#ichbinimbilde

Selfies Protest ist heute visuell, meint Kerstin Schankweiler. Moral-Posing auch, weiß Jia Tolentino

Es gibt da diese Bücher im Kassenbereich von Buchhandlungen, die neben Kartenspielen, Radiergummis und Kühlschrankmagneten liegen und zum Impulskauf anregen sollen wie Schokolade im Supermarkt. Bücher, die sich gut als Geschenke machen. Bücher, die als leichte Kost versprechen aktuelle oder populäre Themen einführend zu vermitteln. In diesen Kassenbereichen liegen jetzt also in Kunstbuchhandlungen die Büchlein aus der Reihe Digitale Bildkulturen (Verlag Klaus Wagenbach) herausgegeben von den Kunstwissenschaftlern Wolfgang Ullrich und Annekathrin Kohout. Die ersten beiden Bände der Reihe stammen von den Herausgebern selbst: „Selfies“ von Ullrich, „Netzfeminismus“ von Kohout. Daneben liegt jetzt der dritte Band: „Bildproteste“ von Kerstin Schankweiler.

Die Autoren sind meist, wie die Herausgeber, aus dem universitären Bereich und haben bereits zu den Themen gearbeitet und veröffentlicht. Experten vermitteln populärwissenschaftlich, wie sich die Gesellschaft durch die digitale Revolution verändert und welchen Bedeutungszuwachs Bilder in diesem Prozess erfahren. Schankweiler, Juniorprofessorin für Künste der Gegenwart an der Universität Siegen, erklärt wie mit Videos im „Selfie-Format zum Protest“ aufgerufen wird. Sie beschäftigt sich besonders mit „Fotografien und Handyvideos von Bürger*innen, die als Zeugnisse [von Aufständen] in Umlauf gebracht werden“, denn, so Schankweiler, „Bilder sind für die Koordination, die Mobilisierung und Solidarisierung von großen Personengruppen unerlässlich geworden“. Während einst müßig Flyer gestaltet, gedruckt und verteilt werden mussten, reichen heute Kamera und soziale Medien: „Das Filmen und Veröffentlichen wird zum politischen Akt und zum Bildprotest.“ Die Videos von Beobachtern und Betroffenen sind verwackelt und unscharf im Vergleich zu den Bildern, die professionelle Fotojournalisten produzieren.

Wo einst Distanziertheit und Neutralität in scharfen und komponierten Aufnahmen zum Ausdruck kamen, geht es heute in Amateuraufnahmen um Authentizität und Glaubwürdigkeit. Deshalb oft das Selfie-Format: Ein Mensch sitzt in den eigenen vier Wänden vor einer Webcam, der Fokus liegt auf dem Gesicht und den Emotionen, oft kommt ein Schild zum Einsatz, das vor den Körper gehalten wird, damit das Hashtag darauf gut sichtbar im Bild ist. Der Betrachter wird mit starken Emotionen konfrontiert, Wut, Trauer, Enttäuschung und Empörung sollen bewegen, die Ästhetik der Erregung soll anstecken. Das Ziel: die Weiterverbreitung des Videos und damit Anschluss an den Protest im virtuellen und realen Raum.

Ein Beispiel ist das Video der 25-jährigen ägyptischen Aktivistin Asmaa Mahfouz, das sie am 18. Januar 2011 auf Facebook teilte. Sie informiert darüber, dass sich vier Ägypter aus Protest selbst angezündet hätten, einer von ihnen sei mittlerweile verstorben. Sie hat eine Nachricht, die sie übermitteln möchte und ein Ziel. Sie lädt für den 25. Januar zum Protestmarsch auf dem Tahrir-Platz in Kairo ein, sie bittet darum, das Video zu teilen und den Bekanntenkreis zu mobilisieren. „Anstatt uns selbst anzuzünden, lasst uns etwas Positives machen!“ Das Video verfehlt seine Wirkung nicht. Am 25. Januar versammeln sich Protestierende auf dem Tahrir-Platz und fordern die Absetzung des damaligen Staatschefs Husni Mubarak. Der Tag ist in die Geschichte als Beginn des „Arabischen Frühlings“ eingegangen. Asmaa Mahfouz erhielt 2011 den Sacharow-Preis für geistige Freiheit des EU-Parlaments, ihr wurde der Preis für die Verteidigung der Meinungsfreiheit und Menschenrechte verliehen.

„Die Handykamera ist zum vielleicht wichtigsten Protestwerkzeug avanciert“, schreibt Schankweiler. Besonders in repressiven Staaten ist das oft der einzige Weg, um politisch aktiv zu werden und der offiziellen Berichterstattung etwas entgegenzuhalten. „Der Allgegenwart von Überwachungskameras im öffentlichen Raum steht heute eine Allgegenwart von Handykameras gegenüber“, so Schankweiler. Es wird sich zur Wehr gesetzt gegen Polizeigewalt wie bei der Festnahme von Eric Garner im Jahr 2014, Angriffe auf offener Straße wie die „Gürtelattacke“ in Berlin im Jahr 2018 werden öffentlich gemacht und es wird Solidarität mit Protest-Selfies bekundet wie dem von Michelle Obama unter dem Hashtag #BringBackOurGirls im Jahr 2014.

Ich war nicht „Charlie“

Das Thema Hashtag-Aktivismus und dessen Wirksamkeit streift die Autorin kurz. Sie erwähnt zwar die kritischen Stimmen, die sagen, nicht die politische Sache stehe im Vordergrund, sondern der eigene Wohlfühlfaktor. Viel Aufmerksamkeit schenkt sie ihnen nicht. Ihr Ziel ist auch weniger eine Kritik der Selfie-Protestkultur, als der Nachweis, dass Bilder in der „Ära des ständigen Beglaubigens und Bezeugens“ eine herausragende Rolle spielen. Auch diese Enthaltsamkeit in Sachen Kritik führt dazu , dass die knapp 60 Seiten im trockenen Seminarton emsig zusammengeschrieben daherkommen. Wenn man das Buch an seinen eigenen Maßstäben misst, bietet es, was es soll: eine Einführung in das Thema Bildproteste.

Wenn man aber eine Jia Tolentino („Trick Mirror. Reflections on Self Delustion“) und ihren durchdachten Essay „The I in the Internet“ daneben legt, in dem sie ausführlich auf das so genannte „virtue signaling“ eingeht, fehlt Schankweilers Text die Balance, die auch eine Präsentation und Verteidigung der eigenen Thesen braucht. Tolentino macht deutlich, dass im Zeitalter der sozialen Medien die Äußerung der eigenen Meinung nicht mehr der erste Schritt ist, sondern oft schon das Ende, wenn es um politischen Aktivismus geht.

Zustimmen würde ihr wohl Philippe Lançon, der 2015 schwer verletzt den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris überlebte. Im Krankenhaus habe er tonnenweise Post bekommen, von Menschen, für die er „mehr Symbol als Mensch“ gewesen sei, wie Lançon in seinem autobiografischen Buch Der Fetzen (Klett-Cotta 2019 ) schreibt. Er zeigt sich erstaunt über die „wohlwollende Blindheit“ derer, die nach dem Attentat den Hashtag #jesuischarlie in sozialen Medien teilten: Der betraf, schreibt Lançon, „ein Ereignis, dem ich zum Opfer gefallen war (...), für mich aber war dieses Ereignis etwas Intimes. (...) Ich schrieb für Charlie, ich war verwundet worden und hatte meine toten Gefährten bei Charlie gesehen, aber ich war nicht Charlie.“ Tolentino findet noch deutlichere Worte für penetrante Solidaritätsbekundungen im Netz: Wir sollten uns schämen, wenn wir keine Solidarität ausdrücken können, ohne uns an erster Stelle zu sehen, meint sie.

Info

Bildproteste Kerstin Schankweiler Wagenbach 2019, 80 S., 10 €

Trick Mirror. Reflections on Self-Delusion Jia Tolentino Random House 2019, 303 S., ca. 12 €

09:45 30.10.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1