Ich war immer ein Herdplattenanfasser

Konstantin Wecker wird 60 Ein Gespräch mit dem Liedermacher über revolutionäre Greise, den Reiz des Pazifismus und die eigenen Kinder

FREITAG: Am 1. Juni feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Einen alt gewordenen Konstantin Wecker konnte man sich lange nicht vorstellen.
KONSTANTIN WECKER: Ich war immer ein Herdplattenanfasser. Ich habe nie Erfahrungen anderer getraut. Und das hat mich auch viele Schmerzen gekostet, keine Frage. Es gibt Leute, die wollen überhaupt nicht gefährlich leben. Ich glaube aber, die werden auch nicht viele Erfahrungen machen. Es gibt andere, die brauchen sie nicht zu machen, weil sie vielleicht schon mit einer großen Reife auf die Welt gekommen sind.

Was stört Sie am Altwerden?
Wenn man das Älterwerden, den Eintritt ins Seniorendasein, ganz ehrlich betrachtet, dann ist es erst mal einfach nur blöd. Es gibt ja diesen alten Aphorismus: "Die Erfahrung, die man im Alter gemacht hat, bräuchte man in der Jugend." Die einzige Konstante des Lebens ist, dass man selbst ständiger Veränderung unterworfen ist, dass man nichts festhalten kann. Unter diesem Aspekt kann man das Alter ertragen. Und auch eine neue Qualität des Lebens entdecken. Altern ist nur dann eine Niederlage, wenn man ein unrealistisches Menschenbild hat.

Das Altern ist auch ein kollektives, soziales Phänomen.
Das, was derzeit in der Gesellschaft mit den Senioren passiert, halte ich für einen großen Betrug. Es wird ihnen dauernd suggeriert, dass sie sich jünger machen sollen, und das muss schief gehen. Ein 60-Jähriger, der mit einem 40-Jährigen um Jugend konkurriert, verliert, auch wenn er sich knappe Höschen anzieht und Bodybuilding macht. Die große Chance des Alters liegt in der Entwicklung des Bewusstseins, garantiert nicht in der Verjüngung des Körpers und im Wegschnipseln von Gesichtszügen. Man kann seine Zipperlein noch ein paar Jahre rauszögern durch ein gesundes Leben, gewiss. Aber wie sagt Gottfried Benn so schön: "Auch ein gesundes Leben führt zu einem kranken Tod".

Sie haben bei einer Bühnenansage einmal geäußert, das eigentliche revolutionäre Potenzial unserer Zeit liege bei den Greisen.
Einfach deshalb, weil es immer mehr Rentner geben wird. Diese alten Menschen wollen auch leben. Und sie haben bestimmte Erfahrungen damit gemacht, dass man sich wehren kann. Sie wissen, wie hanebüchen eigentlich jede Form von Politik ist. In Deutschland hat es sicher auch mit der 68er-Generation zu tun. Derzeit wird ja bewusst verlogen mit diesem Thema umgegangen, weil die Neokonservativen sich in einer Vormachtstellung befinden. Sie führen Jubeltänze auf und merken, dass sie ihre ewig gestrigen Ansichten überall verbreiten können. Unter dieses Raster fällt natürlich die Generation, die ihnen damals Ärger bereitet hat. Es war nicht angenehm, in den siebziger Jahren ausschließlich konservativ zu sein. Ich sage das, obwohl ich glaube, dass ein gewisser Konservatismus notwendig ist. Mit meiner Liebe zu Puccini und Eichendorff etwa gehöre ich nicht gerade zur Avantgarde. Kunst braucht etwas Bewahrendes, aber sie braucht ebenso etwas Rebellisches.

Warum ist es so wichtig, ein Revoluzzer zu sein?
Ich glaube, wenn man nicht bereit ist, revolutionär zu sein, dann geht das Leben an einem vorbei. Ich habe neulich mit einer sehr klugen Dame gestritten, die sagte: "Aber Revolution trägt doch in sich immer Waffengewalt. Französische Revolution, Guillotine, Mord und Totschlag." Ich sehe das nicht so. Ich will mir auch dieses Wort - ähnlich wie Pazifismus - nicht rauben lassen durch seine Ausartungen. Es gibt, wie wir wissen, auch friedliche Revolutionen. Revolution bedeutet Umwälzung, in der Lage zu sein, in erster Linie sich selbst und sein Leben immer wieder radikal zu verändern.

Zum Thema Pazifismus haben Sie im Dezember eine Konferenz in Tübingen organisiert. Sie wollen diesen Begriff wieder beleben. Warum?
In erster Linie, weil ich mich daran störe, dass selbst die größten Kriegstreiber immer wieder sagen, dass sie für den Frieden sind. Frieden scheint etwas sehr Inflationäres zu sein. Niemand sagt, er wolle einen andauernden Kriegszustand. Kriege werden immer gerechtfertigt mit einem Frieden nach dem Endsieg. Die Geschichte zeigt, dass das nie funktioniert hat. Pazifismus hingegen ist eine eindeutige Haltung, die den "Frieden machen" will, wie das Wort sagt - ohne kriegerische Handlungen.

Wie reagieren andere Menschen auf Ihr Bekenntnis zum Pazifismus?
Ich habe festgestellt, dass ich damit Diskussionen auslöse. Das Wort reizt zum Widerspruch, und das wiederum hat mich gereizt, mich als Pazifisten zu bezeichnen. Mir ist aufgefallen, dass Leute, die sich aktiv in der Friedensbewegung engagieren, kein Problem damit haben, sich als Pazifisten zu verstehen. Sie merken ja an sich selbst, dass Pazifismus etwas Tätiges ist, dass es also nicht einfach das Warten auf friedlichere Zeiten bedeutet. Menschen, die sich als Pazifisten aktiv in Krisengebieten eingebracht haben, sind gewiss mutiger als diejenigen, die hinter dem Schreibtisch und in den Medien versuchen, die Leute auf Kriege vorzubereiten.

Ihre neue Autobiografie heißt "Die Kunst des Scheiterns". Wie kam´s zu dem Titel?
Es scheint mir wenig hilfreich, auf das eigene Leben als eine Reihe von Erfolgen zurückzublicken, zumal ein solcher Rückblick nie frei von Selbsttäuschung ist. Psychologen haben neuerdings die menschliche Fähigkeit zur Selbstbewertung eingehend untersucht und dabei festgestellt, dass unsere Fähigkeit zur Selbsterkenntnis sehr bescheiden ist. Kaum jemand ist wirklich in der Lage, ein realistisches Porträt seiner eigenen Persönlichkeit zu zeichnen. Es scheint, als ob die mangelnde Einsicht ins eigene Ich, ein Strukturfehler unserer Wahrnehmung ist. Das Hauptproblem ist die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Also habe ich, um diese Gefahr der Überschätzung zu umschiffen, versucht, meine Biografie anhand der erlittenen Misserfolge und Niederlagen zu betrachten. Und oft sind Niederlagen ja auch, in einem größeren Zeitrahmen betrachtet, der Beginn einer längst fälligen Verwandlung, die einzige Chance zur Einsicht und zum Innehalten in einem Prozess der Entfremdung.

Und warum ist Scheitern eine Kunst?
Ich gebe keine Ratschläge, aber ich glaube, die Kunst besteht einzig und allein darin, sich sein Scheitern zuzugestehen. Es gibt bei ehrlicher Betrachtung meines Lebens selten Momente, in denen ich mich zurücklehne und vergangene Erfolge genussvoll wieder in mir auftauchen lasse. Neulich habe ich in der Zeitung etwas über die ermordete Besitzerin eines Parkhauses in München gelesen. In der Presse hieß es, sie hätte alles gehabt, was ein Mensch sich wünschen kann: prominente Freunde, einen Mercedes-Cabrio, ein Luxusappartement und eine Yacht. Da wurde mir wieder einmal klar, wie diese Gesellschaft tickt. Wenn ich mich an Erfolge in meinem Leben erinnern will, dann muss ich sie in meiner Biografie nachlesen. Dann denke ich: Stimmt, da war das Konzert, das war ja wirklich schön. Aber das ist nichts, was mir wirklich bleibend in Erinnerung ist. Wenn ich dagegen an meine Gefängniszeit denke, wenn ich an bestimmte peinliche Situationen in meinem Leben denke, dann stehen die plastisch vor mir wie in einem 3-D-Kino mit Geschmack, Geruch und allem Drum und Dran.

Und warum ist das so?
Weil ich mir in den schwierigsten Situationen meines Lebens am nächsten war. Man muss einmal erlebt haben, wie es ist, in einer so aussichtslosen Situation zu sein. Nach meiner Verhaftung wegen Drogenbesitzes 1995 fühlte ich mich nicht nur von meinem alten Ich verlassen, sondern auch von vielen Menschen, von Freunden. Die Presse deklarierte mein Leben als "verpfuscht", Comedians bewitzelten mich ein Jahr lang. Ich hatte eigentlich nichts mehr, keinen Ruf, kein Geld, und auch meine Gesundheit war desolat. Und da merkte ich, dass es einen inneren Frieden gibt, der in so einer Situation erst wirklich spürbar wird: Ich brauche das alles ja gar nicht. In den Momenten, in denen ich alles hatte, was man sich laut diesem Zeitungsartikel wünschen kann, da hatte ich diesen inneren Frieden nicht. Man muss das selbst erfahren haben, dass in den aussichtslosesten Momenten plötzlich etwas da ist, was einen hält.

Man stellt sich Konstantin Wecker immer als einen antiautoritären Vater vor, zumindest wenn man von den Aussagen Ihrer Lieder ausgeht. Ist das so?
Antiautoritäre Erziehung hat nichts mit Laissez-faire zu tun hat. Sie ist der Gegenpol zur Jahrhunderte lang gepflegten schwarzen Pädagogik. Antiautoritäre Erziehung heißt für mich, ein Kind so zu erziehen, dass es skeptisch gegenüber Autoritäten ist, auch gegenüber dem Staat. Natürlich ist jeder Staat zunächst mal an einer restriktiven Erziehung interessiert. Wer in den Institutionen will schon antiautoritäre Kindern?

Und wie bringen Sie das Ihren Kindern bei?
Man kann ihnen das eigentlich nur vorleben. Kinder sind in diesem Punkt unglaublich clever. Die spüren ganz genau, wenn du ihnen das Eine erzählst und etwas Anderes bist. Wenn ich auf autoritär mache bei meinen Kindern - manchmal passiert das -, dann nehmen die das gar nicht ernst, weil´s bei mir einfach nicht stimmt. Aber sie nehmen mich sehr ernst, wenn ich sie in den Arm nehme und sogar, wenn ich ihnen etwas über die Zusammenhänge des Lebens erzähle.

Beschäftigen Sie sich jetzt, mit 60 Jahren, mehr mit den letzten Dingen als früher?
In meiner Jugend war der Tod immer präsent, zum einen in einer dekadenten, fast schon Wienerischen Haltung. Dann auch in einer Art von Opposition gegen den Tod. "Du kommst mir ned, depperter Tod", wie in meinem Lied Lang mi ned o. Dann habe ich den Tod lange Zeit verdrängt. Und dann kam er zu mir in den letzten Drogenjahren, wo ich ihm wirklich sehr nahe gekommen bin. Da hatte er nicht mehr diese Süße, die er in der Jugend gehabt hat, als man noch glaubte, ewig zu leben und mit dem Tod eher spielerisch umging. Auch im Drogenrausch gibt es Momente, in denen du sagst: "Komm, süßer Tod, umfange mich!" Aber das ändert sich sehr bald, sobald die Droge aufhört zu wirken und du keine neue mehr kriegst. Ich habe ein bisschen was vom Sterben gelernt in dieser Zeit. Da bin ich viele kleine Tode gestorben und wusste wohl auch, dass es nicht mehr lange gut gegangen wäre.

Das Gespräch führte Roland Rottenfußer


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00:00 01.06.2007

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