Im Blick zurück

Video In der Kunstplattform Fluentum wird Geschichte zu Fiktion. Und tickt nicht mehr richtig
Im Blick zurück
Videostill aus dem Film „Corpse Cleaner“ (2019) der Gruppe 13BC: Kamerafahrt durch ein pittoresk angestaubtes Archiv

Courtesy of Vic Brooks, Lucy Raven, Evan Calder Williams

Das Gebäude, das weit zurückgesetzt von der Clayallee steht, war schon immer eine Kulisse. Im schlummernden Südwesten Berlins, hinter den Jugendstilvillen von Dahlem, wo Jachten auf Anhängern die breiten Alleen säumen, war das streng achsensymmetrische, 1938 fertiggestellte Ensemble von den Nazis als Kommandozentrale der Luftwaffe geplant. Nur verbot der Versailler Vertrag Deutschland jede militärische Luftfahrt. Niemand durfte wissen, dass in den Riesenbauten der nächste Angriffskrieg geplant wurde.

Nach 1945 zogen dann die US-Amerikaner ein. Teile der Anlage beherbergen heute noch Räume der US-Botschaft. Die Seitenflügel wurden von einem Immobilienentwickler in Wohnungen verwandelt, die jetzt mit US-Ostküsten-affiner Typografie – Schriftart: NY Irvin, die vom Magazin The New Yorker berühmt gemacht wurde – als Metropolitan Gardens vermarktet werden. Außerdem wird der Ort schon seit den 90ern für Filmaufnahmen genutzt. Im Hauptgebäude zwischen den mächtigen Flügeln wurden Filme wie Inglourious Basterds und Operation Valkyrie gedreht. Das Foyer ist mit beinahe schwarzem Sandstein ausgekleidet. Besucher*innen werden durch den dunklen Eingangsbereich zu einem rückwärtigen Riesenfenster geleitet, wo dann eine zweiläufige Treppe in den großen Saal führt. Der Raum selbst gibt vor, wie man zu gehen hat. Beim Umbau wurde die Deckenkonstruktion freigelegt, zusätzliche Fenster wurden in die seitlichen Wände gesetzt. Entlarven wollte man die Verkleidungen, man könnte auch sagen: Das Innendesign der Nazis sollte entzaubert werden.

Alles ist verschüttet

Damit ist erst einmal noch gar nichts über die heutige Nutzung gesagt, denn fortan, also seit 2019, beherbergt das Hauptgebäude des Areals die Ausstellungsräume von Fluentum. Das ist die Plattform des Berliner Softwareunternehmers Markus Hannebauer, der seit elf Jahren Kunst sammelt. Er engagierte eine Programmleiterin, Gastkurator*innen werden eingeladen, Fluentum fördert auch die Produktion neuer Werke.

Der Raum gesellt sich damit zu jener Art von Kunsthäusern, die in Berlin in alten Bunkern oder Plattenbauzeilen ihren Platz gefunden haben. Privatsammlungen, die mit Publikationen, Diskursprogrammen und Filmscreenings eher kleinen Museen oder Kunsthallen ähneln. In der Hauptstadt übernehmen sie so eine Funktion, die in anderen Metropolen große Institutionen für Gegenwartskunst zentralisiert übernehmen. In Berlin lagern sich diese Kunstorte oftmals privat und in den Zwischenräumen an, die nach historischen Zäsuren entstehen.

Der selbst erklärte Schwerpunkt von Fluentum sind die zeitbasierten Medien, und wer dabei bloß an Videokunst denkt, liegt falsch. Denn: „Es gibt Möglichkeiten, diesen Begriff auszudehnen“, sagt Junia Thiede, Programmleiterin und Kokuratorin der aktuellen Gruppenausstellung Time Without End, mit der die Programmreihe In Medias Res: Media, (Still) Moving während der Art Week ihren Anfang nimmt.

Was man hier als Erstes sieht, hat nichts von einer White-Cube-Schau und eigentlich auch wenig von einer Videoausstellung. Florian Wüsts Installation … bauen ein besseres Leben. Politische und kulturelle Verhältnisse in West-Berlin, 1945 – 1990 mit ihrem Titel im Akademiker-Sound versammelt Dokumente – filmisch oder fotografisch – aus ebenjener langen Nachkriegszeit, in der es um das Entlarven und Verstecken der Nazivergangenheit geht, um Amerikaner in Berlin, Aufbau und die junge Bundesrepublik. Wüst ist Filmkurator, unter anderem für das Digitalfestival transmediale. Hier macht er eine Ausstellung in der Ausstellung, mit Vitrinen und Fotos an einer riesigen Wand. „Die Arbeit soll einen realen historischen Bezug herstellen, eine realistische Verortung. Die künstlerische Auseinandersetzung in der Gegenwart ist die oberste Priorität für uns, aber es gibt dieses kleine Vorwort, das den Blick zurückwirft“, erklärt Dennis Brzek, der zweite Kurator der Schau. Die Dinge entstehen im Blick zurück.

In dem Foyer, das so fies dunkel aussieht – weshalb es wahrscheinlich für Hollywood auch so attraktiv ist –, stehen temporäre Wände in schiefen Winkeln zu den strengen Achsen. Und es findet sich dort die titelgebende Arbeit Time Without End (1996/2017) von Klaus vom Bruch. Der Videokünstler nimmt aus dem Technicolor-Film Leave Her to Heaven von 1945 acht Sekunden, in denen die Protagonistin lesend während einer Zugfahrt einschläft. Vom Bruch lässt die Zeit stottern, das Bild spult immer wieder ein bisschen zurück. Auch Loretta Fahrenholz dreht die Zeit um. Im Obergeschoss zeigt sie ihre Dia-Installation Story in Reverse (2019), für die sie Illustrator*innen bat, Ilse Aichingers rätselhafte Spiegelgeschichte zu zeichnen. Die österreichische Schriftstellerin schrieb diese Erzählung 1949, also in jener zwielichtigen Periode, die in dieser Ausstellung immer wieder als Angelpunkt auftaucht. Aichinger erzählt rückwärts das Leben einer Frau, am Anfang und am Ende steht der Tod.

Wie gut das passt, denkt man sich an diesem komplizierten Ort, an dem sich das Verdrängte immer wieder freikämpft, dass der Blick hier so demonstrativ auf die Erinnerung gerichtet ist. Die Arbeit Corpse Cleaner (2019) des Kollektivs 13BC ist eine langsame Kamerafahrt ohne Schnitte durch ein altes Kulissenlager in Hollywood, das aussieht wie ein pittoresk angestaubtes Archiv von Mid-Century-Nostalgie. Aus dem Off: Eine Frauenstimme liest den Briefwechsel zwischen dem deutsch-österreichischen Philosophen Günther Anders und dem US-Piloten Claude Eatherly. Letzterer besorgte die Aufklärungsflüge für den Atombombenabwurf auf Hiroshima und war den Rest seines Lebens von Schuldgefühlen geplagt. Anders ist vor den Nazis geflohen und arbeitete für ein Filmstudio in einem Kulissenlager, beide unterhielten tatsächlich eine Brieffreundschaft, in der es um Aktivismus gegen Atomwaffen ging – hier klingt die Geschichte schon wie Fiktion. Und es stimmt: Die Briefe in dem Film Corpse Cleaner sind erfunden. Kulissen, Fragmente, Filmbilder, alles sammelt sich hier zu einer seltsamen Fiktion einer Erinnerung einer Geschichte zusammen. Man kann schnell an Siegfried Kracauer, den Flaneur und Philosophen, denken. Der staunte 1927 unweit von hier, in den Babelsberger Studios, darüber, wie die Bühnenbilder, die durch den Blick der Kamera plötzlich zu Wagner- oder Goethe-Welten werden, in Wirklichkeit doch einfach Attrappen sind.

Wie ein nervöser Tic

Die Ausstellung dreht sich immer wieder um Film, das klassische zeitbasierte Medium. Das mag an der Noir-Tradition liegen, die mit größter Ökonomie der filmischen Mittel die Oberflächen unserer Welt unheimlich machen kann und die in vielen der Arbeiten auftaucht. Dabei geht die Ausstellung aber auch immer wieder darüber hinaus, indem sie die akademische Kategorie „zeitbasierte Medien“ großzügig erweitert. An diesem Ort in der Clayallee kann man die Vergangenheit erahnen, die Videoarbeiten und Installationen dieser Schau lassen die verschüttete Geschichte nicht ruhen.

Das beklemmendste Video der Ausstellung ist dabei das von Keren Cytter. Nicht nur bedient sich die 1977 in Tel Aviv geborene Künstlerin bei Versatzstücken aus Soap Operas, wie das so viele gerade tun, nicht nur lässt sie die Protagonist*innen flach und unbeteiligt schauspielern, sodass die „awkwardness“ zu spüren ist. In dieser ultrazeitgenössischen Videokunstästhetik tauchen immer wieder, kaum durch die Handlung zu erklären, Hakenkreuze auf. Die Familiengeschichte, in der noch nicht ganz klar ist, ob die Großmutter für eine Fernsehsendung geopfert oder einfach in den Keller gesperrt werden soll, produzierte Cytter ursprünglich für das NS-Dokumentationszentrum in München. An zwei Stellen, so schnell, dass man es kaum bemerkt, ist der Film kurz unterbrochen, wie ein nervöser Tic. An diesen Stellen hat Cytter historische Fotos in den Fluss der digitalen Bilder geschnitten, zweimal Erschießung vorm Massengrab, zweimal Konzentrationslager. Vielleicht ist die allergrößte Stärke der Ausstellung, dass der verwinkelte Prozess der Erinnerung hier als Leitmetapher dient, aber am Ende doch so unverständlich bleibt. Die Fragmente, die durch die dünnen Kulissen hindurchbrechen, sehen nur kurz aus wie die ganze Geschichte, und dann zerfallen sie wieder: Zeit ohne Ende.

Time Without End Fluentum, Berlin, 15. September bis 11. Dezember

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06:00 15.09.2021

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