Ihre Haare im Sommer

Kehrseite II Sie wacht auf, weil du sie schon die ganze Zeit angesehen hast, während sie schlief: Ihren Blick, den sie mit geschlossenen Augen hat und ihren Atem, ...

Sie wacht auf, weil du sie schon die ganze Zeit angesehen hast, während sie schlief: Ihren Blick, den sie mit geschlossenen Augen hat und ihren Atem, den man nur hört, wenn man die Luft anhält. Du hast versucht zu erraten, wovon sie träumt, und jetzt ist sie wach und blinzelt dich an.

Gestern Abend seid ihr im Kino gewesen und während der Film lief, lag ihre Hand in deiner. Du hast dir vorgestellt wie es wäre, sie nicht mehr loszulassen, und auf dem Nachhauseweg hast du dich ganz leicht gefühlt. Als ihr schließlich um zwei Uhr morgens eingeschlafen seid, war es dunkel, und ihr habt euch in den Armen gehalten.

Draußen ist es hell, und es ist Sonntag und still. Du magst diesen Tag, weil er ein besonderer Tag ist. Ihr müsst nicht aufstehen, weil keiner von euch Termine hat und los muss. Ihr könnt solange im Bett bleiben, wie ihr wollt.

Wenn ihr ausschlafen könnt, bist du meistens vor ihr wach, und dann betrachtest du sie so lange, bis sie deine Anwesenheit spürt und auch aufwacht. Du kennst sie schon über vier Monate und bist immer noch in sie verliebt, als wären diese ganzen Eifersuchtsdramen und Trennungsgeschichten, die du aus dem Fernsehen und von Freunden kennst, nur Erfindungen. Du liegst im fünften Stock neben ihr, und wenn du aus dem Fenster schaust, siehst du das Dach des gegenüberliegenden Hauses, und darüber siehst du den Himmel. Die Wohnung, in der ihr seid, ist ihre Wohnung, und für dich ist sie immer noch neu und aufregend, weil du sie noch nicht lange kennst. Du entdeckst dauernd neue Dinge, die dir am Anfang gar nicht aufgefallen sind.

Du beugst dich über sie, um sie zu küssen, und ihr Haar riecht wie Marzipan. Ihr Haar riecht mitten im Sommer wie Marzipan, obwohl dieser Geruch zu einer Jahreszeit gehört, in der es schneit und man Handschuhe und Wollmützen trägt. Du weiß nicht, ob das Haar vieler Frauen im Sommer wie Marzipan riecht, aber das Haar der Frau, die neben dir liegt und gerade aufgewacht ist, riecht genau so. Es riecht wie ein Weihnachtsmärchen. Am liebsten würdest du dir in ihrem Haar eine Zwei-Raum-Wohnung einrichten, mit einer Küche, in der du den Duft ihres Haares in Pralinen verwandeln könntest. Mit diesen Pralinen würdest du ihr einen Adventskalender füllen, und sie könnte im Dezember jeden Tag ein Türchen öffnen und eine Praline naschen, aus der der Geruch ihrer Haare im Sommer strömt.

Du betrachtest ihren Mund, den du gerade geküsst hast. Aus ihrem Mund ist noch kein einziges Wort gekommen. Sie hat ihn bisher nur zum Küssen benutzt. Du wartest darauf, dass sich ihre Lippen öffnen und sie zu reden anfängt.

Sie atmet tief ein und räkelt sich.

Gleich ist es soweit.

Gleich wird sie die ersten Worte an diesem Morgen sagen, und du freust dich auf ihre Stimme wie auf die Ankunft eines guten Freundes, den du lange nicht gesehen hast.

Daniel Klaus wurde 1972 in Wiesbaden geboren. Er war Stipendiat der Akademie der Künste und Preisträger des Walter-Serner-Preises. Seine Geschichten sind in Literaturzeitschriften, Zeitungen und im Rundfunk veröffentlicht.


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