Ihr Werk? 1.000 Filme

Herstory Regisseurinnen wie Alice Guy-Blaché sind heute fast vergessen – dabei prägten sie den Film wie etwa Charlie Chaplin

Sie müssen allesamt den Kopf schütteln. Ob sie schon einmal von Alice Guy-Blaché gehört haben, werden Leute aus der Filmbranche in Be Natural gefragt. Patty Jenkins, Regisseurin von Wonder Woman, verneint. Auch die Schauspielen Julie Delpy gibt zu, dass sie „noch nie von ihr gehört“ habe. Der Filmemacher Peter Bogdanovich sagt, er habe zwar viele Bücher über das Kino gelesen, sei aber nie auf den Namen von Alice Guy-Blaché gestoßen, der ersten Regisseurin der Filmgeschichte.

Zwischen 1896 und 1920 schrieb, drehte und produzierte Guy-Blaché über 1.000 Filme. Ihre Bedeutung für das frühe Kino ist vergleichbar mit der von Charlie Chaplin oder Fritz Lang, trotzdem kommt sie in der Filmgeschichte oft gar nicht oder nur am Rande vor. Die großartige Dokumentation Be Natural von Pamela B. Green beleuchtet anhand zahlreicher Interviews das Leben und Werk von Guy-Blaché. Dazu gibt es einen Audiokommentar von Jodie Foster, die durch faszinierende Filmszenen, Bilder und Zeitungsausschnitte führt.

Der 28. Dezember 1895 gilt gemeinhin als die Geburtsstunde des Kinos. An diesem Tag präsentieren die Brüder Auguste und Louis Lumière im Grand Café in Paris ihre neuste Erfindung: den Kinematografen. Mit diesem Apparat konnten zum ersten Mal störungsfrei bewegte Bilder projiziert werden. Allerdings hatten die Lumières ihr Gerät bereits im März 1895 bei einer privaten Vorführung der Pariser Gesellschaft zur Förderung der Industrie vorgestellt. Unter den Gästen war auch die 22-jährige Alice Guy, die als Sekretärin des Fotografie-Unternehmers Léon Gaumont arbeitete. Sie sei sofort begeistert gewesen von der neuen Technik, berichtete Guy-Blaché in einem französischen Fernsehinterview von 1964, aus dem in Be Natural immer wieder Ausschnitte gezeigt werden.

1896 schon drehte sie dann mit Equipment von Gaumont ihren ersten Film La Fée aux Choux. Auf einer Terrasse mit Parkhintergrund tanzt darin eine freudig strahlende junge Frau vor der Kamera und holt zwei Neugeborene aus einem Kohlbeet. Bereits in diesem einminütigen Film zeigt sich Guy-Blachés Interesse für atmosphärische Set-Designs. Während die Filme der Lumières sich damit begnügten, Alltagsszenen wie das Einfahren eines Zuges in einen Bahnhof zu dokumentierten, erkannte Guy-Blaché das narrative Potenzial des neuen Mediums.

Be Natural zeigt eindrücklich, wie groß Guy-Blachés Beitrag zum Kino war. Sie experimentierte früher als andere mit Nahaufnahmen oder Handkolorierung des Filmmaterials. Mit ihrem Mann Herbert Blaché gründete sie 1910 in New York das Filmstudio Solax und wurde zur erfolgreichen Unternehmerin. Ihre Filme waren nicht bloß auf Unterhaltung ausgerichtet, sondern hatten den Anspruch, politische und soziale Veränderungen anzustoßen. A Fool and his Money von 1912 war der erste Film mit komplett afroamerikanischer Besetzung. 1916 schrieb sie zusammen mit der feministischen Aktivistin Rose Pastor Stokes das Drehbuch für einen unvollendeten Film mit dem Titel Shall the Parents Decide, in dem es um den Vorläufer einer „Planned Parenthood“-Einrichtung ging.

Immer nur „Metropolis“

Die meisten Filme von Guy-Blaché sind leider nicht erhalten, die übrigen in diversen Archiven verstreut. Dass zentrale Figuren wie sie aus der Filmgeschichte gefallen sind, liege aber auch an falschen Prioritäten von Film-Institutionen, erklärt der Archivar Dino Everett in Be Natural. Statt die Arbeiten von marginalisierten Figuren wie Guy-Blaché zugänglich zu machen, würden eher Klassiker wie Metropolis „zum zwanzigsten Mal“ neu restauriert.

Dabei wurde das Werk der frühen Filmpionierinnen erst nachträglich an den Rand gedrängt: Die Modehistorikerin Valerie Steele beschreibt in Be Natural, wie das Kino für Frauen im späten 19. Jahrhundert ähnlich wie zuvor die Fotografie neue Freiräume eröffnete. Da Filme zunächst für eine vorübergehende Modeerscheinung gehalten wurden, konnten Frauen ohne größere Widerstände von etablierten Männern kreativ tätig werden. Das änderte sich jedoch in den 1920er Jahren, als die expandierende Filmindustrie gewinnorientierter und hierarchischer wurde. Oder, wie es in Be Natural formuliert wird: „Das Wall-Street-Geld kam durch die Vordertür ins Filmgeschäft, und Frauen wurden durch die Hintertür vertrieben.“

Vor Kurzem hat die Journalistin Daniella Shreir, Gründerin des feministischen Filmmagazins Another Gaze, einen Text in der Zeitschrift Cahiers du Cinéma veröffentlicht, in dem sie das Narrativ der „Wiederentdeckung“ vermeintlich verschollener Filme von Frauen kritisiert. „Vergessen“, so Shreir, seien diese höchstens von großen Institutionen. Feministische Autorinnen oder Filmfestivals hingegen hätten sich immer schon mit diesen Werken beschäftigt. Bis zu einem gewissen Grad folgt auch Be Natural jener Erzählung von der Wiederentdeckung, allerdings zeigt die Dokumentation an vielen Stellen genau jene Mechanismen der Ausradierung – etwa durch Journalisten, die Guy-Blaché interviewt haben, sie aber in ihren Texten nie erwähnten.

Vielleicht müssen wir Alice Guy-Blaché auch weniger als historische Figur „wiederentdecken“, sondern können ihr paradoxerweise als einer Art Zeitgenossin begegnen. Denn wie der Filmwissenschaftler Tom Gunning erklärt, ähneln die kurzen Videoclips unserer heutigen Medienlandschaft auf frappierende Weise dem frühen Kino, das ebenso auf Reiseimpressionen, humoristische Tieraufnahmen und Amateurstunts fokussiert war. Von daher ist es eigentlich folgerichtig, dass die meisten Menschen heute die einzigartigen Filme von Alice Guy-Blaché, wenn, dann wahrscheinlich nicht auf Filmfestivals oder in Programmkinos sehen werden, sondern: auf Youtube.

Info

Be Natural – Sei du selbst Pamela B. Green USA 2018, 103 Minuten

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06:00 07.08.2021

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