Ich wünsche mir eine Linke …

Aufbruch Clemens Meyer hat genug von einer Linkspartei, die bei rund zehn Prozent dahinsiecht und Mut und Herz verloren hat
Clemens Meyer | Ausgabe 36/2019 35
Ich wünsche mir eine Linke …
Clemens Meyer wünscht sich eine Linke mit Mut zum Pathos des Herzens und des Intellekts

Foto: imago images/IPON

Ich wünsche mir eine Linke, die mit Pathos und Mut zur Überspitzung sagt: „Wir waren und wir sind die Internationalen Brigaden! Wir verteidigen die Republik, wir reformieren die Republik, wir singen gemeinsam die Internationale, wir verteidigen die Republik, wir reformieren die Republik, wir stehen heute wie gestern wie morgen Schulter an Schulter mit Allende, wir sind die Erben Allendes!, der ja gewählt worden ist, wir sind die Partei des Demokratischen Sozialismus, und damit sind wir verhandelbar als Partner für jegliches Spektrum, für jegliche Partei, ob sie wollen oder nicht! Doch in der Mitte ist Schluss! Rechts der Mitte wird nicht verhandelt, no pasarán!“

Die CDU zählen wir mal zur Mitte mit Rechtsschatten, da sind wir kulant, wir glauben, dass die DC in Italien schon recht hatte, Christus kam zu den Sozialisten – und wir glauben, dass wir in einem breiten Bündnis von Christdemokraten bis zu den Sozialisten nicht scheitern werden wie in Italien, denn in unserer Republik gibt es zumindest keine Flächenkorruption wie in bella ...“ Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao! ... Ich wünsche mir eine Linke mit Mut zum Pathos. Und damit meine ich sowohl ein Pathos des Herzens wie ein Pathos des Intellekts. Doch das mechanische Herz schlägt ... nicht mehr. Stahl und Kohle sind unter der Sohle. Der Genosse, der den Arbeiter packt, hat abgekackt.

Ich wünsche mir deshalb eine Linke, die den Slogan „Jeder, der heut noch eine Schaufel trägt / wird nur von uns nicht abgesägt“ in die Reste der Arbeiterschaft trägt und ihn dort, wo sich die Chance bietet, radikal einlöst. Ohne Wenn und Aber, Realpolitik ist Realismus-Politik, Zola sprach und spricht: J’accuse!, auch wenn’s ein andrer Kontext war, wir klagen an und das ist wahr! Ich wünsche mir eine Linke, die sich aus dem Selbstverständnis der französischen Deputiertenkammer heraus in großer Tradition erklärt, dass links die sogenannten Bewegungsparteien saßen und rechts die sogenannten Ordnungsparteien.

Deswegen auch der Begriff der Avantgarde, der in Honeckers Slogan „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“ gipfelt. Ich wünsche mir eine Linke, die mir erklärt, wer Ochs und Esel waren und heute vielleicht noch sind, und dennoch die eigene bittere Satire akzeptiert, und, in einer gewissen Trinität (die Christdemokraten haben ja alles Biblische vergessen!) sogar noch den alten Honecker sowohl geißelt als Mit-Verursacher von Elend und Tod und als Betonkopf, aber ihn auch als Antifaschisten und Opfer des Faschismus und verirrten Kämpfer für einen Neuanfang kritisch würdigt. Ich wünsche mir eine Linke, die diese Dialektik (Sprachen wir nicht gerade von Trinität? Hammer, Zirkel, Ehrenkranz. Einigkeit und Recht und Freiheit. Marx, Engels ... Brecht!) verinnerlicht, bis es wehtut, bis es wehtut!

Das Pathos der alten Lieder

Georg Lukács sagte einmal sinngemäß, dass bei Heine die romantischen Bilder leuchten, er sie dennoch bricht. Ich wünsche mir eine Linke, die den Heiner-Müller-Ausspruch parat hat: „Die Wunde Heine beginnt zu vernarben, schief.“ Ich wünsche mir eine Linke, die Heiner Müller, Heine, Brecht in ihren Wahlreden zitiert, liebt, lebt. Ich wünsche mir eine Linke, die die schief vernarbten Wunden öffnet, vielleicht auch nur den berühmten Finger hinein... Ich wünsche mir eine Linke, die Heiner Müller & Co. der AfD entgegenschmettert, respektive in Gelassenheit sagt: „Höcke!, lies den westöstlichen Diwan von Goethe!“ (Nun wird er ihn vielleicht gelesen haben, aber lesen und verstehen sind zwei paar ...) Die Wunde beginnt zu vernarben, schief.

Solidarität der Literaturen, Goethe und Balzac, Sartre und Camus, kein deutschnationaler Kulturbegriff, Internationalität, das wünsche ich mir von einer Linken, dennoch Besinnung auf Heimat, ich wünsche mir eine Linke, die permanent fragt, was ist denn Heimat und wo sind die Büchereien? „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer ...“ Ich wünsche mir eine Linke, die das Pathos der alten Lieder aufgreift.

Ich wünsche mir eine Linke, die nun versteht, dass sie ein Programm entwickeln muss, das auch im sogenannten Westen zieht (ich meine: wirklich und gewaltig zieht!), denn den sogenannten Osten hat sie vorerst verloren, Bochum, Recklinghausen, Zwickau, Oberhausen, Döbeln, Gera, Mühlheim ... Ich wünsche mir Besichtigungstouren, die die Linke durchführt ... von Zwickau nach Duisburg und von Duisburg nach Zwickau. Ich wünsche mir eine Linke, die mir erklärt, warum Ost und West nun zusammenstehen müssen in Zeiten, in denen das Kapital triumphiert und die Welt und die Menschen zu wandern beginnen, weil das Kapital einst verbrannte Erden hinterließ. Die Wunde beginnt zu vernarben, langsam. Ich wünsche mir eine Linke, die sagt: Nur so verstehen wir einander. Und zu unserm wir gehört ein jeder, der um seine Existenz kämpft und strauchelt.

Ich wünsche mir eine Linke, die aber auch progressive Bürgerliche abholt, Jura, Germanistik, Politikwissenschaft, wir brauchen euch im Kampf für die Strauchelnden, aber auch und vor allem: für Arbeiter, Angestellte, Mindestlöhner, Tagelöhner, Pathos des Herzens und des Intellekts, eine Linke, die wieder die Idee einer Einheitsfront entwickelt und die die Skeptiker einer Einheitsfront auch versucht zu erziehen, „Stopp!, nie wieder Stalinismus, gemeinsam gegen Faschismus, wehret den Anfängen!“, eine Linke, die den philosophischen Begriff des Existenzialismus für sich nutzt, „Wer lebt – verreckt. Arm oder reich. Verreckt mit – verreckt ohne. Verrecken wir nicht alle besser mit ’nem bisschen mehr?“

Ich wünsche mir eine Linke, die mit uns von einer Utopie träumt in den neonleuchtenden Trümmern des Kapitalismus (der uns seine Trümmer zu horrenden Preisen vermietet!) und in den verdorrenden Steppen der Welt, eine Linke, die sagt: „Flaschensammler aller Länder, vereinigt euch, internationale Solidarität!“, eine Linke, die sagt: „Kröner & Co. sind die Feinde unserer Republik, doch wir enteignen mit Milde und Verstand!“

Ich wünsche mir eine Linke, die sich auch eingesteht, wir haben versagt, und deswegen sind wir jetzt erst mal weg vom Fenster (und draußen die neuen alten Gespenster!), aber wir stellen weiter die richtigen Fragen, und wir nähern uns vorsichtig den Antworten, wir suchen die Schuldigen nicht unter den Schwachen, wie die Faschisten das machen, wir wollen, dass die Schwachen erwachen, und dann: gemeinsam gegen die Drachen der ungehemmten Gier! Ich wünsche mir eine Linke, die dem Westen begreiflich macht, dass er gewaltige Schuld an den Zuständen im Osten trägt, aber gleichzeitig sagt: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“, und in immerwährender Dialektik: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“

Ich wünsche mir eine Linke, die die NATO kritisch sieht, aber den Austritt unserer Republik aus der NATO erst mal ad acta legt, wir haben Wichtigeres zu tun, unser kämpferischer Pazifismus erstreckt sich vom Westen bis weit in den Osten, Abschied von den alten Geschichtsbildern, Abschied von den Engeln, ich wünsche mir eine Linke, die sich das Haar zerrauft, die sagt: „Gehen wir auf die Suche, doch wir haben wenigstens einen Kompass ...“

Ich wünsche mir eine Linke, die Thomas Kuczynski zu ihrem Wirtschaftsexperten macht, ich wünsche mir eine Linke, die sich mit einer Hall of Fame der Lebenden und der Toten gegen die Erasmusstiftung und die Werte-Union stellt, Varoufakis, Gysi meinetwegen, Gramsci, Kuczynski, wo sind eure Weisen?, und versammelt sie im friedlichen Kampf um unsere Zukunft, die Zukunft der Welt.

Ich wünsche mir eine Linke, die die alten DDR-Teppiche umdreht und schaut und lernt und begreift, wie sehr ihre Vorväter (und schneidet sie endlich ab, die alten Zöpfe und Krenze!) was nicht sein durfte unter die Teppiche kehrten in den ach so guten alten Zeiten, und dann krochen sie unter den Teppichen hervor, die Uwes und Beates und die rostbraunen Landschaften, die König Kurt so leugnete ... Ja, auch wir übernehmen Verantwortung!

Ich wünsche mir eine Linke, die sagt: Wende 2.0, seid ihr bekloppt?, wir sind doch noch mitten in der ersten, der immerwährenden! Hier ist noch nichts vollendet, wir sind noch immer mittendrin!

Ich wünsche mir eine Linke, ich wünsche mir ...

Clemens Meyer ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm der Erzählband Die stillen Trabanten

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06:00 24.09.2019

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