Ihr schreibt nicht die Matratze

Medientagebuch Ein Computer-Virus als Lyrik-Autor: Wie im Internet Gedichte kreiert werden

Am 30. Juli des Jahres 1777 verkündete die Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung: "Ein gewisser Herr M. in Göttingen rühmt sich eine poetische Handmühle erfunden zu haben, durch welche man Oden von aller Gattung ganz mechanisch verfertigen könnte. Es sollen in verschiedenen Sammlungen schon Producten von derselben stehn, die kaum der Kenner von denen aus freyer Faust gemachten unterscheiden würde. Die Einrichtung der Maschine hat viele Aehnlichkeit mit einer großen Seidenzwirnmühle; die Kraft die sie in Bewegung sezt, ist der Wind." Wie dieses Gerät, das sich so wunderbar zwischen die Maschinenliebe des Barock und den Ratio-Fetisch der Aufklärung fügte, genau funktionierte, lässt sich höchstens erahnen, die Machart der Mechanik, die nach vorgegebenen Regeln den Zufall im Wortschatz spielte, dürfte das entscheidende Moment gewesen sein.

Die Faszination für derlei Texte ohne einen regelgerechten Autor, der sich sein buchstäbliches Herzblut des nächtens manisch aus der Seele saugt, hat seither kein Ende genommen, wie auch Versuche aus der jüngsten Zeit zeigen: 1990 stellten Franz-Josef Czernin und Ferdinand Schmatz ihr "Dichtungsprogramm POE" vor, zehn Jahre später gastierte Hans Magnus Enzensberger mit seinem Poesie-Automaten in Landsberg am Lech. Und die Maschinen werden immer besser, die Vorschriften als buchstäbliche Programme immer exakter formulierbar: Erst im Computer fallen Schreiben und Programmieren tatsächlich in eins. Im Internet gibt es folglich zahlreiche Seiten, auf denen sich Gedichte generieren lassen. Doch ob poetron-zone.de, maquina-poetica.net oder versquelle.de - wahrlich poetisch kommen die Erzeugnisse selten daher. "Blaue Sünden aus Gesang/ruhen an den Feuern/deiner Finger" dichtet etwa maquina-poetica, versquelle kommt über zwei Zeilen zum Thema Schmerz erst gar nicht hinaus, und die lauten dann: "Nie nie des schönsten Mutter/Die Händchen, tief Herzmutter". In der poetron-zone kann man zur Herstellung eines Gedichts eine Person, ein Substantiv, ein Verb und ein Adjektiv vorgeben. Hätte man zum Beispiel gerne etwas zum Thema "Autor", "Maschine", "schreiben" und "blau", ergibt sich unter anderem dies (die übrigens noch verständlichste Version): "Maschinen schreibt euch blau/Blau und verdraengt/Ihr Maschinen /Maschinen fuer Autor/Ihr schreibt nicht die Matratze/Doch schreibt euch das Karatze/Ihr Maschinen, ihr Verdraengten/Maschinen fuer Autor, Maschinen immerdar".

Die Bedeutsamkeit solcher Erzeugnisse liegt wohl allein im Auge des Betrachters, man weiß schließlich um den möglichen lyrischen Mehrwert der Maschinenpoesie: Das stete "Ach" der Automate Olimpia aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann kam dem ziemlich rosarot dreinblickenden Nathanael schließlich auch vor wie die schönste Liebeserklärung, die er je in seinem Leben vernommen hatte. Eine solche narzisstische Störung will man denjenigen, die den Output des Programms als Literatur betrachten, zwar nicht unterstellen - doch seltsam ist es schon, dass viele sich scheinbar sehnen nach der Poesie ex machina. Das Etikett Lyrik wird gerade gern verteilt, und das umso lieber je weniger Menschenhände und -hirne im Spiel sind, am besten gar keine poetische Absicht dahinter stand: Im August dieses Jahres veröffentlichte AOL etwa 20 Millionen Suchanfragen ihrer User, anonymisiert zwar, aber dank zufällig vergebener IDs individualisiert. Ein paar Blogger sortierten die als Suchanfragen reichlich ungeeigneten Eingaben des Users mit der AOL-ID 23187425 - und fertig war das Gedicht: "you come forward/start to stay off /i have had trouble/time to move on/all over with/joe stop that/i can move on/give you my time in person/never find a gain ..." Im Netz gab es die Theorie, dass hier ein Programm außer Rand und Band geraten sei und nun selbsttätig Kommunikationsschnipsel seines Benutzers kombiniere. Ein Computer-Virus als Autor?

Dass böse Programme mit guten Texten hantieren, lässt sich schon länger feststellen. Die meisten Spams, die man heutzutage bekommt, enthalten nicht nur ein, zwei, drei Zeilen über das beworbene Produkt, sondern meist am Ende noch einen Ausschnitt aus einem mehr oder minder bekannten literarischen Werk. Dieses Copy-and-Paste dient allein dazu, die Datei ein wenig zu vergrößern, damit nicht schon der Mailfilter erkennt, dass es sich hier allein um Werbemüll handelt. Das gilt gleichermaßen für die Namen der Absender. Auch hier versuchen Programme vorgelagerte Spamfilter zu überlisten, indem sie wild aus dem Lexikon montieren. Was dann so nette Namen zur Folge hat wie "Rhetorically O. Fireworks" oder "Thicknesses R. Schoolyards" oder "Pillbox F. Farewell". Auch die Betreffzeilen werden umgebaut, damit Wörter wie "Viagra" zwar vom Menschenauge, nicht aber vom Computer erkannt werden, wie etwa bei "V/agra" oder "Vidagra" oder "Vfagra". Und manch einer sieht seine literarische Laufbahn darin begründet, die - oft recht wirren - Betreffzeilen von Spams hintereinander zu basteln: Geboren war die Spoetry, die durchaus recht ungewöhnliche rhetorische Stilmittel im Gepäck hat.

Stop making sense, nannte der Regisseur Jonathan Demme seinen Dokumentarfilm über ein Konzert der Talking Heads, und die Redewendung hat sich mittlerweile längst auch im deutschen Sprachraum eingebürgert. Doch woher diese Lust an der Sinnlosigkeit? Liest man Spoetry als notwendige dadaistische Wende oder als eine Art ecriture automatique der Maschine? Oder manifestiert sich in dem verzweifelten Sinnunterschieben nur das allerletzte Aufbäumen gegen die unmenschliche Logik des Geräts? Oder vielmehr die Lust an der Abschaffung des Menschen im zweckfreien Manierismus der Mechanik? Immerhin: Das Unbewusste des Programms, das sich in all diesen Unsinns-Texten ausspricht, ist und bleibt die Sprache, aus dessen Fundus die - ja ebenfalls von Menschen geschriebenen - Anweisungen auch weiterhin werden schöpfen müssen. Und auch die Gedichtmaschine braucht schließlich einen, der den Einschaltknopf drückt.


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00:00 20.10.2006

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