Ich werde nicht panisch

Playlist Ruth Herzberg lässt niemanden mehr rein. Traut sich kaum noch raus. Zum Glück gibt es für jede Beklemmung den passenden Song
Ich werde nicht panisch
Die Vögel ziehen übers Meer / Und der Wind weht, wohin er will / Alles auf einmal kommt in Fahrt / Geht seinen Gang, nimmt seinen Lauf / Und es wird werden, wie es war / Was es auch ist, es hört nicht auf

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Berlin, Prenzlauer-Berg, März 2020. Es sind die letzten Tage vor der Ausgangssperre. Ich bin allein zu Hause. Ich und eine Menge Lebensmittel. Die habe ich noch auf den letzten Drücker gekauft. Keiner darf rein. Ich habe Angst. Wegen der Tröpfchen draußen. Covid-19.

Aber es ist nicht easy.

„Just a cast away / An island lost at sea, oh / Another lonely day, no one here but me, oh / More loneliness than any man could bear / Rescue me before I fall into despair, oh“ (Message in a bottle, The Police)

Kindergärten, Schulen, Clubs und Kneipen, Theater und Kinos sind schon geschlossen. Ich sitze am Rechner, trinke Wein, lese die News und habe meinen Twitter- Account reaktiviert. Die Anzahl der Infektionen steigt minütlich. Deutschland schließt die Grenzen. Die Supermärkte werden leer gekauft. Wie soll man da nicht panisch werden? Aber das geht so nicht weiter. Wenn ich jetzt durchdrehe und ins Krankenhaus muss, dann nehme ich einem Covid-Opfer das Bett weg. Oder umgekehrt.

„Suddenly I stop /But I know it’s too late / I’m lost in a forest / All alone“ (A forest, The Cure)

Zum Glück darf man spazieren gehen. Noch. Draußen stelle ich fest. Alles normal. Alles wie immer.

„Alles macht weiter wie bisher / Die Zeit vergeht und steht doch still / Die Vögel ziehen übers Meer / Und der Wind weht, wohin er will / Alles auf einmal kommt in Fahrt / Geht seinen Gang, nimmt seinen Lauf / Und es wird werden, wie es war / Was es auch ist, es hört nicht auf“ (Alles macht weiter,Blumfeld)

Ich bin anscheinend die Einzige, die sich isoliert und durchdreht. Alle anderen sind zusammen draußen. Alle sind paarweise oder in Gruppen unterwegs. Alle wirken so sorglos und gesund und irgendwie okay entspannt. Noch.

„All for freedom and for pleasure / Nothing ever lasts forever / Everybody wants to rule the world“ (Everybody wants to rule the World, Tears for Fears)

Mit Kind und Kegel steht man Schlange, um sich die vom Eisverkäufer vollgehustete Delikatesse servieren zu lassen, und sitzt dann dicht an dicht in der Sonne und infiziert einander noch einmal richtig durch. Ist es Trotz? Um die Angst nicht zu spüren?

„I’m gonna swing from the chandelier, from the chandelier / I’m gonna live like tomorrow doesn’t exist / Like it doesn’t exist / I’m gonna fly like a bird through the night, feel my tears as they dry / I’m gonna swing from the chandelier, from the chandelier“ (Chandelier, Sia)

Oder sie wissen es nicht besser. Oder sie wissen etwas, das ich nicht weiß. Oder ihnen ist alles egal. Ich wär so gern wie sie.

„I wanna live like common people / I wanna do whatever common people do / Wanna sleep with common people / I wanna sleep with common people / Like you“ (Common People, Pulp)

Ich begegne einer Bekannten. Sie sieht mich irritiert an, als ich mich weigere, sie zur Begrüßung zu umarmen. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit. Deutschunterricht für Ausländer. Kleine Gruppen in kleinen Räumen. Ist vermutlich jetzt schon verboten. „Mir geht’s gut und bei uns hustet auch keiner.“

Ich suche das Weite und winke ihr zum Abschied. (You can’t touch this, MC Hammer)

Ich gehe schnell wieder nach Hause. Will niemandem mehr begegnen. Zu gefährlich. Rausgehen hat meine Panik eher vergrößert.

„I see a red door and I want it painted black / No colors anymore / I want them to turn black / I see the girls walk by dressed in their summer clothes / I have to turn my head until my darkness goes“ (Paint It Black,The Rolling Stones)

Zu Hause lege ich mich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. Dann stehe ich wieder auf. Vielleicht hilft telefonieren. Leider nein. Meine Schwester sagt, ich solle nicht so paranoid sein, soooo drastisch sei die Entwicklung nun auch wieder nicht, und schickt mir einen Link zu einem TV-Beitrag von letzter Woche, in dem behauptet wird, das Virus sei harmloser als die Grippe. Ich werde per SMS zu einer „Prä-Quarantäne-Party“ eingeladen. Oh Mann. Keiner versteht gar nichts.

„Schwarze Vögel, roter Himmel / Frau am Meer riecht an Blumen / Aber ihre Hand ist leer / Sieht ein Schiff im Sturm versinken / Hört Menschen schreien / Sie ist nicht verlassen, nur allein“ (Stimmen im Wind, Juliane Werding)

Das versuche ich mir auch zu sagen und greife noch einmal zum Telefon. Mein Geliebter hat sich seit Tagen nicht mehr gemeldet. Er ist noch sauer, weil ich mich gewehrt habe, als er mich beim letzten Telefonat schon wieder grundlos angegiftet hat. Eigentlich war es wieder mal für immer vorbei mit ihm, aber: „Ich brauche Zuspruch, brauche Halt und einen, der mich knallt“ (Pisse, Schnipo Schranke)

Es hat keinen Sinn. Wir geraten schon nach wenigen SMS böse aneinander. Es ist mal wieder und diesmal aber wirklich endgültig aus.

„Da draußen alles dreht sich still um nix herum / Und ich male deine Schatten an jede Wand“ (Ohne dich, Selig)

Ich bleibe isoliert. Aber: I will survive. Irgendwie.

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06:00 21.03.2020

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