Im Anfang war der Mund

ES STINKT DER MENSCH, SOLANG ER LEBT Ernst Jandl und die Avantgarde

(...) und einen toten mehr

und einen lebenden sehr weniger

Ernst Jandl: "der leichenzug"

Im Anfang war der Mund. Und diesem Mund entrang sich noch kein Wort. ich habe meine mutter durchlocht / als ich herauskam, oh welcher schrei (der schrei). Das war am 1. August 1925 in Wien. Ein Umstand, den der Betroffene in seinen späten Gedichten nicht gerade hochgestimmt kommentierte: "zwei tiere reichten aus, maskulin feminin, um ineinander / steckend, schwitzend keuchend schreiend oder geräusch vermeidend / einen neuen menschen zu schweinen: mich, ERNST JANDL."

Der Autor wandte sich dagegen, dergleichen platterdings als Äußerung persönlicher Befindlichkeit zu nehmen. Dass das Gedicht nicht divinatorische Eingebung oder sprachlicher Abdruck von Innerlichkeit sei, sondern ein "Hergestelltes", Artefakt also - diese Auffassung teilte Jandl mit einer Reihe anderer moderner Dichter. Dogmatischen Verengungen, vor denen puristische Spielarten der Avantgarde nicht gefeit sind, hat sich Jandl stets entzogen: "Ich schreibe verschiedene Arten von Gedichten", vermerkte er 1967 lapidar, "um Etikettierungen, mit denen es sich die Literaturwissenschaftler oft allzu leicht machen, zurückzuweisen." Lautgedichte, die gleichsam als Partituren vorliegen und erst durch den Sprecher realisiert werden; Dialektgedichte, die man zumindest innerlich vorlesen muss, um den Wortsinn zu begreifen; Konkrete Gedichte, die mindestens so sehr gesehen wie gelesen werden sollten; ja sogar Gedichte, die ohne Tonbildung zu sprechen und auf diese Weise als "visuelle Lippengedichte" hervorzubringen sind - gewidmet "dem Schnurrbart von Daniel Jones, dem großen englischen Phonetiker."

Die Widmung verrät nicht nur den Anglophilen, studierten Anglisten und den Gymnasiallehrer Jandl, sie zeigt auch, dass dessen Lyrik mehr mit dem "Öffnen und Schließen des Mundes" zu tun hat, als dies in der Poesie üblich ist. Jandl stand der Idee eines persönlichen Interpretationsmonopols ablehnend gegenüber. Schließlich läge ihm daran, "dass meine Gedichte, einzelne, meine Stimme überleben sollten".

Jandls Dichtung fasst die Sprache nicht als neutrales Zeichensystem auf, sondern bindet sie immer wieder an den konkreten Sprecher rück. So wie vor allem die späte Lyrik die Physis der menschlichen Kreatur - konkret: Sexus und Verdauung - in kaum vergleichbarer Radikalität thematisiert ("es stinkt der mensch, solang er lebt / von arschloch, mund und genital", heißt es in den idyllen), so wird Sprache über das Öffnen und Schließen des Mundes den Beschränkungen des Körpers ausgeliefert.

Im Anfang war das Wort? Nein. him hanfang war das wort". Es kommt aus dem Mund Gottes. Und doch kommt vor Gott und vor dem Mund der Hund; "hund", um genau zu sein: "hund das wort war bei / gott hund gott war das wort hund das wort hist fleisch / geworden hund hat hunter huns gewohnt.

Dieses Gedicht, das sein Programm schon im Titel fortschreitende räude trägt, war bereits 1957 geschrieben worden, also ein Jahr, nachdem Jandls erster Gedichtband Andere Augen im Wiener Bergland Verlag erschienen war. Veröffentlicht wurde es allerdings erst 13 Jahre nach seiner Entstehung in der künstliche baum, weil es als einziges aus dem Manuskript von Laut und Luise 1966 nicht veröffentlicht worden war. Obwohl dem schweizer (aber dennoch katholischen) Walter Verlag die "Blasphemie" der "fortschreitenden räude" durch diese Vorzensur erspart blieb, traf die Publikation des Bandes mit konkreter Poesie "im Unterbewusstsein eine ausgesprochen bürgerliche Mannschaft sehr viel stärker als direkte rhetorische Äußerungen", und Otto F. Walter wurde fristlos entlassen, worauf er bei Luchterhand Jandls Werk vorerst weiter betreute.

fortschreitende räude mag hier - als ein Beispiel von vielen möglichen - für das dichterische Programm Jandls stehen. Es geht um einen Verfallsprozess. Aber von diesem wird, wie Jandl schreibt, "nicht gesprochen, davon wird nicht erzählt, sondern er wird gezeigt". Exemplarisch ereignet sich hier Jandls lustvolle Destruktion der Normalsprache, die ihn zu seinem "Markenzeichen", jener vielzitierten "heruntergekommenen Sprache" führen sollte, die von den Restaurateuren weihevoller Hochkultur schon richtig verstanden worden ist. In Jandls bösartigem Kommunikationsstück die humanisten (1976) überbieten einander ein Universitätsprofessor und ein Künstler mit Bekenntnissen wie "den deutschen sprach mir heilig sein" in ihrem Enthusiasmus fürs kulturelle Erbe, um schließlich - hingemetzelt von einem Mann in SS-Uniform - mit Hochrufen auf "burgtheatern!", "operan!" und die "schöön - deutsch - spraach" ihr Leben auszuhauchen.

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00:00 16.06.2000

Ausgabe 48/2020

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