Idioten

Hörbar Vorweihnachtszeit im KaDeWe, Menschenmassen, Musikgedudel, Sonderangebote. Ein älterer Herr steht reglos mitten im Trubel und wartet, während sich ...

Vorweihnachtszeit im KaDeWe, Menschenmassen, Musikgedudel, Sonderangebote. Ein älterer Herr steht reglos mitten im Trubel und wartet, während sich schimpfend Kunden rechts und links von ihm ihren Weg bahnen. "Sind Sie verheiratet?", erwidert der Herr auf ihre Anfeindungen. "Wenn Sie es wären, dann wüssten Sie: Immer sind die Weiber weg!" Der Herr steht nämlich so hilflos im Weg herum, weil er seine Frau verloren hat, die eine Handpuppe "was ist ein Fuchs", sucht. Dass sie diese Handpuppe, was ist ein Fuchs, für den verwöhnten kleinen Enkel tatsächlich finden wird, glaubt der ältere Herr sowieso nicht. Der Enkel wird ungnädig aufschreien beim Anblick der falschen Handpuppe, und dafür soll der Opa stundenlang dumm herumstehen? Kurzerhand beschließt der ältere Herr, diesen Zustand zu beenden und lässt seine Frau ausrufen. Und natürlich kommt sie, wütend, dass er nicht auf sie warten wollte. Es ist eben wie immer, wenn das Weib weg ist. Und das ist nicht gerade selten.

Die Geschichten, die Stefan Heym in Immer sind die Weiber weg aus dem Alltag seiner Ehe erzählt, handeln selten von Überraschungen, und noch seltener von freudigen Ereignissen. "Glauben Sie nicht, ich jammere. Ich erzähle eine Geschichte, und Geschichten müssen haben eine Pointe", sagt dazu der Autor. Viele seiner Pointen haben mit dem Verhältnis zwischen ihm und seinem Weib zu tun. Es ist ein bisschen wie mit dem Hase und dem Igel. Der Autor ist immer der, der sich bemüht, und die Frau bleibt ruhig und hat am Ende doch alles besser gewusst. Er rennt, und sie ist immer schon da. Lange Zeit wirkt das belustigend, wie ein sehr gut eingespielter, letztlich aber harmloser Ehepaar-Hickhack. Erst auf der letzten der drei CDs erfahren die Hörer, dass der Ehemann wohl doch Grund zur Klage hat: Über die Launenhaftigkeit seiner Frau, das zu viele Auf und Ab, über zu wenig Harmonie. Da lässt er ihr einen Psychoschrittmacher einbauen. Jetzt kann er ihr per Fernbedienung Stimmungen verpassen: der zartrosa Knopf bedeutet eine liebevolle, fürsorgliche Hausfrau, der orangene sorgt für eine Frau voller Verständnis und Eijzes, guter Ratschläge. Und der purpurfarbene Knopf lässt sie zur leidenschaftlichen Sexmaschine werden. Aber was macht man mit einer Frau, die sich immer ideal verhält? Gar nichts, und so zerstört am Ende der Autor den Psychoschrittmacher.

Eine Geschichte folgt der anderen, nicht eben aufregend, aber liebevoll und charmant. Das hat viel mit der Stimme des Autors zu tun, der 84-jährig die drei CDs besprochen hat. Man hört dieser Stimme das Alter an: keine klare, frische, dynamische Stimme, wie wir sie von den professionellen Sprechern gewohnt sind. Sondern eine etwas gebrochene, ganz leise dauerheisere Stimme, die langsam und bedächtig und manchmal ein bisschen müde und nachlässig formuliert. Sie passt einfach ideal zu den altmodischen Geschichten und zu dem besonderen, der jiddischen Sprechweise nachgebildeten Stil, in dem die Worte nicht ihren gewohnten Platz im Satzgefüge haben und das eine oder andere (jiddische) Fremdwort auftaucht. Genau der richtige Ohrenschmaus für einen geruhsamen, verregneten Sonntagnachmittag bei Tee und Gebäck.

Geschichten aus ihrem Leben erzählt auch Agota Kristof in Die Analphabetin, gelesen von Hannelore Hoger. Aber wie vollkommen unterschiedlich sind diese beiden autobiographischen Texte! Ist Heyms Stil auf charmante Weise umständlich, schneidet Kristof ihre Sätze bis aufs Skelett zurück. Klingt bei Heym immer ein tröstlicher Unterton mit, gelangt Kristof wiederholt an Endpunkte existentieller Not, ohne eine Versöhnung zu erfinden. Die Lebensgeschichte der ungarischstämmigen Autorin handelt vor allem davon, wie sie zum Schreiben kam - in französisch, einer Sprache, in der sie jahrelang Analphabetin war. Geschichten erfinden hat immer zu ihrem Leben gehört. Glücklich die Zeiten, als das Kind mit Lügengeschichten den kleinen Bruder ärgerte. Schon weniger glücklich die Erfolge der Schülerin mit selbst erdachten Kabarettstückchen - sie dienten der sehr armen Agota zum Geldverdienen. Traurig die ersten Gedichte, die an einsamen Abenden im Internat entstehen - weit weg von ihrer Familie, ist hier das Schreiben zum ersten Mal Ausweg aus einer tristen Lebenssituation. Und beinah herzzerreißend das Dichten in der Fabrik, im Takt der Maschinen. Da ist Agota Kristof schon eine junge Frau, mit Mann und Baby in die Schweiz geflohen, "in die Wüste", wie sie sagt. Warum sie geflohen ist aus Ungarn, schreibt sie nicht. Aber wie enttäuschend, trist, eintönig und kalt das Leben in der Schweiz anfangs war.

Das Besondere, Unverwechselbare und Faszinierende an Agota Kristof ist ihr klarer, knapper, emotionsloser Stil. Ob sie von ihrer ersten Zeit in der Schweiz schreibt oder davon, wie sie gleich mit ihrem ersten Roman durchschlagenden Erfolg hat - immer sind die Sätze kurz und knapp und beinah lakonisch, und genau so liest sie auch Hannelore Hoger. Sie ist die ideale Besetzung für Kristof-Texte: Wie diese beherrscht auch Hoger perfekt die Kunst, mit reduzierten Mitteln große Wirkung zu erzielen, und ihre Grundhaltung ist eine ebenso lakonische, nur ganz leicht melancholische, im Grunde aber gefasste und eigentlich sogar fröhliche wie die der Autorin. In einem Zug habe ihr erster Verleger ihren Text gelesen, schreibt Kristof, und dann gleich noch einmal. Eine sehr treffende Beschreibung ihrer Texte: sie ziehen einen sofort in den Bann, ob in Buchform oder vorgelesen.

Fast nichts mit realen Lebensgeschichten haben Ermanno Cavazzonis Kurze Lebensläufe der Idioten zu tun. In diesen Kurzgeschichten dreht sich alles um Menschen, deren Vorstellungen und Handlungen einen entscheidenden Tick neben dem liegen, was wir gewohnt sind normal zu nennen. Da ist zum Beispiel der Mann, der Angst vor der Geschwindigkeit hat - der Geschwindigkeit nämlich, mit der sich die Erde und damit wir alle drehen, 108.000 km/h! Oder der Mann, der seine Pappnase, die im Laufe eines Karnevalfestes im Dorf zur vorgeschriebenen Verkleidung gehörte, sein Lebtag nicht mehr absetzt. Zuerst aus Trotz, weil er nicht will und gegen den Widerstand sämtlicher Irrenärzte. Später dann, weil sein kleiner Sohn durch nichts anderes zu beruhigen ist als durch den benasten Vater. Oder der Verfasser realistischer Romane. Er verbringt fast seine gesamte Zeit damit, seinen großen Roman zu schreiben, das heißt, er schreibt gewissenhaft alle seine Handlungen und Gedanken auf, denn sein Roman ist ein Tatsachenroman und darin kommen nur wahrheitsgemäße Ereignisse vor. Nun ja, fast nur wahrheitsgemäße ... denn wenn er schreibt "er saß nachdenklich da und ließ die Zeit verstreichen" bedeutet das, dass er in Wahrheit dasaß und in der Nase bohrte. Aber gewisse Dinge eignen sich eben nicht für die Literatur, und am Ende eignete sich vor allem sein Leben nicht für die Literatur, denn das gesamte Manuskript in seinem Nachlass umfasst nicht mehr als eine einzige Seite.

Diese absurden kleinen Geschichten haben doch etwas mit dem Leben und auch mit der zuletzt beschriebenen Lebensgeschichte zu tun. Denn Ermanno Cavazzoni hat sich inspirieren lassen von Krankenakten aus dem 19. Jahrhundert. Einige der Lebensläufe basieren also auf wahren Begebenheiten. Und vor allem erzielen auch diese kurzen Texte ihre Wirkung aus dem Reiz des Widerspruchs: die absurdesten Geschichten sind im klaren, nüchternen Stil eines Arztberichtes abgefasst.

"Irrsinnig komisch" beschreibt der Autor selbst die Wirkung dieser Kombination. Und dass für irrsinnige Komik Sophie Rois die richtige Stimme liefert, liegt auf der Hand. Hysterische Frauen, wahnsinnige, durchgedrehte, lebensmüde, nicht ganz zurechnungsfähige Frauen ... immer wieder Glanzrollen für Sophie Rois. Und anders als bei anderen Stars der Sprecherszene, deren Stimme einen nach dem 20. Mal hören kalt lassen, verblasst Rois´ Wirkung nicht. Wahrscheinlich weil sie einfach gut ist. Zu gut für ihren Volksbühnen-Kollegen Alexander Scheer, der den direkten Vergleich nicht gut übersteht. Es hätte das Hörvergnügen nicht geschmälert, wäre anstelle des etwas biederen Wechsels von männlicher - weiblicher - männlicher Stimme ausschließlich die Rois zu hören gewesen. Ganz im Gegenteil.

Stefan Heym: Immer sind die Weiber weg. Gelesen vom Autor, 3 CDs, 210 Minuten, Random House Audio, 19,50 EUR

Agota Kristof: Die Analphabetin. Gelesen von Hannelore Hoger, 1 CD, 70 Minuten, Random House Audio, 14,50 EUR

Ermanno Cavazzoni: Kurze Lebensläufe der Idioten. Gelesen von Sophie Rois und Alexander Scheer, 1 CD, 73 Minuten, Wagenbach Leseohr, 16 EUR

00:00 21.10.2005

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