Ich will!

Alltag Aber wollen hilft nicht. Briefe aus der Arbeitslosigkeit

Lieber Michael,
danke für deine besorgte Nachfrage, wie es uns denn gehe, da Ute und ich uns so lange Zeit nicht gerührt, ob wir etwa uns mit unseren Sorgen ganz und gar verkrochen hätten. In der Tat ist es so, dass jedes Mal, wenn wir Freunde treffen, schon im Türrahmen die unvermeidlichen und freundschaftlich gemeinten Worte fallen: "Wie geht´s? Hat sich endlich was getan?" und wir uns einmal mehr gefordert sehen, unsere Misere auszubreiten, die sich nach über einem Jahr Arbeitslosigkeit bei beiden um keinen Deut geändert hat.

Dabei lesen wir eifrigst jeden Sonntag die Stellenanzeigen in der Tageszeitung und jeden Mittwoch den Arbeitsmarkt - darin alle Stellen für Geisteswissenschaftler aus deutschen Tageszeitungen der letzten Woche. Es findet sich allerdings nur sehr selten ein einigermaßen passendes Angebot, wobei "einigermaßen passend" schon wirklich weit gefasst und auf alles Mögliche in der gesamten Bundesrepublik bezogen ist. Es kostet übrigens immer ziemliche Überwindung, sich dann an das Verfassen der Bewerbungen zu setzen, nicht weil der Arbeitsaufwand so hoch wäre, sondern weil man schon beim Schreiben die Enttäuschung ahnt, wenn man in einigen Wochen die nett formulierte Absage wieder aus dem Postkasten fischt. Diese Woche waren es allein drei und es ist erst Mittwoch.

Im Gespräch mit guten Freunden pflegen sie an dieser Stelle - und dies ist oft ein Ausdruck auch ihrer Hilflosigkeit - gut gemeinte Ratschläge auszuteilen, die entweder vollkommen abstrus sind oder, wenn brauchbar, nicht längst von uns schon in die Tat umgesetzt wurden. Initiativbewerbungen zum Beispiel: Ich habe kurz nach der Europawahl meine Mitarbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter ungefähr 50 Europaabgeordneten verschiedener politischer Couleur angedient. Man sollte doch meinen, dass zu diesem Zeitpunkt der eine oder andere irgendeinen Bedarf an einem Europaexperten, als der ich ja nun seit Jahren anerkannt bin, gehabt hätte. Es hat mir ein ergebnisloses Gespräch und eine Fülle freundlicher Absagen eingebracht. Sogar dem Bundeskanzler, der ja beklagt hat, dass viele unausgeschöpfte Begabungspotenziale aus Deutschland abwanderten, habe ich angeboten, mein Potenzial auszuschöpfen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass auch dieser wagemutige Versuch im Sande verlaufen ist.

Spätestens in dem Moment, in dem die besorgte Freundesrunde erfährt, dass einmal das Fehlen von Sprachkenntnissen den Ausschlag für eine Ablehnung gegeben habe, hagelt es an Hinweisen auf vom Arbeitsamt bezahlte Sprachkurse und Fortbildungen. Aber die Zeiten sind vorbei, in denen das Arbeitsamt großzügig jede mögliche Erweiterung der Kenntnisse unterstützt hat. Und es sind ja nicht ausschließlich die mangelnden Sprachkenntnisse, das nächste Mal fehlt die Beherrschung der Software "Dreamweaver", mit der man Internetseiten erstellen kann, dann wieder ist es zu wenig an betriebswirtschaftlicher Erfahrung und wenig später genügt das rudimentäre Wissen im Umgang mit Excel nicht. Bei der Bandbreite an Stellen, auf die wir uns bewerben, bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als uns in dem, was wir können, auf dem Laufenden zu halten, also Tageszeitungen lesen, das Internet durchforsten, auf einschlägige Veranstaltungen gehen. Und überhaupt, warum beginnen wir schon, unser Licht unter den Scheffel zu stellen; wofür hat Ute ihren Doktor mit summa cum laude gemacht, was zählen die Lehrstuhlvertretungen und Forschungsprojekte, was fange ich an mit dem Lob über meine gute Informations- und Beratungstätigkeit in Sachen Europa, mit meinen als innovativ erachteten Projekten. Warum begutachtet man plötzlich so ganz ohne Selbstvertrauen nur noch die Lücken, obwohl man früher ganz beherzt noch gesagt hat, das kann ich irgendwie schon, das bekomme ich im Nu schon drauf?

Wenn man all das in geselliger Runde losgeworden ist, fühlt man sich keineswegs erleichtert, sondern hat einmal mehr die Erfolglosigkeit der eigenen Bemühungen nur allzu deutlich vor Augen. Weil das Thema aber unser Leben von vorne bis hinten bestimmt und jenseits davon kaum ein persönliches Gespräch zustande kommt, verzichten wir auf so manches Treffen auch mit sehr guten Freunden. So kommt es, dass allmählich unsere sozialen Kontakte schrumpfen, zumal wir sehr knausern müssen, was gemeinsame Kneipenabende, Theaterbesuche oder Konzerte betrifft, denn es ist jeden Monat immer wieder die Frage, ob wir überhaupt das Geld für die Miete zusammenbringen. Da freut es einen ja schon, wenn Politiker daherkommen und feststellen, dass unter der Drohung von Hartz IV die Arbeitslosen endlich sich selbst bewegen.

Liste ich all das ganz nüchtern auf, habe ich bereits das Gefühl, ins große Jammern zu verfallen, aber Jammern ist eigentlich - ich hoffe, dass siehst du genau so - gar nicht mein Metier. Eher war ich doch derjenige, der gesagt hat: "Das wird schon werden, das läuft sich alles zurecht" - doch selbst dazu muss ich mich bei dir vergewissern, war ich das wirklich? Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto mehr schwindet die Zuversicht auf eine positive Änderung. Es fällt außerordentlich schwer, die Hoffnung nicht aufzugeben und sich gleichzeitig gegen die täglichen Enttäuschungen zu wappnen.

Immerhin lässt sich auch Angenehmes vermelden. Mit zunehmendem Abstand zu meiner Entlassung kann ich den Verlust meiner mit Leidenschaft und Überzeugung ausgeübten Arbeit verwinden. Vielleicht - denke ich - kann ich ja damit, dass ich die Vergangenheit leichter nehme, die Unsicherheiten über die Zukunft kompensieren, nach dem Motto, wenn die Vergangenheit besser wird, warum sollte es nicht auch mit der Zukunft klappen.

Liebe Grüße, Hep


Lieber Michael,
sicherlich hast du Recht. Zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, hat durchaus auch etwas von einer Anerkennung der Person, die der Bewerber in seinen Unterlagen präsentiert hat. "Das ist doch immerhin was", könnte man denken, aber leider doch nicht etwas, auf dass man sich aufmunternd sagen kann: "Na ja, fast hätte ich es geschafft; das gibt mir Mut für die nächste Bewerbung. Das war schon mal nahe dran." Denn schließlich fährt man voller Hoffnung quer durch die ganze Republik, wird sogar noch ein zweites Mal eingeladen, und dann stellt sich doch nur heraus, dass es der folgenlose zweite Platz geworden ist (und die Kosten mussten auch aus dem eigenen knappen Budget genommen werden). ›Was habe ich falsch gemacht? Warum konnte ich meine Fähigkeiten nicht deutlich genug herausstellen? Was muss an meiner Präsentation anders laufen?‹, das sind im Anschluss schon eher die Fragen, die einen bewegen. Und wenn es noch nicht einmal zu einer Einladung reicht, obwohl doch alles dafür sprach, dass diese Stelle mit den eigenen Kenntnissen und Fähigkeiten geradezu ideal übereinstimmte, bleibt nur der Zweifel: Irgendetwas mache ich an meiner Bewerbung falsch, ich erwecke kein Interesse, ich kann mich nicht in das rechte Licht setzen, letztlich: ich bin unfähig!

Man lernt, dass jeder Misserfolg auf die eigene Unfähigkeit zu beziehen ist, denn das eigene Handeln ist das Einzige, was man selbst in der Hand zu haben glaubt, um es gegebenenfalls zu ändern. Aber je länger es dauert, bis es überhaupt einmal eine Einladung gibt, desto mehr verliert man in der Tat die Fähigkeiten, sich ansprechend zu präsentieren, verliert die Zuversicht, den Anforderungen des Jobs gewachsen zu sein, und die Überzeugung, noch nicht vorhandene Kenntnisse innerhalb kürzester Zeit erwerben zu können.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der ich selbst noch unter den Bewerbern für einen Job auswählen durfte. In meiner damaligen Tätigkeit hatte ich die Möglichkeit, einen Interessenten für eine Stelle in einem Vorstellungsgespräch zu erleben, der etwas mehr als ein Jahr zuvor als ABM-Kraft bei uns ganz hervorragende Arbeit geleistet hatte, und nun, nach einem Jahr Arbeitslosigkeit, sich für die Arbeit, die er zuvor souverän geleistet hatte, bewarb. Alle Souveränität war geschwunden, er saß nervös auf dem Rande des Stuhls im Besprechungszimmer, war nicht mehr in der Lage, seine Fähigkeiten deutlich zu machen, vielleicht weil er viel zu sehr versuchte, seine Aussagen auf vermutete, aber unausgesprochene Erwartungen abzustimmen.

Und je mehr erfolglose Bemühungen sich bei mir aneinander reihen, desto eher verspüre ich das Gefühl, ich sei es doch selber schuld, dass ich noch keine Stelle gefunden habe. Schließlich habe ich alle Zeit der Welt, mich darum zu kümmern. Jeden Tag müsste ich mir doch vernünftig einteilen, die Alltagsgeschäfte erledigen, mich intensiv darum kümmern, Stellenangebote zu finden und Bewerbungen zu schreiben. Aber ich tue es nicht: Einmal sehe ich im Sonnenlicht die verdreckten Fensterscheiben und sie müssen geputzt werden, dann wiederum streikt die Waschmaschine und man muss den Handwerker organisieren. Und eigentlich hätte ich als Arbeitsloser doch auch die Zeit, all die vielen Bücher zu lesen, die ich schon immer mal lesen wollte. Aber auch das mache ich nicht, und so bietet jeder vergeudete Tag das geheime Argument, genau an diesem Tag wäre ich mit meinen unterlassenen Aktivitäten erfolgreich gewesen. Unterdessen beginne ich denjenigen, die da ahnungslos als Arbeitende immer noch davon reden, wer keine Arbeit habe, sei es selber schuld - und es sind erstaunlich viele, die diesen Gedanken hegen - allmählich irgendwie Recht zu geben, zumindest fehlt mir mittlerweile die Überzeugung, ihnen zu widersprechen.

Das Wissen darum, was Langzeitarbeitslosigkeit mit einem Menschen anrichten kann, hat die Europäische Union dahin gebracht, in ihren beschäftigungspolitischen Leitlinien festzulegen, dass jeder erwachsene Arbeitslose nicht länger als ein Jahr ohne Job oder eine adäquate Maßnahme bleiben soll. Von diesem Wissen spüren ich bei den Reformen in Deutschland allerdings rein gar nichts.

Liebe Grüße, Hep


Lieber Michael,
Es macht mich rasend, wenn in einem Fernsehbericht ein Politiker daherkommt und die "Hartz IV-Reform" damit schönredet, dass sie erste Erfolge zeitigt, weil jetzt mehr Arbeitslose wieder arbeiten wollen. Fünf Millionen Arbeitslose werden es ihm danken, dass ihnen der Eindruck vermittelt wird, sie müssten nur wollen, und mit entsprechender Wut werden sie bei den anstehenden Neuwahlen denjenigen hinterherlaufen, die sich ihrer Sorge annehmen und wahrscheinlich Versprechungen machen, die diese dann doch nicht halten können.

Ich kann nur sagen, oder vielleicht sollte ich mit meiner Wut herausbrüllen: Ich will! Ich will einen Job! Es muss auch nicht als Europa-Experte sein, auch als Pförtner würde ich arbeiten, aber selbst bei dieser Bewerbung habe ich eine Absage kassiert. Weil ich nicht wollte? Zu dumm? Zu unfähig? Oder doch eher zu überqualifiziert, zu viele Bewerber, zu alt? Und letztendlich weil es keine Beschäftigung gibt?

Liebe Grüße, Hep

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