Ihr feines Gespür

Literatur Monika Maron befürchtet den Abbau von Meinungspluralität. Zu Recht?
Ihr feines Gespür
„Mit dem Fahrrad über die Skipiste“ ist ein Regelbruch aus Überschwang, der aber kein Verbrechen beinhaltet

Foto: Ron Antonelli/NY Daily News Archive/Getty Images

Romane wachsen aus Geschichten, die sich erzählen – am besten aus sich selbst heraus. Sie leben von Gestalten, die uns lebendig erscheinen, und dabei natürlich auch von dem, was der, dem Schreibenden auf der Seele liegt. Da tendiert vorliegendes Buch eher zur Meinungsäußerung. Monika Maron brauchte einen Grübler namens Artur Lanz für ihre Gedanken und Befindlichkeiten, ihre Fragen und Befürchtungen. Wenn dies ein ästhetischer Mangel sein könnte, tritt dies bei der Lektüre in den Hintergrund, weil man hineingezogen wird in Debatten, die man wohl kennt, die sich hier aber auftürmen und verknoten, sodass man sich die ganze Zeit dazu ins Verhältnis setzen muss.

Artur Lanz: ein Stichwortgeber, zu Beginn des Romans angesprochen von einer Schriftstellerin, die einen Roman schreiben will. Sie nennt sich Charlotte Winter, was künstlich wirkt, denn ihre persönliche, emotionale Art der Auseinandersetzung gehört doch ganz und gar zu Monika Maron. Immer wieder liest man Autobiografisches heraus, insbesondere die DDR-Erfahrungen der Ich-Erzählerin.

Kommt das „Grüne Reich“?

Artur Lanz würde gern so heldenhaft männlich erscheinen, wie es seine Mutter für ihn erträumte. König Artus und Lancelot hatte sie im Namen ihres einzigen Sohnes vereint. Eine romantische Sehnsucht nach dem Ritterlichen – wohin damit in dieser „postheroischen“ Zeit? Dass im Gewinnen immer auch ein Verlieren steckt – solch abgeklärte Aussage würde nicht passen zur Erregung der Gestalten, die schließlich hier und jetzt nur einmal leben. Es sind Gestalten, die nicht mehr alles vor sich haben, denen das Altern zusetzt. Und das zu spüren, macht gerade ihre Erregung aus.

Der „Abschied von der öffentlichen Bedeutung“, sinniert Charlotte Winter, würde sich bei Frauen immerhin in Etappen vollziehen, während es für viele Männer ein Absturz sei. Zudem seien Kraft, Mut, Entschlossenheit, seit alters her dem Männlichen zugeschrieben, in Verdacht geraten durch deutsche Vergangenheit. Die „weibliche Selbsterhöhung“ brachte notwendige Emanzipation. Indem sie längst schon eine Männergeneration prägte, meint Maron, hat sie Frauen aber bei aller Genugtuung auch enttäuscht („entmachtet, entmannt“). Trotzdem sind die Zeiten längst nicht vorbei, dass Frauen sich gegen Unterdrückung und Geringschätzung (die sich auch in der Bezahlung ausdrückt) wehren müssen.

Immer wieder greift Maron auf diese Weise in laufende Auseinandersetzungen ein, umso vehementer, weil sie sich auch selbst mitunter wie in einem kolossalen „Erziehungsprogramm“ fühlt. Aus ihrer DDR-Erfahrung heraus glaubt sie, „ein feineres Gehör für falsche Töne und manipulative Propaganda“ zu haben, wie es auch Arturs Freund, den Thüringer Gerald, auszeichnet. Auf Facebook hatte er Kohlendioxid als Ursache des Klimawandels bezweifelt und abschätzig von einem „Grünen Reich“ gesprochen. Das weckt Empörung, zumal sein Institut von der Beschichtung für Windkraftanlagen lebt. Die Sache kocht hoch, als der Begriff später auf Spiegel online vom „Vizechef der Rechten Partei“ gebraucht wird. Nun ist Gerald abgestempelt und fast schon in eine Ecke gedrängt, in die er nie wollte. Obwohl er die Besserwisserei des Freundes nicht teilt, die Art, wie nun mit ihm umgegangen wird, weckt Arturs Widerstand. „Mit dem Fahrrad über die Skipiste“ – ja manchmal, so will Maron uns sagen, ist dies unumgänglich um der eigenen Gedankenfreiheit willen.

Ist diese Gedankenfreiheit eingeschränkt? Ist die Parallele zur DDR legitim, wo Maron ihren Debütroman Flugasche nicht veröffentlichen durfte, der 1981 im S. Fischer Verlag erschien? Die zunehmende politische Entfremdung war der Grund, dass sie 1988 mit einem Drei-Jahres-Visum in den Westen ging. Mit dem Nimbus der Dissidentin, der mit dem Beitritt der DDR zur BRD an Strahlkraft verlor. Seitdem hat sie viel über diesen Umbruch nachgedacht, Bilanz gezogen für sich selbst, sich immer wieder neu zu verorten versucht in ihrem Leben. Das Ich und die Ideologie: Tatsächlich musste man in der DDR lernen, eines dem anderen gegenüberzustellen. Wenn auch nicht laut gesagt werden durfte, dass man sich der hierarchischen Struktur einer Funktionärselite gegenübersah, konnte die marxistische Formel „Staat als Machtinstrument der herrschenden Klasse“ von jeglicher Illusion befreien. Auch für spätere Zeiten.

Hier lauert Lähmung

Die DDR, politisch im sowjetischen Imperium verankert, ökonomisch oft genug mit dem Rücken zur Wand und umso mehr angewiesen auf ideologische Stabilität (wenn auch nur als Chimäre), suchte kritische Meinungen zu unterdrücken. Was sich rächte. Nicht nur Maron hat die westliche Meinungspluralität als befreiend, beglückend empfunden. Nun hat sie das Gefühl, es könnte sich etwas ändern, ob das stimmt oder nicht. „Ist es nicht auch ein Recht, unrecht zu haben?“, fragt sie sich und spricht Seiten später von einer „Transformation“, die sie ängstigt.

Etwas scheint sich tatsächlich zu ändern. Die Corona-Krise war nur der letzte Auslöser dafür. Viele spüren es, Monika Maron hat es zur Sprache gebracht. Je instabiler gesellschaftliche Zustände werden, umso rigider die Versuche, Balance zu halten, sich abzugrenzen. Auch was den Einzelnen betrifft. Der Ton in öffentlichen Debatten wird schärfer, als ob man etwas für sich verteidigen oder erkämpfen müsste. Und dabei befindet man sich gleichsam auf einer glatten, kurvenreichen Strecke, mehr als vordem im Ungewissen, was die Zukunft der Welt betrifft. „Mit dem Fahrrad über eine Skipiste“ – damit benennt Monika Maron den verzweifelten Wagemut von Artur und Gerald. Aber das Bild ist doppeldeutig, trifft auch ein Zeitgefühl, das hinter der Lähmung lauert.

Artur Lanz Monika Maron S. Fischer Verlag 2020, 220 S., 24 €

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06:00 25.09.2020

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