Iggy Pop, ich will ein Kind von dir

Biologie vs. Kultur Die Biologisierung der Kultur ignoriert, dass Sex und Reproduktion heute längst getrennte Wege gehen. Warum sich Kunst und Partnerwahl nicht mit Darwin erklären lassen

„Der Anblick einer Pfauenfeder macht mich jedes Mal ganz krank“, schrieb Charles Darwin kurz nach der Veröffentlichung der Entstehung der Arten. Tatsächlich gehörten besonders prächtige, um nicht zu sagen, angeberisch aufgepumpte Körperteile anfangs zu den Stolpersteinen der Evolutionstheorie, weil im Sinne der natürlichen Selektion eigentlich alles entfallen müsste, was zu viel Energie kostet. Wollte man sich einen Darwinschen Problemzonenwolpertinger zusammenstellen, hätte er ein Hirschgeweih, eine Löwenmähne – und vor allem einen Pfauenschwanz. Dass die schönen Tier-Accessoires Teil der evolutionären Logik sind, erklärt Darwin zwölf Jahre später ausführlich in Die Abstammung des Menschen mit dem Prinzip der sexuellen Selektion.
Prunkgeweihe und Prachtfedern entwickeln sich, weil es einen wählenden Geschlechtspartner gibt: Der Werbende – meistens das Männchen – zeigt, dass er sich den Aufwand leisten kann, und das Weibchen hat die Wahl. „Female choice“ im Sinne der Evolutionstheorie bedeutet aber auch, dass das Weibchen den schönsten Vogel auswählt, gerade weil dessen unpraktische Federschleppe ein Überlebensrisiko darstellt. Die Biologen Amotz und Avishag Zahavi haben das 1975 „Handicap-Prinzip“ genannt. Wer einen überlebenstechnischen Nachteil in Kauf nehmen kann, beweist, dass er viel zu verschwenden hat. Die kraftvergeudende Luxusausstattung der Männchen demonstriert die guten Gene: Schönheit, Nutzlosigkeit und Verschwendung erhalten so eine evolutionstheoretische Rechtfertigung.

Das bleierne Gen

Der Pfauenschwanz des Menschen ist die Kunst, behauptet die moderne Evolutionsbiologie. Kunst ist zwar überlebenstechnisch zu nichts nütze, rechnet der Evolutionsbiologe, hat es aber trotzdem bis in die Gegenwart geschafft. Also folge sie doch einer Kosten-Nutzen-Kalkulation, eben weil sie sich durchsetzen konnte. Trotzdem führe die Evolution zu keinem steten Fortschritt – der Mensch ist aus biologischer Sicht eben nicht die Krone der Schöpfung, sondern auch ein Produkt des Zufalls.
Was Kunst dann mit guten Genen zu tun haben soll, fragen Philosophen, Kunsthistoriker, Kultur- und Sozialwissenschaftler hartnäckig zurück: Wer viel Energie darauf verwendet, Kunst, Kultur und Gesellschaft als etwas Verhandelbares, Gemachtes und Offenes zu erforschen, könnte im Darwinjahr ein wenig gereizt auf all die Pfauenfeder-Vergleiche zwischen Tier und Mensch reagieren. Meistens handelt es sich um gängige populistische Versuche, einfach alles genetisch festzunageln. Der Economist zum Beispiel hat herausgefunden, dass Musik ebenso wie Verbrechen, Kindsmord und die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen fest in der menschlichen Natur verankert sind.

Darüber könnte man müde lächeln – aber was sagt die seriöse Wissenschaft? Lassen sich evolutionsbiologische Verbindungslinien zwischen Tier und Mensch herstellen, ohne gleich das Wesen der Kunst, der Frau, des Mannes und all ihres Treibens für unveränderlich zu halten? Gilt der kulturalistische Vorwurf, Evolutionsbiologie sei bloße Ideologie, auch dann, wenn man nicht so bleiern argumentiert, alles auf die Gene zu schieben?
Geoffrey Miller, Evolutionspsychologe an der Universität von New Mexico, beschreibt Kunst als Teil der sexuellen Selektion. Laut seiner Studie über Die sexuelle Evolution (Spektrum Akademischer Verlag 2001) bevorzugten Frauen kreative und intelligente Männer, weshalb sich das überdurchschnittlich entwickelte Gehirn der menschlichen Spezies überhaupt erst herausbilden konnte. Musik etwa habe eine klare Funktion in der Reproduktionsfrage, denn wer musiziert, verausgabe sich körperlich und stelle damit gleichzeitig seine Fitness unter Beweis. Abgesehen davon, dass man sich Chopin oder Iggy Pop nur schwer als Gesundheits-Protze im Kampf um eine möglichst große Nachkommenschaft vorstellen kann: Nach Miller sind Frauen kaum mehr als intelligent wählende Groupies, die das Glück haben, an männlicher Schaffenskraft auch genetisch partizipieren zu können.

Auf den Spuren der sexuellen Selektion bewegen sich auch die Tübinger Evolutionsbiologen Thomas Junker und Sabine Paul (Der Darwin-Code, C. H. Beck 2009). Sie heben die Partnerwahl als entscheidendes Kriterium für eine erfolgreiche Fortpflanzung hervor. Abweichend von Miller legen Junker und Paul auf den wechselseitigen Wahlmodus beim Menschen Wert, und auch ihre Kunst-Definition ist ein wenig komplexer: Kunst fördere soziale Gefühle und diene der überlebenswichtigen Kooperation in einer Gemeinschaft. Trotzdem enden auch Junker und Paul beim sexuellen Reduktionismus der Kunst: „Schönheit, Außergewöhnlichkeit, Verschwendung und Luxus sind Signale für die genetischen Qualitäten ihrer Produzenten bzw. Besitzer.“

Diese Biologie der Kunst ignoriert, dass Sex und Reproduktion heute längst getrennte Wege gehen. Musik, Malerei, Literatur und ihre „Produzenten bzw. Besitzer“ können erotisch aufgeladen sein und unbewusst alle möglichen Signale versenden – warum Kunst gemacht und geliebt wird, erklärt sich daraus noch nicht. Die kulturelle Evolution unterscheidet sich so eklatant von der biologischen, dass man bei heutigen menschlichen Gesellschaften schwerlich Darwin in Anschlag nehmen kann.

Junker und Paul legen Wert darauf, dass Kunst der Kooperation dient, zwischen Mann und Frau ebenso wie im Sozialverband. Sie betonen ein partnerschaftliches Geschlechterverhältnis, und sogar die niedrige Geburtenrate westlicher Länder führt bei ihnen nicht direkt in die genetische Apokalypse. Man könnte also sagen, dass sie einen dezent progressiven Mainstream vertreten. Auffällig ist allerdings, dass sie so argumentieren, wie es auch konservative Biologen immer getan haben – nur eben mit umgekehrtem Vorzeichen: Sie verabsolutieren eine historisch gewachsene gesellschaftliche Konstruktion, indem sie ihr eine natürliche Logik anhängen.

Der gerupfte Pfau

Es ist sicher gut gemeint, wenn die Autoren auf der biologischen Überlegenheit der sexuellen Selbstbestimmung bestehen, mit der Begründung, dass dadurch die guten Gene zum Zuge kommen. Nur: Die freie Partnerwahl ist eine historische Neuerung. Von der mittelalterlichen Heiratspolitik bis zur bürgerlichen Vernunftehe galten ganz andere Regeln. Wenn man die sexuelle Selbstbestimmung verteidigen will, braucht man andere Argumente als bloß biologische. Ähnliches gilt für die Kunst: Schön, dass sie nicht mehr – wie noch in der Biologie des 19. Jahrhunderts – vorrangig für einen Fall von Degeneration und Krankheit gehalten wird. Der Kunst tut man trotzdem keinen Gefallen, wenn man ihr ein genetisches Gütesiegel aufklebt. Es soll Kunst geben, die dem landläufig Gesunden zuwiderläuft und sich weder mit Gefallen, Genießen noch Nützen in Einklang bringen lässt.

Junker und Paul setzen Kunst mit „geistigen Genüssen“ und „höheren Freuden“ gleich – und das klingt nach einer ziemlich biederen Veranstaltung. Ihre „Biologie der Kunst“ zeugt sichtbar von eigenen Vorlieben und Abneigungen.
Es gibt einen Ausweg, den schon Ludwik Fleck in den 30er Jahren aufgezeigt hat: einen Denkstil, der harte Wissenschaft mit weichen und gewachsenen kulturellen Strukturen versöhnt. Forscher wie Lily Kay, Stephen Jay Gould, Steven Rose und Evelyn Fox Keller haben die faszinierende Verdrahtung von Biologie, Geschichte und Gesellschaft aus wissenschaftshistorischer Perspektive beschrieben. Wenn Biologie ein Produkt der Gesellschaft ist, wird der Wert und die Existenz von wissenschaftlichen Tatsachen doch nicht geleugnet. Oftmals genügt es, einfach das eigene Wissenssystem einer kleinen historischen Einordnung zu unterziehen. Und die Federn dem Pfau zu lassen.

07:00 05.02.2009

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