Ich stand einfach nur da

Folie der Erinnerungsseligkeit In seinem Roman "Die verschluckte Musik" sucht Christian Haller nach einem ausgestorbenen Rumänien

Ein Hausaltar aus verblichenen Daguerreotypen, dicke Fotoalben und vor allem die Bilder im Kopf, die an wunderbare Fleischpasteten und Spezereien aus der besten Konditorei in Bukarest erinnern, an den Corso mit den eleganten Damen, das noble Athenee Palace, die Salons und Kutschen, den Wohlstand und den aristokratischen Lebensstil, den die Familie in den zwanziger Jahren in Rumänien pflegen und genießen konnte - diese vergangene Welt im "kleinen Paris" lebt in den Erinnerungen der Mutter fort, die der Ich-Erzähler im jüngsten Roman von Christian Haller besucht. Obwohl die Familie 1917 und dann endgültig 1926 Rumänien verlassen musste, blieben das Land, seine Farben und Düfte stets gegenwärtig. Die verschluckte Musik ist eine Spurensuche und Zeitreise, wie sie oft in den vergangenen Jahren unternommen wurde, ein literarisches Fotoalbum, verquickt und durch scharfe Schnitte im Erzählfluss konfrontiert mit den Eindrücken, die der Erzähler bei seinem Besuch im Quartier der Kindheit einfängt und mitnimmt.

Die Mutter leidet unter Alterssenilität, dämmert im Pflegeheim ihrem Tod entgegen und hört "die Jenseitigen und sie spielen Musik unaufhörlich di da da dum". Sie wollte die Musik in ihrem Bauch verbrühen und erbrechen, doch sie ging nicht mehr weg. Die Musik, die wie "Tschaigorum", eine legendäre Teemischung, fester Bestandteil ihres Leben war. "Ich möchte wissen", fragt sie, "ob es in Rumänien noch etwas außerhalb meiner Erinnerung gibt." Ihr Sohn wird versuchen, diese Frage für sie zu beantworten, und damit wird die Sache etwas problematisch. Da ist dann von Gelbfolien die Rede, die vor Scheinwerfer geklemmt werden, "um nostalgische Gefühle zu wecken und mich in eine Epoche zu versetzen, die Jahrzehnte zurückliegt". Immer wieder bedient sich der Erzähler filmischer Attribute, inszeniert Stimmungsbilder und beschreibt viele Einzelheiten, die Atmosphäre schaffen sollen. Orte, Szenen, Bewegungen, Farben und Gerüche wie der "Niederschlag eines Duftes, der das Wort Rumänien für mich ausströmte, warm und süß", werden rekonstruiert und mit vielen Adjektiven und sinnlichen Reflexen versehen, um plastische Szenarien zu vermitteln. Doch sprachlich wirkt das beim Rückgriff auf eine Welt und Zeit, die fern ist, klebrig und süßlich. Sätze über den standesbewussten Großvater werden nicht authentischer, wenn sie den Gestus des 19. Jahrhunderts zu imitieren suchen: "Endlich würde sich das Leben zu einer ihm gemäßen und lange entbehrten Form bequemen, einem sittlich geordneten und von Wohlstand und Vornehmheit geprägten Dasein." Da wird das Elternhaus als das "bauliche Gerüst ihrer Lebensform" beschrieben, und man kann sich auch nicht vorstellen, was mit einem "nicht sehr ebenmäßigen, zu charaktervollen Gesicht" gemeint sein soll. Diese und andere grammatikalische und orthographische Schludrigkeiten wären zu beseitigen gewesen.

Schwerer wiegt, dass die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche - Alt- und Großrumänien, Monarchie und Diktatur, Hitler und Ceausescu - nur als Folie der Erinnerungsseligkeit benutzt werden. Der Besuch bei einem ehemaligen Wissenschaftskollegen des Erzählers, dem der "Krieg gegen die eigene Bevölkerung" auf die eigene Haut geprügelt wurde, oder die Konfrontation mit, wie es heißt, "Angehörigen der ehemaligen Nomenklatura" werden angesichts des "Lamarckismus des Erinnerns", der diesen Roman beherrscht, in die Nische gedrückt. Das Bemühen des Autors um die wechselseitige Spiegelung der verschiedenen politischen Systeme ist durchaus erkennbar, aber im Grunde will er hier zuviel. Die nostalgischen Momente überwiegen, und sie sind, mit Verlaub, die weniger interessanten Passagen des Textes. Sicher, der Großvater in seiner blasierten Art, mit seinem Standesdünkel und seiner Noblesse ist eine interessante Figur. Wie er die Etikette einhält, die Bediensteten herumschickt und der ganzen Welt sein Tempo aufzudrücken versucht, das wird beeindruckend geschildert. Aber die zahlreichen Passagen, in denen man mit dem Erzähler durch Bukarest läuft und irgendwelche Orte der Kindheit sucht - "und ich stand nur einfach da, in dieser verfallenden Welt, sah und hatte gefunden und war selbst wie erlöst" -, diese doch eher privaten Umstände seiner Familiengeschichte bringen den Text aus seiner Spur.

Die Pogrome, das Wüten der Securitate, Flucht, Denunziation und Angst, den Wechsel der politischen Systeme von einem Extrem ins andere - der vielleicht im Grunde gar kein Wechsel war - all dies wird nur gestreift. Man gewinnt den Eindruck der Chronistenpflicht und hätte doch gerne mehr erfahren. Dieses dem Leben der Mutter nachgeschriebene Buch verharrt in einem Erinnern, das mehr sein könnte: "Ich hatte seit jenem Tag in Sadarghatt, als mir die junge Dame, die meine Mutter einstmals gewesen war, durch den Ausgang zu dem schwankenden Flußdampfer entschwand, immer wieder nachfragen wollen. Jetzt bliebe nicht mehr viel Zeit, sie in ihrer Vergangenheit zu finden, Ruth S. aus den Überschichtungen der Jahre zu lösen, vielleicht ihr eigenes Zeugnis zu hören, den Grund zu erfahren, weshalb sie in ihrer eigenen Lebenszeit ausstarb wie eine Spezies des Erdaltertums... und dennoch meine Mutter war, eine selbstverständliche und lebenslang vertraute Gestalt."

Und so sucht der Erzähler seine Familie und ihre Orte, erinnert an Onkel Mendel mit den unruhigen Augen ebenso wie an die kapriziöse Journalistin Mascha Schachter, die der Großvater so bewundert hatte. Selbst war der Erzähler vorher nie in Rumänien gewesen. Das ist ihm nicht zum Vorwurf zu machen und doch bleibt es ein Manko.

Denkt man zum Beispiel an Heimkehr nach Maresi, den großartigen Roman des Donauschwaben Johannes Weidenheim, der - als er seine alte Heimat nach vielen Jahren aufsuchte - Historie mit eigener Anschauung verknüpfen konnte, dann wird deutlich, was man in Christian Hallers Roman Die verschluckte Musik vermisst. Dies gilt vor allem für die erste Hälfte des Romans, in der Donau, Stilleben und Postkarten zum Schlummern verführen. Fazit: Ein ambitionierter, detailfreudiger Roman, der zu lange im Privaten bleibt und sprachlich nicht immer auf der Höhe seiner Zeit ist.

Christian Haller: Die verschluckte Musik. Roman. Luchterhand, München 2001, 269 S., 36,- DM

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00:00 30.11.2001

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