Im Anfang war das Chaos

Internet Vor 20 Jahren entwickelte Tim Berners-Lee das Konzept des World Wide Web. Doch bis sich die Idee des WWW durchsetzte, sollten noch einige Jahre vergehen

Revolutionen kommen manchmal ganz unspektakulär daher. Als Tim Berners-Lee im März 1989 am Schweizer Kernforschungszentrum CERN einen Projektantrag mit dem Titel „Information Management: A Proposal“ einreichte, da ging es ihm im Grunde nur darum, eines seiner Lieblingsprojekte während seiner Arbeitszeit verfolgen zu können. Dass er gleichzeitig die Geburtsurkunde des World Wide Web (WWW) schrieb, das die Art und Weise, wie Menschen weltweit kommunizieren, so nachhaltig verändern sollte wie noch kein Medium zuvor, konnte er nicht ahnen.

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Berners-Lee wollte mit seinem Vorschlag das Informations- und Datenchaos vermeiden, das unweigerlich entsteht, wenn mehrere Leute in vernetzter Umgebung mit unterschiedlichen Programmen und Werkzeugen arbeiten. Er träumte von einem System, „in dem es ebenso leicht sein sollte, sein eigenes Wissen und seine Ideen mitzuteilen wie von den Informationen und Gedanken anderer zu erfahren“. Schon einige Jahre zuvor hatte er für den Hausgebrauch das System „Enquire“ entwickelt, später versuchte er sich mit der Weiterentwicklung „Tangle“, die sich aber in ihren eigenen Verknüpfungen verhedderte und in einer Endlosschleife hängen blieb.

Die Grundidee des erträumten Systems basiert auf dem sogenannten Hypertext-Konzept, das Ted Nelson Mitte der 60er Jahre entwickelt hatte und mit dem er ein synästhetisches Erlebnis aus seiner Kindheit informationstheoretisch umsetzen wollte. Alles sollte mit allem verbunden sein, von jedem Punkt im Datengeflecht sollte man zu jedem anderen Punkt gelangen können.

Das „Proposal“ stieß 1989 jedoch auf keine Gegenliebe und so reichte Berners-Lee es im Mai 1990 erneut ein – um es ein weiteres Mal in den Schubladen verschwinden zu sehen. Erst im September 1990 konnte er daran gehen, seine skizzierten Ideen in konkrete Programme umzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt durfte sich Berners-Lee den damals avanciertesten Computer der Welt, einen Next, kaufen und wurde von seinem Chef Mike Sendall, der die Anschaffung bewilligte, aufgefordert, „sein Hypertext-Dingsbums“ darauf zu programmieren. Das ließ er sich nicht zweimal sagen, und so entstand in den folgenden Wochen in Zusammenarbeit mit Robert Cailliau der erste funktionierende Webserver und der erste Webbrowser der Welt.

In den folgenden Monaten demonstrierte Berners-Lee das WWW zu verschiedenen Anlässen, zuerst innerhalb des CERN, dann auch auf Kongressen und Tagungen. Anfangs war die neue Internet-Anwendung nur auf den Servern des CERN und den mit ihnen verbundenen Forschungslabors in­stalliert. So lief der erste Webserver in den USA im Mai 1991 auf einem Rechner des Stanford Linear Accelerator Center (SLAC), und bis Ende 1992 gab es weltweit gerade einmal 26 installierte Webserver. Doch allmählich verbreitete sich das weltweite Netz rasanter. Im Januar 1993 gab es rund 50 Web-Server, im Oktober waren es bereits 200, auf denen gut 620 Websites publiziert wurden. Im gleichen Zeitraum verzehnfachte sich der Anteil der Webverbindungen am gesamten Internetdatenstrom von 0,1 auf ein Prozent. Ein im Rückblick sehr bescheiden wirkender Wert, aber für die Verbreitung des Web bedeutete er einen enormen Sprung: Von nun an stieg der Webtraffic in atemberaubendem Tempo an.

Unvorstellbares Wachstum

Der vielleicht wichtigste Grund für die wachsende Verbreitung des Web war eine weise Entscheidung am CERN: ab April 1993 war die am CERN entwickelte Web-Technologie lizenzfrei und kostenlos zu haben. Ohne dieses Entscheidung wäre das Web, so viel lässt sich wohl ungestraft vermuten, nach seiner schweren Geburt bereits im Kindbett verkümmert. Doch nun konnte jeder, der wollte, seine eigene Anwendung entwickeln und installieren. Und das wollten viele.

Der Durchbruch und die selbst erfahrene Internetveteranen völlig überraschende explosionsartige Verbreitung des WWW, und damit auch des Internet selbst, setzte 1993 ein, als Marc Andreessen das Programm Mosaic herausbrachte, mit dem auch der ungeschulte Computerlaie auf das Internet zugreifen konnte. Zwar gab es zu diesem Zeitpunkt schon ein rundes Dutzend verschiedener Browser, aber erst Mosaic (aus dem kurz darauf Netscape wurde) sorgte dafür, dass man ohne besondere Fachkenntnisse und mit wenigen Mausklicks das unendliche Informationsmeer des Internet erforschen konnte. Ende 1994 gab es weltweit bereits 10.000 Webserver, im April 1995 überholte der Webtraffic das bis dahin konkurrenzlos führende FTP. Von nun an war „World Wide Web“ ein Synonym für „Internet“.

Ab etwa 1995 beschleunigte sich das Web-Wachstum auf unvorstellbare Weise. Die Zahl der installierten Server durchbrach sehr schnell die Millionengrenze, Internet-Startups schossen aus dem Boden, eine ganze Branche schien von rauschhafter Euphorie durchtränkt und es kam zu einem heute nur schwer nachvollziehbaren Hype um das neue Medium, der sich am deutlichsten in den völlig überzogenen Börsenwerten am „Neuen Markt“ widerspiegelte.

Das, was heute als „Dot-Com-Blase“ bezeichnet wird, nahm seinen Anfang im August 1995, als Netscape und einige andere Internet-Firmen an die Börse gingen – mit phänomenalem Erfolg. Der Ausgabekurs der Netscape-Aktie sollte ursprünglich bei 14 Dollar liegen, wurde aber in letzter Minute auf 28 Dollar angehoben. Schon am nächsten Tag lag der Aktienkurs bei sagenhaften 75 Dollar. Und Netscape war kein Einzelfall. Fast jede Internet-Firma, die Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts an die Börse ging, war in kürzester Zeit mehr oder weniger aus dem Nichts ein millionen-, wenn nicht milliardenschweres Unternehmen.

Das schnelle Wachstum und die rasante Vermehrung von Informationen im Netz weckte das Bedürfnis nach leistungsfähigen Suchmaschinen und Katalogen. Eines der ersten und lange Zeit konkurrenzlos führenden Angebote dieser Art war der 1994 als Bookmark-Sammlung in Kombination mit einer schnellen Datenbank gestartete Dienst Yahoo. Ende 1995 sorgte die Suchmaschine Altavista für Aufsehen im Internet. Bis dahin begnügten sich die Navigationshilfen wie Yahoo oder das ebenfalls 1994/1995 gegründete Lycos mit einer Katalogfunktion, bei der die erfassten Webseiten von Redakteuren in verschiedenen Kategorien geordnet und beschrieben wurden. Altavista dagegen durchforschte das Netz automatisch, fertigte Indizes der besuchten Webseiten an und bot so erstmals die Möglichkeit, das Internet über eine leistungsfähige und schnelle Volltextsuche zu durchstöbern. Ein Verfahren, das sich als zukunftsweisend herausstellte und vier Jahre später von Google perfektioniert wurde.

Der Euphorie folgt der Crash

In dieser Zeit entdeckten die Medienkonzerne allmählich das Web als neue Publikationsform und versuchten, es als Distributionskanal für ihre Inhalte zu nutzen – mit sehr durchwachsenen Ergebnissen. Die meisten Versuche scheiterten am fehlenden Grundverständnis dessen, was das neue Medium auszeichnete. Statt sich auf die offenen Kommunikationsstrukturen des Internet einzulassen, wurde versucht, das althergebrachte Sender-Empfänger-Schema im Web zu etablieren und das Internet als eine Art Fernsehen mit neuen Mitteln zu betrachten. Gleichzeitig versuchte man, sich in den verschiedensten Erlösmodellen, denen aber kein Erfolg beschieden war. „Das Internet ist ein schwarzes Loch“, jammerte auf dem Höhepunkt des Internet-Hype der Chef von Time Inc., Don Logan, als sich das erhoffte Dorado als veritable Geldvernichtungsmaschine entpuppte.

Die Boom-Phase fand Mitte 2000 ihr jähes Ende. Der NASDAQ – die wichtigste Kennzahl für die Börsenwerte der Informationstechnologie – brach von über 5.000 Punkten auf gut 3.500 ein, erholte sich kurzfristig und stürzte anschließend endgültig ab. Mitte 2001 lag er nur noch bei rund 1.500 Punkten.

Der Crash war ein böses Erwachen aus dem Traum von der Wertschaffung aus dem Nichts, die abstrusen Business-Pläne waren nicht mehr das Papier wert, auf dem sie gedruckt waren, Insolvenzen hoffnungsvoll gestarteter Unternehmen waren an der Tagesordnung und am Schluss blieb von den goldenen Visionen nur noch die Pleite. Nur wenige Unternehmen wie etwa Amazon, Ebay und Google haben diese Phase überlebt.

Das Web selbst überstand diese Kapriolen unbeschadet. Sein Wachstum hatte sich zwar ein wenig verlangsamt, hielt aber genau so konstant an, wie die Entwicklung neuer Standards wie etwa XHTML oder CSS, die in den folgenden Jahren den Grundstein für das legen sollten, was ab 2004 / 2005 unter dem Schlagwort vom „Web 2.0“ für ein wiedererwachtes, starkes Interesse am WWW sorgte und der Motor der aktuellen Web-Begeisterung ist.

Mit Web 2.0 ist keine spezielle Technik oder ein bestimmtes Programm gemeint, sondern die Art und Weise, wie das Internet benutzt wird. Dabei ist dieser von Tim O’Reilly geprägte Begriff zwar einigermaßen unscharf, doch weisen alle unter Web 2.0 subsumierten Anwendungen spezifische Gemeinsamkeiten auf.

An erster Stelle steht hier die aktive Partizipation und Mitarbeit des Anwenders. Die gehörte zwar von Anfang an zu den grundlegenden Ideen und Möglichkeiten des World Wide Web, doch die technischen Hürden waren hoch. Wer vor zehn Jahren im Internet präsent sein wollte, der musste Zeit, Nerven und nicht zuletzt auch Geld investieren, um seine Idee in die Tat umzusetzen.

Das Web gewinnt immer

Heute ermöglichen die oftmals kostenlosen Angebote wie Blogs, Facebook, Flickr oder You Tube, dass praktisch jedermann einfach und schnell Texte, Fotos und Vi­deos aller Art im Internet veröffentlichen und vernetzen kann. Der große Erfolg dieser Angebote bei den Anwendern sollte ­allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine große Reichweite allein noch kein Businessmodell ist. Im Zweifelsfalle spekuliert man darauf, von Google gekauft zu werden, das etwa nichts dabei fand, im Oktober 2006 1,65 Milliarden Dollar für den umsatzlosen Dienst You Tube zu bezahlen. Auch ein ebenfalls ohne erkennbare Einnahmen operierender Dienst wie Flickr muss sich derzeit um Geld keine Sorgen machen. Mitte Februar bekam man von ­Institutional Venture Partner 35 Millionen Dollar, ohne darum gebeten zu haben.

Ob sich das Web 2.0 am Ende doch nur als „Bubble 2.0“ erweisen wird, bleibt also abzuwarten. Der Verleger Hubert Burda, der sich bereits seit über zehn Jahren intensiv darum bemüht, online zu reüssieren und mit Focus Online eines der reichweitenstärksten Angebote im deutschsprachigen Internet betreibt, zog allerdings zu Beginn des Jahres ein eher ernüchterndes Fazit: „You get lousy pennies on the web“.

Doch immerhin: Als Web 2.0 ist das World Wide Web nach 20 Jahren endlich da angekommen, wo es sein Erfinder Tim Berners-Lee immer schon gesehen hat. Heute ist das Web ein globales Mitmach-Medium, in dem jedermann jederzeit Informationen rezipieren und sich selbst aktiv am Geschehen beteiligen kann. Ein wundervolles Beispiel für die Macht der weltweiten Vernetzung ist das Gemeinschafts-Lexikon Wikipedia, bei dem jeder, der will, mitarbeiten kann – und viele dies auch tun. Auch ­Barack Obamas Wahlkampf wäre ohne den großen Einsatz von Web-2.0-Anwendungen in dieser Form und mit diesem Erfolg nicht denkbar gewesen.

Keine Frage: Das Web ist gekommen, um zu bleiben. Wer über die mauen Kapitalisierungsmöglichkeiten klagt, tut gut daran, sich neue Konzepte einfallen zu lassen. Denn eines haben die letzten 20 Jahre gezeigt: Das Web gewinnt. Immer.

Giesbert Damaschke, Jahrgang 1961, ist seit 20 Jahren online und lebt als freier Autor in München. Er schreibt vor allem über Computer- und Internetthemen und war von 1995 bis 1997 Chefredakteur des ersten deutschen Internetmagazins pl@net.

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