Ikonisch: Thomas Billhardts „Vietnam. Fotografien“

Fotografie Thomas Billhardt prägte mit seinen Bildern die Rezeption des Vietnamkriegs – nicht nur in der DDR. Das zeigt ein neu editierter Band, begleitet von persönlichen Erinnerungen des berühmten Fotografen
Thomas Billhardt entsprach nicht recht dem klassischen Bild des Kriegsreporters
Thomas Billhardt entsprach nicht recht dem klassischen Bild des Kriegsreporters

Foto: © Thomas Billhardt / CAMERA WORK

Das Stereotyp des rastlosen Kriegsreporters, der als Getriebener und im Namen der Pressefreiheit von Krisenherd zu Krisenherd hetzt, ist ein fester Topos in der Populärkultur. Der weltreisende, mit Bedeutung erfüllte Korrespondent ist dabei oft Projektionsfläche für unerfüllte Sehnsüchte nach Ausbruch aus der bürgerlichen Routine.

Thomas Billhardt passte nicht recht in dieses Muster. Nicht nur, weil er aus der DDR kam und deshalb wenig dazu taugte, westliche Mythen zu bedienen. Zudem galt der 1937 in Chemnitz geborene Billhardt zwar durchaus als Paradiesvogel in der DDR-Medienlandschaft – doch war er nie unabhängig, sondern stets im Auftrag staatlicher Stellen unterwegs. Auch nach Vietnam reiste er nicht aus eigenem Antrieb. Das wäre im Kontext der zentral gelenkten Medien in der DDR, in dem unabhängiger Journalismus schlicht nicht vorgesehen war, gar nicht vorstellbar gewesen.

Thomas Billhardt genoss jedoch das Vertrauen der Funktionäre, die sicher sein konnten, dass er in ihrem Sinne handeln und vor allem fotografieren würde. Mit ihrer Unterstützung wurde er zum bekanntesten Fotografen des Landes, der den Blick der DDR-Bürger auf die Welt und deren kollektives Bildgedächtnis entscheidend prägte. Die nachhaltigste Wirkung erzielte er mit seinen Vietnamkriegsbildern, die nun neu editiert und begleitet von persönlichen Erinnerungen als Bildband erschienen sind.

Thomas Billhardt wurde von der DDR-Elite hofiert

Die ideologische Standfestigkeit war Billhardt durchaus nicht in die Wiege gelegt. Glaubt man seinen eigenen Bekundungen, wollte er als Jugendlicher Ende der 1950er Jahre – die Mauer gab es noch nicht – nichts mehr als der provinziellen Langeweile entgehen und in den Westen fliehen, um dort sein Glück zu finden. Verhindert worden sei dies lediglich durch seine ebenfalls als Fotografin tätige Mutter, bei der er sein Handwerk lernte und die darauf drang, dass der Junge zuerst eine vernünftige Ausbildung absolviere. Welchen Opportunitäten, glücklichen Zufällen oder guten Beziehungen sich schließlich sein kometenhafter Aufstieg zum hofierten Lieblingsfotografen der DDR-Elite verdankte, ist im Einzelnen nicht nachzuvollziehen, Tatsache ist, dass Billhardt seine Auftraggeber nicht enttäuschte und bis zum Ende der DDR seine Loyalität bewies. Ein maßgeblicher Beitrag hierzu mag der Reisepass mit Dauervisum gewesen sein, mit dem er sich ungehindert weltweit bewegen konnte. Billhardt selbst betont stets, dass es die persönliche Reisefreiheit war, die ihn im Lande hielt.

In der überschaubaren DDR-Fotografenszene war Billhardt jedenfalls ein Solitär; es dürfte kaum einen zweiten gegeben haben, der über Privilegien wie ein eigenes Studio mit Festgehalt, Dienstwagen und Angestellten verfügte. Zwischen den Fotografen, die heute als maßgeblich für die künstlerische oder dokumentarische DDR-Fotografie gelten, und Billhardt herrschte gewiss große Fremdheit; sie lebten in verschiedenen Welten. Während erstere versuchten, das Selbstbild der DDR zu hinterfragen, sperrte sich Billhardt vor allem in seinen Bildern aus dem DDR-Alltag oder den Arbeiterporträts nicht gegen den Primat der Agitation. Ein Dokumentarist war Billhardt zweifellos auch, aber seine Bilder waren anders konnotiert und hatten eine affirmative Funktion. Letztlich aber prägten seine Bilder das visuelle Erscheinungsbild der DDR ungleich mehr als die der unangepassten Fotografen, einfach deshalb, weil Billhardt über weitreichende Publikationsmöglichkeiten verfügte, nicht nur in der DDR, sondern weltweit.

Freilich wäre es vermessen, aus der Feststellung einer weitgehenden Linientreue eine Wertung abzuleiten. Aus heutiger Sicht mögen die dissidentischen Fotokünstler auf der „richtigen“ Seite gestanden haben; andererseits wären diese aber nie in die Lage gekommen, als quasi-offizielle Bildberichterstatter nach Vietnam, Kuba, Nicaragua, in die Sowjetunion et cetera geschickt zu werden. Wer will da den Stab über einen abenteuerhungrigen jungen Mann brechen?

Cuba-Libre-Trinken mit den Castros

Billhardts erste Auslandsreise als Fotograf führte ihn im Sommer 1961 im Auftrag des Zentralrats der FDJ nach Kuba, wo er beim Cuba-Libre-Trinken mit den Castros seine Bestimmung fand. Er selbst beschrieb die Reise als sein Erweckungserlebnis, das seinen Entschluss, als Bildreporter zu arbeiten, bekräftigt hätte. Gewiss waren die damit verbundenen Möglichkeiten zu verführerisch für den 24-Jährigen, um die eigene Rolle im Getriebe der Macht allzu kritisch zu reflektieren. Zum festen Repertoire der Anekdoten, auf die ein aufregendes Fotografenleben in der Rückschau zusammenschnurrt, gehört jene von der letzten Möglichkeit der Flucht in den Westen, die sich ihm auf dem Rückflug während der Zwischenlandung in Kanada bot. Die Tür mit der Aufschrift „Immigration“ ließ er links liegen und traf damit eine Lebensentscheidung. Die Funktionäre waren auf jeden Fall begeistert von ihrem Schützling und taten alles, ihn im Land zu behalten.

Seine erste Reise nach Vietnam erfolgte im Sommer 1967 auf Einladung der beiden Dokumentarfilmer Walter Heynowski und Gerhard Scheumann, die einen Film über abgeschossene und gefangen genommene US-Bomberpiloten planten. Die mehrteilige Dokumentation wurde später unter dem Titel Piloten im Pyjama weit über die Grenzen der DDR hinaus bekannt. Heynowski und Scheumann waren für den DDR-Dokumentarfilm lange das, was Billhardt für die Fotografie war. Nachdem sie ab Mitte der 1960er einige aufsehenerregende sowie formal virtuose Filme gedreht und dabei bewiesen hatten, dass sie ideologisch auf der richtigen Seite standen, wurden ihnen ähnliche Privilegien zuteil, wie sie Billhardt besaß. Diese Privilegien nutzten sie, um in den folgenden 25 Jahren circa 70 Filme zu realisieren, bevor sie 1982 die Medienpolitik der DDR kritisierten und daraufhin ihr Studio geschlossen wurde.

Für den Begleitband zu der geplanten Dokumentation fuhr Billhardt kreuz und quer durch das kommunistisch regierte Nordvietnam. Die Prämisse, unter der seine Bilder entstanden, war klar: Sie sollten die moralische Überlegenheit der ihre Heimat verteidigenden Vietnamesen sichtbar machen. Freilich ist es eine Übertreibung, wenn im Buch behauptet wird, Billhardt sei der einzige Fotograf gewesen, der die Schrecken des Krieges dokumentierte. Von keinem Krieg zuvor berichteten die Medien so umfassend und in Echtzeit. Wahr ist allerdings, dass er wie kaum jemand das Alltagsleben der Menschen dokumentierte, die unter der erbarmungslosen Kriegsführung der US-Armee versuchten, zu überleben.

Thomas Billhardt mit Nick Út verwechselt

An direkten Kriegshandlungen nahm er nie teil; sein Thema war das Leben im Hinterland, die Folgen von Tod und Zerstörung und die Auswirkungen der Bombardierungen, die 1967 einen absoluten Höhepunkt erreicht hatten. Mit seinen Aufnahmen von Ruinenlandschaften, zerstörten Reisfeldern und von Napalm verbrannten Kindern mag er tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal im (Propaganda-)Krieg der Bilder gehabt haben. Dabei entstanden Fotografien, die in der DDR schnell ikonischen Charakter bekamen, weil sie massenhaft veröffentlicht und reproduziert wurden. Dazu gehörte auch jenes auf dem Titel des vorliegenden Bildbandes. Es zeigt den abgeschossenen US-Piloten Major Wayne Waddell, der von einer jungen Vietnamesin mit aufgesetztem Bajonett auf dem Gewehr abgeführt wird. In der Symbolik des schmächtigen Mädchens, das den viel größeren und körperlich weit überlegenen weißen Mann besiegt und dessen Macht beraubt hat, verdichtete sich die gewünschte Aussage kongenial; ganz im Sinne der Auftraggeber.

Insgesamt zwölfmal reiste Billhardt bis 1975 nach Vietnam und wurde damit zum führenden Chronisten des Kriegsgeschehens aus der Sicht des sozialistischen Teils der Welt, was nicht heißt, dass seine Bilder nicht auch in westlichen Zeitschriften und Magazinen gedruckt wurden. Wie sehr seine eindrücklichen Bilder aber vor allem die ostdeutsche Rezeption des Vietnamkrieges bis heute prägen, bewies kürzlich ein älterer Leser, der sich beim nd (früher Neues Deutschland) über einen vermeintlich falschen Bildnachweis beschwerte: Das berühmte Foto der neunjährigen Vietnamesin Kim Phúc nackt auf der Flucht nach einem Napalm-Angriff der südvietnamesischen Luftwaffe, welches den Vietnamkriegs-Diskurs weltweit entscheidend geprägt hat, sei ja wohl von Thomas Billhardt, nicht von dem, wie korrekt angegeben war, amerikanischen AP-Fotografen Nick Út. Mehr Ehre geht eigentlich nicht.

Vietnam. Fotografien. Thomas Billhardt, Edition Braus 2022, 144 S., 29,95 €

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