Lena Gorelik
Ausgabe 4016 | 06.10.2016 | 06:00 27

Ich sitze im Zug nach Sachsen

Die Kosmopolitin Unsere Autorin fühlt sich auf dem Weg nach Sachsen nicht wohl. Das ist ein ziemlich neues und ein ziemlich unangenehmes Gefühl

Ich sitze im Zug nach Sachsen

In Döbeln ist der Rechtsruck kein Ruck, sondern längst ein Zustand

Foto: Imago/Hanke

Ich sitze im Zug, fahre nach Döbeln. Döbeln liegt in Sachsen, es hat Anschläge auf Unterkünfte für Flüchtlinge gegeben, und es fällt schwer, sich einen anderen Hintergrund vorzustellen als den Hass auf Fremde. Diesen allgemeinen und deshalb so abstoßend hässlichen Hass: den auf alles, was anders ist, und auf jeden. Und den Hass, den speziellen: den auf Muslime. Man spricht im Allgemeinen vom blinden Hass, aber der Hass ist vor allen Dingen taub: Er kann keine Zwischentöne hören. Er hört nur sich selbst. Schreien.

Ich sitze im Zug, fahre nach Döbeln. Döbeln liegt in Sachsen. In Sachsen wurden Johann Sebastian Bach, Karl May, Michael Ballack und Pegida geboren. Ich fahre nach Döbeln, wo ich aus meinem Buch Sie können aber gut Deutsch! lesen soll, ein Beitrag zu unserer un- wie wehleidigen Integrationsdebatte. Döbeln liegt in Sachsen, Sachsen liegt in Deutschland, und ich fühle mich auf dem Weg dorthin nicht wohl. Das ist ein ziemlich neues und ein ziemlich unangenehmes Gefühl.

Ich sitze im Zug nach Döbeln. Mir gegenüber sitzt ein Mann mit einer verspiegelten Sonnenbrille, einer schwarzen Lederaktentasche und einer Mineralwasserflasche vor sich, und in diesem Zusammenhang muss ich sagen: Asiatischer Herkunft ist der Mann. Und da ich schon dabei bin, die Menschen um mich herum zuzuordnen, so muss ich auch die Familie erwähnen, der ich gerade beim Umsteigen mit dem Kinderwagen half: Junge Eltern, zwei kleine Kinder, sie sprachen Arabisch. Diese Menschen fahren alle in den Osten, und ich weiß nicht, ob ich sie warnen soll: Sie sind dort nicht willkommen und nicht gewollt. Ich bin dort auch nicht gewollt, das hat mit meiner Muttersprache zu tun, die das Russische ist, und damit, dass ich stets noch auf Russisch zähle, und damit, dass ich nie aufhören will, auf Russisch zu zählen. Und ich wünschte, diese Ablehnung hätte weniger mit meiner Herkunft zu tun und mehr damit, dass ich auf Deutsch in klaren und akzentfreien Sätzen sage, was mir an Deutschland nicht gefällt, etwa diese barbarische, gedankenfreie Art, die um sich greift wie eine Mundgeruch verursachende Krankheit: fremd mit gefährlich zu verwechseln und anders mit böse.

Ich sitze im Zug nach Döbeln. Dann komme ich dort an. Der Rechtsruck, der hier vielleicht kein Ruck ist, sondern ein Zustand, ist sofort zu sehen: Plakate überall, AfD, NPD, und dazwischen sind Sätze an die Wände gepinselt, die ich noch nicht einmal abschreiben möchte. Der Verein, der zur Lesung geladen, hat, heißt Jugendbüro Diversity, und die, die eingeladen haben, und die, die zur Lesung kommen, sehen so aus, wie man sie sich vorstellt: Rastas, Chucks, Mädels mit kurz rasierten und Jungs mit langen Haaren, sie trinken Bier und Matetee, sie haben vor den Rechten da draußen keine Angst. Sie haben noch diesen Spaß, sie zu bekämpfen, weil Bekämpfen macht in manchen Lebensphasen an sich auch Spaß.

Auf einer Couch, die in dem Kulturzentrum im Flur steht, sitzen vier Geflüchtete, starren auf ihre Handys. Sie lachen miteinander, mir lächeln sie zu. Hier fühlen sie sich sicher, erklärt man mir, hier kommen sie hin, weil sie draußen angepöbelt werden. Nach der Lesung setze ich mich noch am selben Abend in den Zug nach Berlin, weil ich mich in Döbeln nicht wohlfühle, und ich weiß nicht, ob das einer provinziellen Trostlosigkeit, unbestimmten Ängsten, aufgemalten Parolen oder einer Tatsächlichkeit geschuldet ist. Es ist, als führe ich in ein anderes Deutschland. Auf die andere Seite irgendwie.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Null bis unendlich (Rowohlt 2015)

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 40/16.

Kommentare (27)

apatit 06.10.2016 | 08:54

“Es ist, als führe ich in ein anderes Deutschland. Auf die andere Seite irgendwie.“ Dieses Gefühl hab ich als OSSI auch … nur hat das wieder andere Ursachen …“Die DDR ist verschlungen worden.“ Stefan Heym und deshalb gehe ich aus Prinzip nicht zu vorgegeben Jubelfeiern … Die Familienministerin wirft Sachsens Ministerpräsident vor, rechte Tendenzen ignoriert zu haben. Im Osten sei Rechtsextremismus an manchen Orten verwurzelt, sagt Manuela Schwesig. Und da hat sie recht aber das ist nicht nur in Sachsen so. Sie sagt: “ "Wenn die Politik rechte Strömungen aber über Jahre laufen lässt, riskiert sie, dass sich die Bürger am Ende zurückziehen." … und dazu zählt auch die “Glanzleistung“ der Polizei! Siehe: Interview: „Wir brauchen eine soziale Wende“

svz.de-21.09.2016 mit Prof. Funke .. und noch was – unsere “Qualitätsmedien“ tun auch nicht nur gutes, wenn ich die zur Zeit manipulative Russophobie und die abgeleitete Ressentiments betrachte. “Darüber hinaus sei es falsch, die Protestwähler, die der AfD diesmal die Stimmen gegeben haben, als Rechtsradikale oder Rassisten abzustempeln. Wenn die Leute das Gefühl hätten, ihre Bedürfnisse würden dauerhaft nicht wahrgenommen, dann müsse sich das ändern. Sinkende oder stagnierende Löhne und Renten, die klaffende Lücke zwischen Arm und Reich, kein sozialer Wohnungsbau, zu wenig Lehrer, alles das habe schon vor der „Flüchtlingskrise“ zu Politikverdrossenheit geführt.“ ( Ex-Linken-Chef Oskar Lafontaine ) … da hat er recht.

Matthias Stark 06.10.2016 | 11:23

Als „Kosmopolitin“ sollten Sie wissen, dass es in der weiten Welt sehr viele Strömungen, Meinungen und politische Ansichten gibt. Warum ist es für im Westen sozialisierte Menschen manchmal so schwer, zu akzeptieren, dass es das Grundrecht der Meinungsfreiheit ist, welches auch extreme Einstellungen weitgehend deckt. Keine der genannten Parteien ist verboten. Sie werden also mit Plakaten dieser Organisationen vorerst leben müssen, auch wenn es Ihnen nicht gefällt.

Dummheit ist legal und kann nur durch vernünftige inhaltliche Auseinandersetzung und Dialog überwunden werden. Ihr Beitrag allerdings dient dem in keiner Weise, schürt er doch nur die üblichen Vorbehalte gegen „die Sachsen“ und „den Osten“ (die es beide als homogene Einheit ja nie gegeben hat), so als ob Rechtsextremismus östlich der Elbe erfunden worden wäre. Damit trägt Ihr Text dazu bei, den Riss in der Gesellschaft ein klein wenig größer zu machen.

Leider leben wir noch nicht in der „besten aller Welten“ und vielen Ostdeutschen ist das optimistische Lebensgefühl in den letzten Jahrzehnten abhandengekommen. Perspektivlosigkeit, Landflucht, steigende Armut, Kosten-Nutzen-Denken in allen Lebensbereichen und Demokratie, die den Menschen zum Kreuzchenmacher im Vierjahresabstand degradiert, all das sind Ursachen dafür, die die Menschen in die Fänge extremer Parteien treibt.

Die Spaltung der Gesellschaft wird von den Fremdenhassern ebenso geleistet, wie von denen, die glauben uns regieren zu können, dabei blind sind für soziale Ungerechtigkeiten und eigenes Versagen nicht zu erkennen vermögen.

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Ehemaliger Nutzer 06.10.2016 | 13:44

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Genau? Was sagt uns dieserArtikel?

Es gibt in Döbeln eine multikulturelle Nische.

Auf der Straße hängen (demokratisch^^legitimierte^^) Parteiplakate (die es zu DDR-Zeiten niemals gegeben hätte - war ja keine Demokartie in Döbeln, so wie JETZT) - die hängen auch in den Randbezirken von Berlin und die Autorin hätte gar nicht soweit fahren müssen, um dieses ungute Gefühl zu spüren.

Jedoch gibt es (für mich) in Berlin noch eine andere Art von ungutem Gefühl in der Innenstadt - nur ewige Baustellen, welche sich nach Bauende in NO-GO-Areals mit Boutiquen, Hotels und Restaurants verändert haben, welche wohl nur für internationale Millionäre gedacht sind (im Adlon kostet ein Luxus-Frühstück 399 Euro) und ein Pulli im Bikinihaus schon mal locker 700.

Es gibt viele Arten von "freiheitlichen" Spaltpilzen - auch der Drogenstrich am Bahnhof Zoo.

Doch die Autorin folgt lieber der medialen Leitkultur - und da ist Ossi-Bashing in allen Varianten gerade der Renner. Ich find dies nicht nur total langweilig und ausgekaut - auch sehrsehr einseitig - weil die Pointe schon am Anfang klar keine ist - nur die ewige Wiederholung im Hamsterrad zeigt.

Nix Investigatives und auch nichts historisch Erhellendes nach Merkels "Mulitikulti ist gescheitert".

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/integration-merkel-erklaert-multikulti-fuer-gescheitert-a-723532.html

Das Verbot der NPD jedoch auch und die Züge fahren in (demokratischen, kosmopolitischen, rassistischen) und allem möglichen Gleisen - ich habe auch keinen Bock auf einen Zug an Orte, die mein Unwohlsein befördern, welches ich dann nach öffentlich mache.

Wie wäre denn mal die Suche nach der "Ausweitung der Kampfzone Lebensfreude im menschlichen Kosmos"?

thomas 06.10.2016 | 18:26

Irgendwie ist mir da was entgangen. Riefen da nicht Hunderttausende von "Wirtschaftsflüchtlingen" bzw potentiellen solcher, auf den Straßen der DDR. kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht.... hab ich da was falsch verstanden? Da konnte ich keinen SU geben, weil die Turnhalle voll mit Wirtschaftsflüchtlingen aus der DDR war.Die sind verschlungen worden, aber ganz freiwillig, wie auch der Blick auf das Ergebnis der letzten Volkskammerwahl zeigt.Was soll also die Jammerei und Pöbelei im Osten?Ich habe seit der Einführung des Soli ´ne fünfstellige Summe für den Osten abgedrückt.Wenn ich sehe, wie sich Landschaft und Städte sich im Osten positiv verändert haben, reut mich kein Cent. Wenn ich aber diese Pöbeler sehe und höre, möchte ich jeden Cent zurückhaben.

thomas 06.10.2016 | 20:25

Ich weiß, dass der Ostarbeiter auch den Soli zahlt, nur viel ist es nicht, was da aus dem Osten kommt. Mir ist jedenfalls ein Kriegsflüchtling aus Syrien lieber als ein alles vergessender Pöbelsachse. Was ist an meiner Aussage den falsch, dass es mit einer Lüge gleichsetzen muss? Es ist der alte Nöhlstil aus dem Osten, der vielen von uns hier im Westen auf den Geist geht. Es ist die SED, deren Musik allerdings in Moskau geschrieben wurde, die Eure DDR runtergewirtschaftet, nicht der Kapitalismus. Damals schon hat der bundesdeutsche Finanzminister ordentlich für die DDR draufgezahlt. Man konnte pro Paket in die DDR 40 DM absetzten, da kommt bei 27 Millionen Paketen ne Menge zusammen. Von den Inhalten der Pakete nicht zu reden. Die dort verschickten Waren, über die man ja dank Stasi informiert war, flossen bspw. bei der Festsetzung der Kaffeeimporte eine Rolle. 1/4 des benötigten Bohnenkaffees kam vom Klassenfeind. Nebenbei flossen auch insgesamt 3;4 Milliarden Emmchen für Menschenverkauf in die Kassen der DDR. Einfach nur widerlich. Natürlich kamen auch diese Milliarden aus den Taschen von uns bundesdeutschen Steuerzahlern. Man sollte diesem Menschenhändlerregime nun wirklich keine Träne nachweinen.

thomas 06.10.2016 | 20:25

Ich weiß, dass der Ostarbeiter auch den Soli zahlt, nur viel ist es nicht, was da aus dem Osten kommt. Mir ist jedenfalls ein Kriegsflüchtling aus Syrien lieber als ein alles vergessender Pöbelsachse. Was ist an meiner Aussage den falsch, dass es mit einer Lüge gleichsetzen muss? Es ist der alte Nöhlstil aus dem Osten, der vielen von uns hier im Westen auf den Geist geht. Es ist die SED, deren Musik allerdings in Moskau geschrieben wurde, die Eure DDR runtergewirtschaftet, nicht der Kapitalismus. Damals schon hat der bundesdeutsche Finanzminister ordentlich für die DDR draufgezahlt. Man konnte pro Paket in die DDR 40 DM absetzten, da kommt bei 27 Millionen Paketen ne Menge zusammen. Von den Inhalten der Pakete nicht zu reden. Die dort verschickten Waren, über die man ja dank Stasi informiert war, flossen bspw. bei der Festsetzung der Kaffeeimporte eine Rolle. 1/4 des benötigten Bohnenkaffees kam vom Klassenfeind. Nebenbei flossen auch insgesamt 3;4 Milliarden Emmchen für Menschenverkauf in die Kassen der DDR. Einfach nur widerlich. Natürlich kamen auch diese Milliarden aus den Taschen von uns bundesdeutschen Steuerzahlern. Man sollte diesem Menschenhändlerregime nun wirklich keine Träne nachweinen.

Unterschichtenschwein 07.10.2016 | 00:39

In der Tat ist es traurig, wenn auch keine Sensation, dass Menschen sich wieder unwohl fühlen bzw. Angst haben müssen, nur weil sie nicht dem Bild des Durchschnittsdeutschen entsprechen. Das ist die eigentliche Schattenseite dieser neuen rohen Bürgerlichkeit, wie sie etwa jüngst bei der Einheitsfeier zu Tage trat, die vielleicht nicht immer dezidiert rassistisch ist, aber wie der islamische Terrorismus schon das Wohlfühl- und Sicherheitsgefühl vieler Menschen stark beschädigt. Zu der Ost-West Debatte ist noch hinzuzufügen, dass es neben den Billionen Soli-Zahlungen, die die ostdeutschen Städte in neuem Glanz erstrahlen lassen, es auch eine andere Geschichte zu erzählen gibt - nämlich die der Plünderung des DDR-Volksvermögens durch die westdeutsche Wirtschaft. Es ist also nicht allzu verwunderlich, dass das Misstrauen gegen Politik und Institutionen, auch „unabhängig“ der Geschichte vor 89, in der ehemaligen DDR grundsätzlich größer ist als im Westen.

zelotti 07.10.2016 | 10:06

Gefühl ist keine politische Kategorie und kann nicht debattiert, kann nicht widerlegt werden. Wenn sich Menschen im Beisein von Schwarzen z.B. "unwohl" fühlen, kann man dagegen wohl auch nichts sagen, weil wir für unsere persönlichen Gefühle ja nicht verantwortlich sind. Aber wir können keine politischen Schlüsse daraus ziehen, die zur Diskriminierung dieser Gruppen führen. Und genau das Gleiche ist das Manko von deinem Zusammenschrieb.

Hans Müller 07.10.2016 | 10:08

Sehr geehrte Frau Gorelik, ich kann es Ihnen nachfühlen, dass es nicht einfach ist, in eine Gegend zu fahren, wo man als Minderheit Gefahr läuft Gewalt ausgesetzt zu werden. Ich war selbst Tourist in Gegenden, in denen das auswärtige Amt Warnungen ausgegeben hatte und die Reiseführer "lebensverlängernde" Verhaltensregeln anrieten. Meistens war man vor Ort mit ganz anderen Situatuionen konfrontiert und die irrationale Angst verschwand, so schnell wie man sie sich angelesen hatte. Es waren nur Vorurteile. Vorurteile können schützen. Wenn man zB weiß, dass man zu bestimmten Urzeiten nicht an bestimmte Orte gehen soll. Aber sie können auch spalten, vor allem wenn eine kleine Gruppe von Verrückten mit einer ganzen Volksgruppe geleichsetzt wird. Einzelne Menschen sind nie so, wie ihre Stereotype es nahe legen. Frau Gorelik, die Angst die sie hier beschreiben ist nichts anderes, als das was die Sachsen, bei Pegida und Co. bewegt. Es sind Vorurteile gegenüber einer Gruppe! Lassen sie sich doch man überraschen. Sie sind doch Kosmopolit. Oder würden sie wollen, dass man die Russen mit Herrn Putin gleichsetzt? Mit freundlichen Grüßen H. Müller

Jan Chudak 07.10.2016 | 10:15

Da schreiben Sie also: Ich sitze im Zug, fahre nach Döbeln. Döbeln liegt in Sachsen, es hat Anschläge auf Unterkünfte für Flüchtlinge gegeben, und es fällt schwer, sich einen anderen Hintergrund vorzustellen als den Hass auf Fremde.-Richtig, Sie könnten auch nach Bautzen, Hoyerswerda, nach Heidenau, Freital oder Dresden kommen- überall Sachsen. A l l e s Sachsen?D i e Sachsen? Gibts nicht.Darauf komme ich gleich nochmal zurück. Wenn ich dann von einem Thomas lesen muß:Ich weiß, dass der Ostarbeiter auch den Soli zahlt, nur viel ist es nicht, was da aus dem Osten kommt. Mir ist jedenfalls ein Kriegsflüchtling aus Syrien lieber als ein alles vergessender Pöbelsachse. Was ist an meiner Aussage den falsch, dass es mit einer Lüge gleichsetzen muss? Es ist der alte Nöhlstil aus dem Osten, der vielen von uns hier im Westen auf den Geist geht... dann schwillt mir der Kamm. 25 Jahre nach der Wende! Sachsenbashing ist angesagt! Weiter im Text und zu anderen Themen.

Jan Chudak macht wieder seine private Presseschau.Wie immer nach dem Frühstück. Friedensnobelpreis Die Schreie der Verwundeten- das las ich heute in SPON.Mit dem Grundtenor bin ich ja einverstanden, mit einem Detail aber nicht. Raten Sie mal, mit welchem ich es als Sachse nicht bin! Nicht etwa, weil ich Sachse bin und nicht sein kann, was nicht sein darf.Nein, weil es d e n bzw. d i e Sachsen genausowenig gibt wie d e n Berliner, d e n Hamburger, d e n Bayern usw.! Diese dauernde Sachsenbashing geht mir gewaltig auf den Senkel! grimmigguck! :( Am Freitag wird der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Aber überall herrscht Krieg. Ist der wichtigste Preis der Welt also überflüssig? Nein! Die Welt braucht Zeichen der Hoffnung. Eine Kolumne von Jakob Augstein im FREITAG - passend zu heute, am Freitag. Aber in Wahrheit ist der Mensch schon mit der Nächstenliebe überfordert.Und Zivilisation kann auch einfach verloren gehen. Wir müssen für diese Erkenntnis nicht nach Potocari fahren, jenes Dorf im Osten von Bosnien-Herzegowina, wo die Gedenkstätte für das Massaker von Srebrenica liegt. Es genügt, wenn wir in die hasserfüllten Gesichter der Menschen in Sachsen sehen. Wie viele von diesen Leuten würden auf alles schießen, was sich bewegt, wenn man ihnen eine Waffe und die Erlaubnis gäbe? Im Beitrag steht weiter: Krieg ist nichts, was den Menschen widerfährt. Keine Flut, kein Sturm. Krieg wird von Menschen gemacht.Ich sage nur Aleppo usw. Optimismus ist eine passive Tugend, Hoffnung ist eine aktive. "Es bedarf keines Mutes, um ein Optimist zu sein", sagte einst der britische Philosop und Großrabbiner Sacks, "aber einer Menge, um Hoffnung zu haben."Ein guter Satz meint Jan Chudak Auch in SPON äußerte sich zum Thema Friedensnobelpreis 2016 René Pfister, der Ltr.des Hauptstadtbüros: Die Lage am Freitag:heute wird der Träger des Friedensnobelpreises 2016 verkündet, und wie immer schießen davor die Spekulationen ins Kraut: Als Favoriten gelten angeblich Edward Snowden und der saudische Internetaktivist Raif Badawi. Aber solche Prognosen sind in der Regel so zuverlässig wie die für den Eröffnungstermin des Berliner Flughafens. Insofern könnte es auch gut sein, dass es im Nobelpreiskomitee zu einem deutschen Derby kommt: Angela Merkel gegen Helmut Kohl, die Kanzlerin der Flüchtlinge gegen den Kanzler der Einheit... nuja nunee. Also de "Muddi" wirds ni. Zum Abschluß noch ne Bemerkung, sozusagen fast unter Kollegen. Als ich auch lesen mußte: Erster Auftritt von AfD-Neuzugang Fest: Zum Auftakt erst mal die Moscheen schließen, konnte ich mir nicht verkneifen still in ich hinein zu brabbeln: Der hat ja einen an der Klatsche!Aber da ich nicht Böhmermann bin, behalts ichs eben still für mich und argumentiere wie Böhmermann: D A S dürfen Sie in Deutschland aber nicht sagen! Sonst geht mir der Fest noch ans Chemisett :) Jan Chudak wünscht allen einen schönen Tag.

Unterschichtenschwein 07.10.2016 | 14:56

Eventuell ist der Freitag das falsche Medium und dieser Ansatz ist auch nicht neu, aber grundsätzlich hilft vielleicht ein „Erweckungserlebnis“ bzw. „ein in Erinnerung rufen“ grob in der Form "Ah, da sind Menschen, die sich aufgrund der Ereignisse in Dresden und Co. bedroht fühlen und die es daher zu schützen gilt" bei all der Fakten- und Kostenjongliererei mehr zur Bekämpfung der klammheimlichen Freude, dass „die da oben mal eins auf den Deckel bekommen“, und zur Mobilisierung der sogenannten schweigenden Mehrheit als ein weiterer Artikel, der groß und breit darstellt, was für ungebildete Dumpfbacken die Pegidisten doch alle sind. Auf jeden Fall setzt er, zumindest nach meiner Ansicht, erst mal an den positiven Anteilen im Menschen an und auch im Kern dort, was bei allen Differenzen in der Flüchtlingspolitik die große Mehrheit der Deutschen nicht will: Dass Menschen sich wieder aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens, ihrer sexuellen Orientierung und Co. diskriminiert werden bzw. Angst haben müssen.

zelotti 07.10.2016 | 15:11

Das Dumme ist, was passiert, wenn man Gefühle in die politische Diskussion lässt. Dann ist plötzlich alles möglich und wird verhandelt.

Auch eben, dass Menschen sich unwohl im Beisein von Fremden fühlen, Gefühle der Angst entwickeln gegenüber fremden Glauben usw. Also das, was wir als Vorurteile empfinden.

Als ich zuletzt in Brüssel war, da hatte ich dort ein schlechtes Gefühl. Nun sind wir natürlich oftmals unterbewusst in der Lage mehr wahrzunehmen als bewusst. Trotzdem darf das Gefühl, unsere Ahnung nicht unser Argument werden.

Wenn ich sage, ich fühle mich unwohl im Besein von Verschleierten, dann ist das apolitisch, weil mir ja niemand sagen kann, nein, so darfst du dich nicht fühlen, und wenn er es tut, dann täte er mir Gewalt an.

Wenn jemand sich in Sachsen unwohl fühlt, ist das genauso. Ich kann nicht sagen, da fühlst du dich falsch. Weil es eben total apolitisch ist wie sich jemand fühlt.

Unsere Gefühle sowohl hellsichtiger als auch trügerischer als der Verstand. Mich macht die ganze Pegida-Sache etwas aufgekratzt. Aber ich muss nicht den gesamten öffentlichen Raum damit gefühlig aufladen, also mir eine Beseelung einbilden, und damit etwas zu fühlen, was ich gar nicht fühlen kann und objektiv nicht "an dem Ort" sein kann. Meine Gedanken manipulieren den Ort, und dann fühle ich das aus, aber es ist reine Innerlichkeit, reine Projektion.

Unterschichtenschwein 07.10.2016 | 18:07

Ich gebe ihnen Recht, dass Gefühle in der Tat nicht als Begründung politischen Handelns dienen sollten, auch wenn Gefühle faktisch ständig Adressat politischen Handelns sind. Es geht also um die Begründungsfigur im politischen Diskurs, bei der man allerdings bei einer Kolumne nach meiner Ansicht weniger strenge Kriterien anzulegen braucht als bei einer rein politischen Diskussion. Und trotz Trump, Brexit und Co. sehe ich auch kein postfaktisches Zeitalter am Horizont, das macht mir also keine Angst, ich denke sogar vielmehr, dass wir sozusagen schon immer in präfaktischen Zeiten gelebt haben, ohne dass es uns auffiel, weil die Parteienbindung aus verschiedenen Gründen noch stärker und das Informationsangebot sowie die Meinungsverstärkungsmechanismen noch nicht ganz so breit gefächert waren - das kann man bedauern, weil in der Tat dadurch sowohl eine neue Unmenschlichkeit als auch ein kurzfristig angelegter politischer Dilettantismus, der den großen und auch oft groben Horizont politischen Handelns zugunsten des kleinen objektiven leicht zu kommunizierenden Vorteils opfert, gerade auch auf europäischer Ebene populär zu werden droht. Ihr emotionaler Erregungszustand („aufgekratzt“) in Hinblick auf die Pegida-Demonstrationen ist allerdings nach meiner Ansicht ebenso objektvierbar – kann sich also durchaus auf eine reale politische Klimaveränderung stützen bzw. wird von dieser verursacht - wie etwa die Behauptung, dass Elitenverdrossenheit ein zentrales Moment der Pegida-Bewegung ist. Man muss beispielsweise nicht vor Ort sein um zu wissen, dass die Diskussion auf beiden Seiten in Teilen höchst emotional bzw. mit entsprechenden Begrifflichkeiten geführt wird, verkürzt Volksverräter auf der einen Seite, Asoziale, Pack, Pöbel und Gesocks auf der anderen Seite der Meinungsäußerungen, sondern kann sich allein auf die mediale Berichterstattung inklusive der Reaktion in den entsprechenden Foren stützen.

miauxx 09.10.2016 | 22:51

Ich würde sagen, Gefühl ist eine hochpolitische Kategorie. Wir erleben es doch. Derzeit geht ja das Wort vom "postfaktischen Zeitalter" um ... - das stimmt so zwar nicht ganz, weil Politik schon immer auch gemacht wurde, indem Fakten negiert und/oder umgedeutet wurden. Dass man Gefühl schwer oder gar nicht debattieren kann, da haben Sie wohl recht. Aber Politik ohne das Triggern von Emotionen? Wäre sicher, im wahrsten Sinne des Wortes, vernünftig. Aber haben wir das schon einmal erlebt?

"Wenn sich Menschen im Beisein von Schwarzen z.B. "unwohl" fühlen, kann man dagegen wohl auch nichts sagen (...)"

Es stimmt aber auch nicht, dass wir Gefühlen fatal ausgeliefert wären; dass bestimmte Gefühle bei dem oder der nun einmal so seien und das schon immer und auch für immer. Bestimmte Gefühle bzw. ihre mögliche Genese und Herkunft sind durchaus auch diskutierbar. Gefühle sind eben auch Einbildungen.

zelotti 11.10.2016 | 12:53

Beides, auf der einen Seite fühlen wir mehr als wir nüchtern analysieren können, unterbewusst, so wie der Feuerwehrmann, der plötzlich das Gebäude verlässt, weil er merkt, dass was nicht stimmt, wie der Wachmann, der erkennt, wer ein Problem darstellen wird, ohne eine gute Theorie dafür auf Lager zu haben.

Wenn aber Politiker mit Gefühlen operieren, seien es Rechtspopulisten oder die grüne Gefühlsbombe Claudia Roth, dann müssen wir vorsichtig sein.

Einbilden kann man nicht ausschliessen, wenn man schon mit einer Einschätzung an jemanden heran geht. Wenn Du mir zwei Personen hinsetzt, mit denen ich reden soll, dann wird die Erfahrung eine andere sein, wenn ich vorher weiss, dass der eine als brutaler Massenmörder eine Haftstrafe absitzt. Wenn ich es nicht weiss ist der mir wahrscheinlich total sympathisch, wenn ich es weiss, dann fühle ich mich vielleicht unwohl.
Wenn ich weiss, dass ein Anschlag in dieser Stadt war, dann gucke und fühle ich ganz anders in die Stadt hinein. Und da ist schon die Frage, was bilde ich mir ein, was nicht.

"Ich mag keine Schwarzen, weil sie faul sind," ist zugänglich dem politischen Diskurs und ermöglicht Widerrede. "Ich fühle mich unwohl im Beisein Schwarzer" dagegen nicht. Was soll ich dann sagen?

miauxx 11.10.2016 | 22:33

"Wenn aber Politiker mit Gefühlen operieren, seien es Rechtspopulisten oder die grüne Gefühlsbombe Claudia Roth, dann müssen wir vorsichtig sein."

Ja, eben.

"Ich mag keine Schwarzen, weil sie faul sind," ist zugänglich dem politischen Diskurs und ermöglicht Widerrede. "Ich fühle mich unwohl im Beisein Schwarzer" dagegen nicht. Was soll ich dann sagen?

Etwa die Aussage hinterfragen. Aber freilich haben Sie Recht, dass es keine Aussage ist, die sich diskursfreudig gibt.

pleifel 11.10.2016 | 23:22

Warum sollte ich mich in dieser Stadt anders fühlen? Es kommt doch ganz darauf an, welche Gedanken ich mir über die Ereignisse dort mache, welche ich bei mir zulasse. Warum sollte ich mich am Kölner Hauptbahnhof anders fühlen, etwa wegen Sylvester? Fahren Sie mit anderen Gefühlen auf der Autobahn, wenn es da mal wieder Berichte von Todesfällen gab?

Und wenn mir jemand sagt: "Ich fühle mich unwohl im Beisein Schwarzer", dann kann ich abhängig von meiner der Einschätzung des Betreffenden verschiedene Varianten wählen, um demjenigen zu antworten: etwa ironisch, mittels Übertreibung, klarer Positionierung oder Anstöße geben, woran es denn liegen könnte. Ich könnte aber auch mit Humor antworten. Zudem ließe sich einfach fragen: warum?

Viele deutsche „Bleichgesichter“ geben ´ne Menge Geld aus, um sich dann im Urlaub den „Pelz“ verbrennen zu lassen. Und anschließend am Arbeitsplatz zu hören: Du bist ja gar nicht braun geworden! Kurios doch, wenn dunkle Hautfarbe von Natur aus dann „Unwohlsein“ auslösen kann. Da sollte man sich doch mal auf die berühmte Couch legen.