Identität

A–Z Ein US-Polizist hat Privatfotos vom Handy einer Verhafteten kopiert und damit ein Facebookprofil angelegt, um weiter zu ermitteln. Unser Lexikon der Woche klärt auf
Redaktion | Ausgabe 42/2014

A

Anonymität Die Geheimhaltung der persönlichen Identität galt lang als wirksamer Schutz vor möglicher Verfolgung. Aufklärerische Schriften in der Frühen Neuzeit erschienen nicht ohne Grund ohne identifizierbaren Autor. Die Nicht-Offenlegung der Identität hat aber im Online-Zeitalter eine neue Bewertung erfahren, meist eine Abwertung. Anonyme Aktivitäten werden allein aufgrund unbekannter Autorenschaft abgebügelt, wie man es anfangs bei den Plagiatsjägern von VroniPlag erleben konnte. Da äußerten sich Politiker, sie würden die Vorwürfe nicht ernst nehmen, forderten ein „offenes Visier“. Wer sich nicht zu erkennen gibt, muss im Unrecht sein, so die Argumentation. Auch hinter der Forderung nach Klarnamen bei Kommentaren steckt die Ignoranz der Machtverhältnisse. Welcher Kleinstadtunternehmer kann es sich etwa leisten, sich öffentlich mit der vor Ort herrschenden Meinung anzulegen? Tobias Prüwer

D

Dekonstruktion Friedrich Nietzsches maskulistischen Weckruf „Werde, der du bist“ nahm die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm in ihrer 1894 erschienenen Novelle Werde, die Du bist auf, womit endgültig beide Geschlechter auf den Identitätstrip gesetzt waren. Nietzsches Übermenschen eine Überfrau entgegenzusetzen entbehrte nicht eines gewissen Witzes, der in den psychotherapeutisch gestimmten Generationen seit 1960 aber irgendwie verloren ging: Die Suche nach der eigenen Identität wurde zum Jakobsweg männlicher und weiblicher Selbstwerdung und ergoss sich als Psycho-Babble in die Party-Gesellschaft. Es waren vor allem die poststrukturalistischen französischen Denker und Denkerinnen, die in einem derart zu sich selbst gekommenen Ich nicht nur eine philosophische Falle, sondern auch einen existenziellen Irrweg erkannten. „Vive la différence“ übersetzten die diversen Emanzipationsbewegungen die parole des Nicht-Identitären in der Erkenntnis, dass „das Eine“ ohne „das Andere“ gar nicht existieren kann. Der Kampf um das Selbst war damit allerdings nicht beendet. Ulrike Baureithel

E

Erfassung In der Detektivgeschichte des 19. Jahrhunderts war die Identitätsfeststellung noch ein spannendes spekulatives Thema. Sherlock Holmes nahm Methoden wie die Abnahme von Fingerabdrücken vorweg. In Zeiten, in denen man dachte, an der Physiognomie der Menschen ihren verderbten Charakter ablesen zu können, konnte man von Biometrie und DNA-Tests nur träumen. Immer ausgeklügelter werden heute die Verfahren der automatischen Bildererkennung, sodass man von Dystopien à la Minority Report, wo jeder überall und jederzeit identifizierbar ist, nicht mehr weit entfernt ist. Interessant ist dabei, dass viele Menschen vor einer Orwell’schen 1984-Welt nicht nur nicht zurückschrecken, sondern sich aktiv daran beteiligen. Persönliche Daten werden in die ominöse Cloud geschoben. Und das Smartphone lässt sich mittlerweile bequem mit dem digitalen Fingerabdruck entriegeln. Schöne neue Erfassungswelt. Tobias Prüwer

F

Facebook-Profil Ausgerechnet die Polizei klaut Menschen nun ihre Identität. In den USA hatte ein Drogenfahnder mit Bildern vom Handy einer verurteilten Frau einen Fake-Account bei Facebook angelegt. Mehrere Jahre ermittelte er damit verdeckt im Drogenmilieu. Er baute Kontakte Freunden und Bekannten der Frau, also zu potenziell Verdächtigen auf und postete Bilder, die die heute 28-Jährige unter anderem auch wenig bekleidet oder mit kleinen Kindern zeigten. Erst als man sie auf die Bilder ansprach, wurde die junge Frau, die selbst gar keinen eigenen Facebook-Account hat, auf die Fake-Identität aufmerksam. Nun hat sie den betreffenden Beamten wegen Verletzung der Privatsphäre verklagt. Das Justizministerium erklärte, die Frau habe der Nutzung der Bilder aber stillschweigend zugestimmt. Eher unwahrscheinlich, dass sie wusste, was damit genau geschieht. Facebook hat den falschen Account mittlerweile aber gesperrt. Benjamin Knödler

G

Gleichheit Eigentlich sollte man meinen, dass klar sei, was identisch bedeutet. Aber so leicht ist es nicht. Es gibt nämlich zwei Definitionen des Begriffs, die ganz sicher nicht identisch sind. Oft werden sie wild durcheinandergeworfen, den meisten ist das Problem wohl nicht einmal bewusst. Wie sich die beiden Bedeutungen unterscheiden, lässt sich an einem einfachen Beispiel illustrieren: Ich habe zwar vielleicht die gleiche Hose wie mein bester Freund, aber sicher nicht dieselbe. Ist meine Hose nun identisch mit der anderen? Oder um es abstrakter auszudrücken: Wenn sich zwei Gegenstände in ihren Eigenschaften gleichen und sie nicht zu unterscheiden sind, spricht man von qualitativer Identität. Handelt es sich jedoch um denselben Gegenstand, so spricht man von numerischer Identität. Alles klar? Felix Werdermann

I

Identitäre Bewegung Sie sind jung und haben Angst vor einem Verlust ihrer „ethnokulturellen Identität“ durch „Masseneinwanderung“ und „Islamisierung“. Die Identitäre Bewegung ist erst wenige Jahre alt, entstand in Frankreich, nun gibt es sie auch in anderen europäischen Ländern. Die Anhänger hetzen gegen Linke und Ausländer, versuchen jedoch, ihr Image reinzuwaschen: „Wir distanzieren uns klar von Nationalsozialismus, Rassenchauvinismus und Antisemitismus und vertreten einen gesunden Patriotismus“, heißt es auf der Webseite. Wie dieser Patriotismus aussieht, lässt sich im Youtube-Video sehen: Da wird gegen die „erzwungene Mischung der Rassen“ gewettert. Und es heißt: „Dies ist eine Kriegserklärung.“ Felix Werdermann

K

Kulturelle Identität Dass mit dem Begriff „Identität“ viel Schindluder getrieben werden kann, zeigt sich auch hier: Kulturelle Identität ist die Idealisierung des Kollektivzwangs.Auf ihr fußen die Rufe nach „Leitkultur“, der angebliche Kampf der Kulturen und das Wort von der Mehrheitsgesellschaft. Kulturen sind demnach vom Individuum unabhängige Gebilde, denen es sich – einmal hineingeboren – einfach ergeben muss. Sie haben feste Grenzen, einen unveränderlichen Kern und setzen eben Kulturschranken, denen sich der Einzelne ergeben muss. In Sätzen wie „Ich bin ja kein Rassist, aber die haben schon eine andere Kultur“ kommt das unschön zum Ausdruck.

Kulturelle Identität ersetzt in neurechten Diskursen den Rassismus, steckt den Menschen aber ebenso in ein für ihn unveränderliches Identitätskonzept. „Die“ passen dann eben nicht zu „uns“, lautet die scheinbar plausible Ableitung, die dann auch auf jede weiterführende Argumentation verzichten kann. Tobias Prüwer

M

Musik Pubertät kann ja so grausam sein. Pickel, permanente Unsicherheit ob des eigenen Körpers, die Suche nach dem Platz im Leben. Musik ist da zumindest ein kurzfristiges Wundermittel gegen jugendliche Identitätskrisen. Sie liefert nicht nur den Soundtrack für die Lebensphase, vor allem dient der Musikgeschmack der eindeutigen Positionierung. Da sind die Hiphopper, die coolen Gangster mit Caps und Hoodies. Ihnen kritisch bis verständnislos gegenüber stehen die Metal-Fans. Lange Haare und mitunter befremdlich bedruckte schwarze T-Shirts. Dazwischen gibt es dann auch noch Punks, Emos, Reggae-Fans, Indierocker und die ganz normalen Chart-Fans. Die Liste ließe sich lang fortsetzen. Zur jeweiligen Musik gehören natürlich auch passender Dresscode und Verhaltenskodex. Identitätskrisengeplagtes Herz, was willst du mehr? So findet jeder seinen Platz, und sei es dadurch, dass man sich von all den Gruppen abgrenzt. Auch wenn die Liebe zu einer Musikrichtung bleibt – sie hat später nie mehr die existenzielle Bedeutung wie in der Pubertät. Benjamin Knödler

S

Spiel Das Spiel mit Identitäten war in den vergangenen Jahrhunderten viel stärker sanktioniert als heute, wo es für viele den eigentlichen Reiz von Online-Chats und Live-Rollenspielen ausmacht. In antiken Mysterienspielen und im daraus entstandenen Theater fand das erlaubte Rolle-wechsle-dich statt. Im mittelalterlichen Karneval konnten die Menschen dann dank des Verbergens der eigenen Identität über die Stränge schlagen, was die närrische Jahreszeit bis heute zum Entlastungsventil macht. Chats oder Dark-Room-Maskenbälle sind als weitere Rollentauschformen hinzugekommen. Das Theaterduo Signa hat daraus ein Theaterprinzip geschält und entwirft für Zuschauer begehbare Parallelwelten. Zuletzt gestalteten sie für die Berliner Volksbühne einen Nachtclub als veritable Hölle. Tobias Prüwer

T

Telefonstreiche Gibt es etwas Lustigeres, als kichernd beim Nachbarn anzurufen und ihm mitzuteilen, dass die Pizza, die er nie bestellt hat, gut zehn Minuten später kommt? Der Identitätsklau am Telefon ist wohl so alt wie das Gerät selbst. „Kennt ihr meine neueste Mode? Kommt mal mit ans Telefon“, rief die rote Grete bereits 1932 in einem Gedicht von Erich Kästner, und verulkte dann Bürgermeister und Opernintendanten. 80 Jahre später gibt es Radiostationen, die Telefonstreiche immer noch als „superverrückte Comedy“ anpreisen. Dem Sender ffn gelang ein Coup, als es ein falscher Franz Müntefering schaffte, mit der damaligen hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti über die unkontrollierbaren Jusos zu quatschen. Die Identität des Nutzers, der den unveröffentlichten Mitschnitt später bei Youtube hochlud, ist bis heute ungeklärt. Simon Schaffhöfer

Theseus’ Paradoxon Die Philosophie diskutiert Identität mitunter ziemlich schräg, dann nämlich, wenn es um Identität im ontologischen Sinn geht, um die Frage, wann etwas identisch ist. Ein Beispiel ist das Schiff des Theseus, ein bekanntes Paradoxon. Demzufolge wird Theseus’ Holzschiff von den Athenern über längere Zeit aufbewahrt. Nach und nach werden die alten Holzplanken durch gleiche Teile ersetzt. Am Ende stehen das aus gleichen, aber komplett neuen Teilen bestehende Schiff und viele Fragen: Müssen Dinge aus komplett gleicher Materie bestehen, um identisch zu sein? Kann ein Ding über die Zeit dann überhaupt identisch sein? Thomas Hobbes überlegte, was passieren würde, wenn aus den alten Planken ein zweites Schiff gebaut würde. Welches von beiden wäre dann Theseus’ Schiff? Knifflig ... Benjamin Knödler

Z

Zähne Das Gebiss eines jeden Menschen ist einzigartig und damit ein geeignetes Merkmal, um die Identität eindeutig festzustellen. Da die Auswertung von Gebissen und Gebissspuren deutlich preiswerter als eine DNA-Analyse ist, wird die Methode international oft angewandt. Nur in seltenen Fällen, wie bei makellosen Zähnen, kann das Zahnschema keinen eindeutigen Aufschluss geben. Regelmäßige Zahnpflege kann also die Identität schützen. Ein strahlendes Lächeln macht quasi unsichtbar. Andersherum ist allerdings auch nicht eindeutig identifizierbar, wer keine Zähne hat. Beides kommt aber nur selten vor, wobei ein makelloses Gebiss sicher vorzuziehen ist. Ulrike Bewer

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06:00 29.10.2014

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