Nils Markwardt
Ausgabe 1114 | 13.03.2014 | 06:00 5

Im Angesicht der LRA

Terror Marc Engelhardt bringt Licht in die dunklen Allianzen auf dem afrikanischen Kontinent

Im Angesicht der LRA

Foto: Abee5/ Flickr (CC)

A ls im Januar 2013 die Operation Serval anlief und französische Truppen gegen Islamisten in Mali vorrückten, war Zentralafrika mal wieder in den Schlagzeilen, die üblichen Bilder vom failed continent inklusive: Armut, Krieg, Fanatismus. Prompt erklärte Ursula von der Leyen den Sahel dann auch zum künftigen Einsatzgebiet der Bundeswehr. Doch um wen geht es eigentlich, wenn Europa zum postkolonialen war on terror bläst? Der Journalist Marc Engelhardt, der seit über zehn Jahren als freier Korrespondent aus Afrika berichtet, liefert mit seinem überaus aufschlussreichen Band Heiliger Krieg – heiliger Profit Antworten. In seinem eindringlichen Porträt des Terrorismus in Afrika illustriert er, dass der Heilige Krieg hier zuvorderst eins ist: scheinheilig. Ob bei der somalischen al-Shabaab, der nigerianischen Boko Haram oder al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), am Ende gehe es selten um Ideologie, dafür umso mehr um Macht, Land und Geld. Dies zeigte sich exemplarisch beim Anschlag auf das Westgate-Shopping-Center in Nairobi, der im letzten September über 60 Opfer forderte. Denn obschon die verantwortliche al-Shabaab nominell für ein somalisches Kalifat kämpft, war das eigentliche Ziel ein anderes. Vornehmlich ging es darum, kenianische Truppen zum Abzug aus der Hafenstadt Kismaayo zu bewegen.

Jahresumsatz: 100 Mio. Dollar

Von dort organisierten die Islamisten nämlich jahrelang ihre einträglichsten Geschäfte, den Schmuggel von Holzkohle und Zucker. Zusammen mit dem illegalen Elfenbeinhandel und Schutzgelderpressungen kam man so auf einen Jahresumsatz von bis zu 100 Millionen Dollar.

Ähnlich gewinnorientiert operiert auch die jüngst aus Mali vertriebene AQIM. Das Label „al-Qaida“, welches sich die vermeintlichen Gotteskrieger hauptsächlich zulegten, um ihren Wert auf dem globalen Terrormarkt zu steigern, kann nach Engelhardt nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Dschihad hier eher zweitrangig ist. Vielmehr agiert die AQIM wie eine Mafia, sie scheffelt Millionen mit Kindesentführungen und Zigarettenschmuggel. Und da Kapital sich vermehren will, sucht man stetig neue Investitionsmöglichkeiten in Form von Fast-Food-Ketten oder Wohnungsbau. Terrormilizen wie Joseph Konys Lord’s Resistance Army (LRA) machen sich indes schon gar nicht mehr die Mühe, irgendwelche Deckmäntel zu schneidern. Der ugandische Warlord, der 2012 durch ein virales Webvideo weltbekannt wurde, behauptet zwar, göttliche Stimmen zu hören, politische Ziele kann er aber nicht benennen. Die LRA, die mittlerweile über 40.000 Kinder verschleppt oder ermordet hat, genügt sich im modernen Raubrittertum. Engelhardt beschreibt den Terrorismus in Afrika als international vernetzte Schattenökonomie, in der Gangster-Dschihadisten und Narko-Mafiosi, politisch subventioniert von korrupten Eliten, die permanente Perpetuierung der Gewalt als Geschäftsgrundlage brauchen. In der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) trägt man dieser diffusen Allianz des Terrors bereits begrifflich Rechnung, alle Waffenträger werden schlicht als „coupeurs de route“, Wegelagerer, bezeichnet.

Lieber Neokolonialisten

Bei den Leidtragenden herrscht unterdessen Apathie. So trifft Engelhardt Bürger der ZAR, die sich tatsächlich nach Jean-Bédel Bokassa zurücksehnen, jenen bis 1979 herrschenden Kleptokraten, der sich nicht nur zum „13. Apostel Christi“ und „Großmeister des internationalen Ritterordens der Briefmarkensammler“ ernannte, sondern mit seiner bombastischen Kaiserkrönung auch das gesamte BIP seines Landes verprasste. Nur, Bokassa plünderte den Staat zwar hemmungslos aus, aber immerhin herrschte unter ihm Frieden. Vor ähnlichem Hintergrund erklärt sich auch, warum nicht wenige Malier die französischen Soldaten nicht nur als Neokolonialisten begreifen. Die meisten wissen natürlich, dass Frankreich die Probleme oft erst geschaffen hat. Sie wissen, dass bis jetzt noch jeder Despot in Paris abgenickt wurde und die Grande Nation vor allem auf Rohstoffe und Absatzmärkte aus ist. Manchem erscheint das indes schlicht als geringeres Übel.

Illustriert Engelhardt also einprägsam, dass der Terrorismus in Afrika meist weniger mit eifernden Gotteskriegern denn mit kriminellen Geschäftemachern zu tun hat, so wird klar, dass diese Konflikte sich nicht militärisch lösen lassen. Denn erst wenn Korruption eingedämmt und ökonomische Perspektiven kreiert sind, werden Gangster-Dschihadisten keinen Nachwuchs mehr finden. Und dann schaffen es hoffentlich auch vermehrt jene Bilder in die Nachrichten, die das andere, boomende Afrika zeigen. So wie beispielsweise in Angola. Mittlerweile wandern immer mehr Portugiesen in die florierende Exkolonie aus.

Heiliger Krieg – heiliger Profit. Afrika als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus Marc Engelhardt Ch. Links Verlag, 224 S., 16,90€

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/14.

Kommentare (5)

alalue 13.03.2014 | 12:58

Der Islam ist sehr in der Welt verwurzelt, so daß Macht und Profite keine Hindernis, sondern eher ein Religionsgrund sind.

Der Prophet hielt es ja selber so: er eroberte Gebiete, um durch sie als tributpflichtige Nichtgläubige oder halt bekehrte Moslems Allahs Macht & Herrlichkeit auf Erden zu erweitern.

Die Trennung von Politik und Religion, die wir in Europa entwickelten, hat sich da noch nicht eingestellt.

anne mohnen 15.03.2014 | 10:40

Gerne gelesen. Ich bin gespannt Neues zu erfahren, nachdem ich gerade "Kongo" (Congo. Eenn geschiedenis, Amsterdam 2010; deutsch: Berlin 2012) von David Van Reybrouck gelesen habe.

„Denn erst wenn Korruption eingedämmt und ökonomische Perspektiven kreiert sind, werden Gangster-Dschihadisten keinen Nachwuchs mehr finden. Und dann schaffen es hoffentlich auch vermehrt jene Bilder in die Nachrichten, die das andere, boomende Afrika zeigen. So wie beispielsweise in Angola. Mittlerweile wandern immer mehr Portugiesen in die florierende Exkolonie aus.“

Das deckt sich mit dem, was vanReybrouck allein über die Wahlen 2006 im Kongo schreibt:eine korrupte Gemengelage! In den daran anschließenden Ausschreitungen von Jugendlichen richteten diese ihre Wut gegen die im Wahlkampfjahr 2005 geschmiedete postkoloniale Trinität von Präsident Kabila, den "Regierungsmissionar" Sony Kafuta und dem Sänger und Bierwerber Werrason Die Aufständischen gingen zuerst gegen die "Haute Autorité des Medias" vor. Dann zogen sie weiter, um Kafutas Kultstätte seiner "Armée d lÉternel" kurz und klein zu schlagen, schließlich folgte der Angriff auf den Wallfahrtsort - Proberaum und Konzertsaal- der Werrason Anhänger. Die jungen Leute hatten die Allianz aus Bier, Beten und Bestimmen, die sie dumm halten sollte, satt.

Der Ausgang der Wahl 2006, für deren geordneten Ablauf die USA und Europa eine halbe Milliarde Dollar an logistischer und finanzieller Hilfe hergaben, ist bekannt. Am Ende siegte Kabila. Es folgten Diätenerhöhung, Schmiergeldzahlungen auch an die Verlierer, und Korruption. Bereits 2007 verschwanden laut Regierungsbericht 1,3 Milliarden Dollar in den Taschen von drei staatlichen Finanzinstituten und sechs Staatsbetrieben. Der Zeitschrift Foreign Policy zufolge, die gemeinsam mit The Fund for Peace, den Failed State Index herausgibt, eine Liste der 60 Staaten, die am meisten vom inneren Zerfall bedroht sind, lag 2009 der Kongo auf Platz fünf, noch vor dem Irak: Gegenüber 2007 habe sich das Land um 2 Plätze verschlechtert. Doing Business setze das Land auf Platz 182 von 183 Ländern, nur die Zentral Afrikanische Republik konnte den Kongo hinsichtlich Chaos, Korruption und Misswirtschaft toppen.

In Kap. V von "Kongo" gibt es tolle Literaturhinweise. Das Buchvon Engelhardt liegt nun auf meinem "Nachttischchen",

Nils Markwardt 15.03.2014 | 12:21

Danke für den Hinweis auf David Van Reybroucks "Kongo". Ein tatsächlich unglaublich großartiges Buch, das jedem, der sich für das Thema interessiert (aber eigentlich auch jedem anderen) nur wärmstens zu empfehlen ist. Zumal, so war es zumindest bei mir, einem die aktuelle Berichterstattung nach der Lektüre dann bisweilen auch in einem anderen Licht erscheint.

Gestern hat der Perlentaucher übrigens eine lange Reportage zum Thema Elfenbeinhandel verlinkt

Beste Grüße

NM

Nils Markwardt 16.03.2014 | 00:48

Das Arte-Projekt kannte ich zuvor tatsächlich nicht. Deshalb besten Dank für den Hinweis!

Und weil Sie den Bierwerber (und afrikanischen Superstar) Werrason erwähnen: Van Reybrouk wirft ja zu Recht auch einige dringliche Fragen in Richtung Heinecken auf, die, so scheint mir, immer noch nicht beantwortet sind. SpOn hatte dazu vor einiger Zeit auch mal was gebracht.

Beste Grüße, NM