Ihr Weg zur Hölle, Exzellenz

Unverkäuflich Rhetorik und Realität der "Elite" liegen weit auseinander. Einige Überlegungen zu Paradoxien im Hochschulsystem

Wer an einer bundesdeutschen Universität arbeitet, der kann unweigerlich darüber berichten, was seinen Arbeitsalltag prägt: Stellenkürzungen, Mittelstreichungen, die wachsende Last der Massenuniversität, Verschulung und Bürokratisierung der Studiengänge, explosionsartig wachsender Verwaltungsaufwand. Vielleicht kann er sich auch noch daran erinnern, dass die Eingriffe in die Selbstverwaltung der Hochschule (durch externe Hochschulräte, Akkreditierungs- und Evaluationsagenturen und Kultusbürokratie) in dem Maße tiefer und schamloser wurden, als die politisch Verantwortlichen (gleich welcher Partei) den Charme entdeckten, der darin liegt, öffentlich die "Autonomie" der Hochschulen einzufordern oder anzumahnen. Wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen. Dass wachsende "Autonomie", in Klartext rückübersetzt, so viel bedeutet wie wachsender Zwang, für die Finanzierung der Hochschulaufgaben selbst zu sorgen, hat sich inzwischen herumgesprochen.

Das unwiderstehliche Stichwort

Nun also die "Eliteuniversitäten". Ihr harter Kern ist das Versprechen, die Folgen der chronischen Unterfinanzierung für einige Hochschulen zu mildern. Das macht die "Eliteuniversität" zu einem unwiderstehlichen Stichwort. Und wer verstehen will, wie dieses Stichwort funktioniert, der tut gut daran, den hochschulpolitischen Hintergrund auszuleuchten, vor dem die Wortfassade der "Eliteuniversität" aufgezogen wird. Wie immer wird es, wenn der Debattenqualm vom Wind der nächsten "Reform" zerstreut ist, wenige Gewinner und zahllose Verlierer geben. Ein Gewinner steht schon fest. Es ist das zur Bertelsmannstiftung gehörige - und oft als "heimliches Bundesbildungsministerium" apostrophierte - Zentrum für Hochschulentwicklung (CHE), das mit seinen Forderungen nach "Differenzierung" des Hochschulwesens seit Jahren die universitätspolitische Agenda prägt. Diese "Differenzierung" erfolgt, indem sich alle gleichermaßen den Imperativen des Marktes unterwerfen.

Olaf Scholz, in der Sozialdemokratie als Hütehund und Wadenbeißer angestellt, wusste genau, was er tat, als er vor die Mikrofone trat und verkündete, die SPD wolle künftig in Deutschland "Eliteuniversitäten" wie Harvard und Cambridge fördern. Er wusste auch, dass er damit die "alten" Sozialdemokraten auf den Plan rufen würde, die mit den Parolen von der demokratischen Öffnung der Universitäten und mit der Parole "Bildung für alle" groß geworden sind. Für sie ist "Elite" ein antidemokratisches Stigmawort, das in sozialdemokratischen Programmen nichts zu suchen hat. Deren erwartbarer Aufschrei lieferte dann Anlass und Stichwort für den Kanzler klarzustellen, dass die Förderung der Besten ein ur-sozialdemokratisches Anliegen sei ("Wir müssen wieder Weltspitze werden"). Das Muster ist vertraut, und es zeigt die Außenseite solcher Debatten, die den scheibchenweisen Abschied der Sozialdemokratie von sich selbst begleiten wie gute Vorsätze den Weg zur Hölle. Was aber ist die Innenseite? Warum greifen die Universitäten so begierig nach dem Stichwort, das ihnen da vorgeworfen wird? Es wimmelt ja bereits von Rektoren, die lauthals erklären, dass ihre Hochschulen schon immer die besten waren und selbstverständlich Anspruch auf die für "Eliteuniversitäten" ausgelobten Millionen haben.

Die Bachelor-Falle

Der Sollzustand der "Differenzierung" an den Universitäten liegt auf der Hand: Preiswerte, verschulte und forschungsferne Massenstudiengänge, die den Abiturienten als "berufsbezogen" verkauft werden und nebenbei die tradierte Fächerstruktur der Universitäten zerschlagen, stehen auf der einen Seite. Hier hat die Kultusbürokratie gegenwärtig nur eine Sorge: Was geschieht, wenn die ersten "Bachelor"-Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängen und feststellen, dass ihre Ausbildung genau so berufsbezogen ist wie die Universität autonom? NRW hat jüngst erklärt, ab 2006 dürften die autonomen Hochschulen des Landes keine Diplom- und Magisterstudiengänge mehr anbieten. Damit soll verhindert werden, dass die alten Studienstrukturen die Bachelor-Absolventen auffangen und in die Hochschulen zurückleiten, wenn sie mit leeren Händen auf dem Arbeitsmarkt stehen. Vor dem Master baut man dann eine hohe Geld- und Notenhürde. Während im veröffentlichten Weltbild Angebot, Nachfrage und Wettbewerb sonst eigentlich alles im Leben zum Besten lenken, zieht man es (gerade beim privatwirtschaftlichen CHE!) vor, die neuen Studiengänge der ruinösen Konkurrenz des alten Fächersystems lieber nicht auszusetzen. Man weiß: Nichts würde von ihnen bleiben, die Universitäten könnten sie ebenso schnell wieder schließen, wie sie sie aus dem Boden gestampft haben.

Für die Hochschulen, die unter der Last wachsender Studentenzahlen und jährlich sinkender Mittelzuweisungen ächzen, scheint sich da ein Ausweg zu bieten: "Eliteuniversität" werden, und auf einen Schlag ist man alle Probleme los. Die zusätzlichen Mittel, mit denen Frau Bulmahn winkt, sind nur ein Teil des Kuhhandels. Dass in der "Eliteuniversität"-Erklärung auch mit der Auflösung der ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) gewunken wird, ist kein Zufall. Die Elite-Aspiranten rechnen sich aus, dass sie (als einzige) künftig von den Zwängen der großen Studentenzahlen befreit und in die Lage versetzt werden, mit selbst ausgewählten und handverlesenen Kleinstgruppen Wissenschaft betreiben können. Mit der "Eliteuniversität" schafft die Sozialdemokratie das Zeichen, hinter dem ein paar auserwählte Hochschulen zu siegen hoffen. Das "Elite"-Etikett verspricht die Rettung aus der Zwangslage, in die sie die neoliberale Hochschulpolitik gebracht hat. Augenblicklich hängen die Mittelzuweisungen der Hochschulen und Fächer in der Hauptsache an den Absolventenzahlen. Wer im Studium hohe Anforderungen stellt, der riskiert rasch, sich selbst das Wasser abzugraben. Um ihre Mittel zu erhalten, müssen die Fächer mehr erfolgreiche Studenten haben, als sie verantwortungsvoll betreuen können. Wer seine Arbeitsbedingungen verbessern möchte, der muss sie verschlechtern. Das Fahnenwort "Eliteuniversität" blendet, weil es verspricht, aus dieser Paradoxie herauszuführen.

Zu einem guten Stichwort gehört, dass es kommentieren muss, wer im öffentlichen Geschäft bleiben will. Wer die zahllosen Artikel und Stellungnahmen sichtet, die da zirkulieren, der macht interessante Funde. Die Frankfurter Rundschau bricht eine Debatte vom Zaun, in der Gesine Schwan gegen Oskar Negts Entgegensetzung von "Elite" und "Demokratie" polemisiert, dann aber doch empfiehlt, statt "Elite" lieber "Exzellenz" als Programmwort zu wählen. Womöglich in der Hoffnung, die bildungsdemokratische Fraktion der SPD mit diesem Fahnenwort eher einbinden zu können. Später erfährt man dann, dass ihre Hochschule die Elite-Millionen auch ohne die strapaziöse Konkurrenz mit den anderen überwiesen bekommt. Und dann versteht man erst, warum sie in ihrem Artikel vor der "nivellierenden Konkurrenz" der Universitäten warnt - hat sie doch ihre eigene durch die Kandidatur vor eben dieser nivellierenden Konkurrenz geschützt und damit zweifellos von den Vorzügen der "Elite" überzeugt. Herr Müller-Boling vom CHE setzt darauf, die Hochschulen mit der bewährten "Alles-muss-ständig-auf-den-Prüfstand"-Rhetorik endgültig sturmreif zu schießen. Vom Studiengang über die Studiengebühr bis zur Besoldung der Lehrenden soll es im Leben der Wissenschaft nichts auf Dauer Sicheres geben. Zur "Elite" gehört eben nur, wer stets bedenkt, dass es ums Geld geht.

Elite ist ein Habitus

Andere Autoren schwadronieren breit über die "Unvermeidlichkeit" von Eliten in einer demokratischen Gesellschaft. Sie machen das Wort politisch wieder programmfähig, das durch die Erfahrungen der deutschen Geschichte diskreditiert war und dem der Geruch einer nicht legitimierten, sich selbst rekrutierenden und privilegierten Machtschicht anhaftet. Während noch in der pädagogischen PISA-Debatte als Skandal codiert wurde, dass unser Schulsystem soziale und bildungsmäßige Ungleichheit verstärkt, spielt in der Elitediskussion die soziologische Untersuchung Hartmanns kaum eine Rolle, die nachweist, dass die deutschen Funktions-, Macht- und Wirtschaftseliten sich nach Herkunft und Habitus selbst reproduzieren. Wer also glaubt, der Besuch einer "Eliteuniversität" führe zum Aufstieg in eine "Elite", der dürfte sich getäuscht haben. Eher wird die real existierende Machtschicht sich zur "Elite" verklären, indem sie ihre Kinder auf den auserwählten Hochschulen unterbringt.

Schlecht und teuer

Absehbar ist auch, dass der Elitentanz an den Hochschulen eine Bereitschaft weiter enthemmen wird, die ohnehin in der ruinösen Konkurrenz um knappe Mittel bereits bedenklich wuchert. Ohne Experten der Fassadenkunst und der Selbstinszenierung wird künftig keine Hochschule mehr auskommen. Da staatliche Geldgeber wissenschaftliche Leistungen nicht beurteilen können, kommt es vor allem darauf an, das, was man ohnehin tut, ins rechte Licht zu setzen und rhetorisch so aufzuputzen, dass es technologischen, kommerziellen oder sonstigen Nutzen verspricht. Seriöse Arbeit leidet unter diesem wuchernden Zwang. Zudem treibt der Wunsch nach den Elite-Millionen die Fächer noch schneller in gut verkäufliche und resonanzstarke Themen. Das Ergebnis ist das Gegenteil von "Elite", nämlich zeitgeistiger Einheitsbrei in Forschung und Lehre.

Nicht unerwünscht ist sicherlich auch der Effekt, dass vermeintliche Eliteuniversitäten die Bereitschaft fördern, Studiengebühren als unvermeidlich und gesund hinzunehmen. Und zwar allgemeine Studiengebühren. Wer studiert, der soll das als "Investition in die eigentliche berufliche Zukunft" verstehen. Dass wir in Alter und Gesundheit investieren müssen, wird ja auch akzeptiert. Wie die Hochschulen künftig um den Rang der "Eliteuniversität" konkurrieren werden, so auch die Studierenden um Zulassung an einer dieser Hochschulen. Versteht sich, dass man sich das etwas kosten lassen muss.

Und während auf der Vorderbühne lautstark über Sinn und Unsinn der "Eliteuniversitäten" gestritten wird, stellt sich auf der Hinterbühne als stille und breite Realität ein, was auch für die Länder gilt, in denen Oxford, Cambridge, Harvard und Berkeley liegen: Die durchkommodifizierte Universitätsausbildung ist für die breite Masse schlecht und teuer. Am Ende wird es die ganz gewöhnliche Universität sein, die nicht wiederzuerkennen ist. Dass die "Eliteuniversität" dabei lediglich die diskursive Begleitmusik liefert für eine Politik der schleichenden Kommerzialisierung von Bildung und Wissenschaft, versteht sich. Wissenschaftliche Leistungen kann man nicht einfach mit ein paar Millionen kaufen. Sie gedeihen langfristig in den Milieus, die durch eine solche Hochschulpolitik zerstört werden. Und doch werden auch die Verlierer am Ende voller Neid auf die "Eliteuniversitäten" schauen und von den dortigen Lehr- und Forschungsbedingungen schwärmen.

Clemens Knobloch ist Professor für Germanistik an der Universität Siegen.


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00:00 02.07.2004

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