Ich sitze im Zug nach Sachsen

Die Kosmopolitin Unsere Autorin fühlt sich auf dem Weg nach Sachsen nicht wohl. Das ist ein ziemlich neues und ein ziemlich unangenehmes Gefühl
Lena Gorelik | Ausgabe 40/2016 27
Ich sitze im Zug nach Sachsen
In Döbeln ist der Rechtsruck kein Ruck, sondern längst ein Zustand
Foto: Imago/Hanke

Ich sitze im Zug, fahre nach Döbeln. Döbeln liegt in Sachsen, es hat Anschläge auf Unterkünfte für Flüchtlinge gegeben, und es fällt schwer, sich einen anderen Hintergrund vorzustellen als den Hass auf Fremde. Diesen allgemeinen und deshalb so abstoßend hässlichen Hass: den auf alles, was anders ist, und auf jeden. Und den Hass, den speziellen: den auf Muslime. Man spricht im Allgemeinen vom blinden Hass, aber der Hass ist vor allen Dingen taub: Er kann keine Zwischentöne hören. Er hört nur sich selbst. Schreien.

Ich sitze im Zug, fahre nach Döbeln. Döbeln liegt in Sachsen. In Sachsen wurden Johann Sebastian Bach, Karl May, Michael Ballack und Pegida geboren. Ich fahre nach Döbeln, wo ich aus meinem Buch Sie können aber gut Deutsch! lesen soll, ein Beitrag zu unserer un- wie wehleidigen Integrationsdebatte. Döbeln liegt in Sachsen, Sachsen liegt in Deutschland, und ich fühle mich auf dem Weg dorthin nicht wohl. Das ist ein ziemlich neues und ein ziemlich unangenehmes Gefühl.

Ich sitze im Zug nach Döbeln. Mir gegenüber sitzt ein Mann mit einer verspiegelten Sonnenbrille, einer schwarzen Lederaktentasche und einer Mineralwasserflasche vor sich, und in diesem Zusammenhang muss ich sagen: Asiatischer Herkunft ist der Mann. Und da ich schon dabei bin, die Menschen um mich herum zuzuordnen, so muss ich auch die Familie erwähnen, der ich gerade beim Umsteigen mit dem Kinderwagen half: Junge Eltern, zwei kleine Kinder, sie sprachen Arabisch. Diese Menschen fahren alle in den Osten, und ich weiß nicht, ob ich sie warnen soll: Sie sind dort nicht willkommen und nicht gewollt. Ich bin dort auch nicht gewollt, das hat mit meiner Muttersprache zu tun, die das Russische ist, und damit, dass ich stets noch auf Russisch zähle, und damit, dass ich nie aufhören will, auf Russisch zu zählen. Und ich wünschte, diese Ablehnung hätte weniger mit meiner Herkunft zu tun und mehr damit, dass ich auf Deutsch in klaren und akzentfreien Sätzen sage, was mir an Deutschland nicht gefällt, etwa diese barbarische, gedankenfreie Art, die um sich greift wie eine Mundgeruch verursachende Krankheit: fremd mit gefährlich zu verwechseln und anders mit böse.

Ich sitze im Zug nach Döbeln. Dann komme ich dort an. Der Rechtsruck, der hier vielleicht kein Ruck ist, sondern ein Zustand, ist sofort zu sehen: Plakate überall, AfD, NPD, und dazwischen sind Sätze an die Wände gepinselt, die ich noch nicht einmal abschreiben möchte. Der Verein, der zur Lesung geladen, hat, heißt Jugendbüro Diversity, und die, die eingeladen haben, und die, die zur Lesung kommen, sehen so aus, wie man sie sich vorstellt: Rastas, Chucks, Mädels mit kurz rasierten und Jungs mit langen Haaren, sie trinken Bier und Matetee, sie haben vor den Rechten da draußen keine Angst. Sie haben noch diesen Spaß, sie zu bekämpfen, weil Bekämpfen macht in manchen Lebensphasen an sich auch Spaß.

Auf einer Couch, die in dem Kulturzentrum im Flur steht, sitzen vier Geflüchtete, starren auf ihre Handys. Sie lachen miteinander, mir lächeln sie zu. Hier fühlen sie sich sicher, erklärt man mir, hier kommen sie hin, weil sie draußen angepöbelt werden. Nach der Lesung setze ich mich noch am selben Abend in den Zug nach Berlin, weil ich mich in Döbeln nicht wohlfühle, und ich weiß nicht, ob das einer provinziellen Trostlosigkeit, unbestimmten Ängsten, aufgemalten Parolen oder einer Tatsächlichkeit geschuldet ist. Es ist, als führe ich in ein anderes Deutschland. Auf die andere Seite irgendwie.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Null bis unendlich (Rowohlt 2015)

06:00 06.10.2016

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