Ihr seid nicht das Volk!

Pegida Die Demonstranten bedienen sich der Symbolik der Friedlichen Revolution. Dabei geht es um etwas ganz anderes
Ihr seid nicht das Volk!
„Ihr seid nicht das Volk! Ihr seid eine gespenstische Minderheit!“

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Iamges

Ausgerechnet aus dem schönen Dresden weht unangenehmer brauner Geruch ins Land. Wer den demokratischen Aufbruch in der friedlichen Oktoberrevolution 1989 miterlebt und mitgestaltet hat, muss empört sein über die Verhunzung der politischen „Kürzel“, der symbolträchtigen Signale dieser wunderbaren Emanzipationsbewegung – durch überwiegend dumpfe Gefühle, primitive Ressentiments, irrationale Fremdenfeindlichkeit. Die gesamte Symbolik der Friedlichen Revolution hat diese merkwürdige Pegida-Bewegung aufgegriffen, vom Begriff der Montagsdemonstration bis zur Parole: Wir sind das Volk!

Es ist ein kleiner Trost, dass keiner der damaligen Akteure bei diesen Pegida-Demonstrationen sichtbar geworden oder hervorgetreten ist. Eine Selbstidealisierung der Feierabendrevolution ist freilich unangebracht, denn auch unter den Frustbürgern von 1989 waren Positionen vertreten, die mit den Grundimpulsen des freiheitlichen, weltoffenen, revolutionären Umbruchs wenig zu tun hatten.

Und nun, 25 Jahre später? Solch gespenstische Ansammlungen ausgerechnet in Dresden erleben zu müssen, führt damalige Initiatoren zu blankem Entsetzen. Da werden statt einer Botschaft dubiose Parolen ausgestoßen und für undiskutierbar gehalten. Dem ist unmissverständlich zu erwidern: „Ihr seid nicht das Volk! Ihr seid eine gespenstische Minderheit!“

Machen wir uns nichts vor: Ein tiefer Riss geht durch unser Land, durch unsere Köpfe, durch unser Herz. Mancher fühlt sich politisch nirgendwo repräsentiert und in seinem Unmut nirgendwo gehört. Dennoch es ist schlicht unverschämt, frech, geschmacklos und missbräuchlich, wie der Freiheitsruf von 1989 – „Wir sind das Volk“ – von Pegida beansprucht und verkehrt wird. Damals richtete er sich gegen die Macht- und Wahrheitsanmaßungen einer Einheitspartei. Damals forderte er die grundlegende Redebereitschaft über Veränderung ein. Dialog wurde gefordert, nicht verweigert. Nun wurde unsere emanzipatorische Freiheitsparole nachgebrüllt. Sie richtet sich nun gegen Schwächste, Hilfebedürftigste, verängstigt Heimatlose.

Gestörte Demokratie

Ratlos und wütend macht es, miterleben zu müssen, wie die Parole „Wir sind das Volk“ nun den Muslimen unter uns Angst macht, weil sie laut und drohend suggeriert, „wir“ seien von Geburt her Deutsche, ein die anderen ausschließendes „Volk“, das sich als Abendland vor Islamisierung schützen müsse. Das ist so verschroben, dass es die Grenze zum Dumm-Gefährlichen überschreitet, zumal die Mitläufer in Dresden nichts annähernd Erhellendes dazu zu erklären in der Lage sind. Dort haben sich in den letzten Wochen zumeist Frustbürger versammelt, die einerseits ihren angestauten Frust „gegen die da oben“ rauslassen wollen. Andererseits sind darunter Fremdenfeinde, die Schuldige für die sozialen Probleme suchen und meinen, diese in den Muslimen ausgemacht zu haben.

Was sich dort bisher abspielt, ist nach dem Beklagen von Ohnmacht („Aufs Volk hört keiner!“) Ausdruck einer kommunikationsgestörten Demokratie. Die Straße übt sich in einer Art Akklamationsdemokratie, die keine geläufigen demokratischen Regeln hat und findet, sich aber umso lauter Gehör verschaffen will. Demokratie ist und bleibt jedoch der mühselige, aber unumgängliche Versuch, Mehrheiten für seine Überzeugungen und Interesse in freier, geheimer und gleicher Auswahl zu finden, Kompromisse zu schließen, aus denen inhaltlich abgestimmte Koalitionen erwachsen. Eine Akklamationsdemokratie, von unten und ungeregelt, führt letztlich ins Autoritäre oder gar Diktatorische, bis hin zum Führerprinzip, wo Menschen en masse leicht hysterisiert werden können, sowie rhetorisch geschickt Ressentiments – gleich welcher Couleur – geschürt werden.

Das konnte bisher glücklicherweise vermieden werden, wobei sehr diffus bleibt, was Pegida wie erreichen will: Patrioten, die europäisch gesinnt seien, wenden sich gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes und machen sich gegen vermeintlichen Asylmissbrauch stark.

Von einigen wohlmeinenden Verständnisbereiten wird übersehen, dass die angeblich von Ängsten Getriebenen nun real anderen Angst machen und diesen signalisieren: Haut ab. Ihr gehört hier nicht her. Ihr nutzt uns bloß aus. Euch geht es gut, aber uns einfachen Leuten geht es schlecht. Wegen eigener, persönlich gar nicht festzumachender (Zukunfts-)Ängste anderen ganz real Existenzangst einzuflößen und sie in Länder des sozialen Elends oder der Gewalt schnellstmöglich zurückzuschicken – das ist nicht anders als zynisch zu nennen.

Wer Ohren hat zu hören und Augen hat zu sehen, kann wissen, wer wes Geistes ist. Vor der Hofkirche flattern gelbe Banner der Akteure für ein buntes Dresden: „Augen auf, Herzen auf, Türen auf – Refugees welcome!“ Dieses Dresden verdient mehr Beachtung.

Friedrich Schorlemmer ist Bürgerrechtler und Publizist. In der DDR-Opposition war er einer ihrer wichtigen Protagonisten

06:00 11.02.2015
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