Michael Marek, Sven Weniger
Ausgabe 5016 | 28.12.2016 | 06:00

„Ich will nicht weg“

Interview Daniel Lee hat festgestellt, dass viele in Hongkong sich erst seit der Rückgabe an China für ihre Identität interessieren

„Ich will nicht weg“

Daniel Lee engagiert sich für die Pro-Demokratie-Bewegung „Umbrella Movement“

Foto: Xaume Olleros/Getty Images

Merkwürdigerweise hat der unabhängige Buchhändler Daniel Lee nichts dagegen, dass sein Foto und sein Name unverändert in einer deutschen Zeitung auftauchen. Über seinen Zweitpass will er nicht so offen sprechen.

der Freitag: Herr Lee, vor knapp 20 Jahren wurde Hongkong an China zurückgegeben. Wie hat sich das auf die Freiheit des Wortes ausgewirkt?

Daniel Lee: Man kann nicht sagen, dass wir einen abrupten, offensichtlichen Umschwung gespürt haben oder spüren. Im Prinzip kann hier jeder sagen, was er will. Wir genießen Redefreiheit. Die Veränderungen sind subtiler. So sind die meisten unserer Zeitungen inzwischen von Investoren aus Festlandchina aufgekauft worden. Das Gleiche gilt für RTHK, die wichtigste Radio- und TV-Station. Sie alle üben nun eine Art Selbstzensur aus. Sie behandeln heikle Themen weniger, befassen sich bei Berichten über Demonstrationen weniger mit den Gründen dafür und berichten stattdessen vor allem über die Ausschreitungen. So ist es für die Leute schwerer zu erfahren, warum etwas passiert. Die Berichterstattung bleibt oberflächlich. In den großen Buchhandelsketten, die ebenfalls in der Hand von Festlandchinesen sind, stehen kritische Bücher in dunklen Regalecken. Ich halte das alles für eine subtile Form der Selbstzensur.

Stimmt es, dass viele Hongkonger fürchten, ihre Sprache, das Kantonesisch, werde vom Mandarin der Chinesen verdrängt?

Ja, viele Leute haben dieses Gefühl. Doch davon sind wir meiner Meinung nach noch weit entfernt. Andererseits wird Mandarin inzwischen in den Schulen besonders gefördert, das stimmt schon.

Zur Person

Daniel Lee hat vor neun Jahren mit zwei Kommilitonen den Buchladen Hong Kong Reader im chinesischen Viertel der Stadt eröffnet. Da er selbst Bücher nur verkauft, nicht verlegt, fürchtet der 35-Jährige bislang keine Repressalien gegen sich

Die Identität der Hongkonger ist aus Ihrer Sicht nicht bedroht?

Interessanterweise war das früher, vor 1997, kein Thema. Lange gab es gar keine Hongkonger Identität. In den 60er und 70er Jahren gab es nur wenige Leute, die sich ausdrücklich als Hongkonger bezeichneten. Erst nach der Übergabe an Festlandchina begann die Idee einer einer eigenen Identität zu wachsen. Mehr und mehr werden sich die Menschen nun bewusst, dass sie aus Hongkong stammen und dass ihre Kultur eine andere ist als die auf dem Festland. Die KCP, die chinesische kommunistische Partei, sieht das natürlich nicht so gern.

Sie sind schon seit einer Weile in der Pro-Demokratie-Bewegung engagiert, die seit 2014 als das „Umbrella Movement“ bezeichnet wird. Im September dieses Jahres wurden Mitglieder der Bewegung in den Legislativrat, die gesetzgebende Versammlung Hongkongs, gewählt. Aber dann wurde ihnen die Zulassung als Parlamentarier verweigert.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Unabhängigkeit unserer Honkonger Gerichtsbarkeit vorbei ist. Konkret geht es um zwei neu gewählte Parlamentarier, die der Partei „Youngspiration“ angehören, die für die völlige Unabhängigkeit Hongkongs von China eintritt. Beide wurden im September demokratisch gewählt, von mehr als 100.000 Menschen in Hongkong. Aber die KCP hat diesen Politikern das Mandat entziehen lassen, hat ihnen die Qualifikation abgesprochen. Letztlich zeigt sich an diesem Fall, wie stark Peking hier nun entscheidet und wie dem Hongkonger Obersten Gerichtshof in rechtlichen Streitfragen jetzt kein letztgültiges Entscheidungsrecht mehr eingeräumt wird.

Viele Hongkonger haben einen zweiten, ausländischen Pass. Auch Sie besitzen einen, möchten aber nicht verraten, aus welchem Land. Ist der Pass wichtig für ein gewisses Sicherheitsgefühl?

Eine halbe bis eine Million Hongkonger lebt in Übersee, die meisten in Kanada oder Großbritannien. Aber es sind auch immer welche zurückgekehrt. Hongkong kennt das Ein- wie das Auswandern. Erst kamen viele Leute vom Festland, um den Turbulenzen dort zu entgehen. Dann sind viele weggezogen, als klar wurde, dass die Rückgabe an China ansteht. Ich denke immer noch, dass Hongkong mein Platz, meine Heimat ist. Ich habe hier mein ganzes Leben verbracht und will nicht weg.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 50/16.