Im Anekdotensturm der sinnstiftenden Klasse

Bücher Professor Schütz putscht sich links von Notre-Dame gehörig auf und würde gern an Atatürk kratzen
Im Anekdotensturm der sinnstiftenden Klasse
Das Seine-Ufer hat schon so manche Magie gesehen

Foto: Jules Dortes/Picture Alliance/akg-images

Paris. Notre-Dame stand noch, hätte aber schon in Flammen aufgehen können. Es geht – in turbulenter Anekdotik – darum, was sich zwischen 1940 und 1950 so am Rive Gauche tat, links von Notre-Dame. Nicht nur auf der Karte. Neben Monsieur Sartre und sa Dame de Beauvoir, neben Cocteau und Camus treten Baldwin und Bellow, Beckett und Picasso, Miles Davis und Jean Marais, Juliette Greco und Simone Signoret auf. Viele, viele mehr. Auch Ernst Jünger. Wenn man in Wolfram Eilenbergers Zeit der Zauberer immerhin allerlei über die Philosophien der darin verhandelten Figuren erfuhr, wird man bei Angès Poirier über die philosophische Hintertreppe direkt ins Café und ins Boudoir geschleust. Vom Blick in den mit Aufputschalien gefüllten Medikamentenschrank und die hoch frequentierte Hausbar ganz zu schweigen. Da wirbelt einem bald der Kopf im Versuch, den Überblick zu behalten beim Wer-mit-wem-wie-lange-und-warum-nicht.

An den Bosporus. Vor 1923, vor dem „Friedensvertrag“ von Lausanne, lebten in Konstantinopel, das aus dem antiken Byzantion hervorgegangen war und für das sich dann gegen Ende der 1920er der Name Istanbul durchsetzte, der wiederum eine Verballhornung des griechischen „In der Stadt“ war, eine Million Menschen verschiedenster Ethnien. Es gab 11 Zeitungen in türkischer, 7 in griechischer, 6 in französischer, 5 in armenischer und eine in englischer Sprache, 4 in jüdischen Idiomen. Unzählige Menschen, Armenier und vor allem Griechen, flüchteten sich in der Hoffnung hierhin, Schutz vor den rabiaten Verfolgungen durch Jungtürken zu finden. Die Hoffnung trog. Vor allem Griechen erlebten Grausiges. Wer Gewalt und Hungermärsche überlebte, wurde umgesiedelt. Enteignet, entehrt, entwürdigt sowieso. Das alles ist ebenso bestens dokumentiert wie die Rolle, die die Westmächte aus Ignoranz und Überheblichkeit dabei spielten. Erschreckend, wie in der Türkei die Verbrechen und Verbrecher nicht nur beschwiegen, vielmehr verherrlicht werden. Dass man, wiewohl er mit übelstem Pack paktierte, an Atatürk nicht kratzen mag, zumal, weil was er wollte, heute durch Erdogan verhöhnt wird, ist verständlich, aber dass ein Schlächter wie Topal Osman hemmungslos verehrt wird, bestürzt. Mirko Heinemanns Buch, das die verdrängten wechselseitigen „ethnischen Säuberungen“ anhand des Schicksals seiner Großmutter wiedererinnert, ist auf geradezu erzhumane Weise um Objektivität und Suche nach Ausgleich bemüht. So beeindruckt neben der vorbildlichen Geschichtsrekonstruktion, wie er Biografien Heutiger auf beiden Seiten darin einwebt.

An den heimischen Herd, ans Eingemachte. Das Feuilleton, südostelbisch auch schon mal Fülletong geheißen, ist so eine Sache. Nicht erst, seit Karl Kraus es 1910 als Kunst bezeichnete, auf einer Glatze Locken zu drehen, doch akkumuliert seitdem, galt es und gilt oft noch sowohl als anmaßend, übergriffig und jenseitig, wie ebenso als unernst, leichtgewichtig und überflüssig. Claudius Seidl, Wanderer zwischen SZ, Tempo, Zeit, Spiegel und FAS, also harter Feuilletongranit (Durchaus Anwärter auf jenem Alfred Polgars Schriften verliehenen Titel: „Filigranit“) klagt denn eingangs der Auswahl seiner Texte zwischen circa 2004 und 2018: „Wenn die Welt- und Menschenfremdheit, die Abgehobenheit, die grundsätzliche Irrelevanz der sinnstiftenden Klasse benannt werden soll, dann nennt man sie: das Feuilleton.“ Doch hält er dagegen: Feuilleton sei eine Methode, die Welt zu sehen, „es muss nicht bloß um Kultur und die Künste gehen, aber die Künste sind gewissermaßen die Kraftquelle“. Es geht hier denn auch vorrangig um den Alltag, der ohne Kultur und Politik nicht zu denken ist. Seidls Blick will sich „nicht an die Wirklichkeit gewöhnen“. Das macht jede Skepsis gegen Wiederlesen hinfällig: Ob über James Bond, Hexenprozesse, Pornofilme, Batman, Tarantino, Brecht, Kevin Spacey, John Wayne, das Verhältnis zu Russland, die Mondlandung von dunnemals, den IS, Geschichte im TV, Mode, Multikulti, den Ton der 80er oder über Austriazismen – es ist durchweg stilistisch wie intellektuell Vergnügen. Und man kann sagen, zweimal dabei gewesen zu sein – bei den Anlässen und ihrer klugen Deutung.

Schließlich nach Brandenburg.Petra Ahne kauft einen DDR-Bungalow B 34, den sie Hütte nennt. Und gräbt sich dann tief in die Hütten der Menschheitsgeschichte ein. Eine wechselvolle, zwischen notgedrungenem Asyl für Armut oder Verfolgung und Quartier der Sehnsucht nach dem einfachen Leben. Provisorien seit dem Rausschmiss aus dem Paradies. Mythos in den USA – das Blockhaus, in dem angeblich Lincoln groß wurde, Thoreaus Waldrefugium oder die Hütte des durchgeknallten Unabombers. Am lustigsten vielleicht Le Corbusier, der die grusligen Megawohnmaschinen visionierte, selbst aber gern auf 14 qm ohne Küche wohnte – freilich mit Durchgang zum Edelrestaurant. Die Autorin lässt schließlich B 34 abreißen, um den zeitgemäßeren Traum von einer eigenen Hütte zu verwirklichen …

Info

An den Ufern der Seine. Die magischen Jahre von Paris 1940 – 1950 Angès Poirier Monika Köpfer (Übers.), Klett-Cotta 2019, 508 S., 25 €

Die letzten Byzantiner. Die Vertreibung der Griechen vom Schwarzen Meer. Eine Spurensuche Mirko Heinemann Ch. Links 2019, 263 S., 25 €

Die Kunst und das Nichts. Nahezu klassische Feuilletons Claudius Seidl Edition Tiamat 2019, 239 S., 18 €

Hütten. Obdach und Sehnsucht Petra Ahne Matthes & Seitz Naturkunden 2019, 132 S., 28 €

06:00 13.07.2019

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