Ich war immer Nationalsozialist

VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG Neue Dokumente über den Nobelpreisträger und "Vater der Graugänse" Konrad Lorenz beweisen seine enge NS-Bindung

Noch vor kurzem wählten ihn die Leser einer österreichischen Wochenillustrierten zum größten österreichischen Denker des 20. Jahrhunderts - noch vor Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein oder Erwin Schrödinger. Apologeten seines wissenschaftlichen Werks vergleichen seine Bedeutung mit der von Charles Darwin; die Gesamtauflage seiner populären Bücher geht in die Millionen. Und sein ökologische Engagement schließlich hat ihn in späten Jahren zum Ahnherrn der österreichischen Grünen gemacht: Konrad Lorenz, der "Vater der Graugänse".

Nun ist Österreichs bekanntester Wissenschaftler zwölf Jahre nach seinem Tod abermals ins Gerede gekommen: Vor kurzem haben sich im Österreichischen Staatsarchiv brisante Dokumente gefunden, die belegen, dass Konrad Lorenz Nationalsozialist war. Dieser Fund stellt im Prinzip keine Überraschung dar, denn spätestens rund um die Verleihung des Nobelpreises für Medizin und Physiologie im Jahre 1973 waren auch Lorenz' in einschlägiger Terminologie strotzenden Aufsätze aus der NS-Zeit und seine Mitgliedschaft bei der NSDAP ruchbar geworden.

Trotzdem wirft das kürzlich in einer österreichischen Wochenendbeilage erstmals veröffentliche Ansuchen um Aufnahme in die NSDAP neues Licht auf das politische Leben und Werk von Konrad Lorenz. Denn selten zuvor konnte dessen Nazi-Anhängerschaft so explizit belegt werden, wie durch diese, am 28. Juni 1938 eigenhändig gemachten "Angaben über sonstige Tätigkeiten für die NSDAP". Einleitend heißt es da: "Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist und aus weltanschaulichen Gründen erbitterter Feind des schwarzen Regimes...". Und am Ende: "Schließlich darf ich wohl sagen, dass meine ganze wissenschaftliche Lebensarbeit, in der stammesgeschichtliche, rassenkundliche und sozialpsychologische Fragen im Vordergrund stehen, im Dienste Nationalsozialistischen Denkens steht."

Wie sehr war Konrad Lorenz nun tatsächlich ins NS-Regime verstrickt? War er nur ein politisch naiver Wissenschaftler, der allenfalls opportunistisch handelte, wie seine Anhänger meinen? Oder war er doch ein überzeugter Nazi, der sich auch nach 1945 nie wirklich von bestimmten Ideen lossagte, wie ihm seine Kritiker vorwerfen? Und was schließlich hat sein wissenschaftliches Werk mit dem Nationalsozialismus zu tun? Fast drei Jahrzehnte nach der Verleihung des Nobelpreises gibt es auf diese Fragen vor allem schlampige und oberflächliche Antworten. Am liebsten wurden sie gar nicht erst gestellt.

Angesichts der neuen Tatsachen lässt sich die gängigste Entschuldigung von Lorenz und seinen Anhängern jedenfalls nicht mehr wirklich aufrecht erhalten: dass er bloß ein Mitläufer, ein politisch desinteressierter Forscher gewesen sei. Dafür gibt es im Text zu viele Passagen, die nicht nur Interesse, sondern auch Engagement für die braune Sache erkennen lassen: von der "wirklich erfolgreichen Werbetätigkeit" für den Nationalsozialismus bis zu den "Lügen der jüdisch-internationalen Presse über die angebliche Vergewaltigung Österreichs".

Bleibt die Frage, warum er der Partei beitreten wollte, aus Opportunismus oder aus Überzeugung? Beides dürfte eine Rolle gespielt haben: Zum einen konnte der protestantische Darwinist Lorenz unter dem katholisch-klerikalen Regime des Ständestaats nicht wirklich Karriere machen, weshalb er schon vor 1938 um Unterstützung für seine Arbeit in Nazi-Deutschland warb. Sein Karrierismus traf sich aber auch mit inhaltlichen Zielen - etwa seinem Versuch einer biologistischen Überwindung der damals herrschenden Psychologie - und einer antisemitischen Disposition. So meinte er in einem bislang ebenfalls kaum bekannten Brief vom 11. April 1938 an seinen deutschen Mentor Ernst Stresemann: "(im strengsten Vertrauen) (...), dass die Humanpsychologie (...) merklich von dem Gedankengut der jüdisch daherredenden und worteschwelgenden Judengrößen durchsetzt ist. Einer der wenigen Fälle, wo ich das Schädlingstum der Juden uneingeschränkt anerkenne."

Lorenz' Karriereambitionen wurden nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 tatsächlich erfüllt: 1940 wurde ihm der (halbe) Lehrstuhl von Immanuel Kant in Königsberg (für Psychologie) zugesprochen. Zugleich hoffte er auf eine biologisch fundierte Politik bzw. darauf, "dass der Nationalsozialismus etwas Gutes bringen wird, nämlich in bezug auf die Hochschätzung der biologischen Vollwertigkeit des Menschen, gegen Domestikation usw.", wie er 1981 in einem Fernseh-Interview mit Franz Kreuzer bekannte.

In seinen während der NS-Zeit veröffentlichten Artikeln war er diesbezüglich allerdings um einiges deutlicher. Da hieß es unter anderem: "Die nordische Bewegung ist seit jeher gegen die ›Verhaustierung‹ des Menschen gerichtet gewesen. (...) Sie kämpft für eine Entwicklungsrichtung, die derjenigen, in der sich die heutige zivilisierte Großstadtmenschheit bewegt, gerade entgegengesetzt ist." An anderer Stelle, um nur die explizite Tonlage von Lorenz' damaligen Arbeiten anzudeuten, schrieb er: "Sollte sich dagegen herausstellen, dass unter den Bedingungen der Domestikation keine Häufung von Mutationen stattfindet (...), so müsste die Rassenpflege auf eine noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht sein, als sie es heute schon ist."

Einer kritisch-interessierten Fachöffentlichkeit sind diese Arbeiten seit langem bekannt. Bekannt ist auch, was Lorenz nach 1945 dazu sagte: "Dass die Leute ›Mord‹ meinten, wenn sie ›Ausmerzen‹ oder wenn sie ›Selektion‹ sagen, das habe ich damals wirklich nicht geglaubt. So naiv, so blöd, so gutgläubig - nennen Sie es, wie Sie wollen - war ich damals." In der Nobelpreisrede 1973 schlug er ähnliche Töne an, ohne sich freilich von seiner biologisch äußerst fragwürdigen Domestikations-Idee zu distanzieren: "Ich bedauere diese Schriften weniger aufgrund des unleugbaren Misskredits, den sie für meine Person bringen, als für den Effekt, dass sie die künftige Anerkennung der Gefahren durch Domestikation behindern."

Tatsächlich finden sich in etlichen populären Arbeiten von Lorenz aus den sechziger und siebziger Jahren (wie Das sogenannte Böse, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, Der Abbau des Menschlichen) ganz ähnliche Aussagen unter anderem zur "Verhausschweinung des Menschen" - nur eben in leicht geschöntem Vokabular. Einer der ersten, der dies erkannte, war übrigens der britische Publizist und Schriftsteller Bruce Chatwin, der seinem hellsichtigen Lorenz-Porträt aus dem Jahr 1979 den treffenden Titel Variationen einer fixen Idee gab.

In Österreich hat man sich bis heute vor einer wirklich gründlichen Auseinandersetzung mit den Nazi-Vergangenheit von Konrad Lorenz und den ideologisch belasteten Anteilen seines Werks herumgeschwindelt. Sonst wäre es wohl unmöglich, dass sich 56 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft und zwölf Jahre nach Lorenz' Tod immer noch neue, belastende Dokumente finden lassen. Zwar gab es etliche kritische Artikel von Sozial- und Geisteswissenschaftlern, Philosophen und Journalisten, doch weite Teile der Fachöffentlichkeit - und insbesondere Lorenz' tatsächliche bzw. selbst ernannte Schüler - haben sich bislang vor einer gründlichen Entwirrung seiner NS-Verstrickungen herumgedrückt.

Dass die Verhaltensbiologie damit in den Geruch kam, eine "rechte" Wissenschaft zu sein, hat sie sich wohl nicht zuletzt auch dieser schlampigen Aufarbeitung ihrer Herkunft zuzuschreiben. Diskussionsbedarf haben schließlich wohl auch die österreichischen Grünen, deren Entstehungsgeschichte untrennbar mit Lorenz' Engagement gegen die Kraftwerke in Zwentendorf und Hainburg verbunden ist.

Benedict Föger ist Biologe und Wissenschaftsjournalist in Wien und entdeckte brisante Lorenz-Dokumente. Das hier abgebildete Faksimile hat die Wiener Historikerin Veronika Hofer gefunden und zur Verfügung gestellt.

Klaus Taschwer ist Redakteur des Wiener Wissenschaftsmagazins heureka.

00:00 23.03.2001

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