Ich will die soziale Marktwirtschaft!

Morgens um 20 vor sieben auf dem Bahnhof Alexanderplatz herumzustehen ödet mich an. Vor allem, wenn ich schon am Hermannplatz sein müsste. Oder ...

Morgens um 20 vor sieben auf dem Bahnhof Alexanderplatz herumzustehen ödet mich an. Vor allem, wenn ich schon am Hermannplatz sein müsste. Oder Hermannstraße? Mein lieber Kollege Bin-Bai konnte wohl nicht auf mich warten? Er ist trotzdem ganz in Ordnung. Seitdem ich mit ihm zusammenarbeite, werde ich zwar schlechter im Sprechen, dafür aber besser in Pantomime. Nun habe ich niemanden zum Meckern, auf alle anderen. Obwohl. Erzählt habe ich schon soviel im Leben. Mein Kiefer lahmt schon. Das mit den Augen wird auch nicht besser. Und wenn es auch die Tauben mit den Augen bekommen, wegen dem Ozonzeug, dann fliegen sie noch unberechenbarer herum. Und dann habe ich es bald mit dem ganzen Schädel. Gestern hatte auch wieder der Kiosk auf. Eigentlich wollte ich nie mehr dort stehen. Wegen Silvester. Da nahm der für ein Essen einen Fünfer mehr als sonst. Und als ich ihn darauf ansprach, antwortete er: "Mein Freund! Heut is Silvester! Überall Eintritt, außer hier! Deshalb Topzuschlag!"

Was sollte ich machen? Nichts. Ich bin nur nach Hause gegangen, habe mir einen dicken Stift gegriffen, bin zurück zum Kiosk und habe auf dieses Brett mit der Angebotsliste rübergeschrieben: "Eintritt frei!" Dann haben wir uns gehauen, aber seit gestern ist alles wieder gut. Wo bleibt denn die Bahn?! Ich muss doch im Leben vorankommen! Damit ich mir meine Kniescheiben in die Ohrläppchen einoperieren lassen kann. Aus denselben Gründen, aus denen sich so viele Menschen mit Metall behängen. Doch in meiner Familie ist für solche Operationen kein Geld über. Seit Generationen schwanken unsere Kontostände von unbedeutenden Haben zu ebensolchen Solls. Und wenn mein Krebs einmal AIDS hat und ich vom Auto überfahren werde, kaufen sie mir sicherlich nur einen Kindersarg. Und das, obwohl ich immerhin den normalen Tariflohn verdiene. Leider muss ich davon auch Baumaterialien kaufen. Deshalb muss ich jede Woche zum Sozialamt. Mein Chef ist sehr loyal. Er lässt mich zum Mittag abhauen und zieht mir einen Tag Urlaub ab. Zum Glück leben wir in einem Sozialstaat. Viele Intellektuelle wollen den ja nicht. Die spielen das Sprachrohr der Arbeiterklasse, schaffen es aber noch nicht einmal, mit mir am Kiosk über Fußball zu reden. Ich glaube, uns allen ginge es besser, wenn sie mit derselben Spontaneität, mit der sie die Menschen auf den Gehwegen mit ihren Fahrrädern verrückt machen, den Bonzen aufs Maul hauen würden. Aber nein, sie sitzen mit denen im Café "Zum Unbegabten Literaten" und reden von Revolution. Ich will die soziale Marktwirtschaft und überall freien Eintritt ohne Topzuschlag! Und außerdem will ich Intellektuelle, die sich zu Hause erhängen, und nicht solche, die zum Wochenbeginn vor die U-Bahn springen. Ich bin froh, dass ich überhaupt noch Arbeit habe. Zumal ich auf dem Bau schon mal verschüttet wurde. Egal. Ich geh nach Hause.

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00:00 06.12.2002

Ausgabe 43/2021

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