„Ich war ein Wirtschaftswunder“

Interview Mit ihren Filmen, Texten und Politaktionen kämpft Helke Sander seit jeher für den Feminismus. Eine Begegnung zu ihrem 80. Geburtstag
Frank Breitenreiter | Ausgabe 04/2017 1

Im Filmhaus am Potsdamer Platz treffe ich die Filmemacherin und Autorin Helke Sander – erstmals nach fast 20 Jahren. In den 1990er Jahren studierte ich Film bei ihr, an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Sander hat stets Tabus gebrochen, „als Regisseurin, Feministin und Mutter“, wie Ulrike Baureithel es im Freitag einmal formulierte. Kommende Woche, am 31. Januar, wird Sander 80 Jahre alt. Im Vorgespräch am Telefon fragte ich sie, ob wir verschiedene Aspekte ihrer Biografie beleuchten könnten, Aspekte, die ihr Werk prägen. Sie reagierte mit der ihr ureigenen Mischung aus distanzierter Professionalität und Herzlichkeit, wir knüpften an das alte Du an, und meine Nervosität verflog. Im Filmhaus setzen wir uns dann in einen kleinen Vorführraum. Es ist dunkel, in der Ecke ein alter Schneidetisch, nebenan sichtet ein Student einen DEFA-Film. Tür zu. Licht an.

der Freitag: Liebe Helke, du hast mal erzählt, dass dein Vater nach der Hochzeitsnacht mit einem Frühstückstablett ans Bett deiner Mutter kam und sie sich so darüber gefreut habe, dass dein Vater sagte: „So ein Frühstück will ich ab jetzt jeden Morgen haben“.

Helke Sander: Oje, das habe ich im Seminar erzählt? Aber es stimmt, ja, das hat er gesagt. Ich sagte dann später einmal zu ihm: „Die Neue Frauenbewegung haben wir dir zu verdanken.“

Du hast Schauspiel in Hamburg studiert und bist 1959 nach Finnland gezogen, wo du Inszenierungen etwa für finnische Arbeitertheater gemacht hast und für den ersten kommerziellen finnischen Fernsehsender. Warum kamst du 1965 nach Deutschland zurück?

Das hatte viel mit den Produktionsbedingungen beim Fernsehen zu tun: Die Probenzeit war immer nur drei Wochen, die Aufnahmen fast live. Die Kamerapositionen mussten immer gleich genau mitchoreografiert werden, damit bei den Aufnahmen alles klappt. So mochte ich nicht länger arbeiten. Ich war eben auch noch sehr jung, wollte noch mal woandershin.

Und gingst nach Berlin.

In Berlin hatte ich anfangs den Plan, ein eigenes Theater zu gründen. Ich bin dann erst mal durch die Bundesrepublik gereist und habe mir verschiedene Theatergeschichten angesehen. Das hat mich deprimiert. Ich begriff, dass das Theater in Finnland viel offener war als das deutsche, viel experimentierfreudiger. Bei Treffen mit Intendanten wurde ich immer auf die Frau reduziert – das war ein Schock. Als Frau könne man männlichen Schauspielern ja nicht sagen, was man zu sagen habe. Es hieß mit leicht ironischem Unterton: „Ah, die Regisseuse kommt.“ Es war herabsetzend gemeint.

Die Tatsache, dass der Mann das Auto fuhr und die Frau danebensaß, um befördert zu werden, ließ sich damals auf alles übertragen. Das ist eine Bemerkung von dir, die ich mir gemerkt habe.

Ja, so drückte ich das mal aus.

1966 öffnete die Deutsche Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin. Du warst im ersten Jahrgang eine von drei Frauen, die aufgenommen wurden.

Die Frauen, die als erste an der Filmakademie aufgenommen wurden, waren ganz einfach jene, die die meiste Berufserfahrung vorweisen konnten. Wir drei waren auch alle älter. Mir ist dann später eingefallen, dass ich mich auch gleich als Lehrerin hätte bewerben können, ich hatte damals ja schon so viel gemacht. Nun war ich also Studentin, aber auch Mutter und hatte ein Kind zu versorgen. Und es gab kein Stipendium und auch noch kein Kindergeld.

Wenn ich dich noch einmal zitieren darf: In der Wirtschaftswunderzeit der BRD …

… betrachtete ich mich als das Wirtschaftswunder, weil es mir immer wieder gelang, am nächsten Ersten wieder die Miete zu bezahlen.

Zur Person

Helke Sander wurde 1937 in Berlin geboren und hat ihren Kampf für den Feminismus immer mit ihrer künstlerischen Arbeit verknüpft. Sie war verheiratet mit dem finnischen Schriftsteller Markku Lahtela (1936–1980) und ist Mutter eines Sohns

Wann hast du dich politisiert?

Ich begann, regelmäßig Zeitungen zu lesen, und wir sind immer in Hearings, die abends an der Uni stattfanden. Man hat unglaublich viel erfahren, worüber man sich vorher keine Gedanken gemacht hatte. Das war progressiv, das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Im Sommer 1967 habe ich Zettel ans Schwarze Brett geheftet: Frauen mit Kindern, die auch die Veranstaltungen besuchen möchten, sollen sich melden, dass wir das organisieren können. Damals waren für die Kinder ausschließlich die Frauen verantwortlich, abends blieben sie zu Hause. Es gab dann nur eine Reaktion von einem Mann des SDS (des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, Anm. d. Red.), der daruntergeschrieben hatte: Haha, die Frauen emanzipieren sich wieder zu Tode. So entstanden dann aber die ersten Kinderläden, das war der Beginn des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen, den ich mitgründete. Wir wollten zeigen, dass Frauen eine gewisse Macht haben. Der Aktionsrat ging bis Mitte 1969. Das ging Hand in Hand mit dem, was auch andere linke Gruppen erlebten: Als realisiert wurde, dass es nicht so einfach ist, die Gesellschaft zu verändern, kam es zur Aufsplitterung. Bei den Frauen war es ähnlich.

Deine Wohngemeinschaft war damals eine Anlaufstelle für verschiedene linke Gruppierungen.

Ja, KPD/AO, Maoisten, Filmgruppen, die mit dem Knastalphabet …

Knastalphabet?

Genau genommen nur zwei Leute, die Klopfzeichen übten. Sie rechneten damit, als Revolutionäre ins Gefängnis zu kommen, und dann hätten sie sich auf diese Weise verständigen können. Albern. Einer von ihnen war der spätere RAF-Terrorist Holger Meins.

Stimmt es, dass dein Sohn beim Spielen im Flur mal eine Handgranate gefunden hat?

Das habe ich in meinem Film Der subjektive Faktor von 1981 behandelt, ja. Das war schlimm. Ich hatte gar nicht vorgehabt, in einer WG zu leben, es gab aber gar keine andere Möglichkeit. Die Makler haben gesagt, alleinstehenden Frauen mit Kindern vermieten wir nichts. Ich hatte ja auch kein Geld.

Interessant finde ich, dass du nach einer Ausbildung an der dffb hier weniger Arbeitsmöglichkeiten hattest als in Finnland.

Mit den ersten Kamerafrauen, die von der Hochschule kamen, wollte damals auch keiner arbeiten. Nurith Aviv, heute eine berühmte Kamerafrau, nur 1,56 Meter groß, musste sich am Anfang sagen lassen, dass sie ja nur aus der Froschperspektive filmen könne.

Um ein regelmäßiges Einkommen zu haben, hast du eine feministische Filmzeitschrift gegründet, „Frauen und Film“.

Eine blöde Idee. Nein, natürlich war es keine blöde Idee, es hat nur mal wieder überhaupt kein Geld gebracht. Die Zeitschrift gibt es übrigens immer noch, gerade ist die Nummer 68 erschienen.

1977 entstand dein Film „Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers“. Für den Kurzfilm „Nr. 1 – aus Berichten der Wach- und Patrouillendienste“ (siehe Videoausschnitt) bekamst du 1985 den Goldenen Bären und den Bundesfilmpreis in Silber. Später hast du zwei spannende Langzeitprojekte verfolgt: den Dokumentarfilm „BeFreier und Befreite“ über Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit. Und von Anfang der 1980er bis Ende der 1990er hast du an einem Gegenentwurf zu Jean-Jacques Annauds „Am Anfang war das Feuer“ gearbeitet.

„Das Schicksal schöner Männer“. Ein Film über die Urgeschichte des Menschen. Ich fand den Titel schön. Und habe später immer wieder Teile meiner Vorarbeiten für anderes benutzt, etwa für meine fiktive Erzählung Oh Lucy.

Die Mutter als soziales Wesen war wieder ein wichtiges Motiv?

Also, ich würde eher sagen: Die Frauen hatten schon in der Urzeit Probleme, die die Männer nicht hatten, und die Lösungsversuche der Frauen haben wesentlich zur Menschwerdung beigetragen. Davon handelt auch mein neues Buch. Ich will darin beweisen, dass es ursprünglich keine „natürliche“ Arbeitsteilung gegeben hat. Dass die beiden Geschlechter von Anfang an jeweils unterschiedliche Arbeiten verrichtet haben – das ist einfach nicht wahr. Die erste Arbeitsteilung gab es vermutlich zwischen Frauen. Ich meine auch bestimmen zu können, wann genau eine Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern eingesetzt haben muss. Davon handelt mein neues Buch, das im Februar kommt.

Wie betrachtest du die Frauenbewegung heute?

Es gibt Ansätze von Verbesserungen in den Bereichen, die wir Frauen einst erst erschlossen haben. Insgesamt werden wir es allerdings nicht so lange machen wie die Dinosaurier – damit meine ich aber die Menschheitsgeschichte und nicht die Gleichberechtigung.

Info

Die Entstehung der Geschlechterhierarchie als unbeabsichtigte Nebenwirkung sozialer Folgen der Gebärfähigkeit und des Fellverlusts Helke Sander E-Book, Zukunft & Gesellschaft 2017, 26,90 €

Eine Werkschau von Helke Sanders Filmen läuft von 5. Februar bis 19. März im Berliner Bundesplatz-Kino

Das Gespräch führte der freischaffende Dramaturg Frank Breitenreiter

09:45 31.01.2017

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