Ihr uns auch!

Unhöflichkeit Wer heute weiterkommen will, muss sich schlecht benehmen. Das gilt auch für Arbeitswelt, Fernsehen und Verkehr. Dagegen hilft nur: Punk. Eine Bilanz in drei Teilen
Ausgabe 44/2013

Jawohl Chef, Bombenstimmung!

Silicon Valley bedeutete in erster Linie, die kreative Energie des Homo ludens gewinnbringend auszubeuten. Und dazu mussten die entsprechenden Spielsachen bereitgestellt werden. Schon in den heroischen alten Atari-Zeiten in den siebziger Jahren prägte Firmenchef Nolan Bushnell einen Codex, der sich von traditionellen Businessmodellen drastisch unterschied: Mach aus deiner Arbeit eine never-ending party, benutze den firmeneigenen Whirlpool oder Tennisplatz, gönne dir zwischendurch mal ein Nickerchen, versuche, die ewigen Neinsager und Bedenkenträger loszuwerden. Zelebriere das Scheitern und lerne dann aus deinen Fehlern. Und, ganz wichtig: Scheue nicht davor zurück, talentierte Leute einzustellen, nur weil sie ein bisschen abgerockt aussehen und keine College-Diplome vorlegen können.

Bushnell gestattete seinen Angestellten, die Lobby des Atari-Komplexes in eine Mischung aus Video-Spielhalle und Amazonasdschungel umzugestalten, und er engagierte Livebands, die für die Mitarbeiter nach der Arbeit aufspielten. Dazu gab es Freibier und Pizza und gelegentlich einen Ausflug der gesamten Belegschaft an den Strand. Dies war der Urtext, aus dem sämtliche darauffolgenden Erzählungen über den lässig-lockeren, posthippiesken Arbeitsstil im Land, wo die Ideen blühen, abgeleitet wurden.

Auch Steve Jobs, der in den siebziger Jahren zweimal bei Atari hineingeschnuppert hatte, verwendete, so wie viele andere Firmen im Tal des Silikons, Elemente aus dem Bausatz dieser new economy bei der Kreation seines eigenen Apple-Imperiums. Dass gerade die supercoolen Hightech-Unternehmen in Kalifornien mit ihrer „Flexibilisierung“ von Arbeitsverhältnissen, ihrer Ignoranz gegenüber Gewerkschaften, einer Forcierung der Arbeitskräftemobilität und einer generell schwachen Unternehmensbindung – Zeitarbeit und Vertragsarbeit kommen im Valley im Vergleich zum Rest der USA viel häufiger vor – auch eine Avantgarde der Arbeitsplatzunsicherheit unter neoliberalen Rahmenbedingungen waren, sei hier nur am Rande bemerkt.

Steve Jobs hinkte mit seinem autokratischen Führungsstil aus der fordistisch geprägten Epoche der Industriekapitäne den eigenen „Fit for Fun“-Vorgaben des Silicon Valley hinterher. Und er setzte neue Unhöflichkeitsstandards, bei denen womöglich sogar Henry Ford und Cornelius Vanderbilt irritiert gewesen wären. Man kann das als Betriebsunfall im Rahmen eines fundamentalen Paradigmenwechsels in der Wirtschaftsproduktion und als individuelle Fehlleistung einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit bewerten; durch die exponierte Position des Apple-Chefs im globalen IT-Gewerbe hatte sein Verhalten jedoch eine fatale Signalwirkung. Der Soziologe Robert Sutton traf bei den Recherchen zu seinem Buch The No Asshole Rule: Building a Civilized Workplace and Surviving One That Isn’t auf eine erschreckend große Zahl von Silicon-Valley-Chefs, die der Meinung waren, man müsse ein „Arschloch-Boss“ sein, um eine großartige Firma aufzubauen.

Es ist die gleiche Logik, die zahlreiche junge Bebop-Musiker in den vierziger Jahren dazu verführte, Heroin zu spritzen, weil sie ihrem Idol, dem drogensüchtigen Saxofongott Charlie Parker, nacheifern wollten. Mit dem Flash würde sich schon die Genialität einstellen! Es kam jedoch keineswegs zu einer wunderbaren Kreativitätsvermehrung, sondern nur zu einem dramatischen Anstieg der Zahl von Drogentoten im Jazzmilieu. Robert Sutton argumentiert analog: Steve Jobs war kein herausragender Firmenchef, weil er sich gerne als „Asshole“ präsentierte, sondern weil er eben Steve Jobs mit all seinen Talenten und Defiziten war. Unhöfliche, feindselige und degradierende Chefs würden generell das Klima eines Arbeitsplatzes vergiften und auf lange Sicht die besten Leute aus der Firma vertreiben, und das sei schlecht fürs Geschäft. Es sei allerdings nicht damit zu rechnen, dass das negative Vorbild des Apple-CEO aus bedachtsamen Unternehmensführern mit einer fairen Grundeinstellung Despoten machen würde: „Wahrscheinlicher ist es“, so Sutton, „dass Bosse, die ohnehin schon Arschlöcher sind, zu noch größeren Arschlöchern werden, um sich schließlich zu der explosivsten Mischung zu entwickeln, die ein Arbeitsplatz zu bieten hat: dem Oberarschloch.“

Steve Jobs himself aber wird nicht nur als genialischer Techno-Visionär und als Kolonisator der Zukunft des Begehrens in Erinnerung bleiben, sondern – leider! – auch als König der Arschlöcher; als kapitalistischer Wolf, der sich in den Schafspelz der new economy hüllte, um autokratisch weiterzuheulen.

Die amerikanische Start-up-Ideologie aus dem Tal der tausend Träume wurde hier deshalb so ausführlich behandelt, weil sie eine globale Vorbildwirkung hat. Jedes Land mit entsprechender Infrastruktur besitzt mittlerweile sein eigenes kleines Silicon Valley und hat mit den Benefizien auch die Probleme importiert. Mittlerweile gibt es in der globalen Ökonomie eine Überlagerung unterschiedlicher Unternehmensphilosophien: Während die old school mit herrischen Bossen, straffen Befehlsketten und aufstiegsgierigen, mobbenden Mitarbeitern munter weiterbesteht, hat sich im Milieu der Eventmanager, Programmierer und App-Designer auch die neue Spaßwirtschaft ein nicht unerhebliches Segment gesichert. Das Befremdliche ist, dass in beiden Milieus eine deutliche Zunahme von Unhöflichkeit, rauen Sitten und denunziatorischen Praktiken beobachtet werden kann – wenn auch auf völlig unterschiedliche Art und Weise.

Die Arbeitswelt, in der man ja noch nie wie in einem Rosengarten gewandelt ist, hat sich seit den prosperierenden Nachkriegsjahrzehnten mit ihren deutlichen Verbesserungen der Bedingungen für Arbeitnehmer in der Krisenepoche in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem ein permanenter Psychokrieg ausgefochten wird. Davon zeugt das öffentliche Interesse an der Modekrankheit Burn-out, die als Symptom für die Verwilderung der Sitten gewertet wird, und an der Installation von Mobbing-Beauftragten in großen Betrieben oder in der kommunalen Verwaltung. Technisch gesehen ist Burn-out gar keine Krankheit, die präzise diagnostiziert werden könnte, sondern ein Dachbegriff für depressive Verstimmungen aller Art, die sich als Erschöpfungszustand, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, regelmäßige Kopfschmerzen und zügelloses Essverhalten manifestieren können. Nicht selten geht das innere Ausbrennen mit einem Übermaß an Ungeduld, Wut und Ärger, häufig über Lappalien, einher. Die Lunte, die zum explosiv aufgeladenen Gemüt des prekarisierten Arbeitsmarktteilnehmers führt, ist kurz – eine Detonation kann jederzeit erfolgen. (...)

Es droht ein Ozean der Beliebigkeit, auf dem die seichten, referenzlosen Höflichkeitsfloskeln tanzen wie Papierschiffchen, der geistige Müll, der sich in der Seele abgelagert hat, sorgfältig getrennt wird und die Wohlfühl-Zombies vergessen, dass das Leben eigentlich kein Ponyhof oder eine Starbucks-Filiale ist, sondern eine zeitlich begrenzte Situation der existenziellen Geworfenheit, die jedem Einzelnen die Frage abfordert, was er hier eigentlich macht und wozu.

In dieser Situation hilft nur die Rückkehr zu einem strategischen Grobianismus, der die hilfreichen Distanzverhältnisse wiederherstellt und eine Neustrukturierung des völlig aus der Façon geratenen Arbeitsfeldes ermöglicht. Am besten, man geht bei nächster Gelegenheit zum Chef, der gerade jeden einzelnen Mitarbeiter mit „Hey, du, wie geht’s uns denn heute?“ begrüßt hat und jetzt in Jeans und Sneakers am Designerschreibtisch kauert, einen Latte macchiato schlürft und seine E-Mails checkt. Man hole tief Atem, spucke ihm auf den aufgeklappten iMac und sage in deutlich artikulierten Worten: „Sire, geben Sie Beleidigungsfreiheit!“

Saugute Unterhaltung

Dieter Bohlen und das Drill-Instructor-Duo aus dem Dschungelcamp verkörpern Archetypen eines aller kritischen Selbsteinsicht enthobenen, triumphal auftretenden vulgus. Sie sind Eintänzer in einem Reigen aus Klischees, Vorurteilen und Ressentiments, die sich vor allem als dumpfer Drang im Bewusstsein der Modernisierungsverlierer formen – ob ihr mediales Image der eigenen charakterlichen Disposition entspricht oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

Was auf den ersten Blick lediglich wie ein zynischer medialer Schachzug nach der Logik der Quotenmaximierung erscheint – die Anpassung der Standards an das Niveau jener, die von den Möglichkeiten der existenziellen Verfeinerung durch edle Einfalt und stille Größe ausgeschlossen sind –, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als komplexeres Zusammenspiel von Faktoren.

In einer Zeit der realen Desintegration und Entsolidarisierung der Gesellschaft, in der die Reichen schamlos reicher werden und die Armen schambefleckt ärmer, wird das Konzept der Höflichkeit als Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs ad absurdum geführt. Wer sich unterhalb der gläsernen Decke befindet, die Prosperität von Prekariat trennt, der wird dort auch bleiben. Und warum sollte man sich dem stilisierenden Formzwang der Oberschicht unterwerfen, wenn ohnehin klar ist, dass diese exklusive Welt einem für immer verschlossen bleiben wird?

Die unter der Flagge von Vulgarität und Menschenverachtung segelnden Fernsehformate der letzten zehn, zwanzig Jahre sind somit zum einen die Abbildung real existierender Klassenverhältnisse, zum anderen gleichzeitig ein Trostpflaster für die Zukurzgekommenen, deren einzige Karriereoption „Vom Madenfresser zum Müllionär“ lautet.

Die fehlenden Zukunftsperspektiven weiter Bevölkerungsteile, schreibt Jens Jessen in der Zeit, würden durch symbolische Anerkennung kompensiert – wohl auch, um dem Aufbegehren neuer „No Future“-Generationen vorzubeugen, wie es sich in den Banlieues von Paris, in London und sogar in Schweden, dem Wohlfahrtsstaat par excellence, manifestiert: „[Die Gesellschaft] delegiert an Fernsehshows und Proletkomiker die Aufgabe, ihrem Publikum Trost zu spenden und gleichzeitig die Wahrheit zu sagen: Ja, ihr seid Verlierer, ja, ihr kommt nicht weiter, aber das macht gar nichts, denn ihr seid schon gut so, wie ihr seid. Vulgär ist schön.“

Vor diesem Hintergrund fand eine interessante Umwertung der Werte statt: Komplementär zum Absturz in die „regrediert-infantile Verfassung“, so der Psychiater Mario Gmür, die vor allem das Dschungelcamp symbolisiert, setzte in der Bewertung des Formats ein „Qualitäts-Upgrading“ ein. Bei der ersten Staffel im Jahr 2004 überwog noch die Kritik am „Ekelfernsehen“. Vertreter von Politik und Kirche sahen die Menschenwürde der Kandidaten verletzt, der Tierschutzverein legte Protest ein, weil Tiere unnötigerweise getötet oder Stresssituationen ausgesetzt würden. Ein FDP-Landtagsabgeordneter erstattete gar Strafanzeige wegen „dringenden Tatverdachts der vollendeten Körperverletzung“.

Doch der Shitstorm im Wasserglas legte sich schnell, als das Hochamt der niederen Triebe von Erfolg zu Erfolg eilte, eine Staffel nach der anderen produziert wurde und die Promis von der Ersatzbank Schlange standen, um sich vor der versammelten Fernsehnation erniedrigen zu lassen. Plötzlich entdeckten Fernsehkritiker die Qualität der skurrilen Spielinhalte und eine feine Ironie, mit der die Teilnehmer und ihr jeweiliger Bekanntheitsgrad dargestellt würden. Stellvertretend für viele sei das Medienmagazin DWDL zitiert, das im Dschungelcamp „wirklich gut gemachtes Fernsehen“ erkannte: „Man merkt förmlich, mit welch außerordentlicher Liebe zum Detail diese Show gemacht wird.“ Die „Qualität“ und „Ehrlichkeit“ des „lupenreinen TV-Trash“ wurden bejubelt, es handele sich um nichts weniger als „eine saugute Unterhaltungssendung“.

Die Seligsprechung erlangte Ich bin ein Star – Holt mich hier raus schließlich im Frühjahr 2013, als die Sendung für den Grimme-Preis, die höchste Auszeichnung für Qualitätsfernsehen, nominiert wurde. Der Grund für diese doch eher exzentrische Wahl seien, so die Grimme-Jury, die „Moderationsleistung“ sowie das Kennenlernen von „Menschen in all ihren Stärken und Schwächen“ gewesen. Mit solchen Argumenten könnte man allerdings auch Carmen Nebel und Hansi Hinterseer in die Champions League der Fernsehunterhaltung katapultieren. Der Clou an der Sache war dann jedoch, dass das Dschungelcamp bei der Preisvergabe – „Ätsch!“ – doch leer ausging. Auch dies wieder von fein ziselierten Begründungen umrankt. „Die Nominierung war richtig, weil sie eine Diskussion darüber auslöste, was gutes TV ist – und was nicht“, meinte Grimme-Jurorin Hannah Pilarczyk. „Genauso richtig war es, das Trash-Format nicht auszuzeichnen.“

Ist zwar scheiße, die Sendung, aber gut, dass wir darüber geredet haben! So nimmt man auf dem Feldherrnhügel in der Schlacht um die Qualität des Fernsehens seine Verantwortung wahr: Man holt den Trash aus den Niederungen, um ihn danach umso unbarmherziger wieder hinunterzustoßen. Man klopft dem ungebildeten und vom Wohlstand ausgeschlossenen Publikum gönnerhaft auf die Schulter und gesteht ihm seine Geschmacklosigkeit zu, die ohne Ansprüche daherkommt. Und sieht geflissentlich darüber hinweg, dass es gar nicht um Stil und Etikette geht, sondern um ein mediales Programm, das mit ausgebufftem Professionalismus die Vernichtung alles Edlen und Erhabenen betreibt.

Es ist ein Nihilismus zweiter Ordnung, der die Resignation über die gesellschaftspolitische Handlungsohnmacht – oder Veränderungsunlust? – in einen Karneval der Schäbigkeit und der Entwürdigung ummünzt. Somit war Dirk Bach auf der richtigen Spur, als er in seiner Sendung einst folgende Moderationsleistung erbrachte: „Wir sollten nicht immer auf der Vergangenheit unserer Kandidaten herumreiten. Lass uns mal von der Zukunft reden: Äh, äähh ...“

Mobiler Straßenkampf

Als Jack Nicholson einmal mit dem Auto zu einem Golfplatz in North Hollywood unterwegs war, kreuzte ein anderes Fahrzeug die Bahn des Hollywoodstars, der für sein heftiges Temperament bekannt ist, und zwang ihn zu einer Vollbremsung. Nicholson heftete sich an den Auspuff des um die Asphaltvorherrschaft konkurrierenden Lenkers, eines gewissen Robert Blank, wie sich später herausstellen sollte, bis dieser an einer roten Ampel anhalten musste. Dann war auf dem Highway die Hölle los: Der Schauspieler öffnete den Kofferraum, holte einen Golfschläger heraus und hämmerte damit auf die Windschutzscheibe und das Dach des Autos ein. Nicht nur, dass erheblicher Sachschaden verursacht wurde, der attackierte Fahrer hatte den Eindruck, sich in einen Actionfilm verirrt zu haben, und erlitt einen mittelschweren Schock.

Alsbald war die Polizei zur Stelle und ließ sich den Sachverhalt von Zeugen bestätigen, worauf es zur Anklage gegen den Star kam. Jack Nicholson erwirkte schließlich eine außergerichtliche Einigung, bei der 500.000 Dollar den Besitzer gewechselt haben sollen, und äußerte Reue über seinen Kontrollverlust: „Diese Gewalttat erfüllt mich mit Scham.“ Allerdings habe er nicht, wie fälschlicherweise in den Medien kolportiert wurde, ein Dreier- oder Fünfereisen benutzt, sondern lediglich ein Zweiereisen, „einen Schläger, den ich auf dem Platz nie benutze. Ich wusste genau, was ich tat.“

Der Vorfall aus den neunziger Jahren mag einerseits ein Schlaglicht auf den Charakter einer Hollywood-Celebrity werfen, die nicht nur am Set als König gefeiert werden möchte, sondern sich mit völliger Selbstverständlichkeit auch das Recht herausnimmt, king of the highway zu sein. Andererseits ist er symptomatisch für eine gesamtgesellschaftliche Tendenz: Mit der exponentiellen Zunahme des Individualverkehrs, der sich alle paar Jahre verdoppelt, wächst auch die Zahl der ausgestreckten Mittelfinger, der groben Beleidigungen und, im Extremfall, der körperlichen Angriffe. In den USA, wo man bei zivilisatorischen Auswüchsen und Missbildungen meist vorneweg ist, haben Soziologen der Sache bereits vor längerer Zeit ein Label verpasst: Road Rage. Darunter versteht man eine Vielzahl von unhöflichen und unfreundlichen Aktionen, bei denen die Grenze zwischen Grobheit und strafrechtlich relevantem Übergriff fließend ist. Klassische Ausprägungen von Asphaltfuror sind etwa das aggressive Auffahren auf ein Fahrzeug, das nach Meinung des Hintermannes zu langsam unterwegs ist, das Betätigen der Lichthupe, obszöne Gesten und das absichtliche Blockieren anderer Verkehrsteilnehmer. Aber auch beispielsweise die Lärmverschmutzung öffentlicher Räume durch sogenannte Boom Cars, die mit voll aufgedrehter Anlage und wummernden Bässen durch dicht bevölkerte Stadtviertel cruisen.

Doch häufig bleibt es nicht bei solchen vergleichsweise milden Formen der Triebabfuhr. Wenn die Situation eskaliert, kommen, wie in zahlreichen Gerichtsakten, Polizeiberichten und Mediennotizen festgehalten, ganze Waffenarsenale zum Einsatz: Reifeneisen und Wagenheber, Baseballschläger, Messer, Eispickel, Rasierklingen, Wurfgeschosse in Form von Bierflaschen und Essensresten, Golfschläger, Bleirohre, Brecheisen, Stöcke und Beile oder Pfefferspray.

(...) Nun sind Konfliktsituationen in der täglichen Passage von der Wohnung zum Arbeitsplatz, bei der Parkplatzsuche vor dem Einkaufszentrum, bei Urlaubsfahrten auf überfüllten Autobahnen beileibe nichts Neues. (...) Neu an der heutigen Verkehrssituation ist allerdings, dass sich mit der wachsenden Zahl der Autos, die von einer unermüdlich profitgierigen Industrie auf den Markt gepumpt werden, die traditionelle demokratische Vorstellung von der freien Fahrt für freie Bürger zusehends in ihr Gegenteil verkehrt: Die Utopie der selbstbestimmten Mobilität in einem offenen Raum, dessen Grenzen vom eigenen Willen und von der eigenen Vorstellung definiert werden, degeneriert zur Dystopie des permanenten Staus. Die Fahrtrouten werden vielfach von komplizierten Einbahnstraßensystemen und Umleitungen vorgezeichnet, und das Tempo hat sich nach Geschwindigkeitsbegrenzungen und Ampelschaltungen zu richten. Vermeintlicher Zeitgewinn durch individuelle Fortbewegung wird immer häufiger zum Zeitverlust, das erhebende Gefühl, der Dominator der eigenen Pferdestärken zu sein und das erotische Vibrieren eines aufheulenden Motors zu genießen, verwandelt sich in ein ständiges Erleben von Impotenz – was nützt dem Wall-Street-Broker oder seinem Kollegen von der Deutschen Bank in Frankfurt der Porsche, wenn er, eingekeilt in einen immobilen Konvoi, darauf wartet, dass sich die Blechschlange fünf Zentimeter weiterbewegt? Dazu kommt, dass der in den goldenen Zeiten der Nachkriegsautomobilisierung noch billige Treibstoff so teuer ist wie noch nie und Autofahren als eine den technischen Imperativen des 20. Jahrhunderts angemessene Form der Distanzüberwindung immer mehr zum Luxus wird. Ganz abgesehen von der massiver werdenden ökologischen Debatte angesichts versiegender fossiler Ressourcen, die der Automobilität schon längst den gesellschaftlichen haut-goût des Rauchens verliehen hätte – wenn nicht wesentlich stärkere volkswirtschaftliche Interessen ihre Rechte geltend machen würden. (...)

Es gibt (...) auch Frontkämpfer einer kinetischen Revolte im öffentlichen Raum. Asphalt-Guerilleros, die mit absoluter Nonchalance Regeln und Vorschriften missachten und Straßen und öffentliche Plätze als ihre ureigene Zone der Selbstverwirklichung betrachten. In geringerem Maße gehören Rollschuhfahrer dazu und die Operateure jener neuen wendigen Tretroller, die Erwachsene wie zu groß geratene Kinder aussehen lassen, vor allem aber die fahrenden Gesellen, die auf Skateboards durch die Städte kurven. Jene an Beavis and Butthead erinnernden Figuren, die unter höhnischem Gekicher ihre Bretter ohrenbetäubend laut klappern lassen und immer wieder den Weg argloser Spaziergänger kreuzen, sodass diese vor lauter Schreck beinahe über ihre eigenen Beine stolpern. Jene Hals- und Beinbruch-Artisten, die Parkbänke, Stufen, Brüstungen und Geländer nicht als Architektur und öffentliches Mobiliar wahrnehmen, sondern als gottgegebene Hindernisse, an denen man akrobatische Tricks vollführen kann.

Thomas Mießgang, geb. 1955, studierte Germanistik und Romanistik. Er war journalistisch tätig und von 2000 bis 2011 Kurator der Kunsthalle Wien. Zuletzt erschien von ihm das Buch: Der Phantastische Phallus.

Scheiß drauf! Die Kultur der Unhöflichkeit
Thomas Mießgang Rogner & Bernhard, ca. 250 S., 19,99 Euro

Weihnachts-Wunschprämien-Wumms

Schenken Sie neue Inspirationen und Perspektiven – für Ihre Liebsten oder Sie selbst. Entdecken Sie den Freitag als kluge Geschenkidee und sichern Sie sich Ihre Wunschprämie.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden
%sparen