„Ich stand auf und ging“

Pressefreiheit Journalisten waren nie beliebt. Unser Kolumnist erinnert sich an vergangene Zeiten
Jürgen Busche | Ausgabe 09/2017 2
„Ich stand auf und ging“
Immer (schon) Ärger mit der Polizei

Foto: imago/ZUMA/Keystone

Die Empörung über den Ton, mit dem Donald Trump der Presse begegnet, ist allgemein. Doch Journalisten sollten sich nicht täuschen. Sie sind bei den Menschen nicht beliebt. Und was Deniz Yücel derzeit mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan erlebt, ist immer noch etwas ganz anderes, als wenn der amerikanische Präsident nicht zum Diner bei den Hauptstadtkorrespondenten erscheint. Zudem ist es lehrreich, sich die Verhältnisse in Deutschland anzusehen – oder sich an sie zu erinnern.

Als junger Polizeireporter der FAZ hatte ich in Frankfurt eine Demonstration beobachtet, die mit schweren Gewalttätigkeiten – hin und her – endete, und war, da bis zur Polizeipressekonferenz noch etwas Zeit war, zur entsprechenden Veranstaltung der „Roten Hilfe“ gegangen. Als ich dann im großen Saal des Polizeipräsidiums eintraf, war alles schon versammelt. Da näherte sich der Juso-Vorsitzende von Frankfurt dem Polizeipräsidenten und flüsterte ihm etwas in Ohr. Ich bemerkte, wie beider Augen die Reihen vor sich abgingen und bei mir hängen blieben. Der Polizeipräsident nahm das Mikrofon und sagte: „Ich höre soeben, dass Herr Busche schon bei der „Roten Hilfe“ war. Er weiß also bereits alles. Darum fordere ich ihn auf zu gehen.“

Ich stand auf und ging. Nach dem, was ich am Nachmittag erlebt hatte, fürchtete ich, die Beherrschung zu verlieren, wenn die Grünen mich anfassten. Keiner von den anderen Journalisten protestierte oder verließ gar mit mir die Veranstaltung. Ich fand das völlig normal. Ich kannte ja die meisten, weil wir die gleiche Arbeit machten, und sie hatten in ihren Redaktionen ihre Berichte abzuliefern. Dort hätte man ihnen etwas gehustet, wenn sie ohne Stellungnahmen der Polizei erschienen wären. In der Folge wurde ich nicht mehr von der Polizeipressestelle angerufen, wenn es von irgendwoher etwas zu berichten gab. Man wollte, dass ich aus meinem Aufgabenbereich entfernt würde. So kann das laufen.

Da aber – und jetzt will ich Namen nennen – waren es die Polizeireporter der Frankfurter Rundschau, Schubert und Biedermann, die mir rechtzeitig Bescheid gaben, wenn es nottat, an einem Tatort oder sonstwo zu erscheinen. Der Polizeipräsident aber wurde auf seinem Posten überhaupt nicht glücklich. Doch da Sozialdemokraten einen der ihren, wenn er denn einmal erst hoch genug aufgestiegen ist, nicht fallen lassen, wurde er Regierungspräsident fern von Frankfurt.

Ein Einzelfall? Wenn es konkret wird, ist es ein Einzelfall. Viele könnten erzählt werden. Aber Journalisten tun gut daran, es nicht zu oft zu tun.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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