Ich würde 50 Jahre warten

Im Gespräch Der taiwanesische Filmemacher Hou Hsiao-Hsien über Tränen im Kino, die Frage der taiwanesisch-chinesischen Zukunft und das Ideal der Langsamkeit

In der vergangenen Woche erhielt Hou Hsiao- Hsien in Locarno, wo sein jüngster Film "The Flight of the Red Balloon" zu sehen war, den Ehren-Leoparden für sein Lebenswerk - passenderweise auf dem Festival, das ihn 1985 in Europa bekannt gemacht hatte. In Deutschland beschränkt sich die Kenntnis seiner Filme auf Besucher von Filmkunstvideotheken und aufmerksame Arte-Zuschauer. Das Berliner Kino Babylon Mitte zeigt in Kooperation mit der Taipeh-Vertretung Deutschland noch bis 26. August eine Retrospektive von Hous Werk, die im Oktober im Hamburger Kino Metropolis zu sehen sein wird.

FREITAG: Sie sind in China geboren, aber in Taiwan aufgewachsen. Als was fühlen Sie sich?
HoU Hsiao-Hsien: Ich wurde 1947 geboren, bin aber schon im Alter von vier Monaten mit meiner Familie nach Taiwan gezogen. Die Erziehung in Taiwan war zu jener Zeit darauf ausgerichtet, China und Taiwan als Ganzes zu begreifen. Ich hatte lange nicht den Eindruck, dass das zwei getrennte Länder sind: eine Nation, zwei verschiedene Regime. 1983 bin ich mit anderen taiwanesischen Regisseuren zu einem Filmfestival nach Hongkong gefahren. Da habe ich zum ersten Mal Filme aus China gesehen, die vor oder kurz nach der Kulturrevolution gedreht worden waren. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, die chinesische Wirklichkeit zu sehen. Das hat mich stark berührt, ich habe damals geweint.

Die erste Erfahrung, dass China etwas anderes ist, fand also im Kino statt?
Ja. Es war so, als ob ich das Vaterland, die Heimat der Familie, zum ersten Mal sehen durfte. Das kannte ich vorher nur vom Hören und aus Büchern. 1949 sind viele Soldaten aus China mit Chiang Kai-shek nach Taiwan geflohen. Ich habe also früh Menschen aus den verschiedenen chinesischen Provinzen kennen gelernt. Aber diese Menschen waren alle älter, und bis zu dem Filmfest in Hongkong kannte ich nur solche Chinesen. Dann sah ich die Filme, und in denen gab es auch Kinder, die mit chinesischem Akzent sprachen. Das war der Punkt, der mich am stärksten berührte: die Sprache. In Taiwan sprachen wir Kinder Hochsprache.

Erinnerung ist etwas, was bei aller Verschiedenheit, ihren Filmen gemein ist. Um sich erinnern zu können, das ist gar nicht sentimental gemeint, muss etwas verloren sein. Ist das Weinen Ausdruck eines Schmerzes darüber?
Ich habe einmal eine ganz einfache Dokumentation gesehen. Die handelte von einem Ehepaar, deren Tochter hatte sie gedreht. Der Vater war ein alter Soldat aus China und lebte in Taiwan, die Mutter hatte schon immer da gelebt. Als Kind mochte die Tochter ihre Mutter nicht so sehr, weil sie das Gefühl hatte, dass der Vater sich um alles kümmern musste. Zum Neujahr war er es, der zu Hause für die ganze Familie gekocht hat, die Mutter saß bloß daneben und trank. Während der Dreharbeiten hat die Tochter erst kapiert, warum ihre Mutter so ist, wie sie ist, woher ihre Lebenseinstellung kommt. Das hatte etwas damit zu tun, dass sie in Taiwan geboren war. Ich habe diesen gar nicht so besonderen Film zwei Mal gesehen und auch da jedes Mal geweint. Was ich damit sagen will: Bei den chinesischen Filmen, die ich in Hongkong gesehen hatte, kam meine Rührung gar nicht so sehr von einer konkreten, persönlichen Erinnerung. Ich bin ein sensibler Zuschauer und kann anhand von Bildern und Geschichten gut die Situation einer Figur nachvollziehen, ihre Lebensbelastung. Deswegen berührt mich das Kino. Man kann Menschen eingehend betrachten.

Erinnerung ist also nicht der Antrieb für Sie, Filme zu machen?
Wenn damit eine persönliche Erinnerung gemeint ist, der Versuch, Vergangenheit zurückzuholen - nein. Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit ist viel komplexer. Ich habe in meiner Kindheit ja Romane und Dramen über China gelesen und darüber ein Bild von China entwickelt. Wenn man einen Film von mir wie "A Time to live, a Time to die" sieht, scheint es auf den ersten Blick nur um meine persönliche Erinnerung zu gehen. Ich will aber auf eine allgemeine Erinnerung hinaus, eine allgemeine Empfindung für die Vergangenheit, für das Leben der Menschen und dafür, wie schwer das Leben gewesen ist; zurück zu den schlichten Lebensmomenten.

Drehen Sie politische Filme?
In meiner Kindheit in Taiwan musste man nicht absichtlich über Politik reden, Politik war einfach da. Damals glaubte die taiwanesische Regierung ja noch, China eines Tages zurückzuerobern. Überall hörte man Soldatenlieder, konnte man politische Parolen lesen. Ich habe das nicht bewusst wahrgenommen, es gab eine Art Natürlichkeit des Politischen in meiner Kindheit. Deswegen kommen solche Dinge in meine Filme hinein. Und deswegen hatte ich nicht mit dem Echo bei "A Time to live" gerechnet. Der Film wurde von der Kritik damals stark angegriffen, von Journalisten, die der damals regierenden Guomindang sehr nahe standen. In dem Film gibt es die Großmutter, die immer davon redet, nach China zurückzukehren, aber sie stirbt in Taiwan. Man konnte also den Eindruck bekommen, es soll das Illusorische an diesem Zurück-nach-China vorgeführt werden. Dabei wollte ich nur zeigen, was damals gewesen war. Die Ironie der Geschichte ist übrigens, dass die Kulturabteilung der GMD-Regierung die Produktion des Filmes unterstützt hatte.

Politik kommt von außen in ihre Filme, etwa durch Radios. In "Good Men, Good Women" gibt es einen Film im Film, in dem es um taiwanesische Kommunisten geht, die nach China gehen, um gegen die japanischen Besatzer zu kämpfen. Einen Film, in dem das Politische so vordergründig behandelt wird, könnte man sich von Ihnen schwerlich vorstellen. Wie kann Kunst politisch sein?
Für mich ist das Wesentliche die konkrete Situation der Menschen. Und wenn man Menschen zeigt, zeigt man natürlich auch den Hintergrund, vor dem sie leben. In diesem Sinne sind meine Filme politisch. Wenn man sie bewusst aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird man also allerhand Angriffspunkte finden. Das politische Reden in Taiwan ist davon geprägt, die Verhältnisse in bestimmte Denkweisen, Ideologien einzuordnen. Das will ich nicht. Ich bedauere, dass die Geschichte von Taiwan, die sehr viel Tragik erfahren musste, heutzutage zumeist nur ideologisch wahrgenommen wird. So kann man aber nicht zur Wahrheit über die Geschichte gelangen. Die Politiker wollen gar nicht, dass die Menschen die Geschichte wirklich verstehen. So können sie sie leichter für ihre Zwecke manipulieren.

Kann man Ihre Filme dann als Versuch begreifen, eine andere Geschichte Taiwans zu erzählen?
Ich habe mich sehr eingehend mit der Geschichte Taiwans beschäftigt und überlege schon eine ganze Weile, einen Film darüber zu machen. Aber um ein solches Projekt zu verwirklichen, braucht man viel Geld. Abgesehen davon glaube ich, dass es im Film zwei Möglichkeiten gibt, Geschichte zu erzählen. Entweder man versucht sich an einer Darstellung, die den Maßgaben der Zeit entspricht. Oder man präsentiert, wie ich es versuche, Puzzleteile, also verschiedene Geschichten über Mensch, und am Schluss ergibt sich vielleicht ein Gesamtbild, das den Menschen in der Geschichte zeigt und das beim Zuschauer das Interesse weckt, mehr darüber zu erfahren. In "Good Men, Good Women" kann man sehen, dass die jungen Leute ihre Liebe und ihr Nationalgefühl vereint haben. Die Liebe zu einem Menschen, zu ihrem Partner ist nicht so verschieden von der Liebe zu ihrer Nation. Filme nur über Politik zu machen, wäre mir zu dünn.

Ihre Filme handeln von der Suche nach einer taiwanesischen Identität, einer Suche, die immer im Verhältnis zu China verläuft. Wie sehen Sie die Zukunft der beiden Länder?
Man muss kein Prophet sein, um für wahrscheinlich zu halten, dass es sehr schwer sein wird, die Eigenständigkeit Taiwans zu bewahren. Den Politikern der gerade regierenden DPP wie auch der GMD fehlt die Fähigkeit, die Zukunft Taiwans zu denken. Ich sehe sie nicht dazu in der Lage, alle Aspekte dieser Frage gebührend zu berücksichtigen, um dann ein realisierbares Projekt zu entwickeln. Momentan ist die Eigenständigkeit von Taiwan durch die Spannung zwischen China und den USA eine instabile. Die Hoffnung, diese zu behalten, ist gering.

Wäre das Ihre Hoffnung?
China und Taiwan haben sich weit auseinander entwickelt. Mein Ideal wäre, die Frage einer Vereinigung erst in 50 Jahren zu lösen, weil es Zeit und Mühe braucht, um die Kommunikation zu verbessern, vor allem um den historischen Ballast aus den Köpfen zu kriegen. Erst dann könnte man zu einem reifen Urteil gelangen. Aber ich bin da pessimistisch. Fortlaufend häufen sich neue Probleme in der Zeit an. Wenn unter der Bevölkerung in China die Rede auf eine Selbständigkeit Taiwans kommt, ist die spontane Reaktion, dass man gefälligst Krieg führen soll. Diese Einstellung wird von jetzt an die Zukunft beeinflussen. Man kann vermutlich nicht warten, um Verständnis aufzubauen. Außerdem müsste Taiwan sein Verhältnis zu den Ländern im südostasiatischen Raum verbessern, etwa in der Frage der Einwanderung aus diesen Ländern. Eigentlich müsste man eine Position weit oben über den tagespolitischen Fragen einnehmen, eine abgeklärte Perspektive, aus der man das Ganze betrachtet und langsam zu lösen versucht.

Das Gespräch führte Matthias Dell

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