"Ich verstehe nicht, wie man kollektiv strafen kann"

Im Gespräch Der Dokumentarist Marcus Vetter über seinen Film "Das Herz von Jenin“, seine Ängste vor der Fahrt nach Palästina und neu gewonnene Einsichten in den Nahost-Konflikt

Der Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin“, der am 7. Mai in die Kinos kommt, erzählt eine bittere und zugleich rührende Geschichte: Der Palästinenserjunge Ahmed Khatib wird von Israelis in der Stadt Jenin erschossen. Sein Vater Ismael spendet die Organe seines Sohnes israelischen Kindern. Zwei Jahre später begibt er sich auf eine Reise, um diese Kinder zu besuchen. Der Tübinger Dokumentarfilmer Marcus Vetter hat ihn dabei mit der Kamera begleitet.

Der Freitag: Wie kamen Sie zu diesem Film?
Marcus Vetter: Ich wurde im April 2007 gefragt, ob ich in eine bestehende Auftragsarbeit einsteigen wollte. Der Film wurde schon 2005 nach der Tötung des palästinensischen Jungen begonnen. Der Regisseur Leon Geller, hatte davon erfahren und erste Szenen gedreht. Zudem gab es Filmmaterial von der Beerdigung. Das Thema reizte mich, ein weiterer Grund war, mit Geller zusammenzuarbeiten.

Zwei Regisseure bedeuten auch zwei Sichtweisen.
Ganz besonders bei der Thematik und dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, denn Leon Geller ist Jude. Der Film ist deshalb auch ein Kompromiss: Geller wollte vor allem die Beziehung zwischen dem Vater und dem drusischen Mädchen, die das Herz des getöteten Jungen bekommen hat, erzählen. Mein Ziel dagegen war es, alle Stationen des Vaters bei seiner Reise zu dokumentieren und auch die Konflikte zwischen Palästinensern und Israelis zu zeigen.

Welche Szenen wollten Sie unbedingt dabei haben?
Die Demütigungen an den Checkpoints. Bei der Ausreise in israelisches Gebiet wurde Ismael stundenlang aufgehalten. Für mich war es auch wichtig, die Kollektivstrafen der israelischen Armee zu thematisieren. Deshalb sind auch Archivaufnahmen von der Invasion 2002 dabei. Damals wurden Teile von Jenin von Bulldozern platt gemacht. Was wir nicht zeigen, sind Aufnahmen, auf denen Palästinenser im Konflikt zu lebenden Schutzschildern gemacht wurden. Das wäre für mich zu einseitig gewesen.

Solche Bilder erzeugen Wut.
Als ich diese Bilder gesehen habe, ist mir die Thematik nochmal vor Augen gerückt. Ich verstehe nicht, wie man kollektiv strafen kann. Jeder Konflikt wird so eskalieren.

Sie kamen fünf Jahre später an diesen Ort, der schwer zerstört wurde. Wie muss man sich die Drehbedingungen in Jenin vorstellen?
Die Israelis rechnen Jenin zu einer Keimzelle für Terroristen und Selbstmordattentäter der Hamas zählen. Alle Menschen, die wir in Israel getroffen haben, hatten uns gewarnt dort hinzugehen. Zwischen Vermutungen und der Wirklichkeit klafft eine große Lücke, denn es war völlig ungefährlich. Das musste ich aber auch erst lernen.

Hatten Sie nie Angst?
Doch, natürlich. Vor allem wegen der vielen Geschichten, die ich zuvor gehört hatte. Ich hatte mit meinem Leben irgendwie abgeschlossen, eine Entführung schien im Bereich des Möglichen. Die Angst wich aber immer mehr. Verloren gegangen ist sie dann bei der Begegnung mit dem Anführer der palästinensischen Al-Aqsa-Brigaden. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt, bewaffnet, mutig. Aber es war ein junger Mann mit einem zerschundenen Gesicht, der in Jeans da saß. Er erzählte mir von den Zerstörungen von 2002, und ich musste erkennen: Die als ethisch sauber bezeichnete israelische Armee verdient diesen Ruf nicht.

Die Entscheidung für die Organspende ist eine Geste des Friedens. Ist Ismael ein Held?
Ich glaube nicht, dass er der eigentliche Held des Filmes ist. Es gibt viele Helden. Angefangen vom Krankenpfleger Raymund im Krankenhaus von Haifa, der Ismael überredet hat, die Organe zu spenden, über den Mufti bis zum Anführer der Al-Aqsa-Brigaden, die beide zu den Organspenden „Ja“ gesagt haben. Ismael ist ein ganz normaler Mensch, eher zurückhaltend. Der Film hat viel bewirkt bei ihm. Einmal hat er gesagt: „Der Film ist wie ein Fenster, durch das ich meinen eigenen Sohn sehe.“

Die Schlüsselszene scheint die Begegnung mit dem orthodoxen Juden Jakob Levinson zu sein, den Ismael besucht.
Ich habe die Szene von außen verfolgt, nur der Kameramann und der Tonmann waren dabei. Da sind zwei Welten aufeinander getroffen und doch hat es – zwischen viel Schweigen – eine gewisse Annäherung gegeben. Der Jude Jakob Levinson hatte bei der Operation seiner Tochter gesagt, dass es ihm lieber wäre, wenn das Organ von einem jüdischen Kind stammen würde. Die Vorbehalte auf beiden Seiten waren also sehr groß und fast wäre es nicht zu diesem Treffen gekommen. Trotzdem kam es zu einer Entschuldigung von Levinson. Ein wenig sind die Vorurteile also revidiert worden.


 

Marcus Vetter, 1967 in Stuttgart geboren, ist seit 1994 als freier Redakteur und Dokumentarfilmer beim SDR und SWR tätig. Seine autobiografische Filmdokumentation Mein Vater, der Türke erhielt 2006 den Prix Europa für Dokumentarfilme. Für die Filme Der Tunnel (2000) und Wo das Geld wächst die EM. TV-Story (2001) bekam er den Adolf-Grimme-Preis.

10:35 06.05.2009

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