Ihm gelingt’s immer

Eventkritik Hans-Olaf Henkel will raus aus dem Euro. Weil er seine Thesen aber fürs Fernsehen für zu kompliziert hält, erklärt er sie jetzt lieber live dem Publikum

So richtig blickt beim Euro und seiner geplanten Rettung ja längst keiner mehr durch. Selbst Bundestagsabgeordnete räumten unlängst vor laufenden Fernsehkameras ein, die Finanzinstrumente nicht zu verstehen, für die sie wenig später stimmten. Schirme, die gespannt, Hebel, die in Bewegung gesetzt werden: Einig ist Politikern wie Volk nur dieses diffuse, ungute Gefühl.

Das teilt auch Hans-Olaf Henkel. Der frühere Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie will die wachsende Euro-Skepsis mit Argumenten unterfüttern. Dafür ist er nun unterwegs, unabhängig, ohne Fremdfinanzierung. Der Konzertsaal der Universität der Künste in Berlin ist an diesem Samstagabend die dritte und vorerst letzte Station einer Minitour: Weil nirgends über die Alternativen zur Euro-Politik berichtet werde, wegen seiner "enormen Frustration mit den deutschen Medien" stehe er hier, sagt Henkel vor 300 Zuhörern. Es ist kaum ein Jahr her, da zählte er zu den häufigsten Gästen in den Polit-Talks der Republik. Und ausgerechnet jetzt, da die Talkshow-Dichte höher ist denn je, ist er vom Bildschirm verschwunden.

Wie das Ebola-Virus

Rettet unser Geld! – Henkels aktuelles Buch – erschien vor einem Jahr. Im Januar kommt eine aktualisierte Taschenbuch-Ausgabe heraus. Henkel schreibt darin vom "Euro-Betrug", gebrochenen Stabilitätsversprechen und verbauter Wettbewerbsfähigkeit. Vor seinem Publikum vergleicht der 71-Jährige das Ansteckungsrisiko überschuldeter Staaten mit dem Ebola-Virus. Griechenlands Verbannung aus dem Euro sei aber keine Lösung. Vielmehr soll Deutschland gemeinsam mit Österreich, Finnland und den Niederlanden eine eigene Währung bilden, den Nordeuro. Die anderen Euro-Länder bekämen den Südeuro und dürften in den Nordeuro folgen, sobald sie sich konsolidiert hätten.

Henkel sagt, er habe die Talkshow-Abstinenz bewusst gewählt und alle Anfragen abgelehnt. Vor zwei Wochen ließ er sich zwar mal wieder bei Maischberger blicken, aber eigentlich sei seine Alternative zu Merkels Euro-Rettung zu kompliziert, um sie in einer Talkshow überzeugend auf vier, fünf Sätze zu reduzieren. Aber: "Wenn ich Zeit hatte, ist es mir immer gelungen."

Wegen der Komplexität nun die Minitour, Henkel goes Graswurzel. Einst Euro-Befürworter, spricht er jetzt von einem "Fehler". Heute seien sich Wirtschaftswissenschaftler und -redakteure einig: "Das fährt vor die Wand." Es sei aber ein Tabu, den nächsten Schritt zu machen. Er hingegen stehe für Meinungsfreiheit, sagt Henkel. Andere nennen das, was er unters Volk bringt, Populismus.

Pathos, Vaterland, Verantwortung

An diesem Abend gibt er sich eher gemäßigt: Er spricht von unterschiedlichen Mentalitäten und Kulturen, aber nicht von faulen Griechen. Ein bisschen Pathos, Vaterland, Verantwortung – dabei bleibt es. Wenn Stammtisch-Atmosphäre aufkommt, dann in den Reihen vor ihm. Das Publikum unterbricht Henkels Vortrag immer wieder mit langem Applaus.

Es gibt Momente, die sind tatsächlich ein bisschen gruselig. Unter die besorgte Ü-50-Mittelschicht hat sich neoliberales Jungvolk gemischt. Einige machen Fotos vom Referenten. Henkel Superstar? Soviel muss schon drin sein, wenn man den Samstagabend und 22 Euro Eintritt für den Ausweg aus der Misere opfert.

Vor Beginn der Veranstaltung hatten vor dem Eingang zwei Frauen und ein Mann die Junge Freiheit verteilt. Die Zeitung gilt als Sprachrohr der Neuen Rechten. In Henkels Publikum scheint der Verlag eine geeignete Zielgruppe zu sehen. Als in der anschließenden Fragerunde ein Zuhörer auf die politische Ausrichtung der Zeitung verweist, wird er von einigen Teilnehmern ausgebuht. In die rechtspopulistische Ecke, sagt Henkel, "da gehöre ich nicht hin".

Der Grat, den er beschreitet, ist schmal. Henkels Forderung, aus dem Euro auszusteigen, wird ebenso von rechten und rechtspopulistischen Parteien von der NPD bis Pro Deutschland propagiert. Zugespitzte Äußerungen über die mangelnde Disziplin südeuropäischer Länder können sich da schnell verselbstständigen.

Nach knapp einer Stunde schließt er seinen Euro-Abgesang: "Ein Ende mit Schrecken ist immer noch besser als ein Schrecken ohne Ende." Stürmischer Applaus. Den Anteil der Banken am europäischen Finanzdilemma hat er vornehm ausgespart. Es folgt ein Gespräch mit n-tv-Moderator Manfred Bleskin, Typ tapsiger Bär. Einem größeren Publikum wurde Bleskin bekannt, als er aufgrund zahlreicher Versprecher ins Radar von Stefan Raab geriet, der ihn als "coolste Sau von n-tv" titulierte. Bleskin erzählt, wie er sich mit Henkel über Jazz austauscht und dass der ehemalige IBM-Manager in jungen Jahren noch vor den Beatles Pilzkopf trug.

Die Anti-Euro-Apo

Das Publikum will lieber wissen, wie es um die Gründung einer neuen Partei und Henkels Bereitschaft steht, sich dabei zu engagieren. Trat Henkel in dieser Frage bei anderen Anlässen offensiv auf, reagiert er nun eher verhalten. Ihm schwebt – auch wenn er das so nicht sagt – eine Art Anti-Euro-Apo vor: Durch die Zuschauerreihen wandert ein Klemmbrett mit E-Mail-Listen. Wer sich eintrage, erhalte Informationen und könne vor den nächsten Abstimmungen im Bundestag Protest-E-Mails an seinen jeweiligen Abgeordneten schicken.

Der parteilose Henkel wirbt auch für den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler, der einen Mitgliederentscheid über den Euro-Rettungsschirm angestoßen hat. Das Ziel: keine unbefristeten Rettungsmaßnahmen, überschuldete Staaten sollen aus dem Euro austreten. "Für diesen Mitgliederentscheid lohnt es sich, in die FDP einzutreten."

Dafür erntet Henkel sogar hier ungläubige Blicke. Eine Frau im Publikum entgegnet, dass die FDP keine Lösung sei, Guido Westerwelle habe sich eindeutig für die Euro-Rettung ausgesprochen. Henkel schmunzelt: Den sei man im Falle einer erfolgreichen Mitgliederbefragung ja los. Vielleicht werden Henkels Motive ganz einfach unterschätzt.

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13:50 02.11.2011

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