Ich will immer bei Dir sein

Unsicherheit In den Gedichten von Peter Hacks verspricht die Liebe den Liebenden keine "Heile Welt"

Es ist ein großes Glück, jemanden lieb zu haben. Wenn sie sagt: ich sehe dich in allen deinen Kleidern und dann denke ich, wie du die Arme um mich legst. Und er: ich denke immer nach, wie ich es machen kann, dass wir immer zusammen sind. Derlei Sich-lieb-haben kennt unzählige Temperierungen und gibt bekanntlich seit alters den Stoff ab für die lieblichsten Verse der Dichterinnen und Dichter.

Aus dem Konvolut verstreuter Liebesgedichte von Peter Hacks hat Heike Friauf erhellende, gelungene Arbeiten herausgesucht, mit einem instruktiven Nachwort versehen und in einem kleinen, gestalterisch sehr schönen roten Bändchen versammelt. Zu den Gedichten fügte Thomas J. Richter Linolschnitte, die dem Band geben, was den Gedichten fehlt, die nötige Schärfe. Denn die produktivste aller humanen Anstrengung, die handfest-erotische, kennt der Hackssche Vers kaum. Die Worte winden sich lieber dreimal um sich selbst, ehe sie zu den Dingen kommen, die mit Fingern zu greifen sind.

Die Allegorie Die Auster demonstriert solche Distanz sehr anschaulich. Die wohlgesetzten Verse geraten, als hätte der Dichter Furcht vor körperlicher Nähe, vor dem Sich-vollkommen-Verschreiben, das Paare, die vor lauter Glück glauben, eine höhere Macht hätte sie zueinander geführt, so sehr mögen. Heile Welt. Man darf nicht vergessen, die Worte zu apostrophieren. Ein Sich-lieb-haben führt bekanntlich den Konflikt mit und verhüllt diesen zugleich. Der junge Brecht schrieb an Marianne Zoff: "Ich bin immer bei Dir, ich laufe viel in Gedanken herum, die Alleen hinauf und schlafe wenig und lebe auch ruhig, trinke fast gar nichts und bin sanftmütig und immer bei Dir." Aus solchem haben dann Kritiker gemacht, der junge Brecht sei lediglich sexsüchtig gewesen, seine Texte seien wenn nicht anzüglich, so abweisend und gefühlskalt. Das ist natürlich lauwarmer Kaffee.

Brecht und Hacks? Ungleicher geht´s nimmer. Die beiden Poeten sind allein in ihren Liebesgedichten so verschieden, dass man sie nicht in einem Atemzug nennen will. Der frühe Brecht schaut das Weib direkt, zupackend an: "Dein Hals paßt mir, wie er ist! Ich küsse ihn, spürst Du´s?" Hacks beäugt und besonnt das Weib. Der Dichter im Lehnstuhl, die Frau ihm zu Füßen. Brecht empört sich: "Was heißt das: Du kannst nicht allein sein? Es ist dies ein furchtbarer Satz." Da regt sich Eifersucht. Sie ist eine Unsicherheit, eine gewaltige Unsicherheit. Hacks indes: "Mich quält, daß mein Geschäft mir verwehrt,/ Dich zu bewachen in deiner allzeit mangelnden Vorsicht ... /Einzig mit Sorge füllt jedem die Liebe den Tag." Hacks´ Liebesgedichte dudeln manchmal wie niedliche Kinderverse aus entfernten Epochen ab: Neue Liebe, mach es gnädig, /Nicht zu strenge nimm den Lauf./ Allen Kummer war ich ledig,/Lad ihn mir nicht wieder auf. Andere, in regelmäßigen wie unregelmäßigen Rhythmen, sind von klassizistischer Höhe.

Brechts Terzinen über die Liebe erheben sich ganz unsentimental in die Lüfte: Sieh jene Kraniche in großem Bogen!/ Die Wolken, welche ihnen beigegeben/ Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen .../ Fliegen sie hin, einander ganz verfallen./ Wohin, ihr?/ Nirgendhin./ Von wem entfernt?/ Von allen./Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?/ Seit kurzem./ Und wann werden sie sich trennen?/ Bald./ So scheint die Liebe den Liebenden ein Halt."

Auch in Richters Titelzeichnung segeln Objekte durch die Lüfte, ganz ohne Zartgefühl: Ein Vogelpaar, wie Pferde vor einen Wagen gespannt, worin ein verknäultes Liebespaar unter der Mondsichel es miteinander treibt. Drunten das weite Meer, ein Schiff, eine Insel mit alten Häusern. Richters phantastische Miniatur zeigt die Kehrseite. Die Liebe ist den Liebenden kein Halt. Der olle Wagen mit den Vögeln und den Vögelnden stiebt gefährlich durch den Himmel. Ja, er neigt sich bedrohlich, als fiele er im nächsten Moment herab und zerstöre die Insel. Kein Lustschrei entfährt den Schnäbeln der rasenden Vögel, sie rufen um Hilfe! Droben leuchten die Sterne so schwarz wie das Schiff drunten, dessen Schornsteine wie Kanonen hochragen. Heile Welt?

Bild-Wort-Kontrafakturen siedeln in andere Art auch zwischen den Buchdeckeln. Hacks Gedichte, sicher geformt und technisch hochstehend, sind beschaulich, nicht anschaulich, sinnbildend, nicht sinnlich. Sie fragen, aber sie fragen romantisch, aufgeklärt, als wollten sie die Leser unterrichten in etwas, das nicht zu unterrichten geht ("Frage nicht, ob Liebe sich lohne"). Statt anarchisch zu sein, sind sie elegant. Richters Linolschnitte begegnen dem mit praller Lust, die aufkommt, wenn die Liebenden befreit sind von allem Alp, aller Drangsal. Es ist immer das gleiche Paar, das um seiner selbst willen sich windet und biegt und ineinander aufgeht, und es ist zugleich eine Vielzahl. Die Lustbarkeit bewohnt Badewannen, Holzhäuschen, utopische Gärten. Und das Paar/die Paare sind, wo sie auch stehen und schweben und wandeln, voller Würde. Die 13 Zeichnungen, Liebesspiele auf den klügsten und sinnlichsten Nenner gebracht, streuen pfeffrige Briesen in den lauen Lauf der Hacksgedichte, von denen das schönste Beeilt euch, ihr Stunden ist.

Peter Hacks: Heile Welt. Liebesgedichte. Eulenspiegel, Berlin 2007, 59 S., 14,90 EUR


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