Im Datennebel

Corona Das Robert-Koch-Institut muss dringend reformiert werden. Es sollte methodisch das liefern, was gebraucht wird – und nicht das, was die Politik anfordert
Spritzen zählen is’ nicht: Das RKI weiß tatsächlich nicht, wie viele Impfdosen genau verabreicht wurden
Spritzen zählen is’ nicht: Das RKI weiß tatsächlich nicht, wie viele Impfdosen genau verabreicht wurden

Foto: Jens Schlueter/Getty Images

Hat uns das Robert Koch-Institut (RKI) um einen Freedom Day wie in Dänemark betrogen? So weit wollte Kassenärzte-Chef Andreas Gassen, anders als viele Kommentatoren, dann doch nicht gehen, nachdem das RKI kürzlich erklärt hatte: Die Corona-Impfquote liege wahrscheinlich deutlich höher als bislang mitgeteilt. Doch Gassen sah den Tag, an dem alle Pandemie-Einschränkungen aufgehoben werden, näher rücken. Mit einer zu niedrigen Impfquote könne man jedenfalls jetzt nicht mehr für härtere Corona-Maßnahmen argumentieren, sagte er. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) beeilte sich, zu versichern, Deutschland könne dank der guten Nachricht ohne zusätzliche Maßnahmen gut durch den Winter kommen.

Den Kern der Neuigkeiten haben beide verfehlt. Denn das RKI hat schon im August eingeräumt, dass ein Widerspruch zwischen der offiziellen Quote und den Ergebnissen der bundesweiten Covimo-Studie bestehe, die alle paar Wochen durchgeführt wird.

Jetzt hat das RKI zum zusätzlichen Abgleich alle ausgelieferten Impfdosen nachgezählt. Das Ergebnis: Möglicherweise sind bis zu 84 Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft, 80 Prozent zweimal. Was auch bei den Zweitimpfungen gut vier Prozentpunkte mehr wären als offiziell registriert. Es könnten aber auch noch mehr sein, laut der nächsten Covimo-Studie gar 13 Prozentpunkte mehr.

Und genau dies ist der Kern der RKI-Mitteilung. Das Institut weiß es einfach nicht. Womöglich gibt es viel mehr Geimpfte als gedacht. Aber wie viel mehr, hängt davon ab, ob tatsächlich alle Dosen verbraucht worden sind und wie verlässlich die Methodik der Impf-Umfragen ist. Und auch wenn Gassen und Spahn anderes suggerieren: Als politische Entscheidungsgrundlage taugt das Eingeständnis des behördlichen Unwissens nicht.

Das RKI muss endlich reformiert werden. Es braucht eine neue, unabhängigere Führung, die methodisch das liefert, was gebraucht wird – und nicht das, was die Politik anfordert.Es braucht eine wissenschaftsnähere Struktur und schnellere Entscheidungswege.

Anderen Ländern ist es gelungen, ein umfangreiches System von Pandemie-Kennziffern für die Politik zu entwickeln. Deutschland dagegen stochert auch in dieser Spätphase der Pandemie im Datennebel.

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