Ideal und Alltag

Sehnsucht „Cold War“ handelt von einer unmöglichen Liebe im Kalten Krieg
Ideal und Alltag
Joanna Kulig als Sängerin Zula

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Zwei Herzen“ heißt das Lied, mit dem Zula beim Vorsingen Eindruck machen will. Es verfehlt seine Wirkung nicht. Wiktor ist eingenommen von der Chuzpe und Schönheit der jungen Frau. Der Musiker aus Warschau bereist mit seiner Kollegin Irena die ländliche Provinz, um traditionelles Liedgut zu sammeln. Im Auftrag des neuen Regimes wollen sie ein Folkloreensemble zusammenstellen. Irena beobachtet die aufkeimende Faszination mit ironischer Skepsis; vom Talent der Kandidatin ist sie nicht überzeugt, spürt aber deren Ehrgeiz und Durchsetzungskraft.

Das Lied wird fortan zu einem Leitmotiv der Liebesgeschichte zwischen Zula (Joanna Kulig) und Wiktor (Tomasz Kot), es vollzieht den emotionalen und zeitgeschichtlichen Wandel mit, den sie durchleben. Das Stück, zunächst wie aufgehoben in der Folklore, wird später als Jazzballade erklingen. Für das Vorsingen ist es eine strategisch kluge Wahl, denn ursprünglich war es eine russische Volksweise, hat mithin einen guten Klang im Nachkriegspolen, das ein Staat unter sowjetischem Einfluss werden soll. Neben den vielen Dingen, die Pawel Pawlikowskis Film von nun an erzählen wird, ist er auch eine Reflexion darüber, was Star-Qualität ausmacht.

Cold War Der Breitengrad der Liebe ist inspiriert vom Temperament und der unmöglichen Liebe seiner Eltern. Zula und Wiktor werden einander mehrfach abhanden-, aber nie voneinander loskommen. Sie schwört ihm zu Beginn ewige Treue, gesteht aber im gleichen Atemzug, dass sie ihn auf Geheiß seines Vorgesetzten Kaczmarek (Borys Szyc) bespitzeln soll. Wiktor ist ein wenig wehrhafter Romantiker, der spürt, dass seine Ideale keine Chance haben im Kommunismus. Ihre Liebe wird jahrzehntelang Bestand haben, aber niemals die Prüfung des Alltags bestehen müssen, da Wiktor 1952 ein Gastspiel in Ostberlin nutzt, um in den Westen zu fliehen, und bald als Jazzpianist in Paris wohnt.

Pawlikowski blättert seine Erzählung in sieben Lebenskapiteln auf. Zula und Wiktor begegnen sich in Paris wieder, später reist er zu einem Auftritt des Ensembles nach Split, kann aber nur einen kurzen Blick auf sie erheischen (eine regelrechte Suspense-Szene, in der der Staatenlose von Agenten bedroht wird). 1957, als Zula nach einer Scheinehe mit einem Italiener ausreisen darf, leben sie für eine Weile in Paris zusammen und nehmen ein Album auf. Sie ertragen das Beieinandersein schlecht; Zula sehnt sich nach der Heimat zurück, wenige Jahre später folgt Wiktor ihr: in der Gewissheit, zur Haft im Arbeitslager verurteilt zu werden.

Wenn man dem Film Nostalgie unterstellen wollte, dann wäre es eine ästhetische: Visuell und akustisch knüpft er an jene Epoche an, als der Jazz und das junge Kino gleichzeitig in Polen aufblühten. Cold War schließt auf den ersten Blick auch an Pawlikowskis Oscar-prämierten Film Ida an, der ebenfalls in atmosphärisch bestechendem Schwarz-Weiß und im „akademischen“ Bildformat von 1:1,37 gedreht ist. Aber während im Vorgänger Gesichter, Körper und Räume oft im Anschnitt gefilmt sind und die mürbe Szenerie Polens in einem kompositorischen Ungleichgewicht erfassen, öffnet Lukas Zals Kamera nun den Blick zu einer vorbehaltlichen Freizügigkeit. Dieses nachdrücklich intime Epos schillert zwischen Enge und innerer Freiheit. Bei aller szenischen Konzentration eröffnet es Resonanzräume für Pawlikowskis großes Thema, den Widerspruch zwischen dem Unbedingten und dem Kompromiss. Es hat einen wunderbaren Widerhall in der Zeichnung Irenas, der Agata Kulesza ein reiches Innenleben als aufrechter, an der verlogenen Staatsräson verzweifelnder Ironikerin gibt. „Bauern“, gibt sie zu bedenken, als der politische Wind sich dreht, „singen keine Lieder über Agrarreformen und Stalin.“

Info

Cold War Pawel Pawlikowski Polen/ Großbritannien/Frankreich 2018, 89 Minuten

06:00 02.12.2018

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