Andreas Busche
25.08.2010 | 12:30 3

Identität in der Krise

Kino Der Film „Defamation“ von Yoav Shamir ist dem Antisemitismus auf der Spur und findet ihn erwartungsgemäß schnell. Sein eigentliches Thema ist die jüdische Identitätskrise

Das Problem mit Meinungen ist: Jeder hat eine. Und die mit der geringsten Ahnung schreien oft am lautesten. Wer sich einmal die Zeit nimmt, den Teilnehmern unserer Informationsgesellschaft zuzuhören, kommt manchmal aus dem Staunen nicht heraus. Israel ist etwa eines dieser Themen, zu dem jeder etwas zu sagen hat, ganz unabhängig von der individuellen Informationslage.

Diese Erfahrung muss auch der israelische Filmemacher Yoav Shamir in seiner Dokumentation Defamation machen. Shamir ist einem Phänomen auf der Spur, das er selbst nach eigenem Bekunden nur aus den (israelischen) Medien kennt: dem Antisemitismus. In seinem lesenswerten Buch The Changing Face of Anti-Semitism beschreibt der amerikanische Historiker Walter Laqueur Antisemitismus als eine Erscheinung, die knapp 2.000 Jahre in immer neuen Manifestationen überdauert hat. Es ist jedoch nicht der historische Antisemitismus, der Shamir interessiert. Welchen konkreten Gefahren, fragt der Filmemacher in leicht schelmischem Tonfall, sind Juden über sechzig Jahre nach dem Holocaust tatsächlich noch ausgesetzt? Und woran erkennt man einen Antisemiten heute?

Um Kopf und Kragen

Natürlich sind die Antworten auf solche Fragen nicht nur davon abhängig, wem man sie stellt – sondern auch wie. Methodisch geht Shamir nur insofern vor, als dass er sein Gegenüber die Arbeit machen lässt. Es gibt kaum einen, der sich in Defamation nicht um Kopf und Kragen redet. Die landläufigen Ressentiments sind deshalb schnell abgearbeitet: Seine Großmutter, eine Zionisten von altem Schrot und Korn, hält amerikanische Juden für faul und geldgierig, ein arabischer Taxifahrer weiß, dass Juden die Geschicke der Welt lenken, und eine Gruppe schwarzer Jugendlicher in Brooklyn diskutiert über die Protokolle der Weisen von Zion. Einen Zusammenhang zwischen diesen antisemitischen Evergreens und dem zyklischen Erstarken von Antisemitismus will Shamir zunächst nicht erkennen. So dauert es eine frustrierende Dreiviertelstunde, bis Defamation zum eigentlichen Kern der Problematik vordringt: dem aktuellen Israel-Palästina-Konflikt und dem Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus. Aber auch hier prallen die Meinungen mit ideologischer Inbrunst aufeinander. Shamir fungiert weder als Vermittler noch als Interpret, seine Feldforschungen führen ihn nicht einmal in den Gaza-Streifen. Er hätte dort reichlich Anschauungsmaterial gefunden.

Mit zunehmender Spieldauer wird dann auch deutlich, dass der Antisemitismus der Anderen gar nicht das Thema von Defamation ist. Vielmehr beschwört Shamir eine Krise der jüdischen Identität herauf, in der die Erinnerung an den Holocaust noch immer eine zentrale Rolle spielt. Das Hauptproblem der Juden ist seiner Ansicht nach die endlose Selbstbeschäftigung mit dem Antisemitismus – gleichgültig dessen unmittelbarer Evidenz. Kronzeuge dieser Argumentation ist Abe Foxman, Holocaust-Überlebener und Vorsitzender der amerikanischen Anti Defamation League, der sich – eigentlich nicht anders als Shamir – das Aufspüren von Antisemitismus zur Aufgabe gemacht hat. Im Gegensatz zu Foxman allerdings ist Shamir Verfechter eines fröhlichen Fortschrittsgedankens, der mit der Vergangenheit gerne abschließen würde. Nur unterschlägt sein optimistischer Blick nach vorn leichtfertig die Tatsache, dass Antisemitismus im Mittleren und Nahen Osten bis lange vor die Gründung des Staates Israel zurückreicht.

Kommentare (3)

crumar 25.08.2010 | 22:20

Entschuldigung, wir haben sicherlich zwei verschiedene Filme gesehen.

In *meinem* Film werden zum Beispiel Busladungen israelischer Schulabsolventen nach Auschwitz gekarrt - noch vor zwanzig Jahren ein Privileg von Elite-Schulen.

Der vom Regisseur vertretene Standpunkt lässt sich eigentlich ganz gut wahrnehmen, wenn man die Szenen unvoreingenommen sieht.

Im Vorfeld wurden die Jugendlichen dermaßen mit der Vorstellung vom universellen Antisemitismus traktiert, dass diese geradezu eine Paranoia entwickeln mussten.
In einer Szene verdächtig eine Schülerin zwei alte Polen, etwas antisemitisches zu sagen - sie versteht aber einfach kein Polnisch und in der Übersetzung des Gespräches fragten sich die Polen nur, was sie von ihnen will.

Die Schüler und Schülerinnen wurden bewusst isoliert von der Bevölkerung und moralisch erpresst.
Das sieht man, wenn eine Schülerin schuldbewusst gesteht, beim Besuch des KZs nichts zu empfinden.
Der Lehrer nimmt daraufhin den Regisseur beiseite und schwört ihn ein, auf diese Schülerin seinen speziellen Fokus zu richten.

Nach weiterer Schulung und Besichtigung tritt endlich der gewünschte Effekt ein: Weinend fragt sie sich, warum man sie hasst, sie habe doch niemandem etwas getan.

Nächste Szene: Im Kreis stehend, nehmen sich alle heulend in den Arm und wickeln sich mit einer israelischen Flagge ein.
Die israelische Flagge.
Gehe niemals ohne sie aus!

Es ging bei der Veranstaltung klipp und klar darum, jüdisches Leiden zu instrumentalisieren, um den dann in die Armee eintretenden Jugendlichen zu vermitteln, dass palästinensisches Leiden wesentlich weniger wert ist als jüdisches.
Exakt dies auch war das Thema des Artikels "Pilgerfahrt nach Auschwitz" in der taz.

In einem Interview mit Uri Avnery im Film - auch diese Aussparung im Artikel finde ich bezeichnend - sagt er ganz unumwunden, es gibt den "neuen Antisemitismus" nicht.
Dieser ist eine Erfindung von AIPAC und Konsorten und ein Mittel der politischen und moralischen Erpressung.

Und zum Schluss des Artikels stehen wiederum die üblichen Halbwahrheiten, die genau dieser bizarren Denkweise entsprechen.
Historisch richtig ist, dass Juden vor dem EUROPÄISCHEN Antisemitismus geflohen sind.
Der Kurzschluss von europäischem und deutschem Antisemitismus, der den Holocaust ermöglichte und dem arabischen hat einen politischen Sinn.
Und zwar einen ausschließlich politischen, denn es gab kein einziges KZ auf arabischen Boden (zumindest keins, in dem sich Juden befanden).

Es soll damit der palästinensische Widerstand gegen die Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen internationales Recht als antisemitisch gelabelt werden.
Und natürlich darüber hinaus jede Kritik an Israel ebenso.

Was den Artikel über den Film von Shamir kennzeichnet ist, dass er sich exakt in diesem Fahrwasser der Instrumentalisierung des Antisemitismus und des Holocaust bewegt, den Shamir offensichtlich und ausgesprochen überzeugend kritisiert.

Gruß, C.

andreasbusche 31.08.2010 | 10:16

Zunächst meine Entschuldigung, dass es mir nicht gelungen ist, einen 60 Jahre andauernden politischen Konflikt in 3400 Zeichen abzuhandeln.

Aber dies ist eine Filmkritik, über eine vermeintlich journalistische Dokumentation wohlgemerkt, und da halte ich es zunächst für relevanter, den Filmemacher an seinem eigenen Anspruch zu messen, als eine Bewertung der Situation im Israel-Palästina-Konfikt vorzunehmen. (Wie eingangs gesagt: das Problem mit Meinungen...) Ihr Vorwurf der Parteinahme ist im übrigen völlig haltlos, da ich dem Leser nicht nur den sehr geschätzten Uri Avnery vorenthalte, sondern auch einen irrlichternden Norman Finkelstein, seines Zeichens eine Lichtgestalt der so genannten “Israel-Kritik”, der sich im Film wie ein Geistesgestörter aufführt und sich damit wohl endgültig aus einer seriösen Diskussion zum Thema Israel verabschiedet – mit einem Hitlergruß, möchte ich anmerken. Dass Shamir auch dieses Intermezzo im Film belässt, ist ihm hoch anzurechnen und zeichnet ihn als fairen und unvoreingenommenen Kommentator aus. Nur ist sein Ansatz meiner Meinung nach reichlich verkürzt, um nicht zu sagen: naiv. Und darum geht es in meiner Kritik in erster Linie.

Woraus Sie den Schluss ziehen, dass ich jede Kritik an Israel automatisch als antisemitisch abtue, wird mir nicht klar. (Dass ein Großteil der Israel-Kritik dennoch von antisemitischer Rhetorik geprägt ist, ist eine andere Geschichte) An keiner Stelle im Text lege ich diese Lesart nahe. Das ist dann doch eher ein (Kurz)Schluss Ihrerseits, aber auch das ist verzeihlich im Anbetracht der Hitze der Diskussion. Ich stehe Israels aktueller Hardliner-Regierung sehr wohl kritisch gegenüber – nicht allerdings Israels Existenzrecht. Ohne Wenn und Aber. Es besteht, das zeigt auch Shamirs Film, kein Zweifel daran, dass die israelische Regierung und die ADL den Holocaust für politische Zwecke instrumentalisieren. Wenn aber diese beiden Fakten als Beleg herangezogen werden, dass es einen Antisemitismus (ob neu oder alt, sei dahingestellt) heute nicht mehr gibt, oder von ihm vielmehr keine akute Gefahr mehr ausgeht, dann halte ich das für äußerst fadenscheinig. Oder eben naiv. Dazu muss man nur mal in den Iran blicken.

crumar 01.09.2010 | 13:44

Es steht jedem frei, zu Israel eine politische Position zu beziehen - nur sollte man die Position auch deutlich machen und sich nicht hinter verdunkelnden Äußerungen verbergen.

Sie greifen das legendäre "Existenzrecht Israels" auf, als wäre das in irgendeiner Form strittig. Strittig sind die Grenzen des Staates Israel und der Staat Israel hat ein Problem damit zu definieren, wer die Bürger Israels sind.

Überlassen Sie den Rechten in Israel die Definition der Grenzen, so besteht keinerlei Frage, dass Judea und Samaria zu dem "Existenzrecht Israels" gehört.
Genau das hat Netanjahu vor AIPAC kund getan, ebenso wie das "natürliche" Recht Israels auf ganz Jerusalem (als Hauptstadt).
In den USA reden israelische Politiker gerne frei von der Leber weg...
Und natürlich ist antisemitisch oder selbsthassender Jude, wer anderes behauptet.

Dies nicht zur Kenntnis zu nehmen, ist in meinen Augen naiv.
Denn exakt so sieht die konkrete Politik der israelischen Regierung derzeit aus.

Der Internationale Gerichtshof befand jedoch anders und die internationale Staatengemeinschaft dito: Israel hat keinen "legal title" auf Ost-Jerusalem, Gaza und West-Jordan.
Die Grenzen Israels sind die vor dem 67er Krieg.
Das war es eigentlich auch schon.

Exakt dieses gebütsmühlenartig zu wiederholen, was nämlich nach internationalem Recht *Grundlage* von Verhandlungen sein muss, ist ein Verdienst von Finkelstein.

Dass er sich mit dieser klaren politischen Position ziemlich unbeliebt macht, hat er mit der Vernichtung seiner beruflichen Existenz bezahlt.
AIPAC/ADL und Herr Dershowitz insbesondere haben da ja ganze Arbeit geleistet.
Letzteren hat er sich mit dem Buch: Beyond Chutzpah: On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History zum Feind gemacht.

Der Titel ist übrigens Programm.
Mir scheint, als wäre die Abneigung gegenüber Finkelstein der Tatsache geschuldet, dass man seine Positionen lieber gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, geschweige denn inhaltlich diskutieren will.

Da leisten BAK Shalom und Konsorten die Arbeit von AIPAC in Deutschland.
Und die klappt mit Labeln immer noch am besten - selbst wenn man Zitate fälschen und verbiegen muss...

Wenn Finkelstein vor diesem Hintergrund - den Sie anscheinend nicht kennen - überreagiert, dann ist das für mich menschlich nachvollziehbar, es bleibt aber befremdlich.

Sprung in die politische Jetztzeit:

Aktuell lassen es die politischen Kräfteverhältnisse noch nicht einmal zu, die völkerrechtswidrige Ausweitung der Besatzung des West-Jordan (ich verwende hier bewusst Klartext) zu beenden.
Damit sind die nun stattfindenden Verhandlungen schon hinfällig, bevor sie überhaupt begonnen haben.

Und selbst die sind überhaupt erst von der Us-amerikanischen Regierung in Gang gesetzt worden als Versuch der Verhinderung, der Goldstone-Report könne politisch verwendet werden.

Das zeigt ziemlich deutlich, zu welchem Zweck die Ideologie des globalen Antisemitismus erfunden wurde, wie sie instrumentalisiert wird für politische Interessen und wie mächtig sie derzeit noch ist.

Welchen innenpolitischen Sinn diese Ideologie macht, können Sie in einem anderen Film von Shamir nachvollziehen: "Checkpoint".

Was vierzig Jahre Besatzung aus der israelischen Jugend gemacht hat und für einen deprimierenden Nachmittag empfehle ich gerne: "Flipping Out".
Auch von Shamir.

Ich habe bei vielen Pro-Israelis hier in Deutschland das Gefühl, sie hängen einem Israel nach, welches gar nicht mehr existiert. Oder einer bloßen Konstruktion von Israel aus ideologischen Gründen.

Gruß, C.