10 Challenges, die die Welt nicht braucht

Internet Die Lockdown-Langeweile beflügelt die Fragebogen-Mode in den sozialen Medien – denn Selbstdarstellung ist Kapital. Muss das sein?
10 Challenges, die die Welt nicht braucht

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Jetzt, da man sich schon ganz gut eingerichtet hat in der neuen Heimeligkeit zwischen Fensterputz, Fallzahlen, Farfalle-Gerichten. Den Kleiderschrank von Winter auf Sommer umgerüstet, dem Kindergartenkind erklärt hat, was Pronomen sind. Googelte, ob Sport vorm Schlafen okay ist. Der Spargel auf dem Tellerchen ein paar Bahnen in deutscher Butter schwimmt. Und man die Petition zur Einführung des Grundeinkommens unterzeichnet und nichts bei Amazon bestellt hat, kann man sich eigentlich ganz und gar sich selbst zuwenden. Dem Selbst. Der großen Persönlichkeit.

Denn „Zeiten wie diese“ verlangen nach Selbstvergewisserung. Was war ich noch mal? Eine dringliche Frage, die die aktuelle Beliebtheit von Challenges erklären könnte, bei denen man Listen schreiben und Fotos posten muss – die Adult-Version des Deine-Freunde-Buchs. Denn das Ich ist gechallenged, es wurde in die Schranken gewiesen. Alle Yoga-Retreats sind abgesagt und das Theater-Abo nun erst mal irgendwie für den Arsch. In der Konfi kann man zwar immer noch sehr breitbeinig sitzen – aber es sieht ja leider niemand.

Da kann man dann also ruhig mal „10 Tage lang Szenenfotos aus Filmen posten, die einen irgendwie geprägt haben“, sich dabei nonchalant als großer Filmkenner zeigen und gleich noch die Geschichte seines Lebens erzählen. Denn man sollte, das sieht man an den erfolgreichen (sichtbaren) Netzpersönlichkeiten, schon eine Story haben. Das kann die Alleinerziehung der Kinder sein, der Ärger mit einem Telefonanbieter oder ein Vintage-Sportwagen. Küchenzuruf nennt man das im Journalismus, den Aspekt eines Textes, den der Leser seinem Boyfriend beim Bereiten der Burrata nacherzählt. So was braucht nicht nur das gekränkte Ich. Während im Januar noch von Digital Detox fabuliert wurde, hat Netflix im März temporär die Bitrate gedrosselt, damit genug Netz da ist für Homeoffice. Also für Social Media, denn wer ehrlich ist, weiß, wie viel Office-Zeit dort verplempert wird. Nun da keine Kollegen mehr auf die Bildschirme schmulen können, erst recht. Aber was heißt schon verplempert? Selbstdarstellung in den Medien ist ein wertvolles Gut! Stattfinden ist Kapital. Da kann das sexy Tanzvideo auf Tiktok zum Kleingewerbe führen und das Säuglingsfoto zum nächsten Speakerinnen-Job. Schon mal versucht, ohne einen achtsam bespielten Instagram-Account in Berlin Arbeit zu bekommen?

Etwas für Grobgeister

Und klar, wer nun Vollräusche am Spelunken-Tresen nicht mit sogenanntem Networking rechtfertigen kann, weil die Bar dicht ist, der nutzt halt das gute alte Internet, um Kontakte zu pflegen. Und dort gilt es sich selbst zu präsentieren, sich von seiner besten – wenn auch in diesen Fällen leider nicht unbedingt interessantesten – Seite zu zeigen. Da tummeln sich in den Timelines zur Corona-Saison die Challenges; die Aufrufe zum Wettbewerb in Wort und Bild. Da rutscht Drew Barrymore auf einem Teppich die Treppe runter, inspiriert von Stella McCartneys #StellaStaircase Challenge. Und weil nicht jeder einfache Facebook-Nutzer eine Treppe – oder einen Teppich – hat, um geil zu performen, und weil das isolierte Ich gestärkt werden muss, posten gerade Unmengen von Leuten auf der Suche nach Zuwendung süße Pictures aus ihren Kinder- und Jugendtagen. Kind vor Kutsche, Girl mit frechem Mecki-Schnitt, Backpacktraveller auf Selbstfindung mit 90er-Batik-Shirt. SCHAUT, das bin ICH!

Jeder, der den Daumen hochsetzt, wird rücksichtslos getaggt oder angeschrieben: „Jetzt bist du an der Reihe, ein Bild von Dir aus der Jugend zu veröffentlichen. Sende diesen Text dann an diejenigen, die Dein Jugendbild ‚mögen‘, und fordere sie auf, ein Jugendbild von sich selbst an der Wand zu veröffentlichen.“ (sic!) Kettenbriefe waren in ihrem drohenden Unterton immer gruselig, auch heute: „Versuch nicht, das Spiel zu stoppen, da es ein bisschen Spaß machen kann!“, heißt es. Ein bisschen, zugegeben. Aber Spielverderber sagen natürlich: Fiese Firmen erfanden es, um Datensätze für Gesichtserkennungssoftware zu sammeln, die uns in Zukunft so auf unser Ich zurückweisen wird, dass es uns noch leidtut.

Aber für alle Bedenkenträger gibt es derzeit viele andere Möglichkeiten, die Persönlichkeit im Kampf um Aufmerksamkeit zu schärfen, in Meditation mit sich selbst zu gehen: „Zehn Berufe, die ich mal gemacht habe. Einer davon stimmt nicht. Zehn Menschen, die ich mal getroffen habe. Einer davon stimmt nicht. Zehn Bands, die ich mal live gesehen habe. Alben, die ich kaufte“. Und so weiter. Challenges sind etwas für Grobgeister, die auch beim Tausendsten Gag à la „Menschen essen wohl Nudeln mit Klopapier“ noch die Nase kräuseln. Die etwas feinere Fraktion macht selbstverständlich nur ironisch mit, worüber die ganz Feinen dann noch mehr die Nase rümpfen können. Aber wenn es draußen wackelt, muss man halt schauen, ob drinnen noch alles steht. Die Tassen im Schrank nach Farben sortieren. Die Persönlichkeitstests der Moderne ausfüllen. Ich-Kapital shapen. Zehn Gummibär-Farben, die ich mag? Drei liebste Adorno-Zitate? Jetzt gilt es, „Wer bin ich“ mit sich selbst zu spielen, sonst gehen all die Ichs in der heimeligen Vereinzelung womöglich noch verloren. Das kann keiner wollen, man wird diese interessanten Persönlichkeiten nach der Krise alle brauchen, ob sie anno dazumal beim Kiss-Konzert waren oder Boris Jelzin im Outlet-Center getroffen haben.

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