Ich sterbe gern!

Chronist Zum Tod von Walter Kempowski (1929-2007)

Es kam einiges zusammen, dass ich so schnell mit ihm familiär werden konnte, damals, 1999, als unsere Bekanntschaft begann. Heute weiß ich: Als unsere Freundschaft begann. Er zeigte mir gegenüber eine Offenheit und ein Interesse, wie ich es nicht einmal von Altersgenossen kannte. Dabei war er noch deutlich älter als mein Vater. Er hieß Walter wie mein Großvater und war Dorfschullehrer gewesen, ebenfalls wie mein Großvater. Das Interesse beruhte auf Gegenseitigkeit, ich wurde zum begeisterten Leser, und Kempowski hat mich nie enttäuscht, jedes Buch von ihm war ein Gewinn und ein Vergnügen.

Zum Beispiel die Sowtschick-Romane Hundstage (1988) und Letzte Grüße (2003) mit seinem Alter Ego Alexander Sowtschick, der schließlich in einem schäbigen New Yorker Hotelzimmer elendig verreckt. Sowtschick war nicht Kempowski, Sowtschick war fünf Zentimeter größer als Kempowski, blond und nicht schwarzhaarig, hatte Schuppen auf dem Jackett und war nervös, introvertiert und zerstreut. Und trotzdem wünschte ich mir ein Wunder, denn es durfte doch nicht sein, dass jemand starb, den man, trotz mancher Verschrobenheit, trotz vieler politischer und kultureller Differenzen, einfach mochte.

Natürlich war Sowtschick irgendwie Kempowski, so wie auch die anderen Helden des 1929 geborenen Schriftstellers aus Norddeutschland: der Lehrer Matthias Jänicke, der Journalist Jonathan "Joe" Fabricius oder auch Walter Kempowski aus der Deutschen Chronik. Nun ist Kempowski seinem Helden Sowtschick gefolgt, und die Unterschiede sind gewachsen. Kempowski gab auf bezaubernde Art den heiter Sterbenden, kein Interview mit ihm, das nicht bei aller Tragik und bei allem Abschied fröhlich blieb, "Ich sterbe gern!", versicherte er und hatte offensichtlich seinen Frieden gemacht mit allen Feinden, denen er verzieh, dass sie sein Werk ignoriert hatten. Und er betonte die immer noch wachsende Liebe zu seiner Frau, die er als fast unverdientes Geschenk erlebte.

Von den vielen Besuchen bei Kempowski in Nartum ist mir der letzte besonders nahe gegangen, denn ich musste Abschied nehmen. Aber es war ein langer Abschied und er geht immer noch weiter. Auch kurz vor seinem 75. Geburtstag war ich dort, damals hatte die Justizbehörde in Rothenburg eine Rehabilitierung von Walter Kempowski abgelehnt. Es ging um sein Lebenstrauma, die Haft in Bautzen, seine verlorenen Jahre, die ihn erst zum Schriftsteller gemacht hatten. Aber dass er auch jetzt noch als Krimineller galt, das wurmte ihn. Und das, obwohl die Russen selbst, "Der Oberste Sowjet, oder wie heißen die Leute da drüben?", die Kempowski als Jugendlichen zu 25 Jahren Haft wegen Spionage verurteilten, den Prozess für ungültig erklärt und die Beschuldigungen aufgehoben hatten.

Die Frage, ob er nicht auch ohne die vielen Jahre im Gefängnis Schriftsteller geworden wäre, wollte er nicht beantworten: "Was wäre, wenn Adolf Hitler an der Kunstakademie in München aufgenommen worden wäre?" Biographie sei immer Schicksal, im positiven wie im negativen Sinne. Jedenfalls litt er noch damals tüchtig unter der Gefängniszeit, bezog alles darauf, wenn er eine neue Brotsorte vorgesetzt bekam: "Ach, sowas hatten wir in Bautzen auch."

Als ich auf seinen Publikationsplan zu sprechen kam, fragte er: "Sie amüsieren sich darüber?" Nach diesem Plan sollte im nächsten Jahr Das Echolot vollendet werden, und er ging sogar über seinen Tod hinaus, der sei auch schon eingeplant. Ich erinnerte ihn an die grotesken Pläne für seine Trauerfeier, die er vor dem Publikum seines Literaturseminars humoristisch geschildert hatte, samt Aufbahrung im Literatenturm. Aber tatsächlich dachte er öfter darüber nach, ob er nicht doch in Rostock begraben sein wolle. Andererseits würde man ihn dann auf den neuen Friedhof verfrachten, wo er mit Tausenden von Menschen zusammen zu liegen hätte. Da wünschte er sich doch den stillen Friedhof von Nartum, auch wegen seiner Frau: "Die hat ja mit Rostock gar nichts zu tun."

Ich fragte ihn, wie er seine großen Komplexe des Echolots, der Deutschen Chronik und die Romane gewichten würde. Die Romane und Das Echolot ergänzten einander, erklärte Kempowski. Auf der einen Seite gäbe es die subjektive Sicht des Einzelnen, des Autors Kempowski eben, und auf der anderen den großen Chor der vielen Tausenden, die niemand gefragt hat. Das stehe einander gegenüber, die Romane wie eine Art Opera buffa, gegen die Echolote, in denen nicht mehr gefackelt würde, die seien dann der unverwechselbare Ernst.

Dass manche ihn mit Blick auf Tadellöser und Wolff als Unterhaltungsautor apostrophieren, weil man darüber lachen kann, missfiel Kempowski. In Deutschland sei es ja immer ganz gefährlich, Bücher zu schreiben, in denen was Lustiges vorkommt. Dabei stehe dieser Roman seinen beiden Zuchthausbüchern gegenüber, aber vor allem dem Echolot. Manchmal taten ihm die Leute leid, die gerne einen Roman von ihm lesen möchten und aus Versehen ans Echolot geraten. Und umgekehrt denke er manchmal, was wohl die Echolot-Leser sagen, wenn sie plötzlich einen Roman von ihm in die Finger bekämen. "Die kriegen das nicht, wie man sagt, auf die Reihe."

Ob es ernst gemeint sei, fragte ich ihn, aus diesem Anwesen später ein Museum zu machen? Tatsächlich könnte man nach Kempowskis Tod das Haus genauso weiterführen, nur mit Eintritt. Kempowski stimmte zu: "Damit meine Witwe was zu verdienen kriegt." Er werde das Archiv in eine Stiftung umwandeln, denn im Grunde gehöre es nicht ihm, sondern den vielen Toten, die da ihren Bericht abgeben. Und dann wollten die Leute vielleicht auch wissen "Wie hat er gelebt?" Dass die hier herumlaufen würden, störte ihn nicht. Selbst bei unserem Gespräch jetzt könnten die Leute schon durchlatschen. Er sei so abgehoben von sich selbst, dass er sich dann wie Herrn Sowtschick betrachte und über sich lachen könne. Es war sogar mal eine Dame hier, die sich auf seinen Bettrand setzte, als er seinen Nachmittagsschlaf hielt. Kempowski lachte: "Das war mir dann doch ein bisschen viel."

Ob er in seinem Leben mehr Glück oder Pech gehabt habe? Trotz fast zehn Jahren Haft in der DDR in Bautzen zog Kempowski auch damals schon eine positive Bilanz. Schon, dass er den Krieg mit Bomben auf Berlin und Hamburg überlebt habe und 75 Jahre alt werde, dass er, abgesehen von den beiden Schlaganfällen, gesund sei, nun gerade den 44. Hochzeitstag begangen hätte, diese Frau gefunden habe unter den vielen, nein, er habe Glück gehabt mit seinem Leben.

Ein Thema für sich ist Kempowskis letzter Roman. Letzte Grüße sollte der endgültig letzte sein, doch dann schrieb er noch Alles umsonst, die Geschichte eines Jungen, dem 1945 die Flucht aus Ostpreußen glückt, und diktierte einen weiteren bis kurz vor seinen Tod. Ich weiß noch nicht, wann ich glauben kann, dass Walter Kempowski tot ist, vielleicht wenn auch sein letztes Romanfragment erschienen ist? Wenn alle Tagebücher abgedruckt sind? Ich werde Walter Kempowski mein Lebtag nicht vergessen.

Falko Hennig, geboren 1969 in Ostberlin, arbeitet als Journalist und Autor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2005 der Band: Volle Pulle Leben. Zehn Jahre Reformbühne Heim und Welt.


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