Ich wollte bleiben, der ich bin

Minimalkonsens Plädoyer für einen neuen Dialog zwischen aus der DDR Weggegangenen und Dagebliebenen

In der DDR Gebliebene und aus ihr Weggegangene oder Ausgewiesene haben es bis heute schwer, miteinander zu reden. Zumindest über diesen Punkt, das Gehen-oder-Bleiben. Musste man gehen, durfte nicht bleiben, musste man bleiben, durfte nicht gehen? Ab wann galt das, wenn es überhaupt galt? Für welche Berufsgruppen? Oder war das nur eine reine Privatsache? Oder immer auch beides: eine private und sozusagen öffentliche Entscheidung? Und je nach dem mehr oder weniger das eine oder das andere? Wie war das im Dritten Reich mit den Exilanten? Was hat zum Beispiel Thomas Mann die Entscheidung fürs Exil so schwer gemacht, was hat ihn zuletzt doch dazu bestimmt? Die Luft, die nicht mehr zu atmen war, wie es Klaus Mann beschrieb? War eine so allgemeine, metaphorische Beschreibung des Weggehenmüssens vielleicht die genaueste? Ist dies Exil vergleichbar mit einem DDR-Ausreisebegehren? Gar nicht? Doch irgendwie? Gab es so etwas wie eine innere Emigration auch in der DDR? Wie waren die "Seelenlagen", die soziale Psychologie des Gehens, Bleibens, des Weder-noch? Wie gelang es, sich nach dem Mauerbau wieder zu finden als Weggegangener, als Dagebliebener, wie, wenn man einander begegnete? Stand da der eine als Sieger, der andere als Verlierer, bevor noch ein Wort fiel? Fielen so wenige, so unbeholfene, so missverständliche Worte, weil das nicht mehr existierte, worüber man sich geschieden hatte, die Mauer? Weil diese große, oft schmerzhafte, niemals nur richtige Lebensentscheidung, zu gehen oder zu bleiben, beleidigt, ja lächerlich wurde, als das betonierte Nachkriegsprovisorium in den Staub fiel nach 28 Jahren, einem halben Menschenleben, als ginge das so einfach, wie es an diesem Tag wirklich ging: Tür zu, Tür auf: April-April!, November-November!? War diese Maueröffnung vielleicht auch ein Hohn, eine Verhöhnung der Lebensentscheidungen, die mit ihrer unabsehbaren Dauer hatten rechnen müssen? Ist es hilfreich, sich an all das noch einmal zu erinnern, auch wenn es wehtut?

Das Thema Gehen-oder-Bleiben mit allem, was dranhängt, scheint mir bis heute unerlöst, wie manches, was kurz vor und nach der Wende an DDR-Aufarbeitung in Angriff genommen und abgebrochen wurde, wobei äußere Gründe auch Alibi von inneren waren. Es hätte jetzt eine Chance, denn im Osten sucht man nach dem, was man verloren hat, nach der Quelle eines lähmenden Phantomschmerzes, man will sich erinnern und man will sich lösen. Distanz zu gewinnen zu den prägenden DDR-Verhältnissen, dazu hatten die Übersiedler mehr Chancen, mehr Anlass, auch mehr Muße, sie hatten gründlich über den Abschied nachgedacht, da sie ihn bewusst vollzogen. Als sie gingen, mussten sie ihre Lebensentscheidung von der, zu bleiben, notwendig abgrenzen - sie mussten, um sich lösen zu können, mit der DDR abschließen. Ihr Abschiednehmen nötigte sie zu einer radikalen Kritik, die die Dableiber sich nicht leisten konnten oder nicht nötig hatten.

Erst, als das Weggehen möglich wurde, musste man sich zum Dableiben entscheiden, vorher war einem die Entscheidung von der Mauer abgenommen. Die Weggeher machten einem dies verstörend bewusst. Den Dagebliebenen war es leichter, den Verlust und die Verunsicherung durch die anschwellende "Ausreisebewegung" zu verkraften, wenn sie mit denen, die nicht mehr wiederkommen konnten, mit diesen regelrecht Verschwundenen innerlich abschlossen. Der verengte Blick auf DDR-Verhältnisse, den die endgültige Entscheidung zur Ausreise erforderte, hat sein Pendant in einer Distanz zu den Weggehern, deren Entscheidung man leichter ertrug, wenn man sie als Ausreißer sah, als Gescheiterte oder als Verführte. Vieles von diesen alten Mustern hat sich bis heute bewahrt, weil ein genaueres Hinsehen, eine Differenzierung, Relativierung des Bildes von den jeweils anderen auch die eigene Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben nachträglich in Frage stellen müsste. Man müsste zugeben, dass es nicht nur richtig war, nicht nur richtig sein konnte, das eine oder das andere zu tun. Das Dilemmatische der Entscheidung würde sichtbar, die Tragik, in jedem Fall auch falsch zu handeln. Die Furcht, dies einzugestehen, setzt sich fort bis heute. Das betrifft nicht nur die Institutionen und Medien, in denen die Mauer zwischen prominenten Dableibern und Weggehern neu errichtet wurde, der Streit durch Austritte und Abgrenzungen eher vermieden als ausgetragen wurde (VS, P.E.N, Christa-Wolf-Streit), sondern auch eine weniger prominente Ebene, auf der jetzt erst Gespräche möglich werden über diese damals allzu schwere, und für Viele unzumutbare Entscheidung (Wolf Biermann: "Ich möchte am liebsten wegsein / und bleibe am liebsten hier"). Ich halte diese nachgetragenen Gespräche für wichtig, damit Ostdeutsche sich mit Ostdeutschen aussöhnen können und zu einer Identität finden, die nicht mit der nostalgischen Gesinnung derer gleichgesetzt werden kann, die man höhnisch als "Den Dummen Rest" bezeichnete, sondern viele Sichtweisen auf die DDR und das Leben in ihr zulässt. Eine ostdeutsche Identität, die um die Erfahrungen der Ausreiser und Abgeschobenen bereichert ist.

Wenn man wegging, riss die ostdeutsche Biographie ja nicht ab, sie setzte sich fort, anders als bei den Dableibern, aber auch als ostdeutsche Biographie. Diese Lebensgeschichten sollen da ankommen, wo sie - zumindest auch - hingehören: in Ostdeutschland. Sie sollen ostdeutsche Denkweisen möglicherweise differenzieren und bereichern um Erfahrungen, die wohl Erfahrungen einer Minderheit sind, aber dennoch durchaus exemplarischen Charakter hatten: etwa die Erfahrung, sich selbst aktiv von der DDR zu lösen und zuletzt von ihr ausgespuckt zu werden. Eine Erfahrung, die den Dableibern vielleicht fehlt, um sich frei zu machen von Verklärung.

"Ich wollte nicht kapitulieren, den Kampfplatz nicht verlassen, also musste ich bleiben," sagt Frank Beyer. "Ich wollte bleiben, der ich bin, also musste ich gehen", sagt Hilmar Thate. Durchaus oppositionelle Autoren sind geblieben und haben sich allein dadurch beschädigt, allerdings nur im Westen und erst nach der Wende. Auch die Weggetriebenen und -gegangenen haben sich allein durchs Weggehen beschädigt, allerdings schon vor der Wende und vor allem im Osten, wo man, als sie zu Lesungen und Konzerten "heimkehrten", kaum mehr etwas von ihnen wissen wollte. Das "Verräter"-Stigma spielt unausgesprochen eine Rolle, ob es nun ein unbewusstes Relikt der SED-Propaganda ist oder etwas Sozialpsychologisches, das gewiss auch eine Rolle gespielt hat, als Thomas Mann seinen ersten Besuch im Nachkriegsdeutschland machte: Damals wollte man die eigene Entscheidung oder auch Unentschiedenheit, das eigene "richtige Leben im Falschen" nicht durch die bloße Existenz eines aufrichtigen Exilanten in Frage stellen müssen. Auch heute sind ostdeutsche Ressentiments gegen Weggegangene kaum reflektiert. Man mag auch nicht mehr erinnert werden an dieses Jahr ´76, das als Jahr der Biermann-Ausbürgerung in die DDR-Geschichte eingegangen ist. An Biermann scheiden sich immer noch die Geister, obschon die Zeiten vorüber sind, die es Tausenden von Studenten, Künstlern, Wissenschaftlern, Sportlern, Lehrern, Arbeitern, Staatsbediensteten der DDR abverlangten, sich zu erklären gegen einen Liedermacher, den damals kaum einer kannte, weil er seit Jahren nicht auftreten oder publizieren durfte. Was bleibt von einer solchen Unterschrift, solch einem Armaufheben in jenen unentrinnbaren Versammlungen und Einzelkonsultationen, was bleibt einem vom Zu-Kreuze-Kriechen, wenn man es aus der Erinnerung getilgt hat? Ein verschwommenes Gefühl von Demütigung vielleicht, und dass dieser verrückte Schreihals daran schuld sei, der sich mit all und jedem anlegen musste. Schwer, sich die erpresste Entscheidung gegen ihn als eigene Niederlage bewusst zu machen. Viel leichter, die diffuse Aversion aufrechtzuerhalten, mit der man das Geschehen ummanteln und im Vergessen ablegen konnte: Man habe ihn noch nie so recht leiden können, höre ich, warum solle man ihn jetzt kennenlernen? Bloß weil der Westen den Kalten Krieg gewonnen hat?

Die Sprachlosigkeit zwischen dagebliebenen und weggegangenen Ostdeutschen hängt mit der Unvermitteltheit zweier abstrakter Sichten auf DDR zusammen, die sich in Lebenslagen gebildet haben, als sie schwerwiegende Entweder-Oder-Entscheidungen tragen mussten. Eine historisch gerechtere Tiefenschärfe könnte entstehen, wenn beide Sichten sich miteinander vermittelten. Westdeutsche Stimmen, die über das Leben in der DDR urteilen, ohne es gelebt zu haben, können leicht abgetan werden als die von Ahnungslosen, von Siegern, von Rechthabern. Bei den Stimmen derer, die weggegangen sind, ist es anders. Sie beschreiben etwas, das sie so gut kennen, wie die Dagebliebenen, nur unter einem etwas anderen Aspekt, einem Aspekt, den man nun nicht mehr ausweisen oder abschieben oder ausreisen lassen kann. Sie können sich mit mehr moralischer Berechtigung und mit genaueren Argumenten einmischen, wenn es darum geht, auf die DDR zurückzublicken und darauf, was sie nicht nur, sondern auch war. Und an dieser Stelle ist auch Gelegenheit für die Weggegangenen, den Preis, den sie zahlen mussten, nicht den Dableibern anzulasten, sondern genauer hinzusehen und zu erkennen, dass Dableiben nicht bedeutete, sich mit dem Politbüro ins Bett zu legen. Im Grunde geht es nicht nur darum, einander zu verstehen, sondern auch, einander und sich selbst zu vergeben. Die eigene Entscheidung oder Unentschiedenheit als eben eigene und nicht gemeinverbindliche sehen und akzeptieren zu lernen. "Da durfte man einfach nicht weggehen" oder "Da musste man einfach weggehen" - beide Sätze gelten nicht für die DDR. Und "einfach" war das alles schon gar nicht.

Es ist auch nicht einfach geworden dadurch, dass die einen jetzt so etwas wie "Sieger der Geschichte" sind, an der sie sich nicht mehr tätig beteiligen konnten, weil sie zusehen mussten, wie die Mauer ohne sie fiel. Ich schlage folgenden Minimalkonsens vor: Erstens, es gibt hier keine Sieger und keine Verlierer der Geschichte. Zweitens: Die Möglichkeit, dort nicht mehr weiterzukommen, ausgestoßen, rausgeeitert zu werden, diese Möglichkeit mehr oder weniger produktiver Desintegration bestand immer, für jeden DDR-Bürger. Jeder war gefährdet, in die Stasi-Mühle zu geraten, wer in diese Mühle geriet, war nicht automatisch ein Heroe, wer nicht darein geriet, nicht automatisch ein Feigling. Aber, drittens, die mit den "Organen" kollidierten, waren nicht nur unvorsichtiger, sondern vielleicht auch mutiger. Sie waren nicht nur leichtsinnig, sondern vielleicht auch ehrlich. Diese Dissidenten waren nicht nur gescheiterte Existenzen, sondern auch aufrichtige. Vielleicht zu aufrichtige. Wenn wir zwischen Weggehern und Dableibern solch einen Minimalkonsens herstellen könnten, wäre viel gewonnen. Wenn wir den über uns allen schwebenden Terror als verbindendes biographisches Element wichtiger nähmen als die Unterschiede, die die greisen Genossen zwischen uns gelegt haben: Verräter oder brave Staatsbürger zu sein. Denn gestimmt hat keines von beidem auf keinen von uns. Danach streiten wir uns darüber, wie viel Aufrichtigkeit wann wem zumutbar ist. Und wo ganz private Probleme mit der Attitüde politischer Widersetzlichkeit kompensiert und überdeckt werden sollten ... Also - lasst uns miteinander reden. Und irgendwann vielleicht sogar lachen über diesen schlechten Witz der Geschichte, der unsere Wohlstands-Biographien so mehr oder weniger geprägt hat: Tür-zu-Tür-auf, April-April, November-November!

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00:00 09.11.2001

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