Ihr schon wieder!

Weihnachten Liebes Christkind, mach dass Weihnachten schnell vorüber geht. Denn es gibt keine richtige Feierlichkeit beim falschen Fest

In meiner Jugend war das so: Zu Weihnachten war man eingekerkert in das Verlies „Familie“. Man musste dabei sein. Die Oma sang mit falscher Stimme Lieder, die keiner hören wollte und jeder hoffte, dass es bald vorbei ist. Und man hatte, selbst in einer relativen Großstadt wie Wien, keine Möglichkeit, dem zu entgehen oder es sich später wegzuspülen. Keine – buchstäblich: keine! – Kneipe hatte offen. Anfang der achtziger Jahre war es dann der grindige New-Wave-Schuppen namens „Ring“, der auch am 24. Dezember geöffnet hielt.

Da hingen dann in den ersten Jahren fünf, sechs Leute rum. Erst in den Jahren darauf öffneten immer mehr Lokale und auch das Publikum wuchs. Seither kann man Weihnachten aushalten.

Okay, ich kenne Leute, für die ist Weihnachten kein Problem. Die fühlen sich wohl in ihrer Klein- oder erweiterten Großfamilie, die freuen sich, dass einmal im Jahr alle zusammenkommen. Manche reisen dafür sogar aus allen Weltgegenden an. Ich kenne auch Leute, die mit Weihnachten biografisch nichts zu tun haben, weil sie Juden oder Muslime oder sonst was sind, und die gerne Weihnachten feiern, weil sie sich der Sache mit der lässigen Unbefangenheit nähern wie der Indio dem Yoga. Aber viele sind das nicht.

Für die meisten anderen ist Weihnachten das Fest des „Müssens“, der Großfeiertag des Über-Ichs. Man muss ja, wegen der Kinder. Wenn die Kinder dann größer sind, dann müssen die – wegen der Eltern. Man ist, um des lieben Friedens willen, entschlossen, den nervenden Onkel am Nebensitz zu ignorieren. Man trinkt viel zu viel Alkohol, um zu kompensieren. Aber das klappt nie – der Alkohol eskaliert die Sache nur. Man will seinen eigenen Ansprüchen genügen – sich fähig erweisen zum Ritus, zur Zelebrierung eines Ausnahmemoments, zu Familie und Gemeinschaftsgefühl, aber auch zur Lockerheit und Modernität. Ansprüche, an denen man meist scheitert.

Wenn ich einen Adventkranz sehe, kriege ich eine Gänsehaut.

Kulturelle Hegemonie

Im übrigen muss ich mich korrigieren: Auch die Nichtchristen haben, sofern sie in traditionell und hegemonial christlichen Gesellschaften leben, natürlich kein entspanntes Verhältnis zu Weihnachten. Fast ist es so: Die durchschnittlich säkularen, religiös unmusikalischen „Christen“ beneiden die „Nichtchristen“, weil sie sich Weihnachten ersparen. Die „Nichtchristen“ haben eine gewisse Eifersucht auf die „Christen“, weil die alle bei ihren Familien sind an diesem Tag und sie, die „Nichtchristen“, allein daheim sitzen und im Radio nur blöde Musik spielt. Und in den Wochen vorher dominiert Weihnachten alle öffentlichen Räume. Festbeleuchtung in allen Straßen und in den Schulen werden Engel und Christbaumschmuck gebastelt. Den Musikunterricht prägen süßliche Lieder in denen das Christkind vorkommt. Egal, wie viele Kinder aus muslimischen, jüdischen, agnostischen oder sonstigen Familien in der Klasse sitzen. Klar, ist ja nicht schlimm, auch das Kreuz im Klassenzimmer tut niemandem weh, außer es fällt runter und einem auf dem Kopf. Sicher, in unseren weltanschlaulich neutralen, säkularen Rechtsstaaten sind alle Religionen gleich. Aber manche sind gleicher.

Was die einen als „ganz normal“ erleben, ist für die anderen Quelle eines Differenzgefühls. Gerade im Alter von acht, neun Jahren, wo Kinder ein starkes Bedürfnis nach eindeutiger Identität haben. Die Lockerheit der Patchwork-Identität kommt, wenn überhaupt, erst später. Und ganz locker wird man nie, wenn man sich mal als Minorität erlebt hat. Und alle Lockerungsübungen sind vergessen, wenn man am Weihnachtstisch im Familienkreis sitzt und sich ansieht, was das mit einem macht.

Dabei ist das mit der tief verwurzelten christlichen Tradition „Weihnachten“ ohnehin ein Fake. In Österreich waren die Geheimpolizisten des Fürsten Metternich sogar ganz aus dem Häuschen, als die seltsame Sitte 1814 eingeschleppt wurde. „Komische Lieder“ wurden gesungen, alle „erhielten Geschenke oder Souvenirs“, notierten die Spitzel in ihrem Bericht über ein Fest im Hause der Berliner Jüdin Fanny von Arnstein, die nach Wien geheiratet hatte. Das „Weihbaum- oder Christbaumfest“, zelebriert „nach berliner Sitte“, war von der Tochter des Vorstehers der Berliner jüdischen Gemeinde 1814 erstmals in Wien bekannt gemacht worden. Eine schöne Pointe auf scheinbar seit ewigen Zeiten gepflegte Bräuche, ein Witz über das Wandern von Sitten, die dann im Handumdrehen als „lokale Bräuche“ erscheinen.

Erpressung durch Konventionen

Heute werden Weihnachtsfeiern nicht mehr von Kaiserlichen IMs bespitzelt. Subversiv sind sie höchstens im Hinblick auf die Laune der Feiernden. Weihnachten hat etwas Anherrschendes. Ein großes „Du-Sollst“. Nur, dass der, der diesen Imperativ ausspricht, in uns drin steckt. Und Weihnachten ist auch eine Art Lasso mit langer Leine, das einen immer wieder zurückholt. Man kann sich in der Pubertät abnabeln von daheim. Man kann in den späteren Jahren immer größere Kreise ziehen. Aber irgendwann sind die Eltern alt und einsam und da kann „man“ sie ja nicht alleine lassen an so einem Abend. Selbst, wenn man das Datum am liebsten aus dem Kalender streichen würde. Weihnachten ist die Herrschaftszeit solches „man“, gewissermaßen des Weihnachts-„Mans“. Und die Kinder haben auch ihre Erwartungshaltungen. Man kann dem Tag seinen eigenen Stil geben, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Man kann ihn etwa betont lässig gestalten. Aber dann fragt die Stimme in einem drin mit Gewissheit: War das jetzt nicht zu unfeierlich? Oder man kann ihn feierlich gestalten. Dann fragt sie: Was hat das noch mit mir zu tun? Wo ist die Autonomie, auf die ich mir immer soviel eingebildet habe?

Man kann natürlich sagen, und man liegt damit nicht gänzlich falsch, dass Weihnachten insofern einfach auch ein Chiffre für das Leben ist, durch das man ohne Bindungen nicht durchkommt und das einem gerade darum dauernde Kompromisse abverlangt. Wenn man ein Freund großer Worte ist, könnte man das „Entfremdung“ nennen.

Mag man über’s Jahr die vielen Kompromisse verdrängen – an Weihnachten ist die Stunde der Bescherung, der Moment der Wahrheit. Und wenn man Pech hat, kriegt man zum Ausgleich ein paar Socken, die man niemals tragen wird oder eine Krawatte, garantiert in den Farben, die man am meisten hasst.

Als wäre die Familie nicht Belästigung genug, gibt es auch noch die Firmen. Wer über Weihnachten sprechen will, darf über die betriebliche Weihnachtsfeier nicht schweigen. Die ist die Mutter aller Peinlichkeiten. Im gut organisierten Großbetrieb mit seinen vielhundertköpfigen Belegschaften ist sie die Quelle allen Grolls. Man setzt voraus, in der Rede des Vorstandsvorsitzenden positiv erwähnt zu werden. Insofern ist diese Erwähnung natürlich keine Freude, sondern eine Selbstverständlichkeit. Nicht die Erwähnung ist Quelle der Freude, die Nichterwähnung ist Quelle des Unfrohsinns. Ich nehme an, dass dies erst seit der Einführung moderner Managementtechniken der Fall ist, seitdem Abteilungsleiter darauf gedrillt werden, sich und ihren Mitarbeitern zu bestätigen, dass „wir alle so super“ sind. Und so supermotiviert. Und alle Supermotivierten werden erwähnt. Und die, die nicht erwähnt werden, die sind die folgenden Wochen überhaupt nicht mehr motiviert. Die betriebliche Weihnachtsfeier ist die Zeit der öffentlich akzeptierten Regel- und Schrankenlosigkeit. Greift im Berufsalltag nur der Vorgesetzte der Sekretärin unter den Rock, langt bei der Betriebsweihnachtsfeier auch schon mal die Kollegin dem Kollegen in die Hose. Schließlich hat man sich das ja verdient, einmal im Jahr: den festtäglichen Kontrollverlust.

Das Fest als Management

In den vergangenen zehn Jahren veränderte die betriebliche Weihnachtsfeier übrigens langsam aber merklich ihr Gesicht. Überall schrumpfen die Stammbelegschaften. Um sie herum gibt es freie Mitarbeiter, Freelancer und selbstständige Ich-AGs, die oft für mehrere Unternehmen arbeiten. Für die sind betriebliche Weihnachtsfeiern eine große Herausforderung. Sie werden nämlich gleich zu einem dutzend eingeladen, die sie allesamt besuchen sollten. Schließlich hängt ja auch im Zeitalter von E-Mail und Homeworking viel von der persönlichen „Chemie“ ab. Für die Unternehmer selbst sind Weihnachtsfeiern Auftragsbörsen, bei denen sie gute Figur zu machen haben, sich aber hinter keiner Powerpoint-Präsentation verstecken können.

Bernd Stauss, Professor für Betriebswirtschaft (!) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt – schon die Berufsbezeichnung ist eine Quelle reiner Freude – hat jüngst ein Buch geschrieben mit dem besinnlichen Titel Optimiert Weihnachten. Es ist im ironischen Ton gehalten und versucht, die Überforderungen der Festsaison mit betriebwirtschaftlichen Mittel in den Griff zu bekommen. Kostenplanung, Time­manage­­ment – alles wird hier unter den Baum geschickt. Stauss: „Nachdem ich alle vorweihnachtlichen Entscheidungen unter Anwendung betriebswirtschaftlicher Methoden gefällt habe, habe ich mehr Besinnlichkeitsepisoden als vorher.“

Aber all die ohnehin von jedem beklagten Negativa – der Einkaufsstress, der Konsumwahn, die ostentative Besinnlichkeit und die Besäufnisse bei den Punschständen – sind ja nur Nebenaspekte. Das moralinsaure Gesudere über die „Kommerzialisierung“ des Besinnungfestes ist ja fast noch weniger auszuhalten als die tatsächliche Kommerzialisierung selbst. Und die eigentliche Herausforderung kommt ohnehin dann, wenn alle Geschenke besorgt sind: Wenn man wieder das Kind zu sein hat, das man war und – manchmal zeitgleich – eine Mama oder einen Papa darstellen soll, die man nie sein wollte. In dem Moment der Bescherung, der innerhalb weniger Augenblicke völlig reizüberflutete Kinder produziert. Und man einsehen muss: Es gibt keine richtige Feierlichkeit beim falschen Fest.

09:00 17.12.2009
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