Ich war ein „Nichtnuts“ von Sohn

Buch der Woche Noch im hohen Alter sorgte sich die Mutter, ob aus ihrem Sohn etwas wird. Er war ein schlechter Schüler, Legastheniker, blieb ständig sitzen. Heute ist Daniel Pennac ein gefeierter Schriftsteller

Buch der Woche:

SchulkummervonDaniel Pennac


Leseprobe

Beginnen wir mit dem Epilog: mit meiner beinahe hundertjährigen Mama, die sich einen Film über einen Autor anschaut, den sie gut kennt. Umgeben von seinen Büchern ist der Autor in seiner Bibliothek in Paris zu sehen, die auch sein Arbeitszimmer ist. Das Fenster geht auf einen Schulhof hinaus. Pausenlärm. Der Zuschauer erfährt, dass der Autor ein Vierteljahrhundert lang Lehrer war und er sich diese an zwei Pausenhöfe grenzende Wohnung ein bisschen wie ein Bahner ausgesucht hat, der seinen Alterssitz über einem Rangierbahnhof wählt. Dann sieht man den Autor in Spanien und Italien, wo er mit seinen Übersetzern diskutiert und mit venezianischen Freunden scherzt, als Nächstes auf dem Hochplateau des Vercors, wo er allein durch die Gebirgsnebel wandert und über seinen Beruf spricht, über Sprache und Stil, über die Struktur von Romanen und fiktionale Gestalten … Ein zweites Arbeitszimmer, diesmal mit prächtigem Blick auf die Alpen. In diese Szenen eingeschnitten sind Interviews mit Künstlern, die der Autor bewundert und die wiederum von ihrer Arbeit sprechen: der Filmemacher und Schriftsteller Dai Sijie, der Zeichner Sempé, der Sänger Thomas Fersen und der Maler Jürg Kreienbühl.

Mama ist fast hundert Jahre alt und immer noch skeptisch

Zuletzt wieder Paris: der Autor sitzt jetzt vor seinem Computer. Inmitten von Nachschlagewerken. Seine Leidenschaft, wie er sagt. Der Zuschauer erfährt noch – und damit endet der Film –, dass der Autor in ein solches Nachschlagewerk, den Robert, aufgenommen worden ist, unter dem Buchstaben P, P wie Pennac, dass aber sein richtiger Name Pennacchioni lautet, Daniel Pennacchioni.

Mama schaut sich also diesen Film an, neben ihr mein Bruder Bernard, der ihn für sie aufgenommen hat. Sie schaut sich den Film an, von der ersten bis zur letzten Minute, mit unverwandtem Blick, reglos in ihrem Sessel, mucksmäuschenstill, während es draußen Abend wird.

Ende des Films.

Abspann.

Stille.

Dann, während sie sich langsam zu Bernard hindreht:

„Glaubst du, dass er es eines Tages schafft?“

Ich war nämlich ein schlechter Schüler, und davon hat sie sich nie ganz erholt. Heute, da ihr hochbetagtes Bewusstsein sich allmählich von den Gestaden der Gegenwart zurückzieht, um ferne Gedächtnisarchipele zu umspülen, erinnern sie die ersten Riffe, die zum Vorschein kommen, an diese Furcht, die sie während meiner ganzen Schulzeit nicht verlassen hat.

Sie heftet ihren bangen Blick auf mich und fragt langsam:

„Und was machst du so, im Leben?“

Sehr früh schon hielt sie meine Zukunft für so bedroht, dass sie nie ganz ruhig war, was meine Gegenwart betraf. Da es nicht schien, als würde je etwas aus mir, glaubte sie nicht, dass ich mich halten konnte. Ich war und blieb ihr Sorgenkind. Auch wenn sie seit jenem September des Jahres 1969, als ich zum ersten Mal als Lehrer vor einer Klasse stand, wusste, dass ich die Kurve gekriegt hatte, widerstand ihre Sorge in den folgenden Jahrzehnten (also all die Jahre meines ­Erwachsenenlebens hindurch) doch insgeheim allen „Erfolgsnachweisen“, die ihr meine Anrufe, Briefe, ­Besuche, die veröffentlichten Bücher, die über mich erscheinenden Zeitungsporträts oder meine Fernsehauftritte lieferten. Weder die Stabilität meiner beruflichen Existenz noch die Anerkennung meiner literarischen Arbeit und auch nicht all die Dinge, die ihr andere über mich erzählten oder die sie in der Presse lesen konnte, vermochten sie ganz zu beruhigen. Sie freute sich natürlich über meine Erfolge, sie sprach mit Freunden darüber, sagte, dass diese Erfolge meinen Vater, der sie nicht mehr erlebt hat, glücklich gemacht hätten, doch in ihrem Herzen blieb die Unruhe, die der schlechte Schüler der Anfänge hatte darin aufkeimen lassen. So drückte sich ihre mütterliche Liebe aus; wenn ich sie mit den Wonnen aufzog, die mütterliche Besorgtheit einem bereiten können, antwortete sie mit einem wunderbaren Scherz à la Woody Allen:

„Was soll man machen, nicht jede Jüdin wird eines Tages Mutter, aber jede Mutter ist Jüdin.“

Und heute, da meine alte jüdische Mutter nicht mehr ganz in der Gegenwart lebt, liegt diese Sorge wieder in ihrem Blick, wenn sie ihn auf ihren Jüngsten von sechzig Jahren richtet. Eine Sorge, die wohl an Heftigkeit verloren hat, eine gleichsam fossile Furcht, die nur noch die Gewohnheit ihrer selbst ist, aber doch lebendig genug, um Mama, wenn ich fortgehe, ihre Hand auf die meine legen zu lassen und zu fragen:

„Eine Wohnung hast du aber, in Paris?“

Ich war also ein schlechter Schüler. Die ganze Kindheit hindurch verfolgte mich die Schule noch bis in die Abende hinein. Meine Hefte waren voll vom Tadel meiner Lehrer. Wenn ich einmal nicht der Klassenletzte war, dann war ich der Vorletzte (Champagner!). Nicht nur blieben mir zunächst das Rechnen, später die Mathematik verschlossen, ich war auch schwer legasthenisch, außerstande, mir historische Daten oder geografische Namen zu merken, und ebenso unzugänglich für fremde Sprachen, ich galt als faul (nicht gelernte Lektionen, nicht gemachte Aufgaben) und brachte jämmerliche Noten nach Hause, die weder Musik oder Sport noch irgendeine außerschulische Aktivität wettmachen konnte.

„Begreifst du das? Begreifst du überhaupt, was ich dir erkläre?“

Ich begriff es nicht. Diese mangelnde Auffassungsgabe reichte so weit ins Dunkel meiner Kindheit zurück, dass in meiner Familie eine Legende entstanden war, wann alles begonnen hatte: mit dem Alphabet. Immer wieder wurde erzählt, es habe ein volles Jahr gedauert, bis ich den Buchstaben a behalten hätte. Das A, die Sache eines Jahres. Die Wüste meines Nichtwissens begann auf der unüberschreitbaren Schwelle zum B.

„Keine Panik, in 26 Jahren beherrscht er das Alphabet tadellos.“

So witzelte mein Vater, um seine eigenen Befürchtungen zu zerstreuen. Jahre später, als ich bei einem meiner Anläufe zum Abitur, das mir einfach nicht glücken wollte, die Terminale wiederholte, sagte er:

„Mach dir keine Sorgen, mit der Zeit eignet man sich selbst bei den Abiturprüfungen bestimmte Automatismen an …“

Oder im September 1968, als ich endlich meinen Studienabschluss hatte:

„Wenn es dafür einer Revolution bedurfte, müssen wir uns dann für die Agrégation auf einen Weltkrieg einstellen?“

Hinter diesen Äußerungen steckte keine besondere Boshaftigkeit. Sie waren unsere verschworenen Augenblicke. Mein Vater und ich, wir haben uns ziemlich bald fürs Lachen entschieden.

Aber zurück zu meinen Anfängen. Jüngster von vier Geschwistern, war ich ein Sonderfall. Meine Eltern hatten bei meinen Brüdern nicht üben können, deren Schullaufbahn zwar nicht glänzend, aber doch glatt vonstatten ging.

Ich dagegen war ein Gegenstand der Verwunderung, und zwar der permanenten, denn die Jahre gingen ins Land, ohne dass sich an meinem Schulschwachsinn etwas änderte. „Es verschlägt mir die Sprache“, „Ich kann es nicht fassen“ sind meinem Ohr vertraute Äußerungen zweier Erwachsener, in deren Augen ich sehen konnte, wie sich ungläubiges Staunen über meine mangelnde Auffassungsgabe ausbreitete.

Offenbar begriffen alle die Dinge schneller als ich.

„Du bist wirklich schwer von Kapee!“

Eines Nachmittags während meines Abiturjahres (während eines meiner Abiturjahre) gab mein Vater mir in unserem Bibliothekszimmer Nachhilfe in Trigonometrie, als unser Hund sich in das Bett schlich, das hinter uns stand. Er wurde ertappt und scharf des Bettes verwiesen:

„Raus, Hund, ab auf deinen Sessel!“

Fünf Minuten später lag er wieder drin. Er war allerdings so klug gewesen, die alte Decke herbeizuschleifen, die über seinem Sessel lag, und sich auf ihr auszustrecken. Allgemeine Bewunderung, versteht sich – berechtigterweise: Dass ein Tier ein Verbot mit dem abstrakten Begriff von Sauberkeit zusammenbringen und daraus ableiten konnte, es müsse sein Lager bereiten, wer sich ins gemachte Bett legen will, Hut ab, das war eine echte Denkleistung! Über diesen Vorfall wurde in unserer Familie noch jahrzehntelang gesprochen. Ich persönlich zog daraus die Lehre, dass selbst der Hund des Hauses schneller schaltete als ich. Ich glaube, ich flüsterte ihm sogar ins Ohr: „Morgen gehst du in die Schule, du Arschkriecher.“...

„Liebe Mama, ich bin nicht intelligent und fleißich genug“

Auf der Suche nach meinen Schul- und Universitätszeugnissen stöbere ich im Wust alter Papiere und stoße auf einen Brief, den meine Mutter aufgehoben hat. Er stammt vom Februar 1959.

Damals war ich vierzehn Jahre und drei Monate alt. Ich war in der Quatrième und schrieb ihr aus meinem ersten Internat:

Liebe Mama,

auch ich habe meine Noten gesehen, ich bin ganz geknickt, es kozt (sic) einen an, wenn du zwei Stundenlang (sic) pausenlos lernst und dann bekommst du einen Punkt in algebra (sic), wo du gedacht hast (Komma!) es war gut. Da kann man schon niedergeschlagen sein, außer dem (sic) habe ich alles sausen lassen um meine Prüfungen vorzubereiten, und meine fünf (sic) in fleis (sic) liegt sicher an der Widerholung (sic) für die geoprüfung (sic) in der Mathestunde

(usw.)

Ich bin nicht intelligent und fleißich (sic) genug um weiterzumachen. Es interessiert mich nicht, ich kriege Kopfschmerzen vor lauter lernerei (sic), in Englisch steige ich nicht durch, Algebra verstehe ich nicht (Komma!) in Rechtschreibung bin ich eine Null, bleibt ja nicht mehr fiel (sic).

Marie-Thé, Frisörin in unserem Dorf La Colle-sur-Loup und seit meiner frühesten Kindheit meine ältere Freundin, hat mir kürzlich gestanden, dass meine Mutter ihr damals unter der Trockenhaube ihr Herz ausgeschüttet habe, sie habe erzählt, dass meine Zukunft ihr Sorgen bereite, aber es erleichtere sie ein wenig, dass meine drei Brüder ihr versprochen hätten, sich um mich zu kümmern, wenn sie und mein Vater einmal nicht mehr wären.

In demselben Brief schrieb ich auch: „Ihr habt drei kluge Söhne, die sich auf den hosenboten (sic) setzen … und einen Versager, einen Nichtnuts (sic) …“ Woran sich eine vergleichende Untersuchung meiner Leistungen und der meiner Brüder anschloss sowie die inständige Bitte, mit diesem Herumgekrebse Schluss zu machen, mich aus der Schule zu nehmen und „in die Kolonien“ zu schicken (in guter Familientradition: Vater Berufssoldat), „in ein kleines Dorf, wo der eintzige ort (sic und nochmals sic) wäre (Komma!) wo ich klücklich (sic) werden könnte“ („glücklich“ und „einzig“ zweimal unterstrichen). Alles in allem ein Exil am anderen Ende der Welt, der Notlösungstraum, ein Fluchtplan à la Bardamu, ersonnen von dem Sohn eines Militärs...

Während ich diese Zeilen schreibe, beginnt allmählich die Zeit der Hilferufe. Von März an klingelt mein Telefon öfter als sonst: niedergeschlagene Freunde, die eine neue Schule für ihr Kind suchen, das nicht lernen will, verzweifelte Verwandte, die nach dem x-ten Rauswurf den x-ten Anlauf machen, ihren Spross unterzukriegen, Nachbarn, die sich fragen, ob es etwas bringt, wenn ihr Kind die Klasse wiederholt, Fremde, die mich freilich kennen und meine Nummer von dem und dem haben...

Meist kommen die Anrufe abends nach dem Essen, zur Stunde der Verzweiflung. Und meist rufen die Mütter an. Selten die Väter, die treten später in Erscheinung – wenn sie in Erscheinung treten –, aber am Anfang, beim ersten Mal, ist es praktisch immer die Mutter, die anruft, und fast immer des Sohnes wegen. Die Töchter scheinen braver zu sein.

Man ist als Mutter allein zu Hause, hat rasch einen Bissen gegessen, den Abwasch nicht angerührt, das Zeugnis des Jungen liegt vor einem auf dem Tisch, dieses Jungen, der sich in sein Zimmer eingeschlossen hat und vor der Spielkonsole hockt, wenn er nicht, trotz eines zaghaft ausgesprochenen Verbots, mit seiner Clique um die Häuser zieht … Man ist allein, die Hand liegt auf dem Telefon, man zögert. Schon wieder den Fall des Sohnes schildern, schon wieder alle Etappen seines Scheiterns rekapitulieren, ach, mein Gott, es hängt einem zum Hals heraus … Und die Aussicht auf den bevorstehenden Ärger: von Neuem die Schulen abklappern, die ihn noch nehmen könnten … im Büro, im Geschäft einen Tag Urlaub beantragen … die Schulleitung aufsuchen … im Sekretariat abgewimmelt werden … Formulare ausfüllen … auf die Antwort warten … Gespräche … mit dem Sohn, ohne ihn … Tests … auf die Ergebnisse warten … Informationsmaterial … die Unsicherheit, ob wohl diese Schule oder die andere die bessere ist (denn was die Schule betrifft, so stellt sich die Frage ihrer Qualität auf der obersten Sprosse der Leiter wie im tiefsten Keller, die beste Schule für die besten Schüler und die beste Schule für die baden gegangenen Schüler, das ist der Knackpunkt …). Zuletzt ruft man an, entschuldigt sich wegen der Störung, ich kann mir denken, wie sehr Sie belagert werden, aber da ist nun mal mein Junge, und ich weiß wirklich nicht mehr weiter …

Lehrer, meine Brüder, ich bitte euch inständig: Denkt an eure Kollegen, wenn ihr in der Stille des Lehrerzimmers ins Zeugnis schreibt, dass „das dritte Trimester entscheidend sein wird“! Mein Telefon klingelt stante pede:

„Das dritte Trimester, dass ich nicht lache! Die haben doch längst entschieden!“

„Das dritte Trimester, das dritte Trimester! So eine Drohung lässt den Jungen absolut kalt, der ist noch in keinem Trimester mit halbwegs akzeptablen Noten nach Hause gekommen!“

„Das dritte Trimester … Wie soll er denn in der kurzen Zeit irgendwas aufholen? Die wissen doch genau, dass bei all den Ferien ihr drittes Trimester ein Schweizer Käse ist.“

„Diesmal lege ich Widerspruch ein, wenn sie ihn nicht versetzen!“

„Jedenfalls muss man sich heutzutage immer früher um eine neue Penne kümmern …“

Und so geht es bis Ende Juni, bis sich herausstellt, dass das dritte Trimester tatsächlich entscheidend gewesen ist, dass der Sprössling sitzen bleibt und es in der Tat zu spät ist, eine neue Schule zu suchen, weil alle anderen Eltern sich früher darum gekümmert haben, aber was wollen Sie, wir haben bis zum Schluss gehofft, wir haben uns gesagt, dass der Junge vielleicht diesmal kapiert, worum es geht, er hat sich auch wirklich zusammengerissen, doch, doch, wenn ich es Ihnen sage, er hat sich in diesem Trimester angestrengt, hat auch wesentlich weniger gefehlt …

Da ist die Mutter, die ganz verloren ist, erschöpft vom Abrutschen ihres Kindes, und die mutmaßlichen Folgen familiärer Katastrophen ins Feld führt: unsere Trennung hat ihn … seit dem Tod seines Vaters ist er nicht mehr … Und die Mutter, deren Freundinnen (mit Kindern, bei denen alles flutscht) demütigende Ratschläge erteilen oder, schlimmer noch, dem Thema mit schon an Beleidigung grenzendem Takt ausweichen … Da ist die wütende Mutter, die eisern glaubt, dass ihr Kind von Anfang an das unschuldige Opfer einer fächerübergreifenden Lehrerverschwörung ist, das hat sehr früh angefangen, wissen Sie, schon in der École maternelle, da hatte er eine Lehrerin, die … und in der Grundschule ging’s weiter, sein erster Klassenlehrer dort, ein Mann, war noch schlimmer, und in der Quatrième, da hat ihm doch sein Französischlehrer … Oder die Mutter, die nicht gegen Personen wettert, sondern gegen die Gesellschaft, die sich auflöst, gegen die Institution, die im Niedergang begriffen ist, gegen das System, das den Bach runtergeht, kurzum, gegen die Wirklichkeit, die ihrem Traum nicht gleichen will … Oder die Mutter, die auf ihr Kind wütend ist: dieser Junge, der alles hat und nichts tut, der nichts tut und nur immer haben will, für den wir alles gemacht haben und der nie … nicht einmal, sag ich Ihnen, nicht einmal! Da ist die Mutter, die das ganze Jahr über keinen einzigen Lehrer aufgesucht hat, und die andere, die allen auf den Leib gerückt ist …

Manchmal ist die Lösung ganz einfach: abwarten

Oder die Mutter, die nur anruft, damit man ihr auch dieses Jahr wieder einen Sohn vom Hals schafft, über den sie bis zum nächsten Jahr, selber Tag, selbe Uhrzeit, selber Anruf, nichts mehr hören will, was sie offen ausspricht: „Nächstes Jahr sehen wir weiter, im Moment muss nur eine Schule für ihn gefunden werden.“ Da ist die Mutter, die Angst vor der Reaktion des Vaters hat: „Diesmal wird es mein Mann nicht mehr hinnehmen“ (besagter Mann hat bisher kaum ein Zeugnis zu Gesicht bekommen) … Und die Mutter, die diesen Sohn nicht versteht, der so anders ist als der andere, und die sich alle Mühe gibt, ihn dennoch genauso zu lieben und für beide dieselbe Mutter zu bleiben. Oder aber die Mutter, die ihn, ob sie will oder nicht, bevorzugt („Aber ich tue doch alles für ihn“), zum Leidwesen der Geschwister natürlich, und die kein Mittel, das helfen könnte, unversucht gelassen hat: Sport, Psychologie, Logopädie, Autogenes Training, Yoga, Vitaminkur, Homöopathie, Familien- oder Einzeltherapie … Da ist die in Psychologie bewanderte Mutter, die für alles eine Erklärung hat und sich wundert, dass nie für irgendetwas eine Lösung gefunden wird, sie ist die Einzige auf der Welt, die ihren Sohn, ihre Tochter und die Freunde ihres Sohnes beziehungsweise ihrer Tochter versteht, und da sie mental dauerjung ist („Man muss doch jung bleiben, oder?“), wundert sie sich auch darüber, dass um sie her alle so alt geworden sind und die Jugend nicht mehr verstehen. Und da ist die Mutter, die weint, die anruft und still vor sich hin weint, und sich entschuldigt, dass sie weint … eine Mischung aus Kummer, Sorge und Scham … Eigentlich schämen sich alle Mütter ein wenig, und alle machen sie sich Sorgen um die Zukunft ihres Kindes: „Was soll bloß aus ihm werden?“ Die meisten dieser Mütter stellen sich das, was werden wird, als ein Bild der Gegenwart vor, projiziert auf die panikmachende Leinwand der Zukunft. Die Zukunft als Wand, auf der sich die ins Gigantische vergrößerten Bilder einer perspektivlosen Gegenwart abbilden – das ist es, wovor die Mütter Angst haben!...

Dann ist da der verärgerte Vater, der mir kategorisch erklärt: „Meinem Sohn fehlt es an Reife.“

Dieser Vater ist ein junger Mann, der mir in den lotrechten Linien seines Anzugs mit durchgedrücktem Rücken korrekt gegenübersitzt. Seinem Sohn fehlt es an Reife. Gesagt ohne jede Einleitung. Und als Feststellung, die zu keiner Frage, keinem Kommentar auffordert. Eine Lösung will er, und basta. Trotzdem frage ich nach dem Alter des Sohnes.

Er:

„Schon elf.“

An diesem Tag bin ich nicht in Form. Vielleicht schlecht geschlafen. Ich stütze meine Stirn in beide Hände. Schließlich erkläre ich, unfehlbar wie Rasputin:

„Ich habe die Lösung.“

Er zieht eine Braue hoch, sieht mich befriedigt an. Schön, zwei Spezialisten unter sich. Und, wie lautet die Lösung?

Ich sage sie ihm:

„Warten Sie ab.“

Damit ist unser Gespräch praktisch am Ende. Er ist nicht zufrieden.

„Der Junge kann doch nicht ewig spielen!“

Am darauffolgenden Tag begegne ich diesem Vater auf der Straße. Derselbe Anzug, dieselbe Straffheit, derselbe Aktenkoffer.

Aber er bewegt sich auf einem Tretroller fort.

Ich schwöre, das ist Wahrheit...

© 2009 by Verlag Kiepenheuer Witsch, Köln

Daniel Pennac, geboren 1944 in Casablanca, lebt in Paris. Über zwei Jahrzehnte arbeitete er als Lehrer. Pennac hat auch Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht sowie einen Band mit eigenen Zeichnungen. Für erhielt er 2007 den Prix Renaudot. Das Buch ist im Februar 2009 erschienen

Daniel Pennac Aus dem Französischen von Eveline Passet. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 18,95

12:20 27.08.2009
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