber Berlin war, ist und bleibt für mich immer eine Stadt zum Abreisen und wieder Ankommen. Wenn man zu lange bleibt, bekommt man schnell eine Art Mauerkoller, auch wenn es die Mauer gar nicht mehr gibt.

Wie hat sich in Ihrer Wahrnehmung der Umbruch von 1989 abgespielt?

Wie ich die Wende erlebt habe, das ist symptomatisch für mich und mein Erleben von Welt und Wirklichkeit. In der Nacht, in der die Mauer geöffnet wurde, war ich auf einer Lesung in Westdeutschland und musste einen Nachtzug nach Berlin nehmen. Ich hatte tagelang nicht mehr ferngesehen und höchstens mal Radio gehört. Irgendwo bei Hannover hörte ich plötzlich die Rufe »Wir sind ein Volk, ein Vaterland!« oder so ähnlich. Und ich dachte, verdammt, sind die Nazis jetzt schon in Hannover. Morgens kam ich am Bahnhof Zoo an, setzte mich in ein Taxi und fragte den Fahrer, warum so viele Trabbis auf den Straßen sind. Und der meinte: Haben Sie das gar nicht mitgekriegt, die Mauer ist offen. Ach, sagte ich, das ist mir entgangen.

Ist Ihnen die sogenannte Berliner Republik ein sympathisches Gebilde?

Wenn es so etwas wirklich gibt, dann bin ich wohl ein apolitischer Mensch. Das interessiert mich sehr wenig. Mir fallen, wenn ich an diese »Berliner Republik« denke, immer so ein paar Schlagwörter ein: Tristesse, Geschmacklosigkeit, Inhaltslosigkeit. Aber das ist vielleicht zu polemisch. In erster Linie hat es mit einer veränderten Charaktertemperatur zu tun, die man wahrnimmt bei den Menschen hier in Berlin. Diese aus dem Boden gestampfte Hauptstadt hat natürlich was Synthetisches. Und das Synthetische äußert sich auch darin, wie die Menschen miteinander umgehen. Man trifft Charaktere, die alles, aber auch wirklich alles auf ihrem Computer können, und deswegen glauben sie, sie können auch alles im Leben. Das erzeugt eine Temperatur, ein Klima des Umgangs, bei dem sich mir immer die Nackenhaare sträuben.

Alle reden über wegrutschende Wirklichkeit und virtuelle Welten. Sie dagegen wollen Ihre Leser »ins Herz« zu treffen . Woher kommt die Sicherheit, mit der Sprache Ihre Erfahrungen authentisch fixieren zu können?

Ich habe da überhaupt keine Sicherheit, ich weiß es auch nicht. Im Laufe der Jahre macht man die Erfahrung, dass die Nöte, Ängste und Sorgen, die man in Sprache fasst und zu Papier bringt, offenbar auch die Ängste, Nöte und Sorgen anderer Menschen sind. Sonst hätte man ja keine Leser. Aber es ist letztlich so, dass ich einer inneren Notwendigkeit folge - ein Begriff, den ich gar nicht eindeutig definieren könnte. Man macht, was man machen muss. Sobald ich nicht über meine Erfahrungen schreibe, fange ich an, bodenlos und ziellos zu fabulieren. Dann verliert meine Sprache einfach ihre Schwerkraft, fängt an zu flattern und spricht auch keinen mehr an. Man muss das Gefühl haben, dass man das, was man da tut, auch wirklich tun will und auch mit Freude tut. Und natürlich hat man eine Vision hat von dem, was man macht. Nicht nur davon, wie es werden soll, sondern auch davon, wie es möglicherweise wirken soll. Man will ja - pathetisch gesagt - die Welt verändern. Das ist ein ganz unpopulärer Ausdruck, aber man will die Welt besser machen. Um ein gutes Buch oder ein gutes Gedicht. Ich glaube, diese Naivität, die muss man auch mitbringen, sonst fehlt der Rückenwind.

An welchem Punkt wurde bei Ihnen aus dem Lesen ein Schreiben?

Das war bei mir die Erfahrung mit der Lektüre Hermann Hesses. Als ich Anfang der siebziger Jahre zu lesen begann, war der ein Kultautor. Ich geriet in eine Studentenszene in Essen und wurde darauf hingewiesen, dass ich den unbedingt lesen sollte. Da hatte ich natürlich schon heimlich geschrieben und machte plötzlich eine Erfahrung mit der Literatur, die Karl Krauss mal ungefähr so beschrieben hat: Bei der Lektüre eines Autors, der mich anrührt, die Frage: Woher weiss der das von mir. Diese Erfahrung hatte ich bei der Lektüre von Hermann Hesse. Und zugleich diesen ganz naiven Impuls: Das wäre mein Glück, das möchte ich auf meine Art und Weise auch machen.

Aber das Schreibhandwerk muss man trotzdem erlernen.

Berlin war auch deshalb faszinierend für mich, weil ich hier zum ersten Mal Schriftsteller kennenlernte. Das war im Ruhrgebiet ja nicht der Fall. Ich hatte keinerlei Kontakt zu schreibenden Menschen, obwohl ich immer für die Schublade geschrieben habe und mich auch nach diesem Kontakt sehnte. Aber der einzige Kontakt, der möglich gewesen wäre, wäre der zu Literaten der Arbeitswelt gewesen. Aber ich wollte keine Literatur der Arbeitswelt machen, ich wollte mich auch nicht mit ihr beschäftigen. Ich wollte die Arbeitswelt ja überwinden, weil ich sie als eng, bedrückend und letztlich auch niederdrückend empfunden habe. In Berlin war es dann so, dass ich Schriftsteller kennenlernte, die mir unter die Arme griffen, die mich förderten und die mich bestärkten in meinem Wunsch zu schreiben. Ich hatte das Glück, zu dieser Zeit einen angesehenen Schriftsteller zum Freund zu haben. Der legte mir den Finger auf die Brust und sagte: Du musst schreiben. Und das ist ja für einen jungen Autor - und gerade für einen, der nicht aus dem akademischen Milieu kommt und von daher schon mit Selbstzweifeln belastet ist - etwas Unschätzbares. Dieser ältere Kollege hat dann meine Texte aus rein handwerklichen Gesichtspunkten betrachtet und seine Striche gemacht. Das war ein enormer Lernprozess, ein Glücksfall in meinem Leben.

Apropos Glück: »Der Sinn aller Lieder kann doch nur das Rühmen, der Lobgesang sein« verkündet eine ihrer Figuren. Worin liegt das Problem beim Schreiben von etwas »Schönem«?

Ja, das ist die Frage, die ich mir immer wieder stelle. Aber die Schwierigkeiten sind so individuell, dass man dazu im allgemeinen gar nichts sagen kann. In »Flieh, mein Freund« sagt Lolly: »Alles ist doch wunderbar. Ich würde nur über das Wunderbare schreiben.« Dann nennt er Dinge wie das Herz einer Hummel oder Milch. Und wie toll das aussieht, wenn die überkocht. Ich denke, Schreiben hat immer viel mit Eros zu tun, und da tun sich die Deutschen ja ohnehin schwer. Die Angst vor dem Schönen, vor dem zu Rühmenden, wurzelt natürlich auch in der Angst vor dem Kitsch. Wir setzen das ja immer mit Kitsch gleich. Keiner ist heutzutage in der Lage zu sagen, was Kunst sei, aber jeder will doch wissen, was Kitsch ist.

In Ihren Romanen schimmert immer eine Verbindung von diesem ästhetisch Schönen und einem religiösen Gefühl durch.

Das war auch eine frühkindliche Erfahrung. Ich bin ja brachial katholisch erzogen worden und war letztlich bis zur Pubertät inbrünstig katholisch. Schon in der katholischen Kirche mit all dem Gold und dem Glitter und Weihrauch-Pomp drängte sich bei mir die Ahnung auf, das Schöne und das Göttliche - irgendwie sind die eins. Das haben die Klassiker vorher wahrscheinlich ähnlich formuliert. Für mich gab es da immer eine klare Affinität. Wenn man wirklich gut schreibt, wenn man merkt, verdammt, das wird gut, dann ist das eigentlich dasselbe Gefühl als wenn man sagen würde, jetzt kommt Gott. Man spürt plötzlich, dass da etwas entsteht, an das man vorher mit keiner Silbe gedacht hat. Man fragt sich nicht mehr wieso und warum und was will das bedeuten. Man schreibt einfach und merkt: das wird gut. Das ist schon ein Moment religiöser Inbrunst. Das Schreiben ist ein Glück für mich, eine Glücksmöglichkeit. Wie übrigens das Lesen auch. Und deswegen werde ich nie aufhören zu lesen und nie aufhören zu schreiben.

Aber publizistisch haben Sie sich nie ins aktuelle Tagesgeschehen eingemischt.

Ja, wo soll ich mich denn überhaupt einmischen? Ich sehe keinen Anfang und kein Ende. Meiner Meinung nach ist Literatur in der Lage - gerade indem sie sich scheinbar nicht einmischt - Menschen, Welten zu verändern. Bücher haben mein eigenes Leben, meine seelische Befindlichkeit verändert. Insofern ist das doch ein Einmischen und ein weitaus tieferes und wirkungsvolleres, als wenn ich mich in tagespolitische Ringkämpfe verstricken würde. Es gehört ja auch eine gewisse publizistische Energie dazu, die ich möglicherweise nicht habe oder die ich gar nicht auf dieses Gebiet verwenden will. Ich habe für mich festgestellt, dass ich nur eine Sache machen kann. Wenn ich einen Roman schreibe, dann kann ich keine Kurzgeschichte, keinen Artikel und keine Rezension nebenher schreiben. Meine Kräfte sind begrenzt und ich möchte sie konzentrieren auf das, was mir wirklich wichtig ist, nämlich auf die Poesie.

Dennoch pfeift die alternative Szene in »Stier« auf die Apo, in »Milch und Kohle« sind die ambitionierten jungen Leute aus Berlin nur noch »linksgewendete Spießer«. Welche Erfahrungen führen zu solchen Urteilen?

Ganz verblüffende Erfahrungen. Die macht wahrscheinlich jeder, der in seiner Jugend hochfliegende Träume hatte und immer noch glaubt, dass er diesen Träumen nachhängt. Dann sieht er irgendwann, dass für seine Weggefährten diese Träume offenbar nur Lippenbekenntnisse waren. Und mittlerweile sind sie, wie das gerade sehr in Mode ist, Jungaktionäre.

Mit dem Geburtsjahr 1953 sind Sie »zu jung für die Apo, zu alt für den Punk«, wie ein Kollege mal geschrieben hat. Sind Sie in dieses Generationsloch gefallen?

Ja und nein. Als ich das bekam, was man damals politisches Bewußtsein nannte, da war es mit der Apo schon vorbei. Ich arbeitete dann in Anti-AKW- Bewegungen oder in Bürgerinitiativen, die gegen die West-Tangente in Berlin waren. Ich hab da auch mit langsam ergrauenden Alt-Achtundsechzigern zusammengesessen, die Melancholie und auch den Zynismus der Leute miterlebt. Auch Leute - alles Westler übrigens - wo sich dann kurioserweise herausstellte, dass sie zum Teil für die Stasi gearbeitet haben. Als die ersten Langhaarigen von den Polizisten an den Haaren über den Bildschirm gezogen wurden, da hab ich zu Hause auf den »Beat-Club« gewartet und mich darauf gefreut, abends in der Disco Mädchen zu treffen. Diese ganze achtundsechziger Zeit war mir einfach zu unerotisch, um es mal so zu sagen. Allerdings bedauerte ich seinerzeit sehr, dass ich für den Punk zu alt war. Denn das war der letzte große Affentanz der Epoche und das letzte große Aufmotzen. Aber da war ich schon fünfundzwanzig. Ich hätte mir nicht - ohne mir selbst lächerlich vorzukommen - die Haare zum Irokesenschnitt frisieren lassen und mir eine Sicherheitsnadel durch die Nasenflügel stechen können. Aber ich habe diese Revolte doch mit neidvollen Blicken verfolgt.

Worin unterscheiden sich junge Leute, die heute anfangen zu schreiben und zu veröffentlichen von Ihren eigenen Anfängen?

Vor kurzem war ich zu einem Schriftsteller-Seminar eingeladen. Diese jungen Autoren, die bereits ihre ersten Verlagsverträge in den Taschen hatten, wünschten sich den Autor Ralf Rothmann gewissermaßen als Abschlussveranstaltung. Man hatte offenbar in diesem Seminar eingehend über Konzepte und vor allem über Strategien gesprochen. Ich muss sagen, ich habe selten so oft unter Schriftstellern das Wort Strategie gehört. Es gab da die Bezeichnungen ästhetische Strategie, Publikationsstrategie, Schreibstrategie sowieso. Außerdem fiel mir auf, dass sie alle Agenten hatten. Sie waren einfach sehr marktorientiert. Mich hat das schon befremdet und ich wirkte auch befremdend auf diese jungen Leute. Als ich dann von so altertümlichen Sachen gesprochen habe wie Inspiration, Intuition und Poesie, merkte ich, wie die Stimmung immer frostiger wurde. Ich kam mir da vor wie ein lebender Anachronismus.

Fühlen Sie sich der Generation der »78er« zugehörig?

Ich habe noch nie mit irgendeiner Generationszugehörigkeit oder -zuweisung etwas anfangen können. Ich weiß nicht, wer meine Generation ist und wie meine Generation aussieht. Das sind alles Konstruktionen fürs Feuilleton, die mich nicht weiter interessieren.

Das Gespräch führte Steffen Richter

00:00 28.07.2000

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