Ina Hartwig
14.04.2011 | 09:00 3

Ihr Charme, ihr Drama

Nachruf Das letzte Rohrpostsystem der Qualitätspresse: Ina Hartwig erinnnert sich an die „Frankfurter Rundschau“, wie sie einmal war

Als ich 1997 von Berlin nach Frankfurt am Main kam, hatte die Zeitung ihre Adresse noch in der Innenstadt; ein verkehrsumtoster stolzer Riegel zwischen Hauptwache und Eschenheimer Tor, ein L-förmiges Haus, genau genommen, bestehend aus verschiedenen Funktionsteilen – der Redaktion, dem technischen Gebäude, der Verwaltung. Ein Kollege führte die Neue durchs Haus, seine Stimmung ironisch angehaucht; wir waren altersmäßig nicht weit auseinander und spürten beide, dass wir schon damals die Vergangenheit besichtigten. Das zierliche, weißgestrichene Treppengeländer aus einem kühn geschwungenen Schmiedeeisen mit schwarzem Handlauf, hieß es, stünde unter Denkmalschutz. Damals wusste ich noch nicht, dass das „Rundschau-Haus“ für die Frankfurter ein Mythos war. Die erste nach dem Krieg im amerikanischen Sektor gegründete Zeitung schien für die Stadt, die ich kaum kannte, von größter Bedeutung zu sein.

Wo sich das Treppengeländer befand, schaute man durch große Fenster hinaus über eine schmale Straße hinweg auf eine gegenüber gelegene Apartmentzeile, die ihre guten Tage gesehen hatte. Von den jetzigen Bewohnern wusste vermutlich kaum jemand, dass in einer dieser Wohnungen die legendäre Luxushure Rosemarie Nitribitt ermordet worden war; ich selbst hatte ihren Namen allerdings auch noch nicht gehört, sah den Film mit Nadja Tiller und Gert Fröbe (und Wolfgang Neuss als Bänkelsänger) erst später und tauchte ein in den ruchlosen Chic der Fünfziger, der, in Resten, noch um das Rundschau-Haus wehte. Besonders rührend war, dass die grünen Glasröhrchen mit dem Schriftzug „Frankfurter Rundschau“, vielleicht die erste Neonschrift der Stadt, die Jahrzehnte überlebt hatte. Die plumpen Buchstaben leuchteten nachts über der gerundeten Ecke, einer dem Berliner Mosse-Zeitungshaus nachempfundenen Miniatur. Das Tableau der Stadtlandschaft wurde komplettiert durch den wie Pappmaché aussehenden Eschenheimer Turm, den Turmpalast, wo die aktuellen US-Filme im Original liefen, und dem auf einer Hausfassade leuch­tenden Logo der Privatdetektei „Tudor“.

Haptische Musterseiten

Es war eine merkwürdige Erfahrung für die junge Frau, die an der Uni ordentlich Postmoderne getankt hatte, die ihre erste Redaktionserfahrung in der taz gemacht, überhaupt ihre wilden Jahre in West-Berlin ausgetobt hatte und dann den Mauerfall erleben konnte als etwas Unabweisliches, weil sie die weicher werdenden Gesichter der DDR-Grenzsoldaten bei den vielen Transitfahrten zwischen „Westdeutschland“ und Berlin sehr wohl bemerkt hatte – es war merkwürdig, nach Frankfurt zu kommen; denn dort hatte sich der satte, selbstbewusste Westen der Republik auf eine Weise konservieren können, wie sie ihn vorher – als Norddeutsche – niemals gesehen hatte. Dass diese toupierten Monsterfrisuren, die sie anlässlich eines Konzerts im oberen Stockwerk einer Bank bei den Ehefrauen der Anzugherren fasziniert anstarrte, überhaupt existierten in Deutschland: ein Wunder. Auch der hessische Dialekt, und in der Frankfurter Rundschau war er sehr verbreitet, besonders bei Sekretärinnen, Hausmeistern, Boten und Metteuren, musste erst einmal verkraftet werden.

Apropos Metteure: ein Begriff, der aus alter Gewohnheit aus der Zeit des Bleisatzes beibehalten worden war. Als ich bei der FR anfing, wurden die Zeitungsseiten von den Metteuren geklebt auf schönen, großen Schautafeln, um anschließend belichtet zu werden; ein paar Jahre später wurden die Seiten dann elektronisch gebaut, und das haptische Erlebnis von „Musterseiten“ entfiel. Die Metteure – heute nur noch am Bildschirm – waren entspannte Männer, allesamt Urhessen, die einiges vom Leben gesehen hatten und nichts lieber taten als nach Feierabend Bier zu trinken. Sie saßen im technischen Trakt des Hauses, wo ein Paternoster seine unermüdlichen Dienste tat. Und noch ein Detail sei erwähnt, das zeigen mag, wie – gefühlsmäßig – weit entfernt die technische Revolution noch war, die bald das Zeitungshaus, und nicht nur dieses, überrollen sollte. Die FR verfügte über ein Rohrpostsystem, das die Redakteure benutzten, um die auf Papier redigierten Manuskripte zu verschicken (versehen mit einem rosa Deckblatt); man schob die Papierrolle in die „Bomben“ genannten Plastikbehälter, die, sobald der starke Luftzug der Rohre sie erfasst hatte, mit dem Geräusch eines startenden Düsenjets davon jagten, um bei den freundlichen Damen und Herren von der Texterfassung zu landen – neben den Metteuren. Sie erst speisten die Texte ins Redaktionssystem ein; denn wir waren ja noch ohne E-Mail.

Die Frankfurter Rundschau war nie besonders veränderungssüchtig – ihr Charme und Drama zugleich –, und das betraf nicht nur die Stabilität des Personals, sondern auch die politische Einstellung (der gewerkschaftliche Schutz als Maßstab), und das ästhetische Denken. Als Redakteurin im Feuilleton konnte ich sie noch erleben, die Riege jener Männer, die die Zeitung intellektuell geprägt hatten seit den seligen Zeiten der Studentenrevolte. Wolfram Schütte, Hans-Klaus Jungheinrich und Peter Iden waren zwar keine Freunde, aber doch so etwas wie Veteranen, nämlich sie alle hatten Adorno aufgesogen, hatten Kritische Theorie und Kulturkritik ihrem Denkstil als lebenslanges Ideal verordnet. Berlin schien fern zu sein aus Frankfurter Sicht, und die taz – wo längst die libertären Bürgerkinder Formexperimente zelebrierten, die von der FAZ beispielsweise genau beäugt wurden – wurde erst gar nicht zur Kenntnis genommen. So entstand ein gewisses Aufmerksamkeitsvakuum, dem freilich ein enormes fachliches Wissen gegenüberstand. Und so erklärt sich, dass es für die drei prägenden Feuilletonfedern der FR – die Film, Musik, Literatur, Theater und Kunst jahrzehntelang kontrollierten – wohl gewöhnungsbedürftig war, uns, die Neuen aus Berlin, Köln, München, Heidelberg und Bochum, ernst zu nehmen.

Der Turmpalast steht leer

Doch der Gerechtigkeit halber sei gesagt: Sie haben uns dann doch und zum Teil herzlich angenommen – und wir sie. Der dringend nötige Generationenmix und –wechsel wurde tapfer gestaltet, der Übergang gemanagt. Und, diese Verbeugung darf sein, sie waren echte Persönlichkeiten: der eine frankfurterisch-lebensfroh-geerdet (die Gewohnheit auskostend als Prinzip der Freiheit), der andere polyglott-mondän-vernetzt (und trotzdem immer „links“), der andere skurril-barock-genialisch, der nur mit Zigarre schreiben konnte; wenn er da war, roch man es von Ferne. Überhaupt, das Rauchen und Trinken! Der ältere Kollege, nachdem er den ganzen Tag leidenschaftlich telefoniert (und geraucht) hatte oder mit der Schreibmaschine Briefe zusammengehackt, öffnete abends seinen Schrank, wo eine Selektion von Rotweinflaschen mehr über seine Einstellung zum Leben und Arbeiten aussagte, als es die heutigen aseptischen, mit Energiesparlicht abgetöteten Arbeitsplätze im Großraumbüro vermögen.

Im Rückblick würde ich sagen, bei zum Teil knisternden Verständigungsschwierigkeiten betreffend den Sound, den Tonfall, die Neigungen, die politische Stoßrichtung: Wir zogen noch im Zenit des Generationenkonflikts letztlich am gleichen Strang, was das Grundsätzliche angeht. Beispielsweise stellte niemand die Berechtigung von Texten in Frage, die damals – man glaubt es kaum – bis zu 20.000 Zeichen zählen konnten; das war eine ganze Seite (im alten, „nordischen“ Format) über den Einfluss von Emile Zola auf Michel Houellebecq, über das Marzipanhafte im Stil José Lezama Limas oder über die Schönheit des Provisorischen in der amerikanischen Landschaft... In den besten Zeiten des Feuilletons stritten wir am meisten. Wir kämpften um Platz und Positionen; ein gutes Zeichen. Als die Krise kam, als die Anzeigen erdrutschartig wegbrachen, die Börsenblase platzte, der Strukturwandel im Leseverhalten sich ankündigte, diese traurige und bis heute sich hinziehende Krise der großen Tageszeitungen, von der allerdings die FR am härtesten betroffen war und ist, da rückte die Redaktion zusammen. Man sollte Harmonie nicht überschätzen.

Das Rundschau-Haus in der Innenstadt ist längst verkauft und abgerissen worden, der Turmpalast steht leer und wird abgerissen. Ich zähle die Tage, bis auch Herr Tudor seine altmodische Leuchtreklame ausschaltet. Vielleicht gibt es ihn schon gar nicht mehr, diesen Frankfurter Detektiv, sondern ein guter Geist wacht darüber, dass eine Illusion nicht stirbt, denn von Illusionen leben wir.

Ina Hartwig war von 1997 bis 2009 Literaturredakteurin der FR. Im März 2011 wurde ihr der Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik verliehen

Kommentare (3)

ebertus 14.04.2011 | 17:04

Ein schöner, ein nostalgischer, ein beinahe poetischer Text. Nichts, woran man sich reiben könnte, gar Fragen stellen; grundsätzlicher Art und über den Tag hinaus.

Dennoch Danke für diesen Text, weil ich selbst ab dem Anfang der 90er verstärkt in Frankfurt und in Rhein/Main tätig war, die FR mich beim Kennenlernen von Land, Leuten und Gebräuchen vielfach begleitete, oft wirklich unterstützte.

knusperfrosch 14.04.2011 | 17:17

Ich gestehe, ich habe Heimweh nach der alten FR.
Seit meiner Kindheit in den 70ern war sie ein fester Bestandteil meines Lebens, Teil der ‚guten Dinge’, die im Leben Halt und Orientierung bieten, weil sie so stabil sind, und gerade weil sie im Verlauf der Zeit Patina ansetzen.
Diese herrliche alte FR-Leuchtreklame, in ihr schwang für mich Bedeutung mit, politische Haltung und politisches Bekenntnis, aber auch das Gefühl von Heimat. Unaufgeregt, ein wenig angestaubt aber konsequent kritisch in einer Umgebung geprägt von postmoderener Beliebigkeit, so fühlte sich die FR an.
Bei der Lektüre konnte man gleichsam wohlig Platz nehmen in ihr wie in einem etwas aus der Mode gekommenen, aber gerade deshalb zum Liebhaberstück aufgestiegenen alten Sessel.