Ihr seid ausgelacht!

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Witze mag man nicht zweimal hören, nur beim ersten Mal wird gelacht. Das ist bekannt, banal, beinah blöd. Aber es stellt an Leute, die professionell ihre Mitmenschen zum Lachen bringen, ziemlich harte Anforderungen. Das geht sogar so weit, dass selbst der Satz, es sei das Schwerste auf der Welt, andere zum Lachen zu bringen, mittlerweile eigentlich verboten gehört. Humoristen, die stets auf die gleiche Masche setzen, können sich einer gewissen Haltbarkeit ihrer Scherze und ihrer Popularität nur dann erfreuen, wenn die Masche so ausgetüftelt - vulgo: gut - ist, dass, wenn sie zum Vortrage kommt, immer noch genügend Variationen denkbar sind. Eine andere - speziell für in ihrem Schaffen eher beschränkte Humoristen - Möglichkeit besteht darin, die nachwachsenden Kundengenerationen zu bedienen, die stets über das Neue, das Provokante, Freche und so weiter lachen, bis auch sie es schon zu oft gehört haben.

Der Lauf öffentlichen Humors entspricht im Grundmuster der Rezeption eines Witzes: Über besonders gute wird noch ein zweites Mal geschmunzelt, aber dann ist Schluss mit lustig. Daher ist es nicht verwunderlich, dass, anders als bei Fußballvereinen oder Schlagersängern, die Fans von Humoristen ihrem Star nicht ein Leben lang treu sind. Das kann jeder an sich selbst überprüfen, und zur Illustration reichen schon die Humorgestalten der neunziger Jahre aus: Harald Schmidt, Gregor Gysi, Hape Kerkeling haben nicht nur, sie sind auch ausgelacht. Die Liste ist verlängerbar, man könnte sich an Ingo Appelt, Rüdiger Hoffmann, Wigald Boning, Gaby Köster, Hella von Sinnen, Hans-Werner Olm oder Dirk Bach abarbeiten, da ist's genauso, ging nur schneller. Denkbar wäre auch, die vorgestellte These entlang von Humoristen, die ohnehin immer nur eine sehr eng begrenzte Zuschauergruppe bedienen, Martin Buchholz etwa oder Konrad Beikircher, zu überprüfen, aber, oh Wunder, da stimmt sie auch. Und auch, wenn man sie in den großen historischen Rahmen stellt, wenn man sie an Dieter Hildebrandt, Loriot oder Otto falsifizieren will, man könnte nichts anderes, als sie zu verifizieren.

Der im Privatfernsehen zu beobachtende Comedy-Boom ändert daran nichts. Aber dass dieser Boom ohnehin so viel nicht taugt, sieht man schon daran, dass er es bisher nicht geschafft hat, den Deutschen Kleinkunstpreis, verliehen im Mainzer Unterhaus, beklatscht vom dort zum Inventar gehörenden Hans-Dieter Hüsch, übertragen vom extra dafür gegründeten 3sat und entgegengenommen von bestimmt 95 Prozent der im deutschen Sprachraum schaffenden Kabarettisten, überflüssig zu machen.

Anke Engelke hat diesen Preis nicht erhalten. Ob Anke Engelke sich als Humoristin versteht, weiß ich nicht, aber Harald Schmidt und Gregor Gysi verstehen sich ja auch nicht als Humoristen. Auf jeden Fall hat Anke Engelke neuerdings eine eigene Sendung, die Dank des Comedy-Booms auch einverständig von allen Sitcom genannt wird. Bislang war Anke Engelke in der Sat.1-Wochenshow als vielseitige Imitatorin mit eigenem, gerade in den Mundwinkeln erkennbaren Humor, zu sehen. Glanzleistungen ihrer Kunst waren Ricky, die seit ihrem Rausschmiss bei TicTacToe nur noch in Engelke weiterlebt, und Regine Hildebrandt, die seit Aufgabe ihres Ministeramtes gleichfalls nur noch in Engelke weiterlebt und nun als originäre Ulkfigur - statt vormals als verkappte - große Erfolge, beispielsweise in Gottschalks Wetten, dass, feiert. Als Nachrichtensprecherin in der Wochenshow wird Anke Engelke vom grölenden Publikum stets mit Danke, Anke verabschiedet.

Anke Engelke ist beliebt. Viele Magazine brachten anlässlich des Starts ihrer eigenen Sendung Aufmachergeschichten. Die Sendung trägt den Namen Anke, was einzig dem Umstand geschuldet ist, dass man die Sendung mit dem in der Wochenshow schon erfolgreich implantierten Sprüchlein Danke, Anke assoziiert, das beinah so intensiv als Humorersatz fungiert wie "Bin ich drin?" von Boris Becker und "Aber immer öfter" vom Hundebesitzer aus der Werbung für alkoholfreies Bier. "Danke, Anke" ist das Codewort für Engelkes Popularität, es ist der einzige Kommentar zu allem, was sie humoristisch entwickelt. "Danke, Anke" ist auch alles, was nach einer Show mit Anke Engelke - Sat.1 ließ sie vor Weihnachten sogar schon die große Abendunterhaltung moderieren - übrigbleibt.

So ist es bei allen. Bei Ingo Appelt, der auch neuerdings eine eigene Show hat, übernimmt die kaum erträgliche Frisur und das ohne Sinn und Verstand gern hochgehaltene "Ficken"-Schild diese Funktion. Appelt, das ist Ficken, und zwar deswegen Ficken, weil "Danke, Ingo" nicht so recht klingen will. Rüdiger Hoffmann, einer der großen Abräumer der Humoristenszene, beginnt seine Auftritte mit "Hallo erstmal". Das ist Rüdiger Hoffmann. Wigald Boning trägt bunte Jacketts, Gaby Köster spricht kölsch, Hella von Sinnen liebt Cornelia Scheel, Dirk Bach ist schwul und dick, und Hans-Werner Olm sieht Scheiße aus. Mehr Witz ist nicht. Auch die Humoristen, die in den Neunzigern mit größeren Ambitionen und ungleich größerem Talent starteten, sind - humortechnisch gesehen - verbrannt. Ein Harald Schmidt, der sich als Moderator nicht weiter nennenswerter WDR-Shows so weit in den Vordergrund schob, bis er letztlich auf Sat.1 die Harald-Schmidt-Show bekam, kann jetzt nichts mehr zulegen. Seine Texter gehörten einer jungen Generation kreativer und sehr unerschrockener Autoren an. Nur, von denen kommt grade nichts mehr. Gregor Gysi war nur brillant als lustiger badguy, der einer Schmuddelkinderpartei vorstand und eine ulkige Brille trug. Aber von einem, der gern Minister wär', kommt nichts mehr. Und auch Hape Kerkeling, vielleicht der talentierteste unter Deutschlands Humoristen, hat bereits alle Rollen, die er beherrscht, vorgetragen. Neue Versuche floppen, er kann nichts mehr. Humoristen verkörpern gerade mal einen Humortyp, und das ist nichts anderes als ein langer Witz. Wenn Anke Engelke in ihrer Anke-Serie nun die Parodie einer Talkshow-Moderatorin gibt, so ist sie doch immer nur Ricky als Bärbel Schäfer, sie ist Regine Hildebrandt als Hans Meiser, ist Engelke als Anke, ist eben immer der gleiche Witz. Wenn man den aber einmal gehört hat, reicht's.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 41/2021

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