Ich werde Superwoman!

Ratgeber Ungezählte Experten haben Bücher geschrieben, in denen sie erklären, wie der Durchschnittsmensch zum Helden wird. Ein Praxistest

Einen lass ich noch vor. Der zurrt seine Gurte fest, holt Luft und stürzt sich schreiend vom Baum in die Tiefe. Dann halten die Gurte doch nicht, oder er hat sich nicht richtig eingehakt, oder ein neuer Baum ist sekundenschnell mitten im Weg emporgewachsen, kann ja alles sein – und was dann passiert, kann ich nicht sagen, denn ich trage heute Kontaktlinsen, und mit denen sehe ich sowieso nur 20 Meter weit. Weil aber unten auf der Bank einige Jugendliche (klein wie Daumennägel und gerade noch am Rand meines Sehvermögens) begeistert johlen, nehme ich an: Der Typ lebt, ist jetzt wahrscheinlich schon auf dem nächsten Baum des Waldhochseilgartens, während ich zwar ebenfalls lebe, aber immer noch auf demselben Baum sitze. Zwischen uns liegt der Klassiker unter den Mutproben: Stürz dich in die Tiefe.

Ich fühle mich nicht so gut. Angst? Ich glaube schon.

Rhetorischer Airbag

Aus diversen Mut-Ratgebern weiß ich: So ist es genau richtig. Von Coach Heike Thormann etwa habe ich gelernt, an der Angst zu erkennen, dass ich mich in einer „Mut-Situation“ befinde. War gar nicht so leicht, eine solche zu finden. Offenbar hänge ich derart in meiner „Komfortzone“ fest, dass alles, was ich mich vielleicht nicht trauen würde, mir zugleich auch völlig sinnlos erscheint. Wie zum Beispiel diese Übung hier. Aber mit Hilfe von Dr. Kai Hoffmann, ebenfalls Coach, habe ich die vermeintliche Sinnlosigkeit schließlich als „rhetorischen Airbag“ (Dr.-Hoffmann-Sprech für Ausrede) entlarvt. Und deshalb steh ich jetzt hier: kurzatmig, Puls beschleunigt, kalter Schweiß auf der Stirn, alles da. Perfekt. Jeder sollte diese Situationen suchen, um sich seinen eigenen Ängsten zu stellen und Mut zu trainieren.

„Er lässt sich lernen wie Fahrradfahren“, sagt Dr. Hoffmann. Jeden Tag eine mutige Tat, rät Diplompsychologin Dr. Anne Frey. Zum Beispiel kann man dem Restaurantkellner ein mittelmäßiges Menü zurückgeben, empfiehlt Hoffmann. Ich lasse noch ein kleines Kind vor, um die Sache noch mal in Ruhe zu überdenken. Ein einziger Vogel zwitschert. Um ein bisschen in Schwung zu kommen und „weil dem Mutigen die Welt gehört, dem Sicherheitsbewussten nur ein Ausschnitt“, nämlich in meinem Fall nur ein einziger Baum, wende ich einen Trick des Selbstcoachingspezialisten Ralf Senftleben an: Ich konzentriere mich auf den Gewinn meines Mut-Trainings. Also: Wenn ich den ersten Schritt heute überlebe, kommen die nächsten, komplizierteren. Mein Leben wird dadurch immer freier. Das ist der Grundgedanke.

Bald schon werde ich Wildfremden auf der Straße Komplimente machen oder ihnen Klamottentipps geben. Ich werde Obdachlose bei uns aufnehmen. Ich werde die übelsten Orte aufsuchen und dort gute Stimmung verbreiten. Ich werde unbequeme Wahrheiten immer und überall aussprechen. Ich werde meine Couch verkaufen, denn wer hat schon mal auf seiner Couch Mut gefasst! Ich werde spontane Reden zur Nation in Fußgängerzonen halten. Ich werde einen Job annehmen, dem ich überhaupt nicht gewachsen bin. Ich werde Superwoman!

Ich werde die Welt nach Ungerechtigkeiten durchforsten und alle Ungerechten zur Rede stellen. Ich werde eine Bank überfallen, obwohl ich Angst davor habe, das gar nicht hinzukriegen und ausgelacht zu werden. Ich werde total schlechte Texte schreiben und öffentlich vorlesen. Ich werde laut singend durch die Shoppingmalls ziehen. Meine Familie wird sich dafür schämen, aber nur weil sie noch kein Mut-Training hinter sich hat.

Deshalb ist ihnen meine Exuberanz ganz fremd, jenes „Gefühl, das uns nach vorn treibt und den Wunsch weckt, Neues zu wagen“, sagt die US-Psychologin Kay Redfield Jamison. „Überlegen Sie, was Sie tun würden, wenn Sie“ entweder „fünf Leben hätten“ (Julia Cameron, Autorin von Der Weg des Künstlers und Schreib dich schlank) oder „nur noch ein halbes Jahr zu leben“ (Diplompsychologin Felicitas Heyne). Den dabei entstehenden Wünschen soll man sich Schritt für Schritt nähern, vielleicht mit einem VHS-Kurs.

Moment, bitte? Ja klar geh nur vor, ich warte hier noch. „Oder rufen Sie in der Kassenschlange im Supermarkt laut nach einer weiteren Kassenöffnung“, schlägt Kai Hoffmann vor. Weil: „Mut macht Mut!“ Okay. Und genau deshalb werde ich mich jetzt natürlich nicht in die Tiefe stürzen. Das wär Quatsch. Da brauch ich keinen Mut für. Ich doch nicht! Niemals. Nein, ich, die Sozialphobikerin, ich werde jetzt ... winken! Dem Helfer da unten winken, damit der mich unter den amüsierten Blicken der Schulklasse runterholt. Also mal was total Peinliches machen. Das ist mein Mut-Training.

Zögerlich winke ich, tue dann allerdings so, als würde ich eine Fliege verscheuchen. Denn ich weiß schon, was der da unten, so ein Studententyp, denken wird: „Typisch, diese Alten! Turnen im Seniorenalter noch in den Bäumen rum, und dann muss ich sie retten.“ Dann wird er rufen: „Du schaffst es!“. So hat er es gelernt. Und: „Nur Mut!“ Recht hat er. Denn: Wie will ich ohne Mut in der Risikogesellschaft überleben?

Der Jubel, der mir zusteht

Der Managementtrainer und Diplompsychologe Winfried Berner sagt es auch: „Wir brauchen mehr Mut.“ Und sogar: „Wir brauchen ein neues Verständnis von Risiko und Mut, wenn ein Projekt kein Risiko birgt, dann lassen Sie die Finger davon, Risiko und Gewinn gehen immer Hand in Hand.“ Eben. Ich werde untergehen. Weil ich über die Privatisierung von Lebensrisiken rumjammere, anstatt mich vom antiquierten Sicherheitsdenken zu verabschieden. Es gibt aber keine Sicherheit, nirgendwo. Unter der Brücke werde ich landen. Gut. Nachdem ich mir klargemacht habe, wo ich ohne Mut-Training ende, ein weiterer Trick von Ralf Senftleben, müsste ich jetzt bereit sein: Unter den Blicken der inzwischen versammelten Schulklasse, von denen ich einen guten Teil vorgelassen habe, werde ich also gleich, jetzt gleich mutig abweichen vom Diktat des ständigen zwecklosen Runterstürzens, werde ausbrechen aus der Routine der Routen. Werde mich also abseilen lassen. Unter dem Jubel, der dem Mutigen zusteht!

Ähm. Letzteres wohl kaum. Denn obwohl von außen gar nicht zu erkennen ist, ob einer gerade mutig ist, und das sagt nicht nur Coach Katrin Linzbach, jubeln selten welche einfach mal prophylaktisch. Selbst meine eigene Familie sperrt sich dagegen. Nie johlen sie, wenn ich mutig im Bett liegen bleibe, obwohl ich Angst habe, nachher den Text nicht rechtzeitig zu schaffen. Oder wenn ich mutig auf die Erfüllung meiner Träume verzichte, wohl wissend, dass es nichts Schlimmeres gibt, „als sich im Nachhinein eingestehen zu müssen: ‚Ich bin noch nicht einmal gescheitert‘“, schreibt die Journalistin Marija Latkovic. Kein Schwein bewundert mich dafür. – Ja, bitte, einfach überholen, kein Problem. – Hinzu kommt: Gerade bei sozialen Ängsten greifen die Betroffenen oft zu falschen Strategien. Hat das Shyness Research Institute an der Indiana University Southeast herausgefunden.

Wie wahr! Mein Sozialphobiker-Mut-Training ist Quatsch! Aber Springen ist auch Quatsch. Hm. Ist in einer Gesellschaft, die derart dem Mut frönt, nicht gerade der Unmutige mutig? Dieser Gedanke erfrischt und beruhigt mich ganz außerordentlich. Ja klar, bitte, du kannst vor: So geht’s. Ich sage einfach: „Nein zum Mut-Terror!“ Ich werde dem Leben ohne Mut trotzen! Das ist mein Ding. Ich weiß nicht, ob es gelingt, vielleicht scheitere ich. Aber dann habe ich es wenigstens versucht. Ich werde keinen einzigen Taxifahrer „unverzüglich bitten, das Radio auszuschalten“, wie es Kai Hoffmann vorschlägt.

Ich werde den Tag mit einem beherzten Ausfallschritt und einem klaren „Nein!“ beginnen. Die jeden Tag mutige Psychologin Anne Frey wäre stolz auf mich, weil sie nicht wüsste, dass ich damit das Mut-Training von innen heraus zu zerstören trachte. Ich werde etwas Neues wagen: Ich werde den Rest meines Lebens auf diesem Baum verbringen. „Unmutige aller Länder, vereinigt euch!“, werde ich, dann allgemein bekannt als Baronin auf den Bäumen, rufen. Ha! Ekstatisch stoße ich die Faust in den Himmel. Verliere das Gleichgewicht und rausche aus Versehen ab in die Tiefe. Okay, ich gebe zu, ich fühle mich großartig. Aber mutig? Unten johlen die Jugendlichen. Die halten mich wahrscheinlich dafür.

Von Susanne Berkenheger erschien zuletzt Ist bestimmt was Psychologisches im Goldmann-Verlag

06:00 07.01.2015
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