Ideologen sind die anderen

Cancel Culture Die Berliner Journalistin Judith Sevinç Basad schreibt in ihrem Buch „Schäm dich!“ mehr über sich selbst, als sie ahnt
Ideologen sind die anderen
Werden hier etwa gerade Erbsen gecancelt?

Foto: Imago Images

Ende 2017 sollte die Kulturwissenschaftlerin Lila Sharif aus Illinois an der Freien Universität in Berlin einen Vortrag halten. Doch nachdem ihr angekündigter Auftritt kurz vorher in einem Blogbeitrag scharf kritisiert worden war, weil Sharif mit Blick auf die israelische Besatzungspolitik von „Apartheid“ und „zionistischem Siedlungskolonialismus“ spricht, sahen sich ihre universitären Gastgeber gezwungen, den Vortrag kurzfristig abzusagen. Einen sicheren und geordneten Ablauf der Veranstaltung habe man nicht mehr gewährleisten können, gaben sie zur Begründung an.

Man könnte diesen Vorfall als Beispiel für eine immer stärker um sich greifende „Cancel Culture“ geißeln. Zumal der Autorin des Blogbeitrags die Absage des Vortrags nicht ausreichend erschien: Sie forderte anschließend, die Universität hätte sich von ihrem Gast auch noch öffentlich distanzieren müssen. Der Name dieser Autorin: Judith Sevinç Basad.

Gendersternchen birgt Gefahr

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass genau diese Autorin nun ein Buch geschrieben hat, das hart mit vermeintlichen Tugendwächter*innen , Social-Justice-Warriors und illiberalen Sprechverboten ins Gericht geht. Die studierte Philosophin und Germanistin Basad warnt in ihrem Buch mit dem Titel Schäm Dich! im Untertitel vor Ideologinnen und Ideologen, die „bestimmen, was gut und böse ist“. Im Interview mit der Welt sagt Basad, dass sie das generische Maskulinum im Titel besser gefunden hätte, damit seien auch Transsexuelle gemeint, das Gendern sei eine Verlagsentscheidung gewesen.

Mit „Ideologinnen“ meint Basad selbstverständlich immer nur andere. Dabei zeigt ihr eigenes Beispiel: Die schärfsten Kritiker eines vermeintlichen Tugendwahns sind selbst häufig nicht ganz frei von totalitären Anwandlungen. Natürlich hat die Kritik an linker „Identitätspolitik“ einen realen Kern. Und ja, es gibt auch Linke, die anderen gerne vorschreiben würden, wie sie sprechen oder denken sollten. Beispiele dafür finden sich immer wieder, und Basad führt diese akribisch auf. Sie selbst aber vertritt die rechte Variante eines autoritären und identitären Denkens. Mit Feuereifer verteidigt sie den Status quo; und jeden Versuch, diesen in Frage zu stellen, Frauenquoten oder ein bisschen freundliche Sprachkosmetik wertet sie als Frontalangriff auf deutsche Tradition und Kultur. Wer schon Feminismus für neumodischen Schnickschnack hält und nicht mit Anti-Rassismus- oder LGBTQ-Diskursen belästigt werden möchte, der ist bei Basad gut aufgehoben. Jedes Gendersternchen wird von ihr zur existenziellen Gefahr aufgebauscht. Mit AfD-Wähler*innen dagegen übt Basad viel Nachsicht: Viele handelten aus Notwehr, weil brutale Linksliberale ihnen keine andere Wahl ließen, glaubt sie. Antirassistischen Autor*innen wie Mohamed Amjahid oder Alice Hasters unterstellt sie einen „umgekehrten Rassismus“. Wer „die Medien“ sind, in denen Intersektionalität „wie eine Heilslehre gefeiert“ werde, wie Basad behauptet, bleibt zwar ihr Geheimnis: mehr als ein paar Beispiele aus taz und öffentlich-rechtlichen Nischensendern führt sie dafür nicht an.

Nichts dürfe man noch sagen

Basad ist fest überzeugt, dass „der Kulturmarxismus“ schon alle Ritzen unserer Gesellschaft durchdringt. Mit dieser Paranoia ist sie verdammt nahe dran an ultrarechtem Verschwörungsdenken. Basad ist beileibe nicht die erste, die sich lautstark darüber beklagt, dass man heute angeblich gar nichts mehr sagen dürfe, und die damit Feuilletonseiten und Sendezeit füllt – vorzugsweise in konservativen Medien wie der NZZ (bei der Basad volontierte), der FAZ, Welt oder beim Cicero, wo Basad eine Kolumne namens „Triggerwarnung“ betreibt.

Nirgendwo klagt es sich schöner, dass man angeblich von einem politisch korrekten Mob mundtot gemacht werde, als vor gleichgesinntem, konservativem Publikum. Basad ist auch nicht die erste, die einen Migrationqhintergrund besitzt – ihr Vater ist aus der Türkei eingewandert – und diesen triumphierend als Beweis dafür anführt, dass Rassismus in Deutschland nicht so schlimm sein könne, schließlich habe man selbst kaum welchen erlebt.

Mit Menschen, die tatsächlich fürchten müssen, nicht nur mundtot, sondern wirklich tot gemacht zu werden oder Gewalt zu erfahren, nur, weil sie ihren Mund aufmachen, hat Basad aber wenig Mitleid. Jedenfalls, wenn sie diese im gegnerischen Lager wähnt. Als die schwarze Comedy-Autorin Jasmina Kuhnke, die sich auf Twitter „Quattromilf“ nennt, kürzlich umziehen musste, nachdem ihre Adresse im Netz veröffentlicht und sie dort von Rassisten bedroht wurde, ließ das Judith Sevinç Basad spürbar kalt. Auf Twitter warf sie ihr noch ein hämisches „Selbst schuld“ hinterher: Hätte Kuhnke nicht selbst kräftig ausgeteilt, wäre ihr das nicht passiert. Für diese Doppelmoral und diesen Zynismus würden sich anständige Menschen tatsächlich schämen.

Info

Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist Judith Sevinç Basad Westend Verlag, 224 S., 18 €

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06:00 26.04.2021

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